Einleitung
Als Autorinnen und Autoren des Bandes zeichnen Krasznay Mónika und Hézser Gábor. Die Fallbearbeitungen beruhen auf dreiundzwanzig Gesprächen der Podcast-Reihe Lelkigondozói esetek (Seelsorgliche Fälle) der Pünkösdi Teológiai Főiskola (Pünkösdi Teológiai Főiskola o. J.). Alle Gespräche leitete Ungvári Péter; neben den beiden Autoren wirkten als Gäste die Familiensystemtherapeutin Domanyek Zsófia und die Seelsorgerin Kindl Andrea Judit mit. Die Texte, Analysen und veranschaulichenden Dialoge der dreiundzwanzig Fallbearbeitungen wurden von generativer künstlicher Intelligenz (KI) nach den von den Autoren vorgegebenen fachlichen Gesichtspunkten formuliert – ausschließlich unter Verwendung ihrer eigenen Manuskripte und Arbeiten, vor allem gestützt auf das Handbuch für systemische Familienberatung und Familienseelsorge und dessen Anhang Familienberatung aus pastoralpsychologischer Sicht (Hézser und Krasznay 2026a, 2026b), ergänzend auf ihr zweibändiges Werk A pasztorálpszichológia alapjai (Krasznay und Hézser 2026a, 2026b), unter ihrer gemeinsamen fachlichen Leitung. Für die Auswahl der Quellen, das fachliche Konzept sowie die Prüfung, Freigabe und Veröffentlichung des Inhalts tragen beide gemeinsam die Verantwortung. Die KI ist ein textgenerierendes und -verarbeitendes Werkzeug, keine fachlich verantwortliche Autorin. Die Dialoge sind keine Abschriften tatsächlich stattgefundener seelsorglicher Gespräche: Es handelt sich um redigierte Lernbeispiele, die zur Veranschaulichung der Arbeitsweise erstellt wurden und die bekannten Angaben der einzelnen Fälle nicht erweitern.
Ziel des Bandes ist nicht die Schilderung der erfolgreichen Lösung der einzelnen Fälle, sondern die Vermittlung der Praxis der systemisch orientierten, pastoralpsychologisch fundierten konsultativen Familienseelsorge. Die dreiundzwanzig Situationen der Gesprächsreihe „Lelkigondozói esetek“ der Pünkösdi Teológiai Főiskola – konkrete seelsorgliche Fallberichte, Prüfungsvignetten, supervisorische Fallbesprechungen und thematische Gespräche gleichermaßen – bieten einen gemeinsamen Bezugspunkt, um nachvollziehbar zu machen, wie sich die seelsorgliche Orientierung entfaltet: der Beziehungsaufbau, die Hypothesenbildung, die Erarbeitung von Zielen und Vereinbarung, die Wahl der Interventionen sowie schließlich die Reflexion des Prozesses und der eigenen Beteiligung des Helfers. Der Schwerpunkt liegt nicht auf dem Finden des „richtigen Satzes“, sondern auf dem Zusammenhang von Methode, Beziehungssituation und fachlicher Entscheidung: Worauf achtet der Seelsorger, was fragt er, wie nimmt er die Antwort oder den Einwand auf, und was behält, ändert oder verwirft er daraufhin im nächsten Schritt.
1 Theoretische und methodische Grundlegung der konsultativen Familienseelsorge
1.1 Begriff und fachliche Standortbestimmung
Den Begriff „konsultative Familienseelsorge“ haben Hézser Gábor und Krasznay Mónika eingeführt, um jene seelsorgliche Arbeitsweise zu bezeichnen, die die Methodik der Familienberatung pastoralpsychologisch fundiert integriert. [1] In dieser Bestimmung werden nicht zwei eigenständige Verfahren einfach nebeneinandergestellt: Der seelsorgliche Auftrag legt fest, zu welchem Zweck und mit welcher Verantwortung die Mittel der Familienberatung eingesetzt werden dürfen, während die Kenntnisse der Beratungsmethodik erkennbar machen, wie sich dieses Ziel in den Beziehungen verwirklicht oder verfehlt. Die theologische Bedeutung rechtfertigt die Angemessenheit einer Intervention nicht schon für sich allein: Ob sie in der konkreten Beziehung passt, muss jeweils geprüft werden.
Der familienseelsorgliche Charakter setzt nicht die gleichzeitige Anwesenheit aller Familienmitglieder voraus. Auch im Einzelgespräch lassen sich jene Beziehungen untersuchen, in denen sich die Entscheidungen, Ängste und religiösen Deutungen der hilfesuchenden Person herausbilden; die Sichtweise der abwesenden Familienmitglieder wird dabei jedoch nur durch die Vorstellung der anwesenden Person vermittelt und ersetzt nicht deren eigene Stimme. Die gemeinsame Familienarbeit erfordert deshalb einen neuen Auftrag und eine gesonderte Zustimmung zur Teilnahme.
1.2 Pastoralpsychologische Reflexion und Familienberatung
Die Pastoralpsychologie übernimmt eine weiter gefasste Aufgabe als die Seelsorge: Sie untersucht die psychischen, beziehungsbezogenen und institutionellen Bedingungen der Vermittlung und des Erlebens des Glaubens und richtet ihren Blick zugleich auf Fragen der Verkündigung, der liturgischen Praxis, des Religionsunterrichts, der Gemeindeleitung und des diakonischen Dienstes. Die konsultative Familienseelsorge ist eines der Anwendungsfelder dieser Reflexion, nicht der gesamte Inhalt der Disziplin. [2]
Die Familienberatung liefert Begriffe und Verfahren, um die Beziehungsdynamik von Problemen aufzudecken, Veränderungsmöglichkeiten abzuwägen und Ressourcen zu mobilisieren. Die pastoralpsychologische Fragestellung richtet sich dabei auch darauf, welches Menschenbild die gewünschte Veränderung rechtfertigt, welche religiöse Bedeutung die Verantwortung erhält und welche Macht der Helfer mit seiner Deutung ausübt. Die wechselseitige Bezugnahme von psychologischen und theologischen Fragen bedeutet nicht die Gleichsetzung ihrer Begriffe: Aus der Stärke des Schuldgefühls folgt nicht das Ausmaß der Schuld, aus der Beruhigung lässt sich nicht die Erkenntnis des Willens Gottes ableiten, und die Wiederherstellung des Beziehungsgleichgewichts beweist für sich genommen keine Gerechtigkeit. Die Seelsorge will nicht jedes funktionierende Gleichgewicht der Familie bewahren, sondern berücksichtigt auch die Würde, die Verantwortung und die beziehungsfähige Selbstständigkeit der einzelnen Personen.
1.3 Erkenntnis- und interventionsbezogene Konsequenzen der systemischen Betrachtungsweise
In der systemischen Betrachtungsweise wird das Verhalten eines Familienmitglieds gemeinsam mit den darauf erfolgten Reaktionen und deren Folgen untersucht; die Analyseeinheit ist deshalb nicht die einzelne Person, sondern die Wechselwirkung, in der die Annäherung des einen als Druck und die Distanzierung des anderen als Zurückweisung erlebbar wird. Dieselbe Abfolge von Ereignissen erzählen die Beteiligten jeweils von einem anderen Ausgangspunkt her, sodass sie ihre eigene Reaktion als zwangsläufige Folge der Handlung des anderen verstehen können; die Aufdeckung der Wechselwirkung kann diese Deutungsgeschlossenheit auflösen, ohne die Verantwortung für die einzelnen Handlungen zu verwischen. [3]
Die Hypothese gibt die Richtung der weiteren Orientierung vor, nicht die endgültige Charakterisierung der Familie. Unterschiedliche Annahmen lassen unterschiedliche Informationen wichtig erscheinen; zum fachlichen Wert einer Annahme gehört, dass erkennbar bleibt, was nicht in sie hineinpasst – der Widerspruch des Klienten ist also nicht automatisch ein die Hypothese verdeckender Widerstand. Auch die eigene Beteiligung des Seelsorgers lässt sich aus diesem Zusammenhang nicht ausklammern: Die Wirkung einer Intervention hängt nicht allein von ihrer inhaltlichen Richtigkeit ab, sondern auch von Zeitpunkt, Tonfall, der Vorgeschichte der Beziehung und der Reaktion des Helfers auf die Rückmeldung.
1.4 Ganzheitliches Menschenbild, Fragmentalität und theologische Bedeutung
Die biopsychosoziospirituelle Einheit verlangt, die sich im Familienleben wechselseitig prägenden Prozesse im Blick zu behalten: Körperliche Erschöpfung kann die Geduld in der Beziehung einengen, Reizbarkeit kann Selbstvorwürfe wecken, Selbstvorwürfe können sich in religiöse Pflichterfüllung verkehren, die weitere Erholung entzieht. Die Hervorhebung einer einzelnen Dimension berechtigt nicht dazu, die übrigen außer Acht zu lassen. [4]
Die Gottesebenbildlichkeit drückt eine Würde der Person aus, die nicht durch ihren familiären oder beziehungsbezogenen Nutzen entsteht. Die Fragmentalität ist dazu kein Gegenbegriff: Auch ein endliches, verletzliches und unabgeschlossenes Leben wird dadurch nicht wertlos. Beide zusammen begrenzen den familiären und helferseitigen Anspruch, dass jemand durch die eigene Leistung das Wohlergehen anderer sicherstellen müsse – dies hebt jedoch die tatsächlich bestehenden Verpflichtungen nicht auf. Die Klärung von Grenzen bedeutet, genauer zu bestimmen, was übernommen werden kann, was geteilt werden muss und welcher Schaden abgestellt werden muss.
1.5 Ziele, Auftrag und fachliche Grenzen
In der stützenden Bestimmung der konsultativen Familienseelsorge gehören die Tragbarkeit des Leidens, die Lebens- und Glaubensdeutung, die Entscheidungsfähigkeit und die Beteiligung an Beziehungen zusammen. Unterstützung ist nicht bloße Beruhigung: Sie kann Konfrontation, Klärung von Verantwortung und das Erproben neuen Verhaltens einschließen. Die Möglichkeit einer therapeutischen Wirkung macht sie dennoch nicht zur Psychotherapie; die Grenze wird gemeinsam durch Ziel, Ausbildung, Auftrag und fachliche Verantwortung bestimmt. [5]
Der Unterschied zwischen der gewünschten Lebensveränderung und dem gemeinsam tragbaren Arbeitsziel ist besonders wichtig: Der Klient mag sich die Veränderung einer abwesenden Person wünschen, doch der Seelsorger kann dies nicht versprechen – vereinbaren können sie jedoch, die Hindernisse der Verbindung aufzudecken, die eigenen Belastungen der hilfesuchenden Person zu untersuchen und besser zugängliche Unterstützung zu suchen. Die Einbeziehung fachlicher Versorgung und die Fortsetzung der pastoralen Begleitung schließen sich nicht notwendigerweise aus; eine Hypothese zur familiären Funktion ersetzt nicht die Klärung des persönlichen Zustands. [6]
1.6 Der Zusammenhang von Methodik und Methodenwahl
Die Methodik verbindet die Ordnung von Orientierung, Zielbildung, Intervention und Rückmeldung; die Methode erhält innerhalb dieser Ordnung ihre Aufgabe. Das Joining dient der Herstellung und Aufrechterhaltung der Beziehung, das Kompliment würdigt eine sich zeigende Fähigkeit oder Entscheidung, die positive Konnotation kann in einem ungünstig wirkenden Verhalten einen erhaltenswerten Wert aufdecken, das Reframing bietet einen anderen Bedeutungszusammenhang, in dem sich auch eine weitere Wahlmöglichkeit denken lässt. [7]
Beim Fragen leisten die faktenklärende Informationsfrage, die die Wechselwirkung aufdeckende zirkuläre Frage, die eine Ressource widerspiegelnde reflexive Frage und die eine konkrete Alternative anbietende strategische Frage jeweils unterschiedliche Arbeit; man sollte daraus nicht ein verpflichtendes Aufgabenprogramm für eine einzelne Sitzung machen. [8] Ebenso hilft die gemeinsame Erkundung des Familienstammbaums und des Lebenswegs sowie die räumliche Darstellung von Beziehungen bei der Orientierung; die Familienskulptur, die Ritualrekonstruktion, die „himmlische Konferenz“ oder das Einbeziehen von Gebet verlangen dagegen zusätzliche theologische und spirituelle Kompetenz – ihre Bedeutung ist an die religiöse Lebensgeschichte, die Zustimmung und die aktuelle Belastbarkeit der beteiligten Person gebunden. [9]
1.7 Kriterien der methodischen Integration
Integration lässt sich nicht an der Zahl der angewandten Verfahren bemessen. Eine Intervention fügt sich dann in den Prozess ein, wenn sie mit der gemeinsam erkannten Fragestellung zusammenhängt, ihr Ziel verständlich ist und die Rückmeldung des Klienten den weiteren Verlauf tatsächlich verändern kann. Der Helfer muss auch abwägen, welche Beziehungsaufgabe er übernimmt bzw. welche er so früh zurückgibt, dass die Erwartung von Selbstständigkeit zum Alleinlassen wird.
Supervision ist deshalb nicht nur eine der Methodenanwendung nachgeordnete äußere Kontrolle: Dazu gehört auch die Erkenntnis, wann eine Intervention eher dem Erfolgsbedürfnis des Helfers, der Verringerung seiner eigenen Ohnmacht oder dem Schutz seiner theologischen Gewissheit dient. Die seelsorgliche Präsenz lässt sich dann aufrechterhalten, wenn zur persönlichen Selbstreflexion institutionelle Rahmenbedingungen, fachliche Konsultation und, falls nötig, die Zusammenarbeit mit anderen Fachdiensten hinzutreten. [10]
Leitfaden für Leserinnen und Leser
„Als konsultative Familienseelsorge bezeichnen wir jene Seelsorge, die in ihrer Konzeption pastoralpsychologisch fundiert ist und in ihrer Praxis die Methodik der mit der humanistischen Psychologie und den Psychotherapien verbundenen Familienberatung integriert.“ Hézser Gábor – Krasznay Mónika: A rendszerszemléletű családkonzultáció és család-lelkigondozás kézikönyve (Harmat, 2026) – Kapitel II.1.3
Wir begrüßen die Leserin und den Leser herzlich – ob als Fachperson oder als interessierte Person. Der Band bearbeitet die Situationen der Gesprächsreihe „Lelkigondozói esetek“ der Pünkösdi Teológiai Főiskola. Unter den Fällen finden sich konkrete seelsorgliche Fallberichte, Prüfungsvignetten, supervisorische Fallvorstellungen und thematische Gespräche. Die ausführlichen Analysen zeigen, wie sich der Seelsorger in den Zusammenhängen von Beziehungen, Lebensgeschichten, persönlichen Bedeutungen und der Gottesbeziehung orientieren kann.
Fachliche Grundlage und Quellen der Fallbearbeitungen
Die dreiundzwanzig Fallbearbeitungen des Bandes beruhen auf einer einheitlichen fachlichen Grundlage. Diese wird hier, am Anfang des Bandes, festgehalten; der Text der Fälle verweist deshalb nicht immer wieder auf die Quellen – die genauen Fundstellen geben die am Ende der einzelnen Fälle stehenden Anmerkungen an.
Die systemisch orientierte Familienberatung und Familienseelsorge. Quelle für die Hypothesenbildung, die Kontaktaufnahme (Joining, Kompliment, positive Konnotation), das Reframing, die Ziele, den Vertrag und die Vereinbarungen, die systemischen Fragetypen, die Darstellung der familientherapeutischen Schulen sowie die Übungen und Methoden ist das Handbuch von Hézser Gábor und Krasznay Mónika: A rendszerszemléletű családkonzultáció és család-lelkigondozás kézikönyve (Budapest, Harmat, 2026). Die Beschreibung der jeweils zwei in den einzelnen Fällen angewandten familientherapeutischen Schulen folgt Kapitel IV des Handbuchs, die Übungen folgen Kapitel VII („Módszerek, gyakorlatok“ – „Methoden, Übungen“) des Handbuchs.
Die pastoralpsychologische Sichtweise. Den theologischen und pastoralpsychologischen Rahmen der seelsorglichen Deutung gibt der Anhang des Handbuchs: Hézser Gábor – Krasznay Mónika: Függelék. Családkonzultáció a pasztorálpszichológia felől. Die Fallstudie des Anhangs ist zugleich das Vorbild für die Struktur der Fallbearbeitungen: systemische Hypothesen, Kontaktaufnahme, Reframing, systemische Fragen und Interventionen, Gesichtspunkte zur Person des Seelsorgers sowie pastoralpsychologische Deutung.
A pasztorálpszichológia alapjai I–II. Die pastoralpsychologischen Analysen und die supervisorischen Gesichtspunkte stützen sich auf die Abschnitte des zweibändigen Lehrbuchs A pasztorálpszichológia alapjai. Der I. Band behandelt die wissenschaftliche Identität der Pastoralpsychologie, ihre erkenntnistheoretischen Besonderheiten, ihr Menschenverständnis, die Psychologie von Religion, Glaube und Spiritualität sowie die Bereiche der Praktischen Theologie; der II. Band behandelt die existenziellen und beziehungsbezogenen Lebensthemen (Leiden, Krise, Schuldgefühl, Scham, Hoffnung, Trost, Freude und Dankbarkeit) sowie die Persönlichkeit, Verantwortung, Grenzen und Selbstsorge des Helfers.
Die Gespräche. Ausgangspunkt jedes Falles ist die redigierte Abschrift der Gesprächsreihe der Pünkösdi Teológiai Főiskola. Die Analyse verwendet auch die im Gespräch geäußerten fachlichen Gesichtspunkte, stellt aber eine davon unabhängige, auf den obigen Quellen aufbauende Bearbeitung dar.
Diese fachliche Grundlage markiert auch Grenzen. Seelsorge ist eine stützende, unterstützende Begleitung: keine Psychotherapie, keine Mission und keine Katechese. Die Kenntnis der Beschreibung einer Methode bedeutet für sich genommen keine familientherapeutische oder psychotherapeutische Qualifikation.
Die gemeinsame Struktur der Fallbearbeitungen
Der redigierten Abschrift des Gesprächs folgt in jedem Fall dieselbe Bearbeitungsstruktur:
1 Zusammenfassung und die seelsorgliche Situation – die Falldaten und die Abschrift des Gesprächs.
2 Systemische Hypothesen – inhaltliche und arbeitsmethodische Hypothesen, die sich auf das gesamte Familiensystem beziehen.
3 Kontaktaufnahme – Joining, Kompliment und positive Konnotation mit dialogischen Beispielen.
4 Kurzfristige Ziele, Vertrag und Vereinbarungen.
5 Der Fall aus der Perspektive zweier familientherapeutischer Schulen – die Gesichtspunkte der Schulen, jeweils mit einem dialogischen Beispiel.
6 Weitere systemische Interventionen – Reframing, die systemischen Fragetypen und die seelsorglichen Interventionen mit dialogischen Beispielen.
7 Übungen mit dialogischen Beispielen.
8 Supervisorische Gesichtspunkte.
9 Pastoralpsychologische Analyse.
10 Fragen zum Weiterdenken.
Die beiden familientherapeutischen Schulen heben aus derselben Situation unterschiedliche Fragen hervor; sie stellen nicht zwei Diagnosen.
Daten, Hypothesen und dialogische Beispiele
Die Zusammenfassung stützt sich auf das mitgeteilte Fallmaterial. Die Hypothese ist ein vorläufiger Zusammenhang: Sie kann in weiteren Gesprächen bestätigt, ergänzt oder verworfen werden. Entscheidend ist nicht, ob sie „wahr“ ist, sondern ob sie die Aufmerksamkeit auf neue Zusammenhänge und neue Möglichkeiten lenkt. Aus der Erzählung eines einzelnen Familienmitglieds können wir die Absichten der abwesenden Personen nicht unmittelbar erkennen. Die Aufdeckung eines Beziehungszusammenhangs belegt nicht die Ursache eines körperlichen oder psychischen Zustands und hebt die persönliche Verantwortung nicht auf.
Die dialogischen Beispiele sind redigierte Lernbeispiele. Die darin enthaltenen Klientenäußerungen sind mögliche Antworten, keine tatsächlich geäußerten Sätze und keine erwarteten Antworten. Die Beispiele spielen in einer seelsorglichen Situation: Der Seelsorger nimmt auch den Glauben, die Fragen und die Gottesbeziehung des Klienten ernst, bietet aber ein Bibelwort, ein Gebet oder einen Segen nur entsprechend der Zustimmung und der frömmigkeitlichen Prägung des Klienten an und spricht nicht im Namen Gottes.
Der Gebrauch der Übungen
Die Übungen bieten eine Auswahl, kein verpflichtendes Programm für eine einzelne Sitzung. In eine Sitzung sollte so viel einfließen, wie dem gemeinsam festgelegten Ziel und der Belastbarkeit des Klienten dient. Auch das Weglassen, Vereinfachen oder Abbrechen einer Übung kann angemessen sein. Emotional intensive Verfahren erfordern eine angemessene Vorbereitung, eine Vereinbarung und ausreichend Zeit zum Abschluss. Die Darstellung symbolischer Personen und des Gottesbildes handelt von den Bedeutungen des Klienten.
Das Lesen der Anmerkungen
Die im Text der Fälle in eckigen Klammern stehenden Zahlen verweisen auf die am Ende des jeweiligen Falles stehenden Anmerkungen. Die Abkürzung „Handbuch“ bezeichnet das Handbuch für Familienberatung, die mit einer römischen Zahl beginnende Angabe dessen Kapitel und Unterkapitel; bei Verweisen auf „Függelék“ identifiziert der Abschnittstitel die Fundstelle; bei den Bänden von A pasztorálpszichológia alapjai die Band- und Abschnittsnummer sowie der Titel. Die biblischen Bezüge sind Teil der pastoralpsychologischen Deutung.
Grundlagen der systemischen Betrachtungsweise
Die systemische Betrachtungsweise ist die Denkweise der gesamten Fallbearbeitung. Wir untersuchen die Erfahrung der Person gemeinsam mit ihren Beziehungen und ihrem Umfeld. Auf der Grundlage von Kapitel III.1.6 des Handbuchs helfen die folgenden Grundprinzipien bei dieser Orientierung.
Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile
Das Funktionieren der Familie wird neben den Eigenschaften ihrer Mitglieder auch von deren wechselseitigen Beziehungen geprägt. Die gemeinsam entstehende Ordnung lässt sich nicht allein aus der getrennten Betrachtung der einzelnen Personen verstehen.
Untersuchung von Wechselwirkungen
An einer Blockade sind häufig mehrere Prozesse beteiligt, die sich gegenseitig verstärken oder verändern. Der Helfer untersucht, wer worauf wie reagiert und wie sich das auf die anderen zurückwirkt. Das zirkuläre Denken schließt die Klärung konkreter Ereignisse, körperlicher Faktoren oder individueller Verantwortung nicht aus.
Die Beziehungsbedeutung des Symptoms
Die Beschwerde und die Reaktion des Umfelds können zusammenhängen. Man kann fragen, welche Veränderung ein Zustand in das Leben der Familie bringt und wem er welche Aufgabe und Last bedeutet. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die Familie das Symptom verursacht hat oder dass das Symptom dem System stets nützt.
Entwicklung und Ambivalenz
Verselbstständigung, Bindung und andere Lebensaufgaben können Veränderungen auslösen. Derselbe Übergang kann zugleich Möglichkeit und Verlust in sich tragen; die Teilprozesse weisen nicht immer in dieselbe Richtung.
Selbstregulation
Die Familie hält ihr Funktionieren durch eigene Rückmeldungen und Anpassungsweisen aufrecht. Die gewohnte Regulation kann bei neuer Belastung unzureichend werden. Die Beratung untersucht sowohl die bisherigen Lösungen als auch die erprobbaren Veränderungen.
Bewahrung und Veränderung
Die Familie ist zugleich bestrebt, die gewohnte Ordnung zu bewahren und sich an die neue Situation anzupassen. Der Helfer achtet darauf, was die Stabilität schützt, was Veränderung erfordert und welcher Schritt zumutbar ist.
Das Tempo der Entwicklung
Veränderung kann lange Zeit kaum wahrnehmbar sein und dann als Wendepunkt sichtbar werden. Der Helfer betrachtet eine rasche Veränderung nicht als einzige Erfolgsbedingung: Er verfolgt auch die langsamen Versuche und die Stabilisierung.
Subsysteme und Verantwortungsordnung
Die Familie, die einzelnen Beziehungen und die weiteren Gemeinschaften prägen sich gegenseitig. Die Grenzen und Verantwortlichkeiten der elterlichen, partnerschaftlichen und kindlichen Rollen erhalten besondere Aufmerksamkeit. Die Untersuchung der Hierarchie berechtigt nicht dazu, Machtmissbrauch hinzunehmen.
Offenheit und Schutz
Die Familie kann sich mit ihrem Umfeld verbinden und zugleich einen geschützten inneren Raum benötigen. Der Situation angemessene, flexible Grenzen können die Inanspruchnahme von Hilfe und die Sicherheit der Familienmitglieder unterstützen.
Perspektive und Beobachter
Die Familienmitglieder und der Helfer nehmen aus unterschiedlichen Perspektiven wahr. Auch die Fragen und die Anwesenheit des Helfers prägen das Gespräch. Bei aller Offenheit für verschiedene Deutungen müssen mitgeteilte Angaben, der eigene Eindruck und die Vermutung auseinandergehalten werden.
Quelle: Handbuch, III.1.2–1.7.
An wen sich der Band richtet
In erster Linie an Seelsorger, Familienseelsorger und Familienberater. Das systemische Fragen lässt sich auch in anderen helfenden Bereichen nutzen: in der psychologischen und therapeutischen Arbeit, in der Sozialarbeit, in der Pädagogik und im Religionsunterricht, im Gesundheitswesen und in der Krankenhausseelsorge, im Coaching und im Mentoring. Die Anwendung passt jede Person ihrer eigenen Qualifikation und ihrem Aufgabenbereich an.
Die Beteiligten des Bandes und der Gespräche
Die Sammlung entstand aus der Gesprächsreihe des Lehrstuhls für Pastoralpsychologie der Pünkösdi Teológiai Főiskola. Ihre wiederkehrenden Teilnehmenden sind Ungvári Péter, Prof. em. Dr. Hézser Gábor und Dr. Krasznay Mónika; als Gäste wirken zudem die Familiensystemtherapeutin Domanyek Zsófia und die Seelsorgerin Kindl Andrea Judit mit.



Ungvári Péter
Moderator der Gespräche, Dozent für Coaching und Branding an der Pünkösdi Teológiai Főiskola. Er fragt, fasst zusammen und verknüpft die im Gespräch auftretenden Perspektiven.
Dr. Krasznay Mónika
Theologin, pastoralpsychologische Seelsorgerin, Leiterin des Lehrstuhls für Pastoralpsychologie der Pünkösdi Teológiai Főiskola, Leiterin der Fachweiterbildung Familienberater/Familientherapeut. Sie trägt die fachliche, theologische und redaktionelle Verantwortung für das Konzept des Bandes.
Prof. em. Dr. Hézser Gábor
Dr. theol., Dr. h.c., emeritierter Professor an der Fachhochschule der Diakonie Bethel; Lehrstuhlinhaber und Dozent an der Pünkösdi Teológiai Főiskola sowie fachlicher Leiter der Familienberaterausbildung. Experte für systemisch orientierte Familienberatung.
An der technischen und redaktionellen Arbeit des Bandes wirkte auch künstliche Intelligenz mit. Die fachlichen und theologischen Entscheidungen liegen in der Zuständigkeit der menschlichen Autoren.
1 Der Ehemann, der die Begeisterung verlor
▶ Das Gespräch ansehen – Folge 1 ↗ (ungarischer Ton)
Strategische Therapie (Haley) • Erlebnisorientierter Ansatz nach Satir
Falldaten Zusammenfassung des mitgeteilten Fallmaterials
1 Zusammenfassung und die seelsorgliche Situation
Den ersten Fall bringt eine 38-jährige Ehefrau mit: Sie erlebt, dass ihr 40-jähriger Ehemann „begeisterungslos“ geworden ist – nichts kann ihn begeistern, er ist nicht mehr liebevoll, ständig gereizt, und er hält alles für sinnlos.
Die Situation belastet die ganze Familie. Auch die weitere Verwandtschaft reagiert darauf (die Eltern des Mannes haben ihn zurechtgewiesen, sein jüngerer Bruder meint, „er sei schon immer so gewesen“, und die Eltern der Frau hätten „es von vornherein gesagt“). Ihr 20-jähriger Sohn steht vor der Berufswahl, ist aber ständig mit der Hilflosigkeit seines Vaters beschäftigt; ihre 18-jährige Tochter analysiert nach einer frischen Trennung ständig mit ihrer Mutter, „was mit dem Papa los ist“. Die Ehefrau hat das Gefühl, bereits alles versucht zu haben – vergeblich.
Zum Arbeitstitel. „Begeisterungslos“ meint hier nicht einen grausamen, rohen Mann, sondern jemanden, der unfähig geworden ist, sich zu begeistern – aus dem die Lebensfreude und die innere Antriebskraft ausgegangen zu sein scheinen. An den Seelsorger wendet sich die Ehefrau: Sie ist die Klientin, während das „Symptom“ scheinbar dem Ehemann gehört.
Abschrift Der redigierte Text des Gesprächs; der Name der sprechenden Person ist bei jeder Äußerung sichtbar
Die redigierte Abschrift des Gesprächs
Aufnahme des Gesprächs
Péter: Wir sprechen über seelsorgliche Fälle, und ich möchte unseren lieben Zuschauerinnen und Zuschauern sowie Hörerinnen und Hörern gleich mitteilen, dass auch sie uns Fälle einsenden können. Wenn ihr eure Geschichte auf einer einzigen Seite zusammenfasst und sie sowohl für Mónika als auch für Gábor passend und fachlich interessant ist, werden wir sie mit der Zeit auch in die Sendung aufnehmen – natürlich unter größtmöglicher Diskretion und vollständig anonym.
Ziel dieser Gesprächsreihe ist es zum einen, dass ich selbst euch persönlich befragen kann, denn diese Themen interessieren mich außerordentlich. Zum anderen möchten wir auch den Zuschauerinnen und Zuschauern sowie den Hörerinnen und Hörern eine echte Hilfe bieten, denn wir behandeln durchweg Situationen, die jedem von uns, in jeder Familie, passieren können. Wer unsere Eleven-Podcast-Folge über das Erinnern gehört hat, weiß, dass in den unerwartetsten Momenten Erinnerungen in uns aufbrechen können, die uns am Ende beim Weiterkommen helfen.
Unserem heutigen ersten Fall haben wir einen sehr sprechenden Arbeitstitel gegeben: Der Ehemann, der die Begeisterung verlor. Was bedeutet es eigentlich, die Begeisterung zu verlieren? Wenn das Gegenteil von „begeisterungslos“ „begeistert“ ist, wie müssen wir uns diese Dynamik vorstellen? Mónika, sag mal, wie siehst du das?
Mónika: Das ist ein hervorragender Einstieg, denn als ich den Titel zum ersten Mal hörte – und dieser Eröffnungsfall war konkret Gábors Idee –, entstand auch bei mir sofort das klassische Bild, dass wir über die Geschichte eines grausamen, groben, kalten und mürrischen Mannes sprechen würden.
Doch je mehr wir uns damit befassten, desto klarer wurde, dass Begeisterungslosigkeit nicht notwendigerweise nur Grobheit bedeuten muss. Ja, in diesem Kontext bedeutet es das mit Sicherheit nicht, sondern viel eher verbirgt sich dahinter ein Mensch, der unfähig geworden ist, sich zu begeistern. Ein Mann, dem die Motivation, die innere Antriebskraft und die Lebensfreude völlig ausgegangen zu sein scheinen.
Gábor: Nun, aus der konkreten Geschichte werden wir genau sehen, welchen Ausklang diese Situation am Ende nimmt. Was ich für genial halte und was unserer gemeinsamen Werkstatt ihren besonderen Geschmack verleiht, ist, dass hier nun zwei Fachleute – eine Frau und ein Mann – mit jemandem sprechen, der uns solche Fragen stellt, wie wir Fachleute sie uns selbst nie mehr stellen würden. Wir neigen nämlich dazu zu glauben, dass in unserem Beruf schon alles völlig selbstverständlich und natürlich ist, während gerade deine unbefangenen, laienhaften Fragen die spannendsten sind.
In diesem Geist werden wir die Fälle bearbeiten: Es wird spannend sein zu sehen, wie eine Seelsorgerin und wie ein Seelsorger auf dieselbe menschliche Krise reagieren.
Péter: Über diese Methodik haben wir hier in der Sendung bereits früher gesprochen, und wir werden den Zuschauern auch den Block zum Thema Doppelleitung verlinken, den ihr in der Praxis, in der Seelsorgerausbildung der Pünkösdi Teológiai Főiskola, ebenfalls anwendet. Aber wo ihr es schon angesprochen habt: Warum ist es wichtig, immer wieder zu betonen, dass es hier ausdrücklich um eine seelsorgliche Rolle geht?
Mónika: Vor allem deshalb, weil wir die Seelsorge sehr scharf zum Beispiel von der klinischen oder therapeutischen Arbeit abgrenzen müssen. Was wir hier in dieser Sendung zeigen, ist grundsätzlich seelsorgliche Begleitung und keine Psychotherapie.
Natürlich könnte man stundenlang über die genauen begrifflichen Unterschiede streiten, aber wenn ich es stark vereinfachen will, können wir sagen: Die Psychotherapie hat eine reparative, kurative – also im medizinischen, klinischen Sinn heilende, wiederherstellende – Funktion. Die Seelsorge hingegen ist supportiv, das heißt unterstützender Natur.
Leider wird umgangssprachlich oft fälschlicherweise das Wort „nur“ vorangestellt, mit den Worten: „Das ist nur Seelsorge, wenn es ernst ist, muss man zu einem richtigen Therapeuten gehen.“ Bei bestimmten klinischen Fällen, bei Pathologien, stimmt das natürlich auch. Andererseits kann die seelsorgliche Unterstützung im Vergleich zur klassischen Psychotherapie ein enormes, unersetzliches Plus bieten. Warum? Weil die Seelsorge den Menschen nicht nur in der horizontalen (sozialen, psychischen) Dimension betrachtet, sondern auch die vertikale Dimension einbezieht: Sie legt die Gottesbeziehung des Menschen zugrunde und nimmt sie ernst.
Ich glaube, dass zu unserem Streben nach Ganzheit und Gesundheit auch unsere transzendente Verbundenheit untrennbar dazugehört. Und ich korrigiere in mir bewusst das Wort „Gesundheit“, denn die im theologischen Sinn verstandene Gesundheit ist keineswegs gleichbedeutend mit klinischer Symptomfreiheit. Unser letztes Ziel ist nicht, dass die Klientin von jedem existierenden Symptom frei ist. Wir betrachten den ganzen Menschen, der sich in seiner Wirklichkeit Gott nähert.
Ja, oft werden gerade unsere Schwierigkeiten, unsere Verluste, unsere Krisen oder unsere verschiedenen psychischen Symptome zu jener inneren Antriebskraft, die die Annäherung an Gott in Gang setzt und unterstützt. Diese Krisen sind nicht unbedingt zu unterdrückende Krankheiten, sondern Ausrufezeichen, die die Aufmerksamkeit auf die tieferen Verstrickungen der Seele lenken. Na gut, ich wollte mich kurzfassen, also gebe ich das Wort weiter.
Gábor: Du wolltest dich kurzfassen, hast aber einen sehr wesentlichen Punkt berührt. Wunderbar ist der ungarische Ausdruck für Gesundheit, egészség, denn darin steckt das Wort egész, „ganz“. Wie du sagtest, bedeutet das nicht einfach Symptomfreiheit oder körperliche Heilung – es ist überhaupt fraglich, ob es auf dieser Welt eine vollkommene Heilung gibt.
Die Pastoralpsychologie hat eine sehr schöne Definition von Gesundheit. Ihr zufolge ist derjenige Mensch gesund, der aus eigener Kraft oder mit fremder Hilfe seine realistischen Wünsche erreichen kann, der die seinem aktuellen Zustand entsprechenden realistischen Ziele verwirklichen kann und am Ende seines Lebens sagen kann: „Das war mein Leben, und das ist mein Tod.“ Gesundheit ist bei uns also keine somatische, keine bloß körperliche Kategorie.
Anknüpfend an Mónikas Gedanken möchte ich eine medizinische Analogie anführen: Wenn jemand auf der chirurgischen Station im Krankenhaus liegt, wird der Chirurg in bestimmten Fällen fast sicher zum Beispiel den Internisten zu einem Konsil hinzuziehen. Das Verhältnis von Seelsorge und Psychotherapie ist genau so. Sie sind nicht Feinde, sondern sich gegenseitig ergänzende, aufeinander bezogene Formen seelischer Unterstützung. So, jetzt haben wir schön und sehr wissenschaftlich geklärt, was was ist!
Péter: Aber es ist auch wichtig, dass wir gleich zu Beginn die Rahmenbedingungen klären. Wenn sich unsere Hörerinnen und Hörer bei späteren Fällen im Stillen fragen: „Na, warum sind die Fachleute hier nicht weitergegangen?“ oder „Warum haben sie diese oder jene Methode nicht ausprobiert?“, dann kann es gut sein, dass genau diese fachlichen Kompetenzgrenzen der Grund dafür sind. Diese Klärung ist also sehr angebracht.
Mónika: Ja, und Verzeihung, aber das ist hier auch ein völlig eigenständiges, bewusstes Ziel von uns. Wie in unserer Hochschulausbildung möchten wir auch in dieser Sendung darauf aufmerksam machen, wo die Kompetenzgrenzen verlaufen. Es ist wichtig zu klären, was das Ziel der Seelsorge und was das Ziel der Psychotherapie ist – unabhängig davon, dass wir Letztere weder ausüben noch lehren. Diese Grenzziehung wird in diesen Gesprächen durchgehend ein sehr wesentlicher Maßstab sein.
Gábor: Und wo wir schon bei den Grenzen sind: Es gibt noch etwas sehr Wesentliches, das wir auch vor unserer eigenen Haustür, innerhalb der Kirche, dringend klarstellen müssen: Seelsorge ist keine Mission …
Mónika: … und auch keine Katechese, das heißt kein Religionsunterricht.
Gábor: Genau! Das unmittelbare Ziel der Seelsorge ist nicht, dass die Klientin nach den Gesprächen am darauffolgenden Sonntag als Erste in der Kirchenbank sitzt. Wenn das geschieht, ist das eine wunderbare und erfreuliche „Nebenwirkung“, aber nicht das primäre Ziel. Wer die Bekehrung zum Ziel hat, soll Mission betreiben, aber es nicht Seelsorge nennen.
Ebenso ist es während der Seelsorge nicht meine Aufgabe, dem leidenden Menschen das Geheimnis der Dreieinigkeit zu erklären. Wer Dogmatik lernen möchte, soll zum Religionsunterricht oder zur Theologie gehen. Diese klare Unterscheidung müssen wir unbedingt festhalten, denn sonst endet es in völligem fachlichem und menschlichem Chaos.
Bedenken wir: Die Klientin kommt zu mir, weil sie in einer Krise ist, weil sie gerade leidet. In diesem verletzlichen Zustand interessiert sie am allerwenigsten, welche theologischen oder theoretischen Konstruktionen im Laufe der Jahrhunderte zu ihrem Problem entstanden sind. Sie muss dort und in diesem Moment verstanden, getragen und begleitet werden.
Péter: Schauen wir uns den Fall in diesem Rahmen an, über den wir gerade gesprochen haben. Ich lese die Zusammenfassung vor, und danach können wir die Einzelheiten ausführen.
Die Ehefrau ist 38 Jahre alt und kommt mit der Klage, dass ihr Ehemann völlig „begeisterungslos“ geworden sei. Der Mann ist 40 Jahre alt, nichts kann ihn begeistern, er ist nicht mehr liebevoll, ständig nervös, gereizt, und er hält alles für sinnlos. Die Situation sorgt bereits in der weiteren Familie für Spannungen: Auch die Eltern des Mannes haben ihn schon wegen seines Verhaltens zurechtgewiesen, sein jüngerer Bruder meint dagegen, er sei eigentlich schon immer so gewesen. Die Eltern der Frau hätten es dagegen von vornherein vorausgesagt.
Auch die Kinder leiden unter der Situation: Ihr 20-jähriger Sohn steht gerade vor der Berufswahl, weiß aber nicht, wohin er sich wenden soll, und beschäftigt sich ständig mit der Hilflosigkeit und Erstarrung seines Vaters. Ihre 18-jährige Tochter hat sich vor Kurzem von ihrem Partner getrennt und berät sich nun ständig mit ihrer Mutter, sie analysieren gemeinsam, was mit dem Papa los sein könnte. Die Ehefrau hat das Gefühl, bereits alles versucht zu haben – auch ihre Freundinnen haben ihr das bestätigt –, doch jeder ihrer Versuche erwies sich als vergeblich.
Diese Ehefrau kommt nun zum Seelsorger. Was ist die allererste Frage, die wir uns in Bezug auf diese Situation aus fachlicher Sicht sinnvollerweise stellen sollten?
Gábor: Die allererste Frage, die wir in dieser Situation stellen – und die wir methodisch jedem Seelsorger empfehlen –, bezieht sich nicht auf die Klientin. Der Seelsorger muss sich zuallererst selbst fragen, noch bevor die Frau zur Tür hereinkommt: „In welchem Zustand befinde ich mich als Seelsorger gerade in diesem Moment?“
Mónika: Genau. Bin ich überhaupt fähig, mich jetzt mit klarer Aufmerksamkeit auf dieses Thema einzulassen?
Gábor: Genau. Um es etwas humorvoll zu formulieren: Bin ich an diesem Tag mit dem linken oder mit dem rechten Fuß aufgestanden? Wie ist meine Tagesform?
Es kann sein, dass der Pfarrer diese Frau gerade zwischen zwei Beerdigungen empfängt, oder zwischen zwei Taufen. Oder er bereitet sich gerade auf eine Pastoralkonferenz vor, auf der er einen Vortrag zu einem gewichtigen kirchengeschichtlichen Thema halten muss. Es kann aber auch sein, dass er am Nachmittag sein Auto beim Mechaniker abholen muss und gerade erfahren hat, welch horrende Summe die Reparatur kosten wird. Wie ist meine Tagesform? Das ist der erste Filter. Dafür verwendet man den aus der Psychotherapie übernommenen, in der ungarischen Seelsorge aber von Endre Gyökösi eingebürgerten Ausdruck: das „Einwaschen“.
Der Ausdruck ist zwar irreführend, denn der Seelsorger wäscht dabei nicht etwas von sich ab, sondern es handelt sich um eine innere Bewusstwerdung, einen Prozess des Sich-bewusst-Machens. Was muss ich von meinem eigenen Zustand noch berücksichtigen?
Mónika: Wenn wir bei dieser Ebene bleiben: In unseren Ausbildungen weisen wir häufig darauf hin, dass das Einhalten von Grenzen nicht nur im Verhältnis zu den Nachbarwissenschaften oder zur Theologie unerlässlich ist, sondern auch in Bezug auf unsere eigene Person.
Das bedeutet, dass ich mir die Frage stelle: Bin ich persönlich jetzt fähig, mich mit dieser Frau und ihrer familiären Krise zu befassen? Und wenn ich in einem gegebenen Fall das Gefühl habe, dass ich es nicht bin – gleich aus welchem Grund: sei es die eigene persönliche Betroffenheit durch das Thema, sei es körperliche Erschöpfung oder ein Unwohlsein –, dann ist es, wenn ich Nein sagen kann, kein Im-Stich-Lassen der Ratsuchenden. Das ist kein Versagen in meinem Dienst, sondern im Gegenteil: Genau das hilft der Ratsuchenden in einem gegebenen Fall am meisten.
Wenn ich meine Grenzen einschätze und sage, dass ich das jetzt weiterleite, an eine andere Fachperson delegiere, dann habe ich damit bereits Orientierung gegeben und geholfen. Es gibt aber eine noch grundlegendere Regel: Ohne für mich selbst zu sorgen, kann ich auch nicht verantwortungsvoll für einen anderen Menschen sorgen.
Wenn ich also dazu stehe, dass „dieses Thema jetzt nicht mein Bereich ist“, oder ehrlich signalisiere, dass „ich jetzt außerordentlich müde bin, bitte kommen Sie zu einem späteren, festen Termin wieder“, dann ist das kein Mangel an Hilfsbereitschaft – was wir umgangssprachlich gern abwertend deuten –, sondern ein Zeichen fachlicher und menschlicher Reife.
Péter: Wir können weitermachen. Du meinst also diese innere Selbstreflexion?
Gábor: Ob das verständlich war? Klar, klar, völlig! Ich gebe dir ein völlig eindeutiges, greifbares Beispiel: Wenn mein Vater letzte Woche gestorben ist, dann werde ich diese Woche keine seelsorglichen Gespräche mit Trauernden führen. Stattdessen werde ich mich selbst seelsorglich begleiten lassen.
Warum? Weil ich dann unfähig wäre, nicht meinen eigenen Schmerz, meine eigenen ungelösten Angelegenheiten in die Geschichte des anderen Menschen hineinzuprojizieren. Damit würde ich seine Freiheit grob einschränken. Das ist die reine Betroffenheit. Das dürfen, ja müssen wir uns völlig klarmachen! Man darf demjenigen, der sich an uns wendet, sagen: „Gnädige Frau, diese Woche ist mein Kopf und meine Seele so voll mit anderen Gedanken, dass es unserer Sache nicht guttäte, jetzt zu sprechen. Bitte lassen Sie uns noch eine Woche warten.“ Das darf man doch sagen, oder? Was meinst du?
Péter: Nun, theoretisch schon, wenn wir dafür die innere Freiheit haben. Aber genau das ist hier die große Frage: Haben wir diese Freiheit überhaupt in uns? Wagen wir es, das offen auszusprechen? Denn da steht jemand vor uns, der verzweifelt um Hilfe bittet. Und wenn ich es richtig vermute, ist es ihr aufgrund ihrer Situation gerade jetzt sehr wichtig, ja sogar dringend. Und ausgerechnet jetzt ist sie dafür offen, gerade jetzt ist der Moment, in dem sie uns bräuchte.
Woher können wir überhaupt mit Sicherheit wissen, dass wir wegen unseres aktuellen Zustands oder wegen des Themas gerade nicht für ein Gespräch geeignet sind? Denn es kommt vor, dass ich nicht nur diese Woche nicht bereit bin, sondern womöglich das ganze Jahr über nicht in der Lage bin, über ein bestimmtes Thema zu sprechen, weil ich zum Beispiel erst mitten im Prozess merke, dass ich selbst auf diesem Gebiet eine ernsthafte, unverarbeitete Verstrickung habe.
Gábor: Vielen Dank, Péter, damit hast du mir jetzt einen riesigen Steilpass gegeben!
Schauen wir uns den konkreten Fall an: Eine Frau kommt. Eine 38-jährige Ehefrau kommt zu uns, und ich versetze mich jetzt – unserer Rollenverteilung entsprechend – in die Position des männlichen Seelsorgers. Zu mir, dem Mann, kommt sie mit einem ziemlich „weiblichen“ Problem. Denn ihre Hauptklage ist, dass ihr Mann so und so und so ist …
Was kann ich als Mann mit dieser Situation überhaupt anfangen? Wäre es nicht viel klarer und vorteilhafter, wenn ich sagen würde: „Liebe gnädige Frau, das ist im Grunde ein durch und durch weibliches Problem, gehen Sie doch lieber zu Mónika, sie wird als Frau Ihre Erlebnisse ganz anders verstehen“?
Mónika: … oder kommen Sie doch gleich zu uns beiden!
Denn wenn wir schon bei den theologischen Grundlagen sind: Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen, und Mann und Frau spiegeln zusammen die Fülle des Menschseins wider. Genau deshalb pflegen wir nicht zufällig auch in der Praxis gemeinsam, in Doppelleitung, zu arbeiten. Es kann dasselbe seelsorgliche Gespräch auf erstaunliche Weise bereichern, wenn wir gegenüber der Klientin gleichzeitig sowohl aus weiblicher als auch aus männlicher Perspektive reagieren können. Nun gut, das ist im alltäglichen Gemeindealltag natürlich nicht immer umsetzbar, aber wenn es möglich ist, ist es genial.
Jedenfalls kommt es im Kern darauf an, dass es die Dynamik des Gesprächs grundlegend beeinflusst, ob sich diese beispielhafte Ehefrau an eine weibliche oder an eine männliche Hilfsperson wendet. Aber ich denke, wir sollten jetzt endlich richtig in den Fall einsteigen!
Gábor: Nur noch eine einzige Bemerkung für Péter, denn ich sehe es ihm an den Augen an, dass es in seinem Kopf rattert: „Gut, aber was macht dann Gábor, wenn er gerade ganz allein im Pfarrhaus ist und diese Frau hereinkommt?“
Ja, das ist eine absolut reale Situation. Einer der wichtigsten Grundpfeiler des gesamten seelsorglichen Prozesses und der Gesprächsführung ist die Natürlichkeit und die Transparenz.
Natürlichkeit bedeutet hier, dass ich auch als alleiniger männlicher Helfer völlig offen sagen kann: „Gnädige Frau, ich werde Ihnen mit höchster Aufmerksamkeit zuhören, aber Sie müssen wissen, dass ich auf diese Situation nur als Mann reagieren kann, weil ich ein Mann bin.“ Und siehst du, Péter, auch diese Seite der Sache kann für die Ehefrau unglaublich nützlich sein! Denn dadurch versteht sie über den männlichen Seelsorger vielleicht besser das innere, verschlossene Funktionieren ihres eigenen Mannes oder ihres Sohnes in den Zwanzigern. Die andere Seite der Geschichte – die tiefen weiblichen Erlebnisse – kann sie dann bei Bedarf mit Mónika besprechen.
Péter: Hm. Schauen wir uns dann diese systemische Betrachtungsweise genauer an. In Wirklichkeit begegnen wir im Gespräch jetzt nur einem einzigen Punkt, einer einzigen Person – der Ehefrau –, aber ihr habt auch bei den vorherigen Malen schon sehr viel über die Bedeutung der systemischen Betrachtungsweise gesprochen. Was sehen wir in dieser Familie, wenn ihr diese mitgebrachte Situation streng systemisch betrachtet?
Mónika: Nun, im Moment sehen wir noch nicht allzu viel, denn wir kennen noch nicht jedes kleine Detail der Geschichte. Gerade deshalb werden wir, sobald wir mit der Ehefrau zu sprechen beginnen, eines mit Sicherheit nicht tun: Wir werden ihr keine linearen, auf Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zielenden „Warum“-Fragen stellen. Nicht weil die Suche nach Ursachen an sich vom Teufel oder schlecht wäre – auch die hat ihren eigenen Platz.
Die systemische Fragestellung konzentriert sich hingegen darauf, wie das jeweilige Thema – das die Klientin jetzt als Schwierigkeit oder Problem mitbringt – im System funktioniert …
Gábor: … also im gegenwärtigen Familiensystem.
Mónika: Genau. Die Familie ist ein komplexes System – auch das ist zwar ein weiter Begriff, denn es gibt das engere und das weitere Familiennetzwerk –, und uns interessiert, in welcher Wechselwirkung dieses Problem mit den übrigen Mitgliedern des Systems oder mit dem System als Ganzem steht. Beziehungsweise: Welche verborgene Funktion es im Leben der Familie erfüllt.
Einer der größten Vorteile dieses Ansatzes besteht darin, dass wir die Ursache-Wirkungs-Sündenbocksuche völlig umgehen, die ohnehin nie ein Ende findet, da man immer auf die Vergangenheit oder die Vorfahren zeigen könnte. Der andere enorme Vorteil ist, dass sich, wenn ich als Seelsorger verstehe, welche Funktion das jeweilige Symptom – in diesem Fall die „Begeisterungslosigkeit“ des Ehemanns – in diesem Familiengefüge hat, plötzlich herausstellen kann, dass dies auf der Ebene des Systems einen seltsamen „positiven Nutzen“ oder eine stabilisierende Rolle hat. Und von da an lässt sich die Situation viel wirksamer und tiefer behandeln.
Gábor: Genau. Wir versuchen, das Ganze in einem Blick zu erfassen, sind uns dabei aber durchgehend bewusst, dass wir das vollständige Bild ohnehin nie durchschauen können. Eine unmögliche Aufgabe: Der Mensch und die ihn umgebende Gemeinschaft sind ein derart vielschichtiges, kompliziertes, komplexes Phänomen, dass wir davon immer nur bestimmte Ausschnitte, Teilaspekte wahrnehmen werden. Wir dürfen uns niemals einreden, dass wir alles wissen.
Aber es gibt eine Sache, die wir auf der Systemebene in jedem einzelnen Fall unbedingt untersuchen: Wenn der Mann jetzt nicht „begeisterungslos“ wäre, was wäre dann die verdammte Pflicht dieses Ehepaares? Mit welchem wirklichen Problem müssten sie sich auseinandersetzen? Anders gesagt: In welcher Entwicklungsphase ihres Lebens befinden sie sich aufgrund ihres Alters, und mit welchen existenziellen Kernfragen müssten sie sich gerade beschäftigen? Denn wenn sie jetzt die „Hausaufgaben“ ihrer gegenwärtigen Lebensphase nicht erledigen, wird sich das in zehn oder zwanzig Jahren gnadenlos rächen.
Péter: Kann man also sagen, dass ihr, wenn die Klientinnen und Klienten mit einem konkreten Problem zu euch kommen, im Grunde eine ganz allgemeine Lebenssituation, eine gesetzmäßige Lebensphase begleitet? In der es eigentlich völlig natürlich ist, dass sie sich darin befinden – ja, dass es sogar seltsam wäre, wenn diese Spannungen nicht aufträten?
Gábor: Danke, Péter! Genau so ist es. Ich würde sagen, dass mit der Klientin immer auch ihre aktuelle Lebensphase mit ins Zimmer tritt, mit ihren völlig natürlichen, unausweichlichen Krisen. Genau wie Mónika sagt: Physisch erscheint zwar nur eine einzige Frau in der Seelsorge, aber in Wirklichkeit kommen mit ihr noch mindestens zehn weitere Menschen herein. Unsichtbar sitzt dort ihre ganze Familie, ihre Eltern, ihr Schwiegervater, ihre Schwiegermutter, ihre Kinder, und die Art, wie sie sich alle zu diesem Problem verhalten oder wie sie davon betroffen sind.
Péter: Ich verstehe, aber in diesem konkreten Fall scheint das eine relativ eindeutige Situation zu sein, oder? Denn nicht nur die Ehefrau klagt einsam, sondern der Geschichte zufolge stimmen auch die Kinder in dieser Diagnose völlig überein, auch die weitere Verwandtschaft – die Eltern, der jüngere Bruder – sieht das Problem, ja sogar der Freundeskreis hat die Ehefrau darin bestätigt. Mir erscheint das von außen als eine ziemlich klare, eindeutige Sache. Wenn ich es richtig vermute, ist von Seiten des Seelsorgers hier bereits absolut erwiesen, was das Problem ist, und von hier an muss er „nur noch“ dieses konkrete Symptom behandeln. Sehe ich die Situation richtig?
Mónika: Deiner Logik zufolge müsste man also dringend den Vater, den Ehemann, „behandeln“ oder reparieren. Und siehst du, Péter, genau hier wird die Geschichte fachlich verdächtig!
Wenn wir das System ein wenig auf die Kernfamilie verengen, taucht sofort die Frage auf: Womit anderem müsste sich dieses Familiensystem eigentlich beschäftigen, wenn es sich nicht Tag und Nacht mit der sogenannten Begeisterungslosigkeit des Ehemanns beschäftigen würde?
Worauf wollen wir damit hinaus? In der systemischen Betrachtungsweise ist die unbewusste Problemherstellung – oder, wenn man so will, die Problemkreation – ein äußerst häufiges Phänomen. Natürlich ist das nie ein bewusster Vorgang! Wir erzeugen ein auffälliges Problem, weil wir einer anderen, viel schmerzhafteren oder beängstigenderen Realität nicht begegnen wollen oder uns das nicht trauen.
Denken wir an ein klassisches Lehrbuchbeispiel: Da ist ein Kind im Schulalter, das immer noch ins Bett einnässt. Das lineare Denken sagt: Das Kind muss zum Arzt gebracht, repariert, in Ordnung gebracht werden. Wenn wir aber die Familie auf der Systemebene betrachten, stellt sich oft heraus, dass dieses Symptom eine sehr wichtige Rolle spielt: Die Ehe der Eltern liegt in Wirklichkeit bereits in Trümmern, aber sie sind unfähig, sich mit dieser Krise auseinanderzusetzen. Solange das Kind krank ist, halten die Eltern zusammen, um es zu retten, und müssen sich nicht mit der Realität unseres eigenen Beziehungsdramas auseinandersetzen.
Gábor: Und dadurch bleibt das Ehepaar auf seltsame Weise zusammen! Denn sie gewinnen ein Moratorium, einen kleinen Aufschub vom Leben, in der Hoffnung, dass sie sich mit ihren eigenen, unter den Teppich gekehrten Problemen erst irgendwann später auseinandersetzen müssen.
Mónika: Genau. Dieses auffällige Symptom – in diesem Fall die Passivität des Ehemanns – entlastet das Ehepaar von seinem eigentlichen, tieferen Konflikt. Genau in diesem Sinne habe ich zu Beginn darauf hingewiesen, dass ein Problem auf der Systemebene auch eine verborgene, scheinbar „positive“ erhaltende Funktion haben kann.
Gábor: Das ist übrigens ein zutiefst biblischer Ansatz! Das ist ein Beispiel Jesu, das wir in der Fachsprache Reframing – Erweiterung des Rahmens – nennen. In sehr vielen Geschichten Jesu lässt sich diese Dynamik erkennen. Wenn er sagt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein …“, oder wenn er das Gleichnis vom Splitter und vom Balken anführt, verlagert Jesus den Fokus vom Sündenbock, vom Einzelnen, sofort auf die Gemeinschaft und die größeren Zusammenhänge. Er lässt die vereinfachende, mit dem Finger zeigende Linearität nicht zu.
Aber kommen wir zurück zu dem, was du gefragt hast, Péter: Was wäre unsere erste Frage als Seelsorger?
Die allererste Frage eines systemisch orientierten Seelsorgers ist in dieser Situation: Warum gerade jetzt?
Warum ist sie nicht eine Woche früher oder eine Woche später gekommen? Warum ist sie nicht einen Monat früher oder einen Monat später durch diese Tür getreten? Warum wurde es ausgerechnet jetzt, am 15. Oktober, unerträglich?
Mónika: Genau. Denn aus der Beschreibung der Geschichte wirkt das aus Sicht der Frau überhaupt nicht wie eine plötzlich aufgetretene, akute Krise.
Gábor: Absolut nicht! Das ist ein durch und durch chronisches, seit Langem andauerndes Phänomen, auch der jüngere Bruder hat gesagt, dass der Mann „schon immer so gewesen sei“. Deshalb ist die Frage „Warum jetzt?“ von zentraler Bedeutung.
Mónika: Mit dieser Frage vermeiden wir es, zu ergründen: „Na, was ist denn mit ihrem Mann passiert, warum ist er so?“ Wir verengen den Fokus nicht auf den Einzelnen (auf die individuelle Ebene), sondern beziehen mit der Frage „Warum jetzt?“ sofort auch die Ehefrau mit in die Gleichung ein.
Wir betrachten die aktuelle Lebenssituation der Ehefrau, ihren Alltag. Denn es kann gut sein, dass sich herausstellt: In Wirklichkeit hat die Ehefrau gerade so schwerwiegende berufliche oder existenzielle Probleme, die sie unbewusst darauf konditioniert haben, die Begeisterungslosigkeit ihres Mannes plötzlich als unerträglich zu empfinden.
Es ist quasi so, als würde die Frau ihr eigenes inneres Ausgebranntsein, ihre eigene Unfähigkeit zur Begeisterung auf den Mann projizieren (Projektion). Selbstverständlich stellen wir die Symptome des Ehemanns nicht infrage, die Klage hat sicher ihre Berechtigung. Aber die große Frage ist: Warum habe gerade ich das jetzt bemerkt, und warum wurde es gerade jetzt für mich vorrangig bedeutsam?
Wenn ich mich oft an die Stelle der Dame versetze, dann deshalb, weil ich selbst in meinem Leben tatsächlich „begeisterungslos“, abgestumpft geworden bin. Nur ist es eine gnadenlos harte und schmerzhafte Arbeit, sich der eigenen inneren Leere zu stellen. Es ist viel leichter – und hier sprechen wir wieder von den unbewussten Verschiebungen –, sich damit zu befassen, dass „du schnell repariert werden musst, weil das Problem bei dir liegt“, als mich selbst auf die Waagschale zu legen.
Péter: Wenn ich es richtig verstehe, wird im Laufe des Gesprächs also ein Wechsel stattfinden – oder genauer: muss ein Wechsel stattfinden –, bei dem sich der Fokus von diesem mitgebrachten Symptom (dem Zustand des Ehemanns) auf etwas ganz anderes verlagert.
Aber wie können wir das als Seelsorger bewerkstelligen? Ist es überhaupt unsere Aufgabe, das zu erzwingen? Und wenn ja, wie können wir das gut machen? Denn ich kann mir vorstellen, dass ich, wäre ich an der Stelle der Ehefrau, mit einem sehr starken, felsenfesten Problembewusstsein zum Pfarrhaus käme. Ich lebe seit Monaten damit, mein Umfeld hat es mir auch bestätigt, ich habe endlos darüber gegrübelt, und wenn ich endlich mein Herz ausschütten kann, empfinde ich eine große Erleichterung.
Und dann kann es sein, dass sich mir nach dem dritten Satz aus den Rückmeldungen des Seelsorgers plötzlich abzuzeichnen beginnt, dass ich mich hier eigentlich mit etwas ganz anderem befassen müsste – mit etwas, das ich aber überhaupt nicht möchte. Ich würde dort mit Sicherheit einen gewaltigen inneren Widerstand verspüren. Vielleicht würde ich mich sogar gekränkt fühlen oder dem Seelsorger böse sein: „Warum löchert er mich, warum repariert er nicht meinen Mann?!“ Wie kann man diesen Wechsel gut und taktvoll managen? Welche Mittel habt ihr dafür?
Mónika: Nun, man kann das auf vielerlei Weise angehen, aber ob wir es in der Praxis dann „gut“ machen, würde ich im Voraus nie zu behaupten wagen.
In jedem einzelnen seelsorglichen Gespräch – und für jeden verantwortungsvollen Seelsorger – gilt ein Grundsatz: Wir müssen den Glauben an die Perfektion loslassen können. Wenn ich glauben würde, dass jedes meiner Gespräche ein makelloses fachliches Meisterwerk wird, würde das auf meiner Seite eine Art Allmachtswahn, Omnipotenz voraussetzen. Aber ich bin ein fragmentarischer, unvollständiger Mensch – sowohl fachlich als auch in jeder anderen menschlichen Hinsicht.
Das bedeutet, dass ich als Seelsorger für meine eigenen Absichten, meine Worte und meine Taten Verantwortung übernehmen kann und will. Aber nicht mehr dafür, wie mein Wort niederschlägt, wie es in der inneren Welt des anderen Menschen ankommt. Ich habe offensichtlich Kontrolle darüber, was und wie ich es sage, wie ich mit der betreffenden Person umgehe, aber es gibt einen Punkt, jenseits dessen ich keinen Einfluss mehr auf das Funktionieren der Empfängerseite habe.
Aber was kann man tun, damit dieser Fokuswechsel dennoch organisch, ohne Wunden zu schlagen, geschehen kann?
Eines der schönsten Paradoxe der seelsorglichen Begleitung:
Wir helfen der Ehefrau nicht dadurch, dass wir ihr in der Sündenbockrolle ihres Mannes recht geben, sondern dadurch, dass wir ihr die Kontrolle und die Verantwortung über ihr eigenes Leben zurückgeben.
In unserer Methodik haben wir einige sehr feine und bewusste Mittel dafür, diesen Widerstand nicht zu durchbrechen (denn Seelsorge ist keine Gewalt), sondern ihn sanft zu umgehen oder aufzulösen:
Die Validierung (emotionale Bestätigung): Wir beginnen niemals damit, die Wahrheit der Ehefrau infrage zu stellen. Wenn wir ihr sagen: „Gnädige Frau, ich sehe, dass Sie unendlich erschöpft sind und eine ungeheure Last in dieser Familie tragen“, dann erlebt sie, eine Verbündete gefunden zu haben. Wir validieren nicht ihre mitgebrachte Diagnose, sondern ihr Leiden. Wenn sie die Sicherheit spürt, beginnen sich die Mauern des Widerstands von selbst zu lockern.
Die Verwendung zirkulärer Fragen: Statt sie frontal mit sich selbst zu konfrontieren, weiten wir den Kreis. Wir können zum Beispiel fragen: „Was denken Sie, wenn Ihre Tochter hier säße, wie würde sie erzählen, was sie an Ihnen sieht, wenn Sie mit dem Papa streiten?“ Oder: „Wenn Ihr Mann über seine Tränen sprechen könnte, was würde er sagen, was ihm an Ihnen am meisten fehlt?“ Diese Fragen bewegen sie unmerklich aus ihrer starren, linearen Position heraus.
Die Spiegelung der Hilflosigkeit: Die Ehefrau kommt mit der Erzählung, dass sie „bereits alles versucht“ habe. Darauf kann man als Seelsorger staunend eingehen: „Ja, ich sehe, dass Sie enorm viel Energie darauf verwendet haben, Ihren Mann zu verändern, und diese gewaltige Arbeit hat dennoch kein Ergebnis gebracht. Wie fühlt es sich an, mit dieser Hilflosigkeit zu leben?“ Damit hat sich der Fokus von der Reparatur des Ehemanns bereits auf die innere, erlebte Hilflosigkeit der Ehefrau verlagert.
Mit diesen Schritten erreichen wir, dass die Klientin nicht das Gefühl hat, angegriffen zu werden, sondern dass wir sie endlich nicht als Opfer eines von ihr unabhängigen, unveränderlichen äußeren Umstands (des begeisterungslosen Ehemanns) betrachten, sondern dass sie ihre eigene Handlungsfähigkeit zurückerhält – die Möglichkeit, sich mit ihrem eigenen Schicksal zu befassen.
Péter: Was im Verlauf des Gesprächs geschieht – ob die Ehefrau aufgebracht wird oder nicht –, liegt offensichtlich nicht in meiner Verantwortung. Zumindest gehört es zum Möglichen, dass Emotionen aufbrechen.
Gábor: Damit kommen wir zu dem Punkt, dass die Haltung, die innere Einstellung das Wesentliche ist. Ich gehe davon aus, dass Seelsorge die Sorge um die Würde des Menschen ist, und die Würde des Menschen verleiht ihm seine Gottesebenbildlichkeit. Deshalb ist es, völlig unabhängig vom aktuellen Thema, meine Aufgabe, ihre menschliche Würde, ihre Gottesebenbildlichkeit zu pflegen.
Mein Ziel ist nicht, dass sie, wenn sie krank ist, gesund wird, oder dass wir, wenn es eine Ehekrise gibt, aus der Krise herauskommen – all das wird nur eine erfreuliche Nebenwirkung sein. Aber wie kann ich das erreichen? Indem ich die Beziehung ständig und bewusst stärke.
Das größte Bedürfnis und die größte Frage des heutigen Menschen – das sagen auch die Religionssoziologen, und nicht nur sie – ist nicht mehr die Sünde, sondern die Anerkennung. Luthers Frage war noch, wie er einen gnädigen Gott findet, wie er zu ihm gelangt. Die Frage des heutigen Menschen dagegen lautet: Wie bekomme ich einen Gott, der mich annimmt, der mich anerkennt? In der Gesprächsführung bedeutet das, dass ich jede sich bietende Gelegenheit sofort ergreife, bei der ich der Klientin Anerkennung geben kann. Wie machst du das, wenn sie erzählt?
Diese Frau kommt herein und erzählt, wie ihr Mann ist. Nehmen wir an, sie erzählt gerade ziemlich schmerzerfüllt. Wie kannst du ihr in einem solchen Moment Anerkennung geben?
Mónika: Zum Beispiel, indem ich formuliere, wie mutig und wie stark sie ist, hierher zu kommen. Denn sie spürt, dass sie in diesem Thema Hilfe braucht, und das ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit.
Gábor: Oder damit, wie gut und genau sie die entstandene Situation beschreiben kann.
Mónika: Oder wie sensibel sie ist, dass sie überhaupt bemerkt, wenn jemand nicht begeistert ist. In der heutigen Welt ist es keine Selbstverständlichkeit, dem anderen gegenüber so aufmerksam zu sein.
Gábor: Beziehungsweise kann ich ihr auch dafür Anerkennung geben, wie sie über ihren Mann spricht – den, nach dem zu urteilen, was wir gehört haben, im Moment nicht leicht auszuhalten ist.
Mónika: So einfach, so alltäglich ist dieses Geben von Anerkennung. Aber das funktioniert nur, wenn es völlig aufrichtig ist – also wenn sich darin keine einstudierte, künstliche Haltung widerspiegelt. Ich muss als Seelsorgerin wirklich dafür einstehen können, dass ich im anderen fast alles anerkennen kann, und das auch zum Ausdruck bringen können.
Péter: Und was ist, wenn wir genau diese Künstlichkeit spüren? Oder wenn wir als Seelsorger in dieser Phase des Gesprächs einfach keinen einzigen Punkt finden, keinen sehen, für den wir aufrichtige Anerkennung geben könnten? Ich sage nicht, dass es diesen Wert in der Ehefrau nicht gibt, sondern dass wir selbst ihn nicht finden.
Gábor: Dann liegt das Problem bei mir, das ist meine persönliche Verstrickung. Es ist deshalb mein Problem, weil der Mensch theologisch gesehen immer zugleich Sünder und Erlöster ist. Neben dem Schwarz gibt es immer auch das Weiß, und auch neben dem Leiden verbirgt sich immer ein heilsgeschichtliches Moment.
Wenn ich in eine solche Situation gerate, mache ich das im Gespräch offen und formuliere es ungefähr so: „Ich weiß es nicht, aber mir fehlt noch etwas an dieser Geschichte. Sie erzählen diese Situation so gut, aber ich komme bisher nur so weit, zu erkennen, wie unmöglich und schwierig Ihr Mann ist. Ich frage mich, wann es davon Ausnahmen gibt? Wann können Sie ihn trotzdem ein wenig annehmen?“ Ja, ungefähr so.
Mónika: Außerdem ist das Geben von Anerkennung und der Aufbau der menschlichen Verbindung keine in Stein gemeißelte Regel. Es kann sein, dass das beim ersten Mal überhaupt nicht gelingt, sondern erst beim zweiten Mal funktioniert – das gestaltet sich genauso wie jede andere unserer menschlichen Beziehungen.
Nach dem ersten oder zweiten Mal muss aber definitiv auch in unsere professionelle Identität hineinpassen, dass wir ein Gespür dafür entwickeln und entscheiden können: Sind wir überhaupt in der Lage, uns mit ihr zu befassen? Oder gibt es in uns eine so starke Abwehr, Antipathie oder womöglich Gefühllosigkeit gegenüber ihrem Problem, dass wir denken: „Das ist doch gar keine so große Sache, warum belästigt sie mich und raubt mir hier die Zeit“?
Wenn wir diesen inneren Dialog in uns bemerken – und so viel müssen wir als Seelsorger auf jeden Fall bemerken können –, dann müssen wir offensichtlich entsprechend über die Fortsetzung entscheiden oder darüber, sie an jemand anderen weiterzuleiten.
Gábor: Ich stehe in dieser Situation noch einen Schritt weiter zurück, was mich dennoch mit der Frau verbindet. Wenn das eintritt, wonach du gefragt hast – dass ich also menschlich nichts Sympathisches an ihr finde –, bleibt unsere Beziehungsgrundlage hier trotzdem bestehen, und das ist nichts anderes als das gemeinsame Leiden.
Gábor: Sie leidet, und – wegen meiner Hilflosigkeit an diesem Punkt des Gesprächs – leide auch ich. Und dann kann ich ihr das sogar sagen, damit sie mir noch ein wenig hilft: „Gnädige Frau, so wie Sie es schildern, ist diese Situation unerträglich. Gibt es darin wirklich nicht ein einziges Fünkchen Sonnenschein?“
Darauf wird die Frau vermutlich sagen: „Ach, doch, stellen Sie sich vor, neulich hat er mir tatsächlich Kaffee gekocht, als ich nach Hause kam.“
Siehst du, Péter, mit dieser Frage lockere ich bereits dieses diabolische, teuflische Gebilde in ihrem Kopf, dass es in dieser Ehe nur noch Schlechtes gibt, nur noch Schlechtes. Ja, ich erkenne die Schwierigkeit an, aber mit dieser Methode lässt sich immer auch ein wenig Positives an die Oberfläche bringen. Und damit gelangen wir zum nächsten entscheidenden Schritt, dem Vertrag.
Péter: Vertrag! Der Vertragswunsch oder zumindest die Erwartung seitens der Ehefrau könnte etwa so lauten: „Helfen Sie mir, meinen Mann wieder zu begeistern!“ Wie können wir auf diesen Wunsch reagieren? Können wir als Seelsorger einen solchen Vertrag schließen?
Mónika: Auf ein Symptom schließen wir keinen Vertrag! Wenn also hier das Symptom ist, dass der Ehemann begeisterungslos ist, dann schließen wir mit der Ehefrau keinen Vertrag darüber, dass wir jetzt ihren Partner „symptomfrei machen“.
Außerdem sitzt gar nicht der Ehemann im seelsorglichen Gespräch, es kommt nicht derjenige zu uns, um den es geht. Aber selbst wenn wir die Sache auf die Ehefrau selbst projizieren – zum Beispiel in der Form, wie sie es aushält oder was sie für ihren Mann tun kann, damit er weniger begeisterungslos ist –, würde ich sogar diesen Wunsch noch dem symptomatischen Funktionieren selbst zuordnen. Darauf schließen wir keinen Vertrag.
Gábor: Wir suchen jenes Problem, das tatsächlich im Hintergrund steckt. Wenn ich die mitgebrachte Klage nur als Symptom betrachte – als Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt, aber das ist erst die Spitze des Eisbergs –, dann frage ich so lange nach, bin ich so lange neugierig (sehr einfühlsam und taktvoll neugierig), bis sich herausstellt, was hier wirklich im Hintergrund stecken könnte. Vor welcher Kulisse zeigt sich diese Abgestumpftheit?
Und in diesem konkreten Fall würde sich zum Beispiel schön das Familiengefüge zeigen, das du zu Beginn vorgelesen hast: dass der ältere Sohn nicht weiß, welchen Beruf er wählen soll, die Tochter völlig verzweifelt ist, weil man sich gerade erst von ihr getrennt hat, und auch mit der Frau selbst etwas nicht stimmt. Irgendetwas hat sich verändert, es gibt auch in ihrem eigenen Leben eine schwerwiegende Schwierigkeit.
Péter: Das ist kein lokales Drama, bei dem der Mann an allem schuld ist.
Gábor: Ganz und gar nicht! Und die Passivität, die Erstarrung des Mannes kommt dem System gerade jetzt äußerst gelegen. So kann man bequem darauf zeigen, dass „der Papa unmöglich ist“ – bloß nicht am Ende herauskommen lassen, dass eigentlich wir, die übrigen Familienmitglieder, etwas sehr Schwieriges ändern müssten!
Mónika: Genau davon haben wir gerade gesprochen: dass man endlich vor der eigenen Haustür etwas tun müsste. Aber die Ehefrau spürt vermutlich, dass es viel schwerer ist, selbst der Realität ins Auge zu blicken, als dass die Begeisterungslosigkeit einer außenstehenden Person – in diesem Fall des Vaters – in den Vordergrund tritt. So wird er zur ausgerufenen Problemquelle, sein Fall wird zum großen Familiendrama.
Gábor: Nehmen wir ein fiktives, aber sehr lebensnahes Beispiel: Was, wenn die Mutter der Frau vor Kurzem schwer, womöglich lebensbedrohlich erkrankt ist? Die Ehefrau steht dann unter einem gewaltigen Druck und ist tief in ihrem Innern, unbewusst, ungeheuer wütend auf ihre Mutter, weil diese Krankheit zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt kommt – gerade jetzt hat ihr alles gefehlt, nur nicht, dass sie ihre Mutter pflegen muss. Da sie diese Wut wegen ihres Schuldgefühls nicht gegenüber ihrer Mutter ausdrücken kann, rückt sie stattdessen die Unmöglichkeit und Abgestumpftheit ihres Mannes in den Vordergrund. Mit diesem Mechanismus schützt sie ihre Mutter genial vor ihrem eigenen Zorn.
Mit einer solchen einfühlsamen, tiefgehenden Gesprächsführung kann man aber so weit gelangen, dass die Ehefrau am Ende selbst ausspricht: „Eigentlich ist diese Krankheit meine wahre, ungeheure Last.“ Und von da an sprechen wir in der Seelsorge nicht mehr über den begeisterungslosen Ehemann, sondern darüber, wie man sie selbst entlasten und in dieser Krise tragen kann.
Mónika: Und von da an kann man versuchen, die gemeinsame Zusammenarbeit in die Richtung zu lenken, wie man eventuell virtuell oder auch tatsächlich weitere Familienmitglieder in den Prozess einbeziehen kann.
Gábor: Zum Beispiel, damit sie ihr bei der Versorgung der Großmutter helfen und sie unterstützen, wenn sich schon herausgestellt hat, dass dort die eigentliche Belastung liegt.
Mónika: Genau. Wie kann man die Perspektive dieser Dame erweitern und verändern, die ansonsten allein, als einzelne Person, bei mir im Zimmer sitzt?
Der Perspektivenwechsel ist einer der grundlegenden, entscheidenden Faktoren der systemischen Betrachtungsweise. Wir gehen davon aus, dass die Wirklichkeit an sich nicht unbedingt das ist, was wir auf den ersten Blick sehen. Wir nehmen immer nur einen einzigen Ausschnitt der Wirklichkeit wahr, und auch davon bilden wir uns ein stark subjektives Bild. Ein äußerst wichtiger Teil der seelsorglichen Hilfe besteht darin, der Klientin dazu zu verhelfen, möglichst viele Blickwinkel zu finden oder ihre Situation von möglichst vielen Seiten zu betrachten. So wird sich in ihr ein ganz anderes Bild zusammensetzen.
In diesem konkreten Fall besteht der Perspektivenwechsel darin, dass die Ehefrau vom anfänglichen Ausgangspunkt – wonach nur eine einzelne Person, der „begeisterungslose Ehemann“, ein Problem hat – beginnt zu erkennen, dass sie hier in Wirklichkeit in einem ganzen Familiensystem stecken.
Gábor: Und diese systemische Betrachtungsweise kann ich sogar noch weitertreiben! Ich kann ihr zum Beispiel zum Abschluss die Frage stellen: „Gnädige Frau, was meinen Sie, welches Hochzeitsgeschenk hätte Gott Ihnen bei Ihrer Trauung machen sollen, damit Sie dieses Problem jetzt besser lösen könnten?“
Diese Technik ist die Externalisierung des Problems, also seine Auslagerung, seine Einbettung in einen ganz anderen Bedeutungszusammenhang. Diese Art der Fragestellung mobilisiert die Klientin in der Regel sehr stark, setzt ihre innere Kreativität in Gang und hilft, der Lösung näherzukommen.
Mónika: Fassen wir dann zusammen, was wir bisher besprochen haben!
Auf ein Symptom schließen wir keinen Vertrag.
Der Aufbau der Beziehung kommt zuerst: Bei den ersten Gesprächen legen wir den Schwerpunkt noch stärker allein auf den Beziehungsaufbau. Das erreichen wir mit dem, was wir Wertschätzung, Anerkennung nennen. Ich versuche einfach, mich menschlich mit ihr zu verbinden.
Kurzfristiges Ziel: Wir versuchen, die übrigen Familienmitglieder schon in das allererste Gespräch miteinzubeziehen. Obwohl ich physisch nur mit einer Person spreche, erscheinen auf der Systemebene dennoch mehrere Menschen im Raum.
Der nächste Schritt ist der Perspektivenwechsel: Mit den verschiedenen Typen systemischer Fragen setzen wir dann die Mobilisierung der Ressourcen in Gang.
Gábor: Und dass wir die Familienmitglieder in das Gespräch mit einbeziehen, bedeutet keineswegs, dass sie auch physisch ins Pfarrhaus kommen müssten!
Ich kann zum Beispiel auch so den Ehemann hier hereinholen, dass ich der Frau am Ende des Gesprächs sage: „Wenn Sie jetzt nach Hause gehen, was werden Sie Ihrem Mann darüber erzählen, dass Sie hier waren und worüber wir gesprochen haben? Lassen Sie uns das ein wenig gemeinsam planen!“
Mit dieser Frage habe ich den Ehemann bereits in den Prozess einbezogen. Denn die Ehefrau beginnt nachzudenken: „Nun, wahrscheinlich würde ich ihm dies und das sagen …“ Und ich kann weiterfragen: „Und was denken Sie, was wird Ihr Mann darauf antworten? Wie wird er reagieren? Wollen Sie das so? Sind Sie sicher, dass Sie es ihm so mitteilen möchten?“ Und schon ist die Reflexion in Gang gekommen.
Mónika: Diese Technik fördert schon für sich genommen einen ernsthaften Perspektivenwechsel, denn die Ehefrau muss sich beim Antworten unweigerlich in die Rolle ihres Mannes hineinversetzen. Aber man kann dieses Spiel auch auf eine noch viel komplexere Weise durchführen.
Péter: Ich denke gerade darüber nach, dass es ohne diesen Perspektivenwechsel nicht nur schwierig oder geradezu unmöglich ist, die Situation zu lösen, sondern dass wir ab einem gewissen Punkt eigentlich selbst ein Gegeninteresse daran bekommen, die Situation zu lösen. Denn wenn dieses mitgebrachte Symptom mir auf der Systemebene ein anderes Problem löst, warum sollte ich es dann beseitigen wollen? Wenn ich das Symptom heile, bringe ich damit ein viel tieferes, schmerzhafteres Problem an die Oberfläche.
Gábor: Genau! Beziehungsweise hilft die Seelsorge dabei, dieses verborgene Funktionieren bewusst zu machen und anzunehmen. Damit ich sagen kann: „Im Moment können wir so funktionieren, das können wir tun – und Gott sei Dank, dass wir das tun, denn wenigstens so gehen wir nicht auseinander!“
Jetzt formuliere ich das natürlich absichtlich übertrieben und zugespitzt, aber im Prozess kann genau das das Ziel sein. Dass der Klientin bewusst wird, dass ihr gegenwärtiger Zustand kein unbegreiflicher Wahnsinn ist, sondern im Hintergrund einen ganz und gar logischen Grund hat – wenn man so will, eine Art verborgenen Systemgewinn.
Péter: Was ist realistischerweise bis zum Ende des ersten Termins zu erwarten? Welches Ziel können wir uns als Seelsorger setzen, wie weit können wir von einer so schwierigen Themenstellung in den ersten 50 Minuten kommen? Du hast erwähnt, Mónika, dass das Wichtigste die Beziehung ist.
Mónika: Ja, ich glaube, dass in den ersten 50 Minuten tatsächlich der Aufbau der Beziehung das Wichtigste ist. Für mich ist das oberste Ziel, meine Anerkennung gegenüber der Ehefrau, meiner Gesprächspartnerin, glaubwürdig, authentisch und kongruent zum Ausdruck zu bringen.
Denn wenn es mir irgendwie gelingt, sie spüren zu lassen, dass sie hier vollständig angenommen ist – ohne jede Bewertung und Verurteilung, denn Seelsorge ist weder Katechese noch Moralisieren –, dann wird sich die Seele wirklich für eine tiefere Offenbarung öffnen. Und ganz pragmatisch auch konkret dafür, dass sie überhaupt zum nächsten Termin wieder zu uns kommt. Wenn wir es im engeren Sinn wirklich nur auf das allererste fünfzigminütige Gespräch beziehen, ist das mein Hauptziel.
Gábor: In diesem Ziel steckt noch ein weiterer sehr wichtiger Faktor, den ich nur bekräftigen kann: dass ich als Seelsorger die Hoffnung stellvertretend für sie übernehme.
Das heißt, ich schließe das Gespräch ungefähr so ab: „Gnädige Frau, ich sehe, dass diese Situation für Sie jetzt äußerst schwierig und ungeheuer anstrengend ist, Sie fühlen sich darin überhaupt nicht wohl. Aber ich habe den sehr starken Eindruck, dass auf der Art, wie Sie damit umgehen und wie Sie dafür kämpfen, Gottes Segen ruhen wird. Ich bin sicher, dass Sie einen Ausweg finden werden – dass Sie als Paar gemeinsam einen Ausweg finden werden.“
Mónika: Dieser stellvertretende Glaube und diese stellvertretende Hoffnung sind ein äußerst wichtiger Begriff in unserem Beruf. Manchmal geben wir ihm vielleicht nicht das gebührende Gewicht, dabei hat er eine enorme Kraft.
Das bedeutet, dass ich als Seelsorger dem anderen Menschen gegenüber zum Ausdruck bringe: „Ich weiß und sehe, dass du vor Schmerz jetzt nicht glauben kannst, dass du jetzt unfähig bist, an die Veränderung zu glauben“ – und dabei ist es gleichgültig, ob es um die Lösung der Situation, um eine Besserung oder um etwas anderes geht –, „deshalb glaube jetzt ich an deiner Stelle, deshalb vertraue jetzt ich an deiner Stelle.“
Das ist eine ganz besondere, tiefe Form des aus dem Neuen Testament bekannten Gebots „einer trage des anderen Last“. Diese Haltung kann einen Menschen in der Krise unglaublich auffangen und tragen – aber natürlich wieder nur dann, wenn ich das als Helfer tief in meinem Innern wirklich aufrichtig so empfinde und es ihm gegenüber auch so kommunizieren, zum Ausdruck bringen kann.
Gábor: Diese stellvertretende Hoffnung übe ich aus, um sie damit auch zu entlasten. Denn wenn jemand in einer tiefen Krise steckt, kommt zu den bestehenden Nöten sehr oft noch ein zusätzliches schlechtes Gewissen hinzu, weil „ich jetzt nicht einmal mehr glauben kann“.
Wenn die Klientin in einer so großen Not ist, übernehme ich diesen Glauben und diese Hoffnung – wenn man so will – vorübergehend selbst und nehme ihr damit diesen Druck von den Schultern. Dann gebe ich sie ihr später, wenn sie schon etwas gestärkt ist, behutsam wieder zurück.
Mónika: Denn wenn wir das nicht so machen, laden wir ihr als Seelsorger nur noch eine größere Last auf. Zum Beispiel dadurch, dass wir anfangen zu moralisieren und ihr sagen: „Nun, meine Liebe, diese Krise gibt es deshalb, weil du nicht genug gebetet hast oder weil deine Beziehung zum Herrn nicht gut ist.“ Am Ende solcher Gespräche kommt es zu jenem leider nicht seltenen Fall, dass die Klientin mit einem Problem zu uns kommt und am Ende mit zweien geht.
Péter: Hm. Und wie können wir diesen Prozess für uns selbst abschließen? Nehmen wir an, diese ersten 50 Minuten sind vergangen, die Klientin hat den Raum verlassen. Was ist als Seelsorger die Frage oder der Gedanke, die wir uns nach dem Fall sinnvollerweise stellen oder in unsere eigene innere Reflexion einbringen sollten?
Mónika: Nun, wir können dabei sehr vieles abwägen, aber eines der wichtigsten Dinge ist – um ein ganz profanes Bild zu gebrauchen –, dass ich in mir prüfe: Wie schmeckt mir dieser Fall? Genau wie bei einem Gericht.
Im Voraus haben wir nämlich immer eine Vorstellung: Es gab eine telefonische Anmeldung oder eine kurze, informative Absprache darüber, warum sie überhaupt zu uns kommen möchte. Aber das ist eine Sache. Etwas ganz anderes ist es, wenn wir schon eine Stunde miteinander verbracht haben und sie immer mehr von ihrer Geschichte entfaltet. Ob ich aus den genannten Gründen – etwa wegen Antipathie oder Abwehr – überhaupt in der Lage bin, mich mit ihr zu befassen, zeigt sich vor allem genau nach diesen ersten 50 Minuten. Es ist nicht sicher, dass ich das sofort vollkommen klar sehe, aber das ist einer der Hauptpunkte.
Die Frage ist, ob ich die fachliche Demut besitze, um auszusprechen, wenn etwas nicht funktioniert? Wir Helfer denken das gewöhnlich genau umgekehrt: Wir glauben, dass wir alles lösen können müssen, schließlich „stehen wir im Dienst“. Für mich ist aber nicht diese falsche Allwissenheit das Zeichen der Demut.
Gábor: Das ist ein äußerst wichtiger Punkt, und ich würde die Reflexion noch weiter eingrenzen. Es lohnt sich, am Ende des Gesprächs genau herauszustellen und für uns zu formulieren: Was konnten wir in dieser Situation tun, und was nicht?
Zum Beispiel: Die Ehefrau konnte sehr gut skizzieren, wie die familiäre Situation ist, und es sind auch zwei sehr wichtige, zukunftsweisende Vorstellungen darüber entstanden, wie es weitergehen könnte. Gleichzeitig konnten wir im Moment nicht klären, was mit ihrem Sohn und ihrer Tochter geschehen wird und wie sich deren Problem lösen wird.
Das heißt, als Seelsorger hebe ich das hervor, worauf der Segen ruht, was bereits jetzt funktioniert – und ich betrachte nicht die Löcher im Emmentaler Käse, um zu sehen, was gerade fehlt oder nicht funktioniert.
Und noch eine letzte Sache zum Abschluss – obwohl das praktisch schon in allem Bisherigen enthalten war –: Am Ende des Gesprächs gebe ich der Klientin als Seelsorger immer eine kurze, differenzierte Zusammenfassung darüber, wovon wir in diesen 50 Minuten wohin gelangt sind.
Mónika: Aber diese Zusammenfassung richtet sich noch an die Ratsuchende selbst, ganz am Ende des Gesprächs. Das verarbeitest du also nicht erst danach, für dich allein.
Gábor: Ja, genau.
Mónika: Das schließt du noch gemeinsam mit ihr ab.
Gábor: Es gibt übrigens auch eine ganz besondere Abschlussform – darüber werden wir sicher irgendwann in Zukunft noch ausführlich und gesondert sprechen –, die tief in der klassischen seelsorglichen Tradition, in der biblisch begründeten Begleitung verwurzelt ist: nämlich der Brief.
Der Gattung des Seelsorgebriefs begegnen wir schon im Neuen Testament auf Schritt und Tritt. Diese Methode steht uns auch heute vollständig zur Verfügung und kann ein hervorragendes Mittel sein, mit dem der Seelsorger die Klientin auch nachträglich, nach dem Gespräch, bestärken kann.
Hypothesen Vorläufige, zu überprüfende Deutungen – keine feststehenden Tatsachen
2 Systemische Hypothesen
Die systemische Hypothese erklärt nicht den Zustand eines einzelnen Familienmitglieds. Sie beschreibt das Beziehungsnetz, das sich um das Symptom herum gebildet hat und in dem das Symptom – so schmerzhaft es auch sein mag – bislang auch eine Aufgabe erfüllt hat. Deshalb muss die Hypothese für die gesamte Familie gültig sein. [1]
In diesem Fall nennt die Familie das Symptom „Begeisterungslosigkeit“, Symptomträger ist der Ehemann, Klientin ist die Ehefrau. Die Hypothesen erklären entsprechend nicht den seelischen Zustand des Ehemanns und entlarven auch nicht das „eigentliche Problem“ der Ehefrau, sondern beschreiben jenes Beziehungssystem, in dem der „begeisterungslose Ehemann“ zum gemeinsamen Thema der Familie geworden ist.
2.1 Inhaltliche Hypothesen
Ein problembestimmtes Kommunikationssystem
Ein Problem entsteht in der Familie dadurch, dass jemand entdeckt: „Hier stimmt etwas nicht“; die Entdeckung verbreitet sich über die Kommunikation, es entstehen Erklärungen, das Problem fixiert sich, und andere Probleme treten in den Hintergrund. [2] Im vorliegenden Fall ist jeder dieser Schritte erkennbar. Die Ehefrau entdeckte die „Begeisterungslosigkeit“ ihres Mannes; das Thema wurde zum gemeinsamen Gesprächsstoff mit der Tochter, dem Sohn, den Freundinnen und beiden Herkunftsfamilien; es entstanden fertige Erklärungen („er war schon immer so“, „wir haben es vorausgesagt“); und die Ehefrau hat „bereits alles versucht“ – das Problem hat sich also in den Augen der Familie als unlösbar fixiert.
Hypothese: Der „begeisterungslose Ehemann“ ist zum ordnenden Thema der Familie geworden. Alle sprechen über den Ehemann, und dem Bericht zufolge spricht niemand mit dem Ehemann. Je mehr sein Zustand analysiert wird, desto mehr gerät er in die Rolle einer beobachteten, „zu behandelnden“ Person; je mehr er sich aus dieser Rolle zurückzieht, desto mehr Analysen entstehen über ihn. Der Kreis erhält sich selbst aufrecht: Auch die wohlmeinende Sorge der Familie ist Teil jenes Musters, das sie beseitigen möchte.
Lebenszykluswechsel: das Ausfliegen der Kinder
Die Familie tritt in die Phase des „Ausfliegens“ der Kinder ein: Der Sohn ist zwanzig, die Tochter achtzehn Jahre alt. [3] Dieser Übergang verlangt neue Regeln: Die Eltern müssen sich als Paar neu finden, und die Kinder müssen aufbrechen können. Eine Blockade entsteht, wenn die Familie versucht, auch in der neuen Phase nach den alten Regeln zu leben.
Hypothese: Die gemeinsame Sorge um den Ehemann „hält alle zu Hause“. Der Sohn beschäftigt sich statt mit der eigenen Berufswahl mit der Erstarrung seines Vaters, muss also noch nicht aufbrechen. Die Tochter verarbeitet ihren Trennungsschmerz gemeinsam mit ihrer Mutter, in Gesprächen über den Vater, und bleibt in der Nähe ihrer Mutter. Und das Ehepaar muss sich nicht der Frage stellen, wer die beiden sein werden, wenn die Kinder gehen. Das Symptom gewährt in dieser Lesart der ganzen Familie ein Moratorium, einen Aufschub vor einem beängstigenden Übergang: Wäre der Mann jetzt nicht „begeisterungslos“, müsste sich das Ehepaar mit den „Hausaufgaben“ seiner eigenen Lebensphase befassen.
Das Symptom als Zusammenhalt der Familie
Jede Verhaltensweise kann Sinn erhalten, wenn wir ihren wahren Kontext erkennen; der Sinn eines Verhaltens ist im Hinblick auf die Erhaltung und das Fortbestehen des Systems zu suchen. [4]
Hypothese: Die Sorge um den „Papa“ ist gegenwärtig jenes Thema, das die Familie zusammenhält. Sie haben eine gemeinsame Sorge, und das schafft Nähe zwischen Mutter und Tochter, Vater und Sohn, ja sogar zwischen den beiden Herkunftsfamilien. Wäre der Ehemann ab morgen „begeistert“, müsste die Familie auch dieses verbindende Thema verlieren, und andere, schwerer aussprechbare Fragen würden in den Vordergrund treten: die Paarbeziehung, die Ablösung der Kinder, das eigene Leben der Ehefrau. Das Symptom belastet also nicht nur, sondern schützt auch.
Dreiecke: Mutter–Tochter–Vater und Vater–Sohn
Satir beobachtete in Dreiecken, dass die dritte Person abwechselnd außenstehende Beobachterin, Beteiligte oder Ausgeschlossene sein kann; die Schwierigkeit beginnt dort, wo jemand dauerhaft in dieselbe Position gedrängt wird. [5]
Hypothese: Das Bündnis zwischen Mutter und Tochter („analysiert ständig mit ihrer Mutter, was mit dem Papa los ist“) leitet die eheliche Kommunikation über die Tochter. Die Tochter sorgt sich um ihre Mutter, die Mutter um ihre Tochter, und der Ehemann bleibt außerhalb des Gesprächs über ihn selbst. Die Tochter kann so zur Vertrauten der elterlichen Ehe werden, zu einem teilweise parentifizierten Kind. [6] Der Sohn steht in einem anderen Dreieck: Er ist seinem Vater gegenüber loyal und kann nicht auf seinen eigenen Weg aufbrechen, solange der Vater „feststeckt“. Beide Dreiecke bedeuten auch eine wechselseitige Entlastung: Wer sich mit dem Papa befasst, muss sich nicht mit dem eigenen Schmerz, der eigenen Entscheidung oder der eigenen Ehe befassen.
„Warum gerade jetzt?“ – die Kontexthypothese
Dem Bericht zufolge ist das Phänomen chronisch: Nach Aussage des jüngeren Bruders „war der Mann schon immer so“. Die erste Frage des systemisch orientierten Seelsorgers ist deshalb, warum es gerade jetzt unerträglich geworden ist.
Hypothese: Etwas hat sich in der Lebenssituation der Ehefrau verändert. Das kann der bevorstehende Auszug der Kinder sein, ihre eigene Erschöpfung, eine berufliche oder familiäre Belastung, die Häufung gleichzeitig auftretender Krisen. [7] Der Zustand des Ehemanns ist der Punkt, an dem diese Veränderung in der Familie aussprechbar geworden ist. Der Satz „mein Mann ist begeisterungslos“ kann so auch das eigene Bedürfnis der Ehefrau tragen: Worüber im eigenen Namen schwer zu sprechen ist, darüber lässt sich im Namen des Mannes sprechen. Der Seelsorger entlarvt das nicht als „Projektion“, sondern fragt so nach, dass auch das eigene Leben der Ehefrau im Gespräch Platz findet.
Die weitere Familie als Publikum
Die Eltern des Ehemanns haben ihn zurechtgewiesen, sein jüngerer Bruder meint, er sei schon immer so gewesen, und die Eltern der Ehefrau hätten „es von vornherein gesagt“.
Hypothese: Die Schwierigkeit des Paares ist auch zur Bühne alter Loyalitäten der beiden Herkunftsfamilien geworden. Die Familie des Ehemanns macht ihm teils Vorwürfe, teils entschuldigt sie ihn („das ist eben seine Natur“); die Familie der Ehefrau sieht darin die Bestätigung ihrer früheren Vorbehalte. Die Klage der Ehefrau kann so unbeabsichtigt auch die Loyalität gegenüber den eigenen Eltern ausdrücken, und das Schweigen des Ehemanns kann auch eine Antwort auf die von seiner eigenen Familie kommenden Bewertungen sein. Die vielen Meinungen bringen nicht mehr Orientierung, sondern mehr Urteile zwischen die Eheleute.
„Begeisterungslosigkeit“ als gemeinsame spirituelle Frage der Familie
Hinter jeder Lebensfrage verbirgt sich eine Glaubensfrage, hinter jeder Glaubensfrage eine Lebensfrage. [8] Die ungarischen Wörter für „begeistert“ (lelkes) und „begeisterungslos“ (lelketlen) leiten sich beide von lélek, „Seele“, ab; der Arbeitstitel des Falls ist damit zugleich seelisch-psychologisch und spirituell gemeint.
Hypothese: Nicht nur dem Ehemann ist „die Seele ausgegangen“, sondern auch der Kommunikation der Familie. Die Gespräche der Familie drehen sich um den Ehemann, aber nicht mit ihm; die „Begeisterungslosigkeit“ beschreibt auch den Zustand der familiären Beziehungen. Am Ende einer Lebensphase muss die Familie neu formulieren, was dem gemeinsamen Leben Sinn, Freude und Hoffnung gibt. Solange die Frage als „Fehler“ des Ehemanns erscheint, bleibt die gemeinsame letzte Frage der Familie – wozu sind wir noch zusammen, wenn die Kinder gehen? – unausgesprochen.
Eine in einer Metapher formulierte Hypothese
Eine in einer Metapher formulierte Hypothese wirkt auf die Familie oft wie ein Aha-Erlebnis. [9] In diesem Fall könnte sie zum Beispiel lauten: „Es ist, als säße die ganze Familie in einem Wartezimmer und alle warteten darauf, dass der Papa aufwacht. Alle achten darauf, alle würden helfen – und solange sie warten, muss niemand in seinen eigenen Zug einsteigen.“
2.2 Hypothesen zur Arbeitsmethode
Die Hypothesen zur Arbeitsmethode formulieren, was sich auszuprobieren lohnt, damit sich die Situation in eine gute Richtung bewegt. [10]
Ordnung (ins System) bringen. Als ersten Schritt lohnt es sich, gemeinsam mit der Ehefrau zu überblicken, was alles rund um die „Begeisterungslosigkeit“ vorhanden ist: der Übergang der Kinder, die Paarbeziehung, die Meinung der Verwandten, die eigene Belastung der Ehefrau. Die Überschaubarkeit kann das Gefühl der Kontrolle über die Krise zurückgeben.
Familienseelsorge ohne Familie. Der Seelsorger spricht nur mit seiner einen Klientin, „holt“ aber mit zirkulären Fragen auch die übrigen Familienmitglieder ins Zimmer. So kann die Ehefrau die Situation auch mit den Augen ihres Mannes, ihrer Tochter und ihres Sohnes betrachten.
Am Aufmerksamkeitsmuster arbeiten, nicht am Ehemann. Die gemeinsame Arbeit zielt nicht darauf ab, den Ehemann „symptomfrei zu machen“, sondern darauf, was die Ehefrau bei der Organisation der Aufmerksamkeit der Familie anders machen kann.
Anerkennung und stellvertretende Hoffnung. Die erschöpfte, „alles versuchende“ Frau braucht zunächst Verbindung, Anerkennung und eine Präsenz, die die Hoffnung eine Zeit lang auch stellvertretend für sie trägt.
Neben der Leidensgeschichte die Heilsgeschichte. Neben die Geschichte „bei uns gibt es nur noch Schlechtes“ kann die Suche nach Ausnahmen, tragenden Erfahrungen und Quellen des Glaubens einen neuen Faden eröffnen: Was hat die Familie bisher zusammengehalten?
Abschied und Segen. Der Abschied ist ein zentrales Element jedes Lebensphasenwechsels. Der Aufbruch der Kinder und die neue Phase des Ehepaares können auch eine rituelle, segnende Form erhalten.
Kleine, umkehrbare Schritte. Schon eine einzige kleine Verhaltensänderung kann den festgefahrenen Kreis aus dem Gleichgewicht bringen. Den Schritt wählt die Ehefrau selbst aus, und sie kann ihn jederzeit rückgängig machen.
Bewusstmachen der Ambivalenz. Es lohnt sich zu untersuchen, was der Gewinn des gegenwärtigen Gleichgewichts ist und was für wen schwerer würde, wenn der Ehemann ab morgen „begeistert“ wäre. Der Seelsorger kann das gewohnte Gleichgewicht vorsichtig verschieben, damit eine neue, lebensfähigere Ordnung Platz finden kann. [11]
Die Möglichkeit, den Ehemann einzuladen. Wenn die Ehefrau es wünscht und der Ehemann frei zustimmt, ist auch ein späteres gemeinsames Gespräch möglich. Das ist jedoch keine Voraussetzung für die Arbeit.
Kontaktaufnahme Joining, Kompliment und positive Konnotation
3 Kontaktaufnahme: Joining, Kompliment und positive Konnotation
Die Beziehung ist die Grundlage der Hilfe. Das Joining bedeutet, dass sich der Seelsorger darauf einstimmt, wie der andere die Welt, den Menschen und Gott sieht; das schafft nur dann Verbindung, wenn es aus innerer Überzeugung kommt, nicht aus eingeübter Technik. Anerkennung richtet sich immer auf etwas Konkretes, dort und dann Erfahrenes. Die positive Konnotation wiederum zeigt, dass in dem, was die Klientin als Schwäche oder Scham erlebt, auch Kraft und Wert verborgen liegen. [12] Eine der tiefsten Fragen des heutigen Menschen ist, wie er einen annehmenden, anerkennenden Gott findet; der Seelsorger ergreift deshalb jede Gelegenheit zur Anerkennung.
3.1 Joining – Einstimmung
Klientin: Ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin. Das Problem liegt ja gar nicht bei mir, sondern bei meinem Mann.
Seelsorger: Gut, dass Sie gekommen sind. Ich höre heraus, dass Sie eine Last mitbringen, die Sie schon sehr lange tragen. Wir müssen jetzt nicht entscheiden, bei wem das Problem liegt. Würden Sie mir erzählen, was zu Hause geschieht?
Klientin: Es ist, als würde ihn nichts mehr freuen. Und ich versuche, in allen die Lebensgeister wachzuhalten.
Seelsorger: „In allen die Lebensgeister wachhalten“ – das ist sehr ausdrucksstark. Vermute ich richtig, dass es Ihnen wichtig ist, dass in Ihrer Familie Leben herrscht?
Klientin: Ja. Ich habe auch dafür gebetet, dass Gott ihn verändert. Aber es ist nichts geschehen.
Seelsorger: Dann haben Sie auch das hierher mitgebracht: nicht nur das Schweigen Ihres Mannes, sondern auch das Schweigen im Gebet. Sie dürfen auch damit hierherkommen, was im Gebet nicht gelungen ist.
3.2 Kompliment – konkrete Anerkennung
Klientin: Ich habe schon alles versucht. Auch meine Freundinnen sagen, dass ich nicht mehr tun kann.
Seelsorger: Sie haben sehr genau erzählt, womit Sie es überall versucht haben, und auch, wie jeweils darauf reagiert wurde. Daran sehe ich auch, wie aufmerksam Sie verfolgen, was in Ihrer Familie geschieht – bei Ihrem Mann, Ihrem Sohn, Ihrer Tochter. Heutzutage ist es keine Selbstverständlichkeit, dass jemand so genau bemerkt, wenn der andere nicht begeistert ist.
Klientin: Nur hat eben nichts geholfen.
Seelsorger: Ja, das tut weh. Und trotzdem sind Sie hierhergekommen, damit Sie das nicht allein weitertragen müssen. Dazu gehört Mut. Dass Sie Ihre Hoffnung nicht aufgegeben haben, zeigt mir eine Frau mit starkem Glauben.
3.3 Positive Konnotation
Klientin: Ich schäme mich dafür, aber manchmal bin ich schon so wütend auf ihn, dass ich ihn am liebsten verlassen würde.
Seelsorger: Ihre Wut drückt auch aus, wie wichtig Ihnen dieser Mann und diese Beziehung sind. Ein gleichgültiger Mensch ist nicht wütend. Im Moment drückt sich darin Ihre Liebe aus – in einer sehr erschöpften Form. Und Sie wagen es, sich dem offen zu stellen, Sie verbieten es sich nicht. Das ist die achtbare Ehrlichkeit eines erwachsenen, starken Menschen.
Klientin: Es ermüdet mich auch, dass meine Tochter ständig mit mir den Papa analysiert.
Seelsorger: Ich höre heraus, dass Ihre Tochter jetzt, in ihrer eigenen schmerzlichen Zeit, an Ihrer Seite steht. Das zeigt, wie nahe Sie sich stehen, und vielleicht auch, dass sie sich sehr um die Familie sorgt.
Klientin: Ich kann nicht einmal mehr so beten wie früher. Ich klage Gott nur noch.
Seelsorger: Wer Gott klagt, spricht noch mit ihm. Sie haben nicht aufgehört. Vielleicht ist die Klage im Moment Ihr ehrlichstes Gebet – und das ist nicht wenig.
Ziele und Vertrag Kurzfristige Ziele, Vertrag und Vereinbarungen
4 Kurzfristige Ziele, Vertrag und Vereinbarungen
4.1 Kurzfristige Ziele
Die Inanspruchnahme von Hilfe ist die freie Entscheidung der bedürftigen Person. Auch Jesus fragt den Leidenden: „Willst du gesund werden?“ (Joh 5,6) – er bittet um ein Mandat zu helfen. [13] Die kurzfristigen Ziele gehen deshalb von der eigenen Bitte der Klientin aus, sind einfach, verständlich und realistisch.
Die Ehefrau kommt beim ersten Treffen eher als Klagende: Sie schildert ausführlich ihre Schwierigkeiten und erwartet die Lösung von der Veränderung ihres Mannes. [14] Der Seelsorger muss sie nicht drängen; die Kontaktaufnahme und die Anerkennung schaffen die Möglichkeit, dass sie beim nächsten Mal bereits als Hilfesuchende, mit einer eigenen Bitte, kommt. Die Differenzierung der Erwartungen ist dafür das Mittel. [15]
Seelsorger: Was müsste heute hier geschehen, damit Sie sagen können, das war ein gutes Gespräch?
Klientin: Dass Sie mir sagen, was ich mit meinem Mann machen soll.
Seelsorger: Ich verstehe. Und was ist die kleinste Sache, die heute hier geschehen müsste, damit Sie diese Stunde nicht als vertan empfinden – auch wenn Ihr Mann heute Abend genauso sein wird?
Klientin: Dass ich nicht das Gefühl habe, damit allein zu sein. Weder vor den Menschen noch vor Gott.
Seelsorger: Und woran würden Sie merken, dass das schon ein wenig gelungen ist?
Die kurzfristigen Ziele der Begleitung sind in diesem Fall:
Kontaktaufnahme und Annahme. Die Ehefrau erlebt einen wertungsfreien Raum und geht mit einer Erfahrung, aufgrund derer sie sich bereit fühlt zurückzukommen.
Ordnung des Problems. Die Fäden rund um die „Begeisterungslosigkeit“ werden entwirrt und in eine Reihenfolge gebracht.
Das Finden der eigenen Bitte. Neben den Wunsch, den Ehemann zu verändern, tritt eine eigene, heute erreichbare Bitte der Ehefrau.
Beobachtung des Aufmerksamkeitsmusters. Die Ehefrau bemerkt, wer wann mit wem über den „Papa“ spricht und was dabei unausgesprochen bleibt.
Eine Ausnahme und ein kleiner Schritt. Das Erinnern an mindestens einen funktionierenden Moment und eine kleine, von der Ehefrau selbst gewählte, erprobbare Veränderung.
Das Tragen von Hoffnung und Glaube. Neben der hoffnungstragenden Präsenz des Seelsorgers können auch die Hoffnungslosigkeit, die Klage und die Trockenheit im Gebet der Ehefrau ausgesprochen werden.
4.2 Vertrag
Auf ein Symptom schließen wir keinen Vertrag: Ziel der gemeinsamen Arbeit ist nicht die Beseitigung der „Begeisterungslosigkeit“ des Ehemanns. [16] Der Ehemann ist nicht anwesend, und nicht er hat um Hilfe gebeten. Selbst das Ziel, was die Ehefrau „für ihren Mann tun soll, damit er weniger begeisterungslos ist“, würde noch zum symptomatischen Funktionieren gehören. Der Vertrag bezieht sich auf das, was das Symptom im System aufrechterhält und worin die anwesende Klientin selbst etwas bewegen kann.
Seelsorger: Ich sehe, dass hier vieles ineinander verwoben ist: der Zustand Ihres Mannes, die bevorstehenden Veränderungen bei den Kindern, die Meinung der Verwandten und Ihre eigene Erschöpfung. Ich schlage vor, dass wir das zunächst ordnen und dort beginnen, wo sich am leichtesten etwas bewegen lässt – und wo Sie selbst etwas tun können. Ihren Mann kann ich nicht verändern, und das ist auch nicht meine Aufgabe. Dabei kann ich Ihnen aber helfen, dass Sie in dieser Situation anders präsent sein können. Passt das so für Sie?
Klientin: Ich hatte gehofft, dass wir über meinen Mann sprechen werden.
Seelsorger: Über ihn werden wir auch sprechen. Nur nicht als eine zu lösende Aufgabe, sondern als jemanden, der Teil Ihres Lebens ist. Worauf möchten Sie hinaus, damit die nächsten vier oder fünf Termine für Sie gut werden?
Klientin: Dass ich wieder Kraft habe. Und dass zu Hause nicht mehr alles nur um den Papa kreist.
Seelsorger: Dann lassen Sie uns das vereinbaren: Wir werden über Ihre Kraft und über die Aufmerksamkeit Ihrer Familie sprechen.
4.3 Vereinbarungen
Vereinbarungen geben der Klientin und dem Seelsorger einen sicheren Rahmen und können in chaotischen Situationen schon für sich genommen eine wohltuende Wirkung haben. [17] In diesem Fall betreffen sie Folgendes:
Rahmen. Vier bis fünf Termine, jeweils fünfzig Minuten, am Ende des Prozesses mit einem gemeinsamen Rückblick; was sie tun, wenn ein Termin ausfällt.
Schweigepflicht und Gemeinderolle. Was im Gespräch gesagt wird, gelangt nicht vor die Gemeinde oder die Verwandtschaft, und der Seelsorger bringt es in anderen gemeinschaftlichen Situationen nicht zur Sprache. Was der Pfarrer als Seelsorger erfährt, verwendet er nicht als Leiter. [18]
Bibelwort, Gebet, Segen. Sie besprechen, ob die Ehefrau wünscht, dass in den Gesprächen auch ein Bibeltext, ein gemeinsames Gebet oder ein Segen Platz findet, und in welcher Form. Das Angebot beruht immer auf der Zustimmung und der frömmigkeitlichen Prägung der Klientin. [19]
Gegenseitige Information. Was die Ehefrau zu Hause über das Gespräch erzählt und wem. Auch dabei kann der Seelsorger helfen („Was werden Sie Ihrem Mann darüber erzählen, dass Sie hier waren?“).
Die mögliche Einladung des Ehemanns. Nur auf Wunsch der Ehefrau, und nur dann, wenn der Ehemann frei zustimmt.
Hausaufgaben. Freiwillig übernommen, und beim nächsten Termin werden sie auch dann besprochen, wenn ihre Umsetzung nicht gelungen ist.
Seelsorger: Möchten Sie, dass wir unsere Gespräche mit einem Gebet abschließen?
Klientin: Ich weiß nicht. Laut würde es jetzt nicht gehen.
Seelsorger: Das muss auch nicht sein. Wenn Sie möchten, spreche ich einen kurzen Segen, und Sie hören einfach nur zu. Wenn nicht, ist das auch in Ordnung.
Schulenanalyse Zwei familientherapeutische Perspektiven
5 Der Fall aus der Perspektive zweier familientherapeutischer Schulen
5.1 Strategische Therapie (Haley)
Jay Haley geht davon aus, dass die Dauerhaftigkeit von Problemen häufig durch die schlecht gewählten Lösungsversuche selbst verursacht wird. Das Symptom kann darauf hinweisen, dass die Familie auf ungünstige Weise versucht, ihr Gleichgewicht zu bewahren, oder in einem Lebenszykluswechsel feststeckt. Der strategische Helfer beobachtet genau, „wer wann was tut“, setzt sich ein klares Ziel, erstellt einen Plan und hält immer einen alternativen Weg bereit. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf die Gegenwart; er deutet die Symptome nicht, sondern formuliert die Bedeutung der Verhaltensweisen um, ermutigt und versucht, das Schuldgefühl zu verringern. [20] In der seelsorglichen Situation sind die Aufgaben Empfehlungen, die die Klientin ablehnen kann.
Die Anwendung der Lebenszyklustheorie
Die Familie tritt in die Phase des „Ausfliegens“ ein, funktioniert aber noch nach den Regeln der vorherigen Phase: Die Aufmerksamkeit der Eltern richtet sich auf den Zusammenhalt der Familie, die Aufmerksamkeit der Kinder auf die Sorgen zu Hause.
Seelsorger: Wenn ich richtig rechne, ist Ihr Sohn zwanzig, Ihre Tochter achtzehn Jahre alt. Bald können beide aufbrechen. Was wird dann mit Ihnen beiden zu Hause sein?
Klientin: Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Im Moment dreht sich alles um meinen Mann.
Seelsorger: Vielleicht müssen Sie gerade deshalb jetzt noch nicht daran denken. Wenn Sie diese neue Zeit vor Gott bringen würden, worum würden Sie dafür bitten – für sich selbst und für Sie beide?
Klientin: Dass wir einander nicht fremd werden, wenn die Kinder gehen.
Seelsorger: Das ist eine sehr genaue Bitte. Was wäre das eine Thema, über das Sie jetzt schon einmal zu zweit mit ihm sprechen möchten?
Die Beobachtung von „Wer tut was, wann?“
Der strategische Helfer fragt nicht, warum der Ehemann so ist, sondern wie sich das Problem in der Praxis abspielt.
Seelsorger: Rufen wir uns einen gestrigen Abend in Erinnerung. Was geschah, als er nach Hause kam?
Klientin: Er setzte sich vor den Fernseher, sagte nichts.
Seelsorger: Und was haben Sie getan?
Klientin: Ich habe gefragt, was mit ihm los ist. Er sagte, nichts. Dann bin ich zu meiner Tochter gegangen und habe es ihr erzählt.
Seelsorger: Und was hat Ihre Tochter getan?
Klientin: Sie sagte, Papa ist wieder mal so. Dann haben wir eine Stunde über ihn gesprochen.
Seelsorger: Und was hat Ihr Mann davon mitbekommen?
Klientin: Ich nehme an, er hat gehört, dass wir über uns sprechen … Ich meine, über ihn.
Die „falsche Strategie“: die bisherigen Lösungsversuche
Am Fortbestehen eines Problems sind auch die bisherigen, gut gemeinten Lösungsversuche beteiligt. Die aufmunternden, nachfragenden, die Verwandten einbeziehenden Versuche der Ehefrau bestärken zugleich auch die Rolle des „begeisterungslosen Ehemanns“.
Seelsorger: Wenn wir zusammenzählen würden, auf wie viele Arten Sie schon versucht haben, ihn aufzumuntern, wie viele wären das?
Klientin: Unzählige. Unternehmungen, Gespräche, Gebet, und seine Eltern haben ihn ja auch zurechtgewiesen.
Seelsorger: Was, glauben Sie, nimmt Ihr Mann davon wahr?
Klientin: Dass sich alle mit ihm beschäftigen … und dass alle mit ihm unzufrieden sind.
Seelsorger: Vielleicht gilt: Je mehr Menschen und je begeisterter sie versuchen, ihn aufzurütteln, desto mehr spürt er, dass er das Problem ist. Was würde geschehen, wenn eine Woche lang niemand versuchen würde, ihn zu begeistern – und Sie auch in Ihrem Gebet nicht um seine Veränderung bitten würden, sondern ihn einfach in Gottes Hände legen würden?
Konkretes, beobachtbares Ziel
Die strategische Zielbestimmung ist konkret und beobachtbar und bezieht sich auf das Verhalten der anwesenden Klientin, nicht auf den inneren Zustand des abwesenden Ehemanns.
Seelsorger: Wenn wir statt „mein Mann soll wieder begeistert sein“ ein Ziel suchen würden, das Sie in den nächsten zwei Wochen erreichen können, was wäre das?
Klientin: Dass ich nicht jeden Abend mit meiner Tochter über den Papa spreche.
Seelsorger: Woran würden Sie merken, dass Ihnen das gelungen ist?
Klientin: Wenn meine Tochter von ihren eigenen Dingen erzählen würde. Von der Trennung, von dem, was ihr wehtut.
Direktive Empfehlung und alternativer Plan
Der strategische Helfer ist aktiv, gibt Aufgaben, erstellt aber immer auch einen alternativen Plan. Auch direktive Arbeit kann nicht beschämend sein und Respekt gegenüber der Klientin ausdrücken.
Seelsorger: Ich hätte einen Vorschlag, den Sie ruhig ablehnen können. Sprechen Sie in der kommenden Woche jeden Abend höchstens zehn Minuten lang mit Ihrer Tochter über den Papa, in der Küche, und danach über etwas anderes. Wenn das zu viel ist oder nicht funktioniert, wählen wir einen anderen Weg: Zum Beispiel beobachten Sie nur, wer die Gespräche über den Papa jeweils beginnt.
Klientin: Zehn Minuten? Das wird zu wenig sein.
Seelsorger: Kann sein. Beobachten wir, was mit der übrigen Zeit geschieht. Vielleicht findet darin auch die Traurigkeit Ihrer Tochter Platz.
Das Aufzeigen der positiven Seite des Symptoms und das Zurückhalten
Die historische strategische Therapie arbeitete auch mit der Symptomverschreibung. In der seelsorglichen Situation ist der Ehemann nicht anwesend, deshalb verschreiben wir nicht sein Symptom. Die paradoxe Logik lässt sich auf das Muster der anwesenden Klientin und der Familie anwenden: um die positive Seite des Symptoms aufzuzeigen und um einer zu schnellen Veränderung entgegenzuwirken. [21]
Seelsorger: Dabei ist mir auch eingefallen, dass der Zustand Ihres Mannes der Familie gerade einen großen Dienst erweist. Er hält Sie zusammen. Alle haben eine gemeinsame Sorge, und so muss sich niemand mit seinen eigenen schwierigen Fragen befassen – mit der Berufswahl, mit der Trennung, mit der Frage, was aus Ihnen beiden zu zweit wird. Gott sei Dank, dass Sie jetzt so funktionieren können, denn wenigstens gehen Sie so nicht auseinander.
Klientin: So habe ich das noch nicht betrachtet.
Seelsorger: Gerade deshalb empfehle ich auch nicht, schnell etwas zu ändern. Schauen wir uns zunächst an, was schwerer würde, wenn Ihr Mann ab morgen wieder begeistert wäre.
Der Abbau des Schuldgefühls und der Humor
Der strategische Helfer ermutigt und löst das Schuldgefühl; dabei hilft ihm auch sein Humor.
Klientin: Vielleicht bin ich die schlechte Ehefrau, dass wir so weit gekommen sind. Vielleicht zeigt mir das auch Gott.
Seelsorger: Eine schlechte Ehefrau würde nicht monatelang versuchen, ihrem Mann eine Freude zu machen. Ich sehe es eher so, dass Sie im familiären Stimmungsbereitschaftsdienst Überstunden machen – und auch einer Bereitschaftsperson steht ein freier Tag zu. Den Ruhetag habe nicht ich erfunden, sondern der Schöpfer.
Pastoralpsychologische Bezüge
Offenes und geschlossenes System. Eine sich verschließende Familie erneuert sich nur schwer. Dasselbe gilt für die geistliche Dimension: Wenn eine Familie sich nicht auch aus einer höheren Perspektive betrachten kann, verliert sie jene tragenden und erneuernden Wirkungen, die von außen, von Gott, kommen können. [22]
Direktive: Befehl oder Empfehlung. Die strategische Aufgabenstellung hat auch eine theologische Parallele: die Spannung zwischen Gesetz und Evangelium, wie Paulus schreibt: „der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig“ (2. Kor 3,6). Eine gut gegebene Direktive nimmt nicht die Verantwortung für die Entscheidung, sondern ruft zu einer freien und verantwortlichen Entscheidung auf. Auch die Zehn Gebote lassen sich als Wegweiser eines freien Lebens lesen, als stünde vor jedem ihrer Sätze geschrieben: „Wenn du frei sein willst …“. [23]
Macht als Dienst. Haley schrieb über die Verwandlung von Machtlosigkeit in Macht und analysierte auch Jesu „Machttaktiken“. Jesus gewinnt gerade dadurch Autorität, dass er auf seine eigene Macht verzichtet: „wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht“ (Mt 20,26–27). Das Machtgleichgewicht der Familie („um wen dreht sich alles?“) lässt sich in dieser Sichtweise neu ordnen: Die empfangene Macht ist die verantwortliche Sorge für die uns Anvertrauten. [24]
5.2 Erlebnisorientierter Ansatz nach Satir
Im humanistischen Menschenbild Virginia Satirs ist der Mensch ein zum Wachstum fähiges und danach strebendes Wesen, das Symptom ein Zeichen eines verletzten Menschen. Sie stellt den Selbstwert in den Mittelpunkt des seelischen und beziehungsbezogenen Lebens und sieht ihn in Wechselwirkung mit den Prozessen der Familie. In der Kommunikation sieht sie den Ausdruck des Selbstwerts und unterscheidet zwischen Veränderung erster und zweiter Ordnung, zwischen Veränderung und Transformation. [25] Ihre Theorie ist nicht konfessionell gebunden, aber offen für das Transzendente. [26]
Menschenbild: der „nicht nur böse“ Mensch
Die Bezeichnung „begeisterungslos“ wird leicht zu einem Urteil über den Charakter des Ehemanns. Nach Satirs Menschenbild ist das Symptom die Ausdrucksweise eines verletzten, gekränkten Menschen, und der Mensch ist zum Wachstum fähig.
Klientin: Ich glaube, er wird sich nie mehr ändern. Das ist eben seine Natur.
Seelsorger: Auch sein jüngerer Bruder sagt das: Er sei schon immer so gewesen. Und dennoch gab es eine Zeit, in der Sie sich in diesen Mann verliebt und vor Gott Ja zu ihm gesagt haben. Was haben Sie damals in ihm gesehen?
Klientin: Dass er ruhig ist. Dass man sich auf ihn verlassen kann.
Seelsorger: Vielleicht ist sein jetziges Schweigen eine sehr erschöpfte Form desselben ruhigen Menschen. Was, glauben Sie, könnte ihn so sehr erschöpft haben?
Der Selbstwert – die Metapher des „Topfes“
Satirs Topf-Metapher zufolge hängt der Selbstwert davon ab, in welcher Weise und in welchem Maß wir Einfluss darauf haben, was in den „Topf“ gelangen darf und was wir darin behalten. [27] In der Familie ist der Selbstwert aller betroffen: der der Ehefrau, die beim Begeistern „versagt“ hat; der des Ehemanns, der Gegenstand der Unzufriedenheit aller ist; der der Kinder, die sich um ihren Vater sorgen.
Seelsorger: Wenn wir Ihren Selbstwert mit einem Topf vergleichen würden, was ist in den letzten Monaten hineingekommen?
Klientin: Dass ich ihn nicht glücklich machen kann. Dass meine Eltern es gesagt haben. Dass ich bestimmt auch schuld bin.
Seelsorger: Und was ist das, was früher schon drin war und auch jetzt noch da ist, nur weiter unten gelandet ist?
Klientin: Dass ich eine gute Mutter bin. Dass viele auf mich zählen.
Seelsorger: Und was ganz unten im Topf liegt, das kann niemand hineinlegen und niemand herausnehmen: dass Sie Gottes geliebtes Kind sind. Was würden Sie gerne aus dem Topf herausnehmen, das nicht Ihnen gehört?
Die kommunikativen Überlebenshaltungen
Satir beschreibt vier Kommunikationsstrategien in Stresssituationen: Beschwichtigung, Anklage, Rationalisierung und Ablenkung. Das sind keine Menschentypen, sondern in Stress eingenommene Haltungen; einengend werden sie erst dann, wenn eine von ihnen sich zur ausschließlichen erstarrt. [28] Der Seelsorger ordnet den abwesenden Ehemann nicht ein, sondern untersucht mit der Ehefrau ein konkretes familiäres Gespräch.
Seelsorger: Als Sie zuletzt die Lustlosigkeit Ihres Mannes angesprochen haben, in welchem Ton haben Sie das gesagt?
Klientin: Zuerst freundlich. Dann, als er nicht antwortete, habe ich schon gesagt: „Du freust dich nie über irgendetwas.“
Seelsorger: „Nie“ und „irgendetwas“ sind Wörter, die als Vorwurf ankommen können. Und was hat er darauf getan?
Klientin: Er verstummte und sagte, ich würde übertreiben.
Seelsorger: Es ist, als würden Sie immer lauter bitten und er sich immer leiser verteidigen. Was war die Bitte, die hinter „du freust dich nie über irgendetwas“ stand?
Klientin: Dass er auch mich wahrnimmt.
Seelsorger: Und wenn Sie dasselbe Gott sagen würden, in welchem Ton würden Sie es sagen?
Klientin: Vielleicht genauso. Dass „du mich nie erhörst“.
Die fünf Freiheiten
Satirs fünf unveräußerliche Freiheiten: zu sehen und zu hören, was da ist; auszusprechen, was ich fühle und denke; zu fühlen, was ich fühle; um das zu bitten, was ich brauche; zu wagen, es auszuprobieren. [29]
Seelsorger: Satir zufolge hat jeder das Recht, um das zu bitten, was er braucht – Sie müssen nicht auf eine Erlaubnis warten. Was wäre der eine Satz, den Sie Ihrem Mann gegenüber zu sagen wagen würden, darüber, was Sie jetzt brauchen?
Klientin: Dass ich mir wünschen würde, auch manchmal gefragt zu werden. Wie es mir geht.
Seelsorger: Wann und wie könnten Sie das so sagen, dass es nicht als Vorwurf, sondern als Bitte ankommt? Und könnten Sie dasselbe auch Gott gegenüber als Bitte aussprechen?
Das Dreieck: das Paar und die dritte Person
Wenn sich in einem Trio eine der Positionen verfestigt, entsteht eine Funktionsstörung.
Seelsorger: Wenn Sie und Ihre Tochter in der Küche über den Papa sprechen, wo ist dann Ihr Mann?
Klientin: Im Wohnzimmer. Allein.
Seelsorger: Und wenn ich Ihre Tochter fragen würde, was würde sie antworten: Geht es ihr gut in dieser Rolle?
Klientin: Vielleicht würde sie sagen, dass es anstrengend ist, aber sie mich nicht allein lassen kann.
Seelsorger: Was müssten Sie tun, damit Ihre Tochter diese Rolle für einen Abend loslassen kann – und sich mit ihrem eigenen Schmerz befassen kann?
Veränderung und Transformation: Veränderung erster und zweiter Ordnung
Die Eltern versuchten alles, damit ihr erwachsener Sohn auszieht; das war eine Veränderung erster Ordnung und blieb erfolglos. Als sie sich selbst eine Wohnung nahmen und auszogen, war das die Veränderung zweiter Ordnung: Statt ihren Sohn zu verändern, veränderten sie sich selbst. [30] In diesem Fall sind die Aufmunterungsversuche der Ehefrau Veränderungen erster Ordnung. Zur Veränderung zweiter Ordnung führt es, wenn die Ehefrau, statt ihren Mann zu „reparieren“, beginnt, für ihr eigenes Leben zu sorgen. In der Sprache der Religion drückt sich eine solche Transformation in den Bildern der Umkehr, der Wiedergeburt aus: Es verändert sich nicht eine einzelne Eigenschaft, sondern die Perspektive und die Identität als Ganzes. [31]
Seelsorger: Bisher haben Sie alles getan, damit sich Ihr Mann verändert. Was würde geschehen, wenn Sie sich eine Zeit lang nicht mit ihm, sondern mit sich selbst befassen würden? Sagen wir, Sie würden wieder etwas beginnen, das Sie früher gerne getan haben?
Klientin: Das wäre, als würde ich aufgeben. Als wäre ich egoistisch.
Seelsorger: Oder es wäre, als würde die Familie eine andere Tür öffnen. Die zweite Hälfte des Hauptgebots lautet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Was, glauben Sie, würde Ihr Mann als Erstes bemerken, wenn Sie anfingen, auch sich selbst zu lieben?
Spiritualität bei Satir
Satir versteht Spiritualität als die tiefere Dimension des Seins, zu der die Selbstannahme, das Finden des eigenen Selbstwerts und die Kenntnis der „inneren Ressourcen“ gehören. [32]
Seelsorger: Was hat Sie in den letzten Monaten am Leben gehalten – innerlich? Etwas, aus dem Sie Kraft geschöpft haben, wenn es zu Hause schwer war?
Klientin: Das Abendgebet. Auch wenn ich darin in letzter Zeit nur klage.
Seelsorger: Dass Sie nicht aufgehört haben, sagt mir, dass es eine Quelle gibt, zu der Sie immer noch zurückkehren. Ein erheblicher Teil der Psalmen ist Klage. Vielleicht sind Sie damit genau am richtigen Ort.
Pastoralpsychologische Bezüge
Selbstwert und Gottesebenbildlichkeit. Satirs Auffassung von Selbstwert und Mensch fügt sich gut in die Seelsorge ein: Der Wert des Menschen erwächst daraus, dass er Geschöpf ist, seine Würde aus seiner Gottesebenbildlichkeit, und ist deshalb keine Funktion von Leistung oder Erfolg. [33]
„Begeisterungslose“ und „begeisterte“ Kommunikation. Bildlich gesprochen können wir von zwei Arten der Kommunikation sprechen: Die eine ist dürftig und kann das Ganze nicht ausdrücken, die andere ist reich, „beseelt“. Das biblische Bild der vollkommen gelungenen Verständigung ist Pfingsten, als jeder den anderen in seiner eigenen Sprache hört. [34] Der Arbeitstitel des Falls lässt sich so auch als Bild für die Kommunikation der Familie lesen: Nicht nur der Ehemann ist „begeisterungslos“ geworden, sondern auch die Gespräche der Familie, die sich um ihn drehen, aber nicht mit ihm geführt werden.
Die Kommunikationshaltungen im Gebet. Die Stresshaltungen können auch in der Kommunikation mit Gott als „Panzer“ wirken. Auch im Gebet des beschwichtigenden, stets auf andere achtenden Menschen findet er selbst nur schwer Platz; von der Aufforderung „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ hört er leicht das „deinen Nächsten“, das „wie dich selbst“ kaum noch. [35]
Weitere Interventionen Reframing, Fragetypen und seelsorgliche Interventionen
6 Weitere systemische Interventionen
6.1 Reframing
Das Reframing stellt der Wahrnehmung der Klientin die „andere Seite“ einer negativen Feststellung an die Seite: Es korrigiert nicht, sondern ergänzt. Es beruht auf vier Prämissen: Jedes Verhalten kann in seinem eigenen Kontext Sinn erhalten; jedes Verhalten hat eine positive Funktion; der Sinn eines Verhaltens ist im Hinblick auf die Erhaltung des Systems zu suchen; und hinter einem Verhalten können auch eine Fähigkeit, ein Entwicklungsschritt oder eine Loyalität stehen. [36] Im seelsorglichen Sinn hilft das Reframing dabei, in der Leidensgeschichte die Heilsgeschichte zu erkennen. Es ist ein zutiefst biblisches Verfahren: Jesus verlagert in der Geschichte der Ehebrecherin („wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie …“, Joh 8,7) oder im Gleichnis vom Splitter und vom Balken (Mt 7,3–5) den Fokus vom Sündenbock auf die Gemeinschaft und die größeren Zusammenhänge. Wer ein Reframing anbietet, tut dies aus eigener Überzeugung: Er bietet eine neue Perspektive nur dann an, wenn er selbst an deren Möglichkeit glaubt. Das Reframing ist ein Angebot, das die Klientin ablehnen kann; es entschuldigt kein verletzendes Verhalten. [37]
Der „begeisterungslose“ Ehemann – aus Sicht des Systems
Klientin: Es ist, als wäre die Seele aus ihm gewichen.
Seelsorger: Interessant: Seit das so ist, beschäftigen sich fast alle Mitglieder Ihrer Familie mit ihm – Sie, Ihre Tochter, Ihr Sohn, seine Eltern, sogar sein Bruder. Es ist, als wäre der Zustand Ihres Mannes das Thema geworden, das jetzt alle verbindet. Worüber muss wohl gerade nicht gesprochen werden, solange das das gemeinsame Thema ist?
Der Sohn, der sich nicht entscheiden kann – als Loyalität
Klientin: Mein Sohn kann sich nicht für einen Beruf entscheiden, seine Gedanken kreisen ständig um seinen Vater.
Seelsorger: Vielleicht lässt Ihr Sohn seinen Vater jetzt nicht allein. Er bricht nicht auf, solange er das Gefühl hat, zu Hause gebraucht zu werden. Diese Treue ist eine schöne Sache – nur kostet sie ihn vielleicht zu viel. Was, glauben Sie, würde ein guter Vater seinem Sohn sagen, wenn er wüsste, dass dieser seinetwegen nicht aufbricht?
„Ich habe schon alles versucht“ – das Bemühen als Ressource
Klientin: Nichts funktioniert von dem, was ich tue.
Seelsorger: Sie haben viele verschiedene Lösungen ausprobiert, und das zeigt, dass Sie nicht leicht aufgeben. Vielleicht wäre gerade deshalb jetzt etwas ganz Ungewöhnliches dran: nicht noch etwas Neues zu beginnen, sondern etwas aufzuhören. Was, glauben Sie, könnten Sie am leichtesten sein lassen?
Die Gereiztheit – als Fähigkeit
Klientin: Er geht bei allem gleich in die Luft.
Seelsorger: Es scheint, dass es noch etwas gibt, das ihm sehr wichtig ist und wofür er noch protestieren kann. Wer völlig aufgegeben hat, ist auch nicht mehr gereizt. Was mag er wohl schützen, wenn er so reagiert?
Der schweigende Gott und der schweigende Ehemann
Klientin: Sagen Sie mir, wie kann Gott zulassen, dass eine Ehe so ausgehöhlt wird? Ich flehe vergeblich. Auch Gott schweigt nur. Genau wie mein Mann.
Seelsorger: Das ist eine sehr harte Erfahrung: zwei Schweigen zugleich. Ich bin gespannt, was Gott antworten würde, wenn wir anfingen, mit ihm zu sprechen. Wen würden wir zuerst fragen: den Schöpfer, der Ihre Ehe in Gang gesetzt hat, den Erlöser, der die Leere kennt, oder den Geist, der sich auch in unserer Schwachheit für uns verwendet?
Das Reframing verändert hier den Bezugsrahmen: Aus dem schweigenden Gott wird eine dreipersonale Gegenwart, mit der sich ein Dialog beginnen lässt. [38]
Der Aufbruch der Kinder – Verlust und Segen
Klientin: Ich habe Angst, dass das Haus leer sein wird, wenn die Kinder gehen. Dann wird uns nichts mehr verbinden.
Seelsorger: Der Aufbruch der Kinder ist wirklich ein Abschied. Aber er ist auch ein Zeichen dafür, dass Sie Ihre Sache gut gemacht haben: Sie haben Kinder großgezogen, die aufbrechen können. Der Abschied kann so zugleich auch ein Segen sein – für sie und für Sie.
„Ich bin egoistisch, wenn ich mich mit mir selbst beschäftige“
Klientin: Wenn ich jetzt auf mich achten würde, wäre das egoistisch. Eine christliche Frau macht das nicht so.
Seelsorger: Die Bibel sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das „wie dich selbst“ ist kein Schlupfloch, sondern ein Maßstab: Wer sich selbst nicht liebt, liebt auch den anderen nur erschöpft. Vielleicht ist es kein Egoismus, sondern Gehorsam, wenn Sie jetzt auch auf sich selbst achten.
6.2 Systemische Fragetypen
Die Fragetypen (linear, strategisch, reflexiv, zirkulär) können je nachdem gewählt werden, ob sich der Seelsorger orientieren oder Veränderung anstoßen möchte, beziehungsweise ob er von linearen oder zirkulären Voraussetzungen ausgeht. In einer Frage benennen wir nur einen Aspekt, die Fragen passen sich der Sprache der Klientin an, und wir lassen genug Zeit für die Verarbeitung der Antworten. Die Fragen bauen die Beziehung auf; sie dürfen sich nicht wie ein Verhör anfühlen. [39]
Lineare (orientierende) Frage
Sie ist nützlich, wenn der Seelsorger erfahren möchte, wie die Klientin das Problem erklärt. Überwiegt sie zu sehr, kann sie den Eindruck eines Untersuchungsrichters erwecken.
Seelsorger: Wodurch, glauben Sie, ist Ihr Mann so geworden?
Klientin: Ich glaube, seine Arbeit hat ihm das Leben ausgesaugt. Und sein Bruder sagt ja auch, er sei schon immer so gewesen.
Fragen zur Definition des Problems
Seelsorger: Wer war es, der das zuerst „Begeisterungslosigkeit“ genannt hat?
Seelsorger: Welchen anderen Titel könnten Sie dem geben, was zu Hause geschieht?
Seelsorger: Wenn ich Ihren Mann fragen könnte, wie würde er das Problem benennen?
Seelsorger: Wenn Sie mit den Augen Gottes auf diese Situation blicken würden, wie würden Sie sie nennen?
Strategische Frage
Sie regt dazu an, eine Alternative auszuprobieren, indirekt oder offen; sie kann den Eindruck eines Lehrers erwecken, deshalb setzen wir sie vorsichtig ein.
Seelsorger (indirekt): Was würde geschehen, wenn Sie ihn heute Abend nicht fragen würden, was mit ihm los ist, sondern sich einfach neben ihn setzen würden?
Seelsorger (direkt): Würde es helfen, wenn heute Abend einmal nicht Sie das Gespräch beginnen würden?
Seelsorger: Ich nehme an, Sie haben schon oft für sich durchgespielt, wie Sie mit Ihrem Mann über das sprechen könnten, was gerade in Ihrem Glauben geschieht. Welche der Möglichkeiten erscheint Ihnen am gangbarsten? Und welche halten Sie von vornherein für aussichtslos?
Reflexive Frage
Sie spiegelt eine Ressource wider, die der Seelsorger in der Klientin vermutet, und „ruft sie ihr so ins Bewusstsein“.
Seelsorger: Ich bin sicher, dass jemand, der die Stimmung seiner Familie so genau verfolgt, auch eine Idee hat, was ihr selbst jetzt guttäte. Was wäre das?
Seelsorger: Ich bin sicher, dass die Art, wie Sie mit Gott streiten, nicht nur Zweifel ist, sondern auch die leidenschaftliche Suche danach, was Gott mit Ihrem Leben will. Das zeugt von viel innerer Kraft.
Zirkuläre Fragen
Sie betrachten die einzelne Person im Netz ihrer Familie und machen die Beziehungen sichtbar. Das ist das wichtigste Mittel der „Familienseelsorge ohne Familie“.
Seelsorger: Was, glauben Sie, sieht Ihre Tochter an Ihnen, wenn Sie über den Papa sprechen?
Seelsorger: Wenn Ihr Mann über sein Schweigen sprechen könnte, was würde er sagen: Was fehlt ihm am meisten an Ihnen?
Seelsorger: Was, glauben Sie, sieht Ihr Sohn davon, wie sehr Sie sich um seinen Vater sorgen?
Seelsorger: Was würde Ihre Tochter ihrem Vater sagen, wenn sie wüsste, dass ihre Mutter auch seelsorgliche Hilfe in Anspruch nimmt?
Seelsorger: Wer in der Familie würde als Erster bemerken, wenn Sie sich ein wenig weniger sorgen würden?
Seelsorger: Wem würde es am meisten bedeuten, wenn Ihr Mann wieder begeistert wäre – und wem könnte es womöglich ein Problem bereiten?
Fragen zum Kreis der Betroffenen und zur Wirkung auf die Beziehungen
Seelsorger: Wen betrifft diese Situation außer Ihnen am meisten? Wen am wenigsten?
Seelsorger: Wer in der Familie glaubt am meisten daran, dass sich das ändern wird? Und wer am wenigsten?
Seelsorger: Wie würde sich Ihre Beziehung zu Ihrer Tochter verändern, wenn nicht mehr der Papa Ihr gemeinsames Thema wäre?
Frage zum familiären Erbe
Klientin: In letzter Zeit lese ich oft diesen Satz: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.“ Ich möchte darin Trost finden, aber es gelingt mir nicht.
Seelsorger: Das scheint Ihnen ein sehr liebes Bibelwort zu sein. Als wäre es ein wertvolles „Familienerbe“. Von wem haben Sie es zum ersten Mal gehört?
Klientin: Jetzt, wo Sie fragen … von meiner Mutter. Auch sie hatte eine schwere Zeit.
Seelsorger: Und wenn wir jetzt Ihre Mutter fragen würden, was würde sie Ihnen aus diesem Bibelwort ans Herz legen?
Skalierungsfrage
Sie konkretisiert die allgemeine Aussage und macht sie messbar.
Seelsorger: Wo lag Ihre Erschöpfung auf einer Skala von eins bis zehn, als Sie hier hereinkamen, und wo liegt sie jetzt?
Seelsorger: Wie zufrieden sind Sie auf einer Skala von eins bis zehn mit Ihrer Ehe? Und was, glauben Sie, würde Ihr Mann angeben?
Seelsorger: Was bräuchte es, damit sie um einen halben Punkt steigt?
Ausnahmesuchende und lösungsorientierte Fragen
Gibt es eine Ausnahme, dann ist ein Teil der Lösung bereits vorhanden: Es gibt Momente, in denen das Problem nicht auftritt. Die Frage ist, wie sich aus diesen Momenten eine Gewohnheit machen lässt. [40] In der Sprache der Seelsorge: Wo liegt in der Leidensgeschichte ein heilsgeschichtliches Moment?
Seelsorger: Gnädige Frau, so wie Sie es schildern, ist das unerträglich. Gibt es darin wirklich nicht ein einziges Fünkchen Sonnenschein?
Klientin: Ach, doch. Neulich hat er mir Kaffee gekocht, als ich nach Hause kam.
Seelsorger: Was war da anders? Was haben Sie getan, bevor das geschah?
Seelsorger: Was möchten Sie aus Ihrem jetzigen Leben so bewahren, wie es jetzt ist?
Wunderfrage
Seelsorger: Nehmen wir an, heute Nacht geschieht ein Wunder, und das Problem, mit dem Sie hierhergekommen sind, ist bis zum Morgen verschwunden. Woran würden Sie als Erstes merken, dass das Wunder geschehen ist?
Seelsorger: Wer in der Familie würde es als Erstes bemerken?
Seelsorger: Was würden Sie an diesem Morgen als Erstes tun? Und danach?
Seelsorger: Was würde dadurch leichter – und was vielleicht schwerer – in Ihrem Leben?
Zukunftsorientierte Frage
Seelsorger: Nehmen wir an, wir sitzen in fünf Jahren hier. Die Kinder sind schon ausgezogen. Was erzählen Sie mir darüber, wie Sie diese Zeit überstanden haben? Was würden Sie dann sagen: Wo war Gott darin?
6.3 Seelsorgliche Interventionen: Bibelwort, Gebet, Segen
Das Bibelwort, das Gebet und der Ritus sind in der Seelsorge kein Schmuckwerk, sondern eine eigenständig wirkende Beziehungsform und verlangen deshalb sorgfältige Abwägung. Ein Bibelwort erklingt dann, wenn es an die Frage der Klientin anknüpft und sie nicht abschließt; ein Gebet bleibt nur dann glaubwürdig, wenn es sich wirklich an Gott wendet und nicht als verkappter, an die Klientin gerichteter Ratschlag erklingt; und der Segen drückt aus, dass die Annahme des anderen nicht auf seiner Leistung, sondern auf der Güte Gottes beruht. [41]
Mit den Augen Gottes
Schon das kann viel verändern, wenn der Seelsorger der Klientin hilft, sich vorzustellen, wie Gott auf sie blicken könnte. [42]
Seelsorger: Wenn Gott Sie jetzt ansehen würde – nicht über Ihren Mann, nicht über die Kinder, sondern direkt Sie selbst –, was, glauben Sie, würde er sehen?
Klientin: Eine müde Frau. Die nicht gut genug ist.
Seelsorger: Und wenn Gott nicht durch die Brille des „nicht gut genug“ blicken würde? Er, der weiß, wie viele Abende Sie in Sorge um Ihre Familie verbracht haben?
Klientin: Vielleicht, dass ich mir sehr viel Mühe gebe. Und dass auch ich auf ihn angewiesen bin.
Das Gebet des Seelsorgers über die Klientin, in Gegenwart der Klientin
Seelsorger: Wenn Sie erlauben, sage ich Gott, was ich heute von Ihnen gehört habe, und Sie hören einfach nur zu. Wenn irgendetwas darin nicht stimmt, können Sie es hinterher richtigstellen.
Seelsorger (Gebet): Herr, hier vor dir sitzt eine Frau, die in ihrer Familie schon lange die Lebensgeister wachhält. Sie ist müde und sorgt sich sowohl um ihren Mann als auch um ihre Kinder. Du kennst ihr Schweigen. Gib ihr Kraft, auch auf sich selbst zu achten, und schenke ihrer Familie neue Worte füreinander. Amen.
Klientin: Das hat gutgetan. Ich hätte nicht gedacht, dass jemand das so für mich aussprechen würde.
Stellvertretender Glaube und stellvertretende Hoffnung zum Abschluss des Gesprächs
Seelsorger: Gnädige Frau, ich sehe, dass diese Situation für Sie jetzt äußerst schwierig und anstrengend ist. Aber ich habe den sehr starken Eindruck, dass auf der Art, wie Sie damit umgehen und wie Sie dafür kämpfen, Gottes Segen ruhen wird. Wenn Sie jetzt nicht daran glauben können, dann glaube ich eine Zeit lang stellvertretend für Sie.
Segen
Seelsorger: Wenn Sie möchten, verabschiede ich mich mit einem Segen: Der HERR segne dich und behüte dich! Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig! Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden! (4. Mose 6,24–26)
6.4 Transferfrage und Abschlussintervention
Die Abschlussintervention ist eine wenige Minuten dauernde, knappe Zusammenfassung in der eigenen Sprache der Familie: Sie benennt, worum es ging, hebt hervor, was wertvoll und zukunftsweisend war, zeigt, was noch offen ist, beginnt aber kein neues Thema. Die Transferfrage lenkt die Aufmerksamkeit darauf, was nach dem Gespräch geschehen wird, damit der nächste Schritt bewusst gegangen wird. [43] Der Seelsorger hebt hervor, worauf bereits der Segen ruht, und betrachtet nicht die Löcher im Emmentaler Käse.
Seelsorger: Ich fasse zusammen, was ich von dem, was wir heute besprochen haben, für das Wichtigste halte. Sie haben sehr genau erzählt, wie viel Sie für Ihre Familie getan haben. Es hat sich gezeigt, dass rund um den Zustand Ihres Mannes die ganze Familie in Bewegung ist und dass auch Sie es brauchen, dass jemand Sie fragt, wie es Ihnen geht. Auch eine Ausnahme kam zutage: der Kaffee. Und dass auch das klagende Gebet ein Gebet ist. Was noch offen bleibt: was aus Ihnen beiden wird, wenn die Kinder aufbrechen.
Seelsorger: Was erwartet Sie, wenn Sie von hier gehen? Und was werden Sie zu Hause darüber erzählen, dass Sie hier waren? Was, glauben Sie, wird Ihr Mann darauf antworten?
Übungen Die Dialoge sind redigierte Lernbeispiele, keine neuen Falldaten
7 Übungen mit dialogischen Beispielen
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.1 Dekonstruktion des problembildenden Prozesses
Wann und wofür: wenn sich das Problem fixiert hat („ich habe schon alles versucht“) und die gesamte Aufmerksamkeit der Familie bindet. Der Seelsorger geht gemeinsam mit der Klientin den „Lebensweg“ des Problems durch und fragt nach, was dabei in den Hintergrund geraten ist. [44]
Seelsorger: Erinnern Sie sich, wann Sie zum ersten Mal dachten, dass „etwas nicht stimmt“ mit Ihrem Mann?
Klientin: Vielleicht vor zwei Jahren, als mein Sohn Abitur machte.
Seelsorger: Wem haben Sie es zuerst erzählt?
Klientin: Meiner Tochter. Dann meinen Freundinnen, dann ist es auch seinen Eltern aufgefallen.
Seelsorger: Und seit alle darüber sprechen – worüber sprechen sie seitdem weniger?
Klientin: Über das weitere Studium meines Sohnes … und über uns beide. Und darüber, was mir wehtut.
Seelsorger: Und worüber sprechen Sie mit Gott weniger, seit auch Ihr Gebet von Ihrem Mann handelt?
Klientin: Über mich selbst.
Worauf zu achten ist: Die Dekonstruktion bestreitet nicht den Zustand des Ehemanns und die Last der Ehefrau; sie macht sichtbar, was das gemeinsame Thema verdeckt.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.2 Kontaktaufnahme und Klärung der Erwartungen der Klientin
Wann und wofür: beim ersten Treffen, wenn die Klientin „alles oder nichts“ erwartet. Der Seelsorger sucht den ersten Schritt und verspricht keine vollständige Lösung. [45]
Seelsorger: Sie haben gesagt, Sie möchten, dass Ihr Mann wieder der Alte wird. Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Was könnte der erste Schritt sein, den wir heute mit guter Aussicht angehen können?
Klientin: Vielleicht, dass ich verstehe, warum er so geworden ist.
Seelsorger: Bei diesem „Warum“ kommen wir vielleicht lange nicht ans Ende. Was wäre, wenn wir uns stattdessen ansehen würden, was gerade zwischen Ihnen beiden geschieht – und was Sie daran gestalten können?
Worauf zu achten ist: Wir drängen die klagende Klientin nicht in die Rolle der Hilfesuchenden; die Kontaktaufnahme geht der Arbeit voraus.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.3 Genogramm
Wann und wofür: wenn die Meinungen der Verwandtschaft (Bruder, Eltern, Schwiegervater, Schwiegermutter) stark präsent sind. Das Genogramm macht die Beziehungen, die Loyalitäten, die religiösen Traditionen sichtbar sowie, wie die Familiengeschichte in der Klientin weiterlebt. Wenn der Seelsorger auch seinen eigenen Platz einzeichnet, sieht er besser, wo er selbst im System steht. [46]
Seelsorger: Zeichnen wir gemeinsam Ihre Familie auf – drei Generationen. Wo sind Sie, wo Ihr Mann, die Kinder, die beiden Großelternpaare, sein Bruder?
Klientin: Seinen Bruder setze ich hierhin, neben meinen Mann. Er verteidigt ihn immer.
Seelsorger: Wer gilt in der Familie sonst noch als „begeisterungslos“ oder still?
Klientin: Jetzt, wo Sie fragen … von meinem Schwiegervater hat man auch immer gesagt, dass er nicht redet.
Seelsorger: Und wer war es, der in solchen Zeiten „die Lebensgeister wachhielt“ in der Familie?
Klientin: Meine Schwiegermutter. Wie ich.
Seelsorger: Und woher hat sie dafür die Kraft geschöpft? Was hat sie getragen?
Klientin: Ihr Glaube, glaube ich. Sie ist immer in die Kirche gegangen.
Worauf zu achten ist: Wir kennzeichnen bekannte Angaben, die Familienerinnerung und die Deutung der Klientin getrennt; die Wiederholung ist kein Schicksal, und das Erbe trägt auch Ressourcen in sich.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.4 Familienchronik und Zeitlinie
Wann und wofür: für die Frage „Warum gerade jetzt?“. Auf der Zeitlinie werden die familiären Ereignisse, das Erleben der Ehefrau und die Veränderungen ihres Glaubenslebens nebeneinandergestellt. [47]
Seelsorger: Ziehen wir eine Linie über die letzten fünf Jahre. Markieren wir darauf, was geschehen ist: das Abitur des Sohnes, die Trennung der Tochter, Ihre Arbeit, die Gesundheit Ihrer Eltern. In einer anderen Farbe: Wann wurde es schwerer, das Schweigen Ihres Mannes zu ertragen? Und in einer dritten Farbe: Wann war es leichter oder schwerer, zu beten?
Klientin: Die beiden fallen zusammen. Letzten Herbst wurde alles schwerer.
Seelsorger: Was hat sich damals in Ihnen verändert?
Worauf zu achten ist: Die Zeitlinie beweist keine Ursache-Wirkungs-Kette, sondern stellt die Ereignisse nebeneinander; den Zusammenhang entdeckt die Klientin selbst.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.5 Lebenslange (gute?) Ratschläge
Wann und wofür: wenn in den Sätzen der Klientin überlieferte Regeln zum Ausdruck kommen („eine gute Ehefrau …“), darunter auch religiös gefärbte. [48]
Seelsorger: Welche Sätze haben Sie von zu Hause mitgebracht darüber, wie eine gute Ehefrau ist – und wie eine gute christliche Frau?
Klientin: „Eine gute Frau erträgt alles.“ „Wenn der Mann schlecht gelaunt ist, ist die Frau schuld.“ „Gott gibt keine größere Last, als du tragen kannst.“
Seelsorger: Welcher hat Ihnen bisher geholfen, und welcher schränkt Sie jetzt ein?
Klientin: Das „erträgt alles“ hat mir viel geholfen. Jetzt aber bringt es mich um.
Seelsorger: Wie würden Sie das so umformulieren, dass Sie es auch Ihrer Tochter gerne weitergeben würden?
Klientin: Vielleicht so: „Ich kann viel ertragen, aber ich muss nicht alles allein tragen.“
Worauf zu achten ist: Wir bewerten die überlieferten Sätze nicht, sondern untersuchen ihre einstige Schutzfunktion und ihre heutige Wirkung.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.6 Beziehungsrad und Beziehungsnetz
Wann und wofür: wenn sich die Klientin allein fühlt, während viele ihr mit Meinungen „helfen“. [49]
Seelsorger: In die Mitte des Rades kommen Sie. Wer ist Ihnen nah, und wer weiter weg? Markieren Sie gesondert, von wem Sie echten Halt bekommen und von wem eher ein Urteil über Ihren Mann. Wohin würden Sie die Gemeinde setzen – und wohin Gott?
Klientin: Meine Freundinnen sind nah, aber sie schimpfen immer auf meinen Mann. Aus der Gemeinde weiß niemand etwas. Gott … ich weiß nicht, wohin ich ihn setzen soll. In letzter Zeit fühlt er sich fern an.
Seelsorger: Wen könnten Sie diese Woche um eine konkrete, kleine Hilfe bitten – so, dass es nicht um Ihren Mann geht?
Worauf zu achten ist: Das Einbeziehen von Unterstützern berechtigt nicht zur Weitergabe intimer Familiendaten; die Distanz in der Gottesbeziehung ist nicht zu bewerten.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.7 Die mobilisierende Wirkung von Dilemmata – Spaltung (Splitting)
Wann und wofür: gegenüber der „unerschütterlichen Überzeugung der Unveränderlichkeit“. Ein allein arbeitender Seelsorger stellt zwei mögliche Standpunkte dar; in der Doppelleitung können die beiden Helfer unterschiedliche Meinungen vertreten. [50]
Seelsorger: Ich kenne zwei Frauen, die in einer ähnlichen Situation waren. Die eine hat alles getan, um ihren Mann aufzurütteln, und auch in ihrem Gebet nur für ihn gefleht. Die andere hat auf einmal begonnen, sich auch mit ihrem eigenen Leben zu befassen, und in ihrem Gebet auch für sich selbst gebeten. Beide Entscheidungen hatten ihren eigenen Sinn. Zu welcher neigen Sie jetzt?
Klientin: Das Erste habe ich bisher getan. Vor dem Zweiten habe ich Angst.
Seelsorger: Wovor fürchten Sie sich dabei am meisten?
Worauf zu achten ist: Der Seelsorger ist „der Anwalt der Ambivalenz“: Er entscheidet nicht für die Klientin, sondern macht beide Möglichkeiten lebendig.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.8 Unvollendete Sätze
Wann und wofür: um tiefere Lebens- und Glaubensbilder zu formulieren beziehungsweise die eigenen Bedürfnisse zu erkennen. [51]
Seelsorger: Vervollständigen Sie, was Ihnen als Erstes einfällt: „Ich lebe gern, weil …“
Klientin: … weil ich meine Kinder liebe.
Seelsorger: „Der Glaube ist für mich jetzt …“
Klientin: … eine Wand, zu der ich gehe, um zu klagen.
Seelsorger: „Gott denkt jetzt über mich, dass …“
Klientin: … ich weiß nicht. Vielleicht, dass ich sehr müde geworden bin.
Seelsorger: „Mir fehlt jetzt am meisten …“
Klientin: … dass mich jemand fragt, wie es mir geht.
Worauf zu achten ist: Die Sätze sind keine Testfragen; wir deuten die Antworten nicht anstelle der Klientin.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.9 Dasselbe anders – neue Narrative
Wann und wofür: wenn eine einengende Geschichte („bei uns gibt es nur noch Schlechtes“) als „die“ Wirklichkeit erscheint. Auch die Religion ist narrativ: Die Gegenwart der Familie wird davon bestimmt, ob sie sich an das Leiden oder an die Befreiung erinnert. [52]
Seelsorger: Wie würden Sie einer Freundin den vergangenen Monat erzählen?
Klientin: Dass mein Mann begeisterungslos ist und ich erschöpft bin.
Seelsorger: Und wenn Sie denselben Monat so erzählen müssten, dass auch das darin vorkommt, was Sie getragen hat – der Kaffee, die Nähe Ihrer Tochter, das Abendgebet –, wie würde das klingen?
Klientin: Dass es eine schwere Zeit ist, aber dass es trotzdem noch etwas gibt, das uns verbindet. Und dass Gott mich nicht losgelassen hat.
Worauf zu achten ist: Die neue Geschichte löscht die schmerzhaften Tatsachen nicht, sondern stellt das Übersehene daneben.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.10 Externalisierung
Wann und wofür: wenn Person und Problem miteinander verschmelzen („mein Mann ist begeisterungslos“, „ich bin eine schlechte Ehefrau“). Die Externalisierung trennt den Menschen und das Problem voneinander. [53]
Seelsorger: Wenn das, was Ihre Abende einnimmt, einen Namen hätte – nicht Ihr Mann, sondern diese schwere Stille –, wie würden Sie es nennen?
Klientin: Der Graue Nebel.
Seelsorger: Wann ist der Graue Nebel stärker, und wann hat er weniger Macht über Sie beide?
Klientin: Am Wochenende ist er kleiner. Wenn wir zusammen draußen sind, verschwindet er fast.
Seelsorger: Was machen Sie in solchen Momenten anders – Sie, Ihr Mann, die Kinder? Und was, glauben Sie, könnte der Psalmist, der das „finstere Tal“ kannte, über den Grauen Nebel sagen?
Worauf zu achten ist: Wir arbeiten nur mit einem Bild, das zur Klientin passt; der Name darf kein Ersatzetikett für den Ehemann sein.
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7.11 Familientafel
Wann und wofür: In der Einzelseelsorge vertreten kleine Figuren auf der Tafel die abwesenden Familienmitglieder. Die Beziehungen werden räumlich sichtbar, wofür „uns die Worte fehlen“. [54]
Seelsorger: Wählen Sie für jedes Familienmitglied eine Figur und stellen Sie sie so auf die Tafel, wie Sie es jetzt empfinden.
Klientin: (Stellt den Ehemann an den Rand der Tafel, mit dem Rücken zugewandt; sich selbst und ihre Tochter eng nebeneinander; ihren Sohn in die Mitte, dem Vater zugewandt.)
Seelsorger: Wie fühlt es sich an, das anzuschauen?
Klientin: Dass er allein ist. Und dass mein Sohn auf halbem Weg steht.
Seelsorger: Wenn Sie eine einzige Figur verschieben dürften, welche wäre das, und wohin würden Sie sie stellen?
Seelsorger: Und wenn es eine Figur gäbe, die die Gegenwart Gottes in dieser Familie anzeigt, wo würde sie stehen?
Klientin: In der Mitte. Damit alle sie sehen.
Worauf zu achten ist: Die Leitung liegt bei der Klientin; der Seelsorger ist Kommentator, nicht der „Bildhauer“.
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7.12 Begegnung der Gefühlsanteile
Wann und wofür: wenn Liebe, Wut und Müdigkeit zugleich vorhanden sind und sich die Klientin für eines davon schämt. [55]
Seelsorger: Wählen Sie drei Gegenstände für Ihre Wut, Ihre Liebe und Ihre Müdigkeit. Wohin würden Sie sie stellen?
Klientin: Die Wut ist dieser große Stein, in der Mitte. Die Liebe ist dieser kleine Kieselstein, versteckt. Die Müdigkeit bedeckt alles, wie dieses Tuch.
Seelsorger: Was würde der kleine Kieselstein sagen, wenn er sprechen könnte?
Klientin: Dass er noch da ist.
Seelsorger: Und die Wut? Darf sie sich auch vor Gott zu Wort melden?
Klientin: Bisher dachte ich, nein.
Worauf zu achten ist: Nur mit Vorbereitung, Zustimmung und ausreichend Zeit für den Abschluss.
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7.13 Innere Konferenz
Wann und wofür: wenn sich die Klientin mit einem einzigen Gefühl identifiziert („ich bin nur noch wütend“). Der Seelsorger gliedert es in Anteile auf und stärkt die „leitende“, steuernde Rolle der Klientin. [56]
Klientin: In solchen Momenten bin ich nur wütend.
Seelsorger: In solchen Momenten wird ein Teil in Ihnen sehr wütend. Wenn sich daneben auch andere Anteile zu Wort meldeten, was würden sie sagen?
Klientin: Ein Teil ist traurig. Ein anderer hat Angst, dass er eines Tages wirklich geht. Und es gibt einen Teil, der noch Hoffnung hat.
Seelsorger: Und Sie sind mehr als jeder Einzelne von ihnen: Sie leiten diese Beratung. Wem würden Sie jetzt als Erstem das Wort geben?
Worauf zu achten ist: Wir erkennen den Wert jedes Anteils an; das Ziel ist nicht die „Ausmerzung“ eines Anteils, sondern ihre Zusammenarbeit.
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7.14 Himmlische Konferenz
Wann und wofür: bei ethischen und Glaubensdilemmata, wenn es zur Glaubenswelt der Klientin passt. Die Frage wird aus vier Perspektiven beleuchtet: dem Schöpfer (Handlungsfähigkeit, der Gebrauch unserer Fähigkeiten), dem Erlöser (Befreiung vom Zwang zur Allmacht), dem Heiligen Geist (Hoffnung, deren Wert nicht vom Erfolg abhängt) und dem diabolos, der verwirrenden, anklagenden Stimme. [57]
Seelsorger: Bringen wir Ihre Frage vor eine „himmlische Konferenz“. Was würde der Schöpfer dazu sagen, dass Sie sich wieder auch mit Ihrem eigenen Leben befassen?
Klientin: Dass ich meine Talente nicht vergraben soll.
Seelsorger: Und der Erlöser?
Klientin: Dass nicht ich meinen Mann erlösen muss.
Seelsorger: Der Geist?
Klientin: Dass es sinnvoll ist zu hoffen, auch wenn ich das Ergebnis nicht sehe.
Seelsorger: Und was flüstert in solchen Momenten die verwirrende Stimme?
Klientin: Dass ich egoistisch bin. Dass eine gute christliche Ehefrau das nicht so macht.
Seelsorger: Schreiben wir das Protokoll der Konferenz – jede Stimme hat darin ihren Platz. Welche Stimme möchten Sie mit nach Hause nehmen?
Worauf zu achten ist: Wir moralisieren nicht; jeder Gesichtspunkt erhält gleichen Respekt, und die Entscheidung liegt bei der Klientin. Der Seelsorger spricht nicht im Namen Gottes.
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7.15 Karussell der Erwartungen – Tafel-Adaption
Wann und wofür: wenn die Klientin inmitten eines chaotischen Erwartungsnetzes lebt („muntere ihn auf“, „ertrag es“, „wir haben es gesagt“). In der Einzelsituation schreiben wir die Erwartungen auf Karten, und die Klientin ordnet sie. [58]
Seelsorger: Schreiben wir jede Erwartung auf, die Sie jetzt hören: die Ihres Mannes, die der Kinder, die Ihrer Eltern, die Ihrer Schwiegermutter, Ihre eigene – und auch das, was Sie Gott zuschreiben.
Klientin: (Schreibt neun Karten. Auf einer steht: „Gott: sei geduldig und ertrag es.“)
Seelsorger: Bringen Sie sie in eine Reihenfolge: welche ist die wichtigste, welche die unwichtigste.
Klientin: Die meiner Schwiegermutter, dass ich ihn „aufmuntern“ soll, kommt ans Ende.
Seelsorger: Gibt es eine Karte, von der Sie sagen würden: Das betrifft mich gar nicht?
Klientin: Diese. Dass „wir es gesagt haben“. Die gebe ich meinen Eltern zurück.
Seelsorger: Und die Gott zugeschriebene Karte? Ist das wirklich seine Stimme, oder die von jemand anderem, den Sie einst gehört haben?
Worauf zu achten ist: Die laute, bewegte Variante lässt sich nur mit einem geschulten Leiter und mit Zustimmung anwenden; die stille Form dient hier der Verringerung der Überlastung.
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7.16 Unsichtbare Helfer
Wann und wofür: wenn sich die Klientin sich selbst überlassen fühlt. Bei religiöser Sozialisation kann der unsichtbare Helfer auch eine biblische Gestalt sein. [59]
Seelsorger: Wer in Ihrer Familie käme mit dieser Situation am besten zurecht? Ein lebender oder bereits verstorbener Mensch. Oder sogar jemand aus der Bibel.
Klientin: Vielleicht Hanna, die Mutter Samuels. Auch sie hat im Tempel nur geweint, und man hielt sie für betrunken.
Seelsorger: Was würde Hanna Ihnen jetzt sagen?
Klientin: Dass ich mein Herz vor dem Herrn ausschütten soll. Und dass ihr Gesicht danach nicht mehr traurig war.
Worauf zu achten ist: Der unsichtbare Helfer ist eine innere Ressource der Klientin; der Seelsorger gibt ihr keinen neuen Inhalt vor.
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7.17 Die Kontrolle des Unkontrollierbaren
Wann und wofür: wenn die erschöpfenden Gespräche über den „Papa“ die Familie jederzeit unberechenbar überfallen. Die paradoxe Aufgabe bezieht sich auf das Muster der anwesenden Klientin und der Familie, nicht auf den Zustand des Ehemanns. [60]
Seelsorger: Ein ungewöhnlicher Vorschlag: Sprechen Sie diese Woche jeden Abend um halb acht, zehn Minuten lang, mit Ihrer Tochter über den Papa, und nur dann. Sollte das Thema zu einer anderen Zeit aufkommen, sagen Sie: „Um halb acht.“ Danach können Sie allein Gott erzählen, was noch übrig geblieben ist.
Klientin: Und wenn es nicht gelingt?
Seelsorger: Dann zeigt sich auch etwas: was stärker ist als die Vereinbarung.
Worauf zu achten ist: Die paradoxe Methode kann auch manipulativ wirken; wir wenden sie nur sorgfältig an, mit Zustimmung der Klientin und mit einer Besprechung der Wirkung.
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7.18 Das Aufzeigen der Unentbehrlichkeit des Symptoms
Wann und wofür: wenn das System alles gegen das Symptom unternimmt und es dadurch gerade aufrechterhält. Die Methode setzt das Reframing ein. [61]
Seelsorger: Es beeindruckt mich sehr, wie sehr die Sorge die Familie zusammenhält. Solange der Papa so ist, geht niemand: Ihr Sohn bleibt zu Hause, Ihre Tochter bleibt an Ihrer Seite, Sie und Ihr Mann bleiben nicht zu zweit allein. Es scheint, dass diese schwere Stille gerade jetzt einen unentbehrlichen Dienst erweist.
Worauf zu achten ist: Wir ironisieren nicht und machen keine Vorwürfe; die Aussage drückt Anerkennung für den Zusammenhalt der Familie aus.
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7.19 Ritualrekonstruktion – das Hochzeitsgeschenk und das Gelübde
Wann und wofür: um den Übergang zwischen Lebensphasen zu bewältigen. In der Ritualrekonstruktion stellt sich die Klientin vor, was im Trau- oder Taufgelübde gefehlt hat, das ihr jetzt bei diesem Übergang helfen würde. [62]
Seelsorger: Gnädige Frau, was meinen Sie, welches Hochzeitsgeschenk hätte Gott Ihnen bei Ihrer Trauung machen sollen, damit Sie diese Situation jetzt besser lösen könnten?
Klientin: Vielleicht, dass wir nicht nur als Eltern zusammen sind. Dass wir beide auch etwas Gemeinsames haben.
Seelsorger: Wenn Sie Ihr Eheversprechen noch einmal sprechen könnten, was würden Sie noch hinzufügen?
Klientin: Dass wir nicht nur als Eltern der Kinder zusammenbleiben.
Seelsorger: Welche kleine, wiederholbare Gewohnheit könnte das jetzt ausdrücken?
Klientin: Dass wir sonntagnachmittags zu zweit spazieren gehen.
Worauf zu achten ist: Das Ritual sollte wiederholbar sein, an eine Handlung gebunden, vom Alltäglichen abweichend, einem Schema folgen, einen wichtigen Wert ausdrücken, und die Beteiligten sollten es gemeinsam gestalten; die Teilnahme des Ehemanns ist seine freie Entscheidung.
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7.20 Segen zum Aufbruch
Wann und wofür: für den Übergang des Ausfliegens der Kinder. Der elterliche Segen drückt die Annahme des Andersseins und des eigenständigen Weges des Kindes aus; dass das Kind „noch in besseren Händen ist als bei den Eltern“, und das erleichtert das Loslassen. Im Sinne der Gegenseitigkeit kann auch das Kind seine Eltern segnen. [63]
Seelsorger: Wenn Ihr Sohn morgen auf seinen eigenen Weg aufbrechen würde, was würden Sie ihm zum Abschied sagen – nicht als Rat, sondern als Segen?
Klientin: Dass er ruhig gehen soll. Dass wir zurechtkommen werden. Dass Gott mit ihm ist.
Seelsorger: Was, glauben Sie, würde es ihm bedeuten, wenn er das hören würde, auch von seinem Vater?
Klientin: Vielleicht könnte er endlich aufbrechen.
Seelsorger: Und was würden Sie Ihrer Tochter sagen, die jetzt auf Sie achtet?
Klientin: Dass sie nicht auf mich aufpassen muss. Dass sie auf sich selbst achtgeben soll.
Worauf zu achten ist: Der Segen darf nicht erzwungen werden und ersetzt nicht das Gespräch; die Form gestalten wir entsprechend der frömmigkeitlichen Tradition der Familie.
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7.21 Religion und Familie
Wann und wofür: wenn auch die religiöse Sprache oder das Gottesbild die Situation belastet („Gott erwartet, dass ich alles ertrage“). [64]
Seelsorger: Wer ist in Ihrer Familie am religiösesten? Wie wirkt sich das auf Ihre Ehe aus?
Klientin: Vielleicht ich. Mein Mann spricht nicht viel über seinen Glauben.
Seelsorger: Welches Bild haben Sie von Gott im Zusammenhang mit dem Schweigen Ihres Mannes? Was, glauben Sie, erwartet Gott jetzt von Ihnen?
Klientin: Dass ich geduldig bin. Dass ich für ihn bete.
Seelsorger: Und wenn Gott sich auch um Sie sorgen würde, worum würde er für Sie bitten?
Klientin: Dass ich mich ausruhe. Dass ich nicht alles allein wollen soll.
Worauf zu achten ist: Wir untersuchen die konstruktive und die destruktive Form des Gottesbildes anhand der Erfahrung der Klientin, nicht als Glaubensprüfung.
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7.22 Rückmeldebrief
Wann und wofür: nach dem Gespräch, damit der wieder lesbare Text bei der Verarbeitung der Erkenntnisse hilft. Die Gattung des Seelsorgebriefs ist auch im Neuen Testament vertreten. [65]
Seelsorger (Briefauszug): „Liebe gnädige Frau! Danke für Ihr Vertrauen. Es hat mich sehr beeindruckt, mit wie viel Aufmerksamkeit Sie jedes Mitglied Ihrer Familie begleiten. Ich habe mitgenommen, dass Sie bei all der Sorge auch selbst danach suchen, wo Ihr eigener Platz ist. Auch Ihre Geschichte vom Kaffee habe ich bewahrt: eine kleine Ausnahme, die vielleicht mehr sagt, als wir denken. Solange es Ihnen schwerfällt zu hoffen, hoffe ich auch für Sie. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie Gottes Segen.“
Worauf zu achten ist: Der Brief darf nur mit Zustimmung der Klientin an andere weitergegeben werden.
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7.23 Hausaufgabe
Wann und wofür: um einen bisherigen Kreislauf zu unterbrechen oder ein neues Element auszuprobieren. Die Aufgabe sollte nicht von der Zurückdrängung des Symptoms handeln, sondern vom Beginnen von etwas Neuem. [66]
Seelsorger: Ich schlage eine Beobachtungsaufgabe vor: Notieren Sie sich in der kommenden Woche die Momente, in denen zu Hause etwas ein wenig leichter war. Wer war anwesend, was ist vorher geschehen. Wenn Sie möchten, können Sie abends dafür in einem Satz auch danken.
Klientin: Und wenn es das nicht gibt?
Seelsorger: Auch das ist eine wichtige Information. Und wie Sie sich selbst kennen: Wie könnten Sie am erfolgreichsten verhindern, dass Sie diese Momente bemerken?
Worauf zu achten ist: Eine nicht erfüllte Aufgabe bewerten wir nicht als Widerstand; wir untersuchen, was wichtiger war. Das Dankgebet ist ein Angebot, keine Erwartung.
Supervision Supervisorische Gesichtspunkte
8 Supervisorische Gesichtspunkte
8.1 „Wie berührt mich der Fall?“ – Betroffenheit und Verstrickung
Jede Supervision beginnt mit: „Wie, auf welche Weise berührt mich dieser Fall?“ [67] Wenn der Helfer weiß, was ihn berührt, und Herr darüber bleibt, ist die Betroffenheit kein Hindernis. Von Verstrickung sprechen wir, wenn der Helfer von seinen eigenen unverarbeiteten Erfahrungen und Vorurteilen gesteuert wird, ohne es zu bemerken; in diesem Fall muss die Arbeit ausgesetzt werden. In diesem Fall kann den Helfer eine „begeisterungslose“ Phase seiner eigenen Ehe berühren, der Auszug seiner eigenen Kinder, die eigene geistliche Trockenheit oder der aus seiner Berufung stammende Drang, alle „aufzurütteln“. Es lohnt sich zu beobachten, ob sich dadurch seine Arbeitsweise verändert: Wird er gesprächiger, gibt er schneller Ratschläge, wird er übermäßig behütend oder gerade distanziert? [68]
8.2 Das Einwaschen
Der Seelsorger fragt sich schon vor der Ankunft der Klientin: In welchem Zustand bin ich jetzt? Bin ich fähig, mich mit klarer Aufmerksamkeit auf dieses Thema einzulassen? Das Einwaschen ist eine innere Bewusstwerdung, kein rituelles „Abwaschen“. Das Einhalten von Grenzen ist auch in Bezug auf die eigene Person unerlässlich; Nein zu sagen oder einen späteren Termin anzubieten ist kein Im-Stich-Lassen der Klientin, sondern ein Zeichen fachlicher und menschlicher Reife. Ohne für uns selbst zu sorgen, können wir auch nicht verantwortungsvoll für den anderen sorgen.
8.3 Die Gefahr der „diagnostizierenden Koalition“
Die Ehefrau, ihre Tochter, die Freundinnen und die Verwandtschaft sind sich einig, dass der Ehemann „repariert“ werden muss. Wenn sich auch der Seelsorger in diese Reihe einreiht, geht der systemische Überblick verloren, und der Helfer selbst wird zum Mitglied des problembestimmten Kommunikationssystems. Die Supervision untersucht, auf wessen Seite der Helfer sich zieht und wie er auch die Gesichtspunkte der Abwesenden vertreten kann. Der Seelsorger ist auch in der Beobachterposition nicht außenstehend: Seine Fragen, Begriffe, seine religiöse Sprache und seine Rolle prägen mit, was aussprechbar wird. [69]
8.4 Seelsorgerin und Seelsorger
Was kann ein männlicher Seelsorger mit einem „ziemlich weiblichen Problem“ anfangen? Jede Person wird zusammen mit ihrem eigenen Geschlecht Seelsorger; sie kann ahnen, worauf eine Kollegin des anderen Geschlechts achten würde, aber deren Perspektive kann sie nicht ersetzen. Deshalb lohnt es sich, wo immer möglich, dass Seelsorgerin und Seelsorger zusammenarbeiten. [70] Wenn Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat, sollte auch in der Seelsorge nicht getrennt werden, was zusammengehört. [71] Ein allein arbeitender Helfer kann im Sinne der Natürlichkeit und der Transparenz aussprechen, dass er als Mann oder als Frau reagiert, und durch das gedankliche Einbeziehen eines „unsichtbaren Kollegen“ nach der fehlenden Perspektive suchen. [72]
8.5 Retterdrang, Übervorsorge und Omnipotenz
Neben der erschöpften Ehefrau kann im Helfer der Drang entstehen, die Aufgabe der „Reparatur“ der Familie zu übernehmen. Hinter dem Retterdrang steht oft die Unerträglichkeit der eigenen Hilflosigkeit des Helfers: In diesem Fall entscheidet und handelt er anstelle des anderen. [73] Übervorsorge verletzt auch die Würde der unterstützten Person, weil sie ihr das wegnimmt, was sie selbst tun könnte. Nach einem Ruth Cohn, der Begründerin der themenzentrierten Interaktion, zugeschriebenen Satz: „Weniger zu geben, als die Klientin braucht: Diebstahl; mehr zu geben: Mord.“ [74] Der Seelsorger tritt nicht in die Rolle des Erlösers; er muss den Glauben an die Perfektion loslassen können. Für seine eigenen Absichten, Worte und Taten ist er verantwortlich, aber nicht mehr dafür, wie diese beim anderen ankommen.
8.6 Wenn er nichts Anerkennenswertes findet
Wenn der Seelsorger keinen einzigen Punkt findet, für den er aufrichtige Anerkennung geben könnte, behandelt er das als seine eigene Verstrickung. Theologisch gesehen ist der Mensch immer zugleich Sünder und Erlöster; auch neben dem Leiden verbirgt sich ein heilsgeschichtliches Moment. In einem solchen Fall kann die Grundlage der Beziehung das gemeinsame Leiden sein: Die Klientin leidet, und auch der Helfer leidet an seiner eigenen Hilflosigkeit. Das kann er auch aussprechen und die Klientin um Hilfe bitten („Gibt es darin wirklich nicht ein einziges Fünkchen Sonnenschein?“). Wenn er nach den ersten Terminen eine anhaltende Abwehr, Antipathie oder Gefühllosigkeit bei sich feststellt, muss er über die Fortsetzung oder die Weiterleitung entscheiden. [75]
8.7 Das Gottesbild, das Credo und die spirituelle Macht des Seelsorgers
Zur fachlichen Identität gehört, dass der Helfer weiß, was sein eigenes „seelsorgliches Credo“ ist, also was Seelsorge für ihn bedeutet. [76] Auch das Gottesbild des Helfers ist in seiner Arbeit präsent: Wer Gott vor allem als fordernd kennengelernt hat, erlaubt sich selbst auch keine Unsicherheit; wer sich dagegen einen Gott vorstellt, der alles sofort ordnet, kann die Lösung dort beschleunigen wollen, wo eher eine ausdauernde Präsenz nötig wäre. [77] Was der Seelsorger über Gott sagt, hört die Klientin leicht als letztes Wort. Wenn der Helfer die Zweifel des anderen nicht mittragen kann und die Suche mit einem Satz vom Typ „Gott will das so“ abschließt, missbraucht er spirituelle Macht. [78]
8.8 Selbstsupervision und der eigene Glaube des Seelsorgers
Wenn der Helfer feststeckt, kann er dies als Signal behandeln, den mitgebrachten „unsichtbaren Kollegen oder das unsichtbare Familienmitglied“ identifizieren und eine Fallbesprechung mit sich selbst abhalten. [79] Nach den ersten fünfzig Minuten lohnt es sich zu fragen: „Wie schmeckt mir dieser Fall?“, und zu formulieren, was er tun konnte und was nicht. Die Supervision fragt auch danach: In welche Satir'sche „Panzerung“ zieht sich der Helfer unter Stress zurück, und trägt er diese nicht auch vor die Klientin, ja sogar in sein Gebet? Die Arbeit des Seelsorgers kann nicht auf seinen eigenen lebendigen Glauben und sein Gebetsleben, auf Supervision, Mentoring und geistliche Begleitung verzichten; das gehört auch zur Verantwortung gegenüber den Klientinnen und Klienten. [80]
8.9 Selbstsorge
Das Missachten von Grenzen ist keine Nachfolge Christi, sondern die Missachtung dessen, wie der Schöpfer den Menschen endlich geschaffen hat; der Wunsch nach Allmacht kann zu Erschöpfung, anhaltendem Stress und schließlich zum Burnout führen. [81] Selbstsorge ist keine Belohnung nach getaner Arbeit, sondern die regelmäßige Pflege der eigenen Ressourcen. [82] In einem solchen Fall, in dem die Klientin selbst aus einem Mangel an Selbstsorge erschöpft ist, ist die Selbstsorge des Helfers auch eine Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der Begleitung.
Pastoralpsychologie Pastoralpsychologische Analyse
9 Pastoralpsychologische Analyse
9.1 Hinter jeder Lebensfrage verbirgt sich eine Glaubensfrage
Die Pastoralpsychologie betrachtet den Menschen in seiner körperlichen, seelischen, beziehungsbezogenen und spirituellen Ganzheit. Im Anschluss an Anton Boisen bekennt sie: „Hinter jeder Lebensfrage verbirgt sich eine Glaubensfrage, und hinter jeder Glaubensfrage verbirgt sich eine Lebensfrage“, und die beiden lassen sich nur gemeinsam verstehen und begleiten. [83] Die Seelsorge nimmt neben der horizontalen, sozialen und psychischen Dimension auch die vertikale ernst: Sie legt die Gottesbeziehung des Menschen zugrunde.
Tillich zufolge wird das, was für die Existenz des Menschen unverzichtbar ist, zum Gegenstand der „letzten Angelegenheit“ (ultimate concern), und diese Frage bricht am ehesten in Übergängen an die Oberfläche; der Glaube selbst ist die vertrauensvolle Übernahme dieser letzten Angelegenheit. [84] Die „Begeisterungslosigkeit“ ist in diesem Fall zugleich eine Lebensfrage – die Familie steht vor einem Übergang – und eine Glaubensfrage: Was gibt Begeisterung, Sinn und Hoffnung, wenn eine Lebensphase zu Ende geht? Hinter der Erschöpfung der Ehefrau und der Lustlosigkeit des Ehemanns kann jene Frage stehen, die das Paar einander noch nicht gestellt hat: Wozu sind wir noch zusammen, wenn die Kinder gehen?
Tillich sieht die menschliche Entfremdung in drei Richtungen: Der Mensch kann sich von sich selbst, von den anderen und von Gott, dem Grund des Seins, entfernen. Gnade nennt er jene Erfahrung, in der sich der Mensch wieder als angenommen erleben kann. [85] In der Geschichte der Familie können alle drei Richtungen auftreten: Die Ehefrau hat sich von ihren eigenen Bedürfnissen entfernt, die Familienmitglieder voneinander, und auch das Gebet der Ehefrau erscheint ihr als „Wand“. Die seelsorgliche Beziehung sucht in allen drei Richtungen nach kleinen, fragmentarischen Zeichen der Versöhnung, der Wiedervereinigung.
Seelsorger: Wenn wir das Wort „Begeisterungslosigkeit“ nicht auf Ihren Mann, sondern auf Ihre ganze Familie beziehen würden, was würde es bedeuten?
Klientin: Dass in keinem von uns mehr wirklich Freude ist. Wir erledigen nur noch unsere Sachen.
Seelsorger: Und wenn wir an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Begeisterung denken – dass Geist, Seele darin steckt –, woher könnte die Seele in Ihre Familie zurückkehren?
Klientin: Vielleicht nicht von uns. Ich kann sie nicht herstellen.
Seelsorger: Das müssen Sie auch nicht. Auch an Pfingsten haben die Jünger sie nicht selbst hervorgebracht.
9.2 Für etwas leben – nicht gegen etwas
Das christliche Denken ist oft durch die Aufmerksamkeit auf den Mangel gekennzeichnet: Das Leben wird zum Kampf gegen den Fehler. Das biblische Menschenbild ist dem gegenüber in drei Richtungen offen – auf sich selbst, auf den Mitmenschen und auf Gott hin –, und das Hauptgebot lebt nicht gegen etwas, sondern für etwas: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mt 22,39). Die zweite Hälfte des Satzes mahnt: Liebe für andere kommt nur dem zu, der auch sich selbst mit Liebe annehmen kann; Selbstliebe ist so kein Luxus, sondern die Voraussetzung der Liebe, und sie schützt auch vor dem Ausbrennen. [86]
Die Ehefrau lebt seit Monaten „gegen die Begeisterungslosigkeit“: Ihre ganze Kraft richtet sich auf die Beseitigung des Mangels. Die seelsorgliche Frage lautet, wofür, für was sie leben möchte – für ihre Ehe, für den Weg ihrer Kinder, für ihre eigene Berufung, für ihre Gottesbeziehung.
Seelsorger: Wenn Sie ab morgen nicht gegen die Lustlosigkeit Ihres Mannes kämpfen müssten, sondern für etwas leben könnten, was wäre das?
Klientin: Für unsere Familie. Dass wir wieder Lust haben, zusammen zu sein. Und … auch für mich selbst.
Seelsorger: Was würde das an einem einzigen Tag dieser Woche bedeuten?
9.3 Würde und Gottesebenbildlichkeit
Worum auch immer das Gespräch geht, das tiefste Ziel der Seelsorge ist die Sorge um die Würde des Menschen, die aus seiner Gottesebenbildlichkeit erwächst und deshalb unveräußerlich ist. [87] Diese theologische Aussage ist kein Mittel zum Wohlbefinden und erwartet nicht, dass sich der leidende Mensch immer wertvoll fühlt. Die Pastoralpsychologie möchte deshalb das Gefühl nicht mit einem fertigen Lehrsatz in Ordnung bringen, sondern sucht nach einer Beziehung und Gemeinschaft, in der die Annahme erfahrbar wird. [88]
Das gilt in diesem Fall in zwei Richtungen. Die Würde der Ehefrau hängt nicht davon ab, ob es ihr gelingt, ihren Mann „aufzurütteln“. Und die Würde des Ehemanns hängt nicht davon ab, ob er begeistert ist: Das Etikett „begeisterungslos“ im Sprachgebrauch der Familie legt leicht nahe, dass der lustlose Mensch weniger wert sei. Die gleichrangige und gleichwertige Gottesebenbildlichkeit beider Geschlechter ist auch die Grundlage der Paarbeziehung: Die Beziehung ist dann stabil, wenn die Partner diese Gleichrangigkeit erkennen und auch leben können und ihre unterschiedlichen familiären Funktionen zueinander hin, nicht gegeneinander wenden. [89]
9.4 Das „Gutgenug-Sein“ und die Fragmentalität
Der Begriff der Fragmentalität drückt aus, dass das menschliche Leben endlich, bruchstückhaft und unabgeschlossen ist; er widerspricht der Erwartung, dass Fehlerlosigkeit der natürliche Zustand wäre. Im gläubigen Umfeld gesellt sich dazu oft der Gedanke, dass Schwäche ein Zeichen geringen Glaubens sei. [90] Die Sichtweise des „Gutgenug-Seins“ hat theologische Bedeutung: Es hängt vom Menschen-, Welt- und Gottesbild ab, ob jemand im Zwang zur Perfektion lebt oder in Frieden annehmen kann, was „gut genug“ ist. Eine Lebensphase kann auch von dem von Frielingsdorf als dämonisch bezeichneten Bild des „Leistungsgottes“ beherrscht werden, dem zufolge man sich die Liebe Gottes verdienen muss. Jesu Wort – „niemand ist gut außer Gott allein“ (Mk 10,18) – befreit: Die Versöhnung mit dem Leben ist nicht der Lohn für unsere eigene Güte, sondern ein Geschenk der Güte Gottes. [91]
Hinter dem Satz der Ehefrau „ich habe schon alles versucht“ kann ein solcher Maßstab stehen: als müsste eine gute Ehefrau und eine gute Gläubige fähig sein, das familiäre Glück herzustellen. Die pastoralpsychologische Begleitung öffnet sich dem „Gutgenug-Sein“: Sie sucht nicht die perfekte Familie, sondern realistische, dem gegebenen Zustand entsprechende Ziele. Gesund ist der Mensch, der aus eigener Kraft oder mit fremder Hilfe seine realistischen Wünsche erreichen kann und am Ende seines Lebens sagen kann: „Das war mein Leben.“
Seelsorger: Was wäre eine „gut genug“ Ehefrau in dieser Situation – nicht perfekt, nur gut genug?
Klientin: Eine, die ihren Mann nicht allein lässt, aber auch nicht daran zugrunde geht.
Seelsorger: Und eine „gut genug“ Gläubige?
Klientin: Eine, die betet, auch wenn sie nur klagen kann.
9.5 Gottesbild, Selbstbild und der schweigende Gott
Das Gottesbild lässt sich nicht direkt aus einem einzelnen Kindheitserlebnis oder dem Bild der Eltern ableiten; es kann sich an den Wendepunkten des Lebens immer wieder verwandeln. Selbstbild und Gottesbild prägen sich gegenseitig: So, wie wir uns selbst sehen, können wir einen entsprechenden Gott aufnehmen, und wie wir Gott sehen, wirkt sich das auf unser Selbstwertgefühl und unsere Beziehungen zurück. Das emotional lebendige Gottesbild ändert sich selten allein durch bessere Argumente; eher formen es neue Erfahrungen. Eine solche neue Erfahrung kann auch ein seelsorgliches Gespräch oder ein gemeinsames Gebet sein – wenn sich darin nicht der alte Druck oder die alte Scham wiederholt. [92]
In Zeiten des Leidens ist die Frage „Warum lässt Gott das zu?“ meist keine theoretische Debatte, sondern eine Erschütterung der persönlichen Gottesbeziehung: Der zuvor tragende Gott kann fern, schweigend erscheinen. Der Seelsorger muss diese Frage nicht rasch beantworten; er gibt eher dem Protest, der Klage und der Unsicherheit Raum. [93] Wenn die Ehefrau erlebt, dass „auch Gott nur schweigt, wie mein Mann“, können sich die beiden Schweigen gegenseitig verstärken: Die eheliche Erfahrung färbt das Gottesbild, und das Gottesbild färbt die Ehe.
Der Satz „Gottes Auge sieht alles“ kann in der Kindheit auch Angst und Schuldgefühl wecken. Derselbe Satz kann aber auch trösten: Wenn Gott alles sieht, dann sieht er auch, wie sehr ich mich bemühe, Gutes zu tun – auch dann, wenn es nicht gelingt. [94]
Seelsorger: Sie sagten, Gott sei wie Ihr Mann: Er schweigt. Wie war Gott, als Sie ein Kind waren?
Klientin: Streng. Er hat alles gesehen.
Seelsorger: Und wenn Gott alles sieht, dann sieht er auch, wie sehr Sie sich bemühen – auch wenn es nicht gelingt. Was, glauben Sie, würde er dazu sagen, wie Sie seit Monaten die Lebensgeister in Ihrer Familie wachhalten?
Klientin: Das habe ich so noch nie zu Ende gedacht. Dass er auch das sieht.
9.6 Gebet: Kommunikationstypen, Klage und Schweigen
Kommunikation ist Beziehung, und Watzlawicks Grundsatz – „man kann nicht nicht kommunizieren“ – gilt auch für die Beziehung zu Gott. Die unter Stress eingenommenen Kommunikationsmuster können auch im Gebet als „Panzer“ wirken: kurzfristig schützen sie, langfristig engen sie ein. Wer beschwichtigend betet, sollte darauf achten, dass dies nicht in Selbstzerfleischung umschlägt; wer in anklagendem, forderndem Ton zu Gott spricht, sollte bemerken, wann und warum er das tut. Keines der Muster ist an sich gut oder schlecht. [95]
Die verschiedenen Formen des Gebets verleihen unterschiedlichen Erfahrungen eine Stimme: die Bitte der Not und der Hoffnung, der Dank dem empfangenen Guten, die Klage dem Schmerz und dem Zorn, das Schweigen dem, wofür es keine Worte gibt. Wenn jemand nicht wagt, Gott zu klagen, weil er das als Unglauben empfindet, dann ist es gerade die religiöse Sprache, die sein Leiden zum Verstummen bringt. [96] Das Gebet ist der „Königsweg“ der Selbst- und Gotteserkenntnis: Im vertieften Gebet lernen wir nicht nur unsere Wünsche kennen, sondern sie werden dabei auch geformt – mit Scharfenbergs Worten ist das Gebet „der Erzieher unserer Wünsche“. [97] Das schwache Gebet trägt eine Verheißung in sich: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf … der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen“ (Röm 8,26). Auch das Schweigen des Ehemanns darf nicht automatisch als Unglaube gewertet werden.
Seelsorger: Wie beten Sie gewöhnlich für Ihren Mann?
Klientin: Dass Gott ihn verändert. Dass er mir meinen alten Mann zurückgibt.
Seelsorger: Und wenn Sie einmal nicht um seine Veränderung bitten würden, sondern Gott nur erzählen würden, wie es jetzt ist, an seiner Seite zu leben – als Klage, ohne Beschönigung?
Klientin: Darf man so etwas?
Seelsorger: So haben die Psalmbeter gebetet. Und wenn die Worte ausgehen, kann auch das Schweigen ein Gebet sein.
9.7 Sich verändern – geistliche Trockenheit, Zweifel und die „dunkle Nacht der Seele“
Die Religionen beschreiben die großen Wendepunkte mit den Bildern der Umkehr und der Wiedergeburt; in psychologischer Sprache sind das Veränderungen zweiter Ordnung, in denen sich nicht eine einzelne Gewohnheit, sondern das ganze Selbstverständnis des Menschen wandelt. Jede Entwicklung geht mit einer Krise einher. Viele Gläubige erleben, dass ihr Gebet und ihre religiöse Praxis einfacher, ärmer werden; das empfinden sie oft als Niedergang und erzwingen die früheren Formen, obwohl gerade ein tieferer Glaube beginnen könnte. Die mystische Tradition nennt die extreme, mitunter jahrelange Form davon „die dunkle Nacht der Seele“ (Johannes vom Kreuz). [98]
Zweifel ist nicht notwendigerweise das Gegenteil des Glaubens. Er unterbricht die gewohnte Gewissheit, und das ist schwer, gibt aber die Möglichkeit, sich den empfangenen Glauben zu eigen zu machen. Die Begleitung hält einen Raum offen, in dem Frage und Glaube, Unsicherheit und Verbindlichkeit nebeneinander bestehen können. [99] In der Krise besteht die Aufgabe der seelsorglichen Begleitung oft darin, zunächst dem Verlust, der Klage und dem Zorn Raum zu geben; die Schätze der Glaubenstradition helfen dann, wenn sie den Schmerz nicht zum Schweigen bringen, sondern erträglich machen. [100]
Die geistliche Trockenheit und die „Begeisterungslosigkeit“ lassen sich so auch als Weg der Entleerung lesen – aber nur von der eigenen Erfahrung dessen her, den es betrifft. In Abwesenheit des Ehemanns lässt sich nicht feststellen, ob seine Abgestumpftheit ein solcher Prozess wäre, und diese Perspektive mindert auch nicht die Last der Ehefrau. Die eigene Trockenheit der Ehefrau im Gebet kann in diesem Rahmen jedoch angesprochen werden.
9.8 Individuation, Ablösung und Segen – der Weg der Kinder
Die Grundlage für den eigenständigen Weg des Menschen ist theologisch, dass er nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde. In pastoralpsychologischer Lesart bestätigt die Taufe die spätere Ablösung im Voraus: Das Kind gehört nicht den Eltern, sondern Gott; den Eltern ist es nur anvertraut. Deshalb entscheiden nicht die Eltern, wer es wird; ihre Aufgabe ist es, zu entdecken, mit welchen Gaben und welcher Berufung Gott es beschenkt hat, und es dabei zu unterstützen, solange es das braucht. [101] Die Ablösung ist so kein Bruch, sondern eine Neuordnung der Bindungen und Grenzen. [102]
Die Berufswahl des zwanzigjährigen Sohnes und die Situation der achtzehnjährigen Tochter nach der Trennung haben eigenständige lebensgeschichtliche Bedeutung. Wenn der Hauptgegenstand der Familiengespräche das Verstehen des Vaters ist, können diese Wendepunkte in den Hintergrund geraten. Die Liebe zu den Eltern verlangt nicht, dass die jungen Menschen ihre Berufswahl oder die Verarbeitung ihres Verlusts auf unbestimmte Zeit aufschieben. Der Segen kann der rituelle Ausdruck dafür sein: Wer segnet, erkennt den anderen als würdig des Wohlwollens Gottes an, und die Eltern können im Segen erfahren, dass ihr Kind „noch in besseren Händen ist als bei ihnen“. [103] Der Segen hat seinen Platz besonders beim Wechsel von Lebensphasen und in Krisen, weil er hilft, die Gefühle zu verarbeiten und die neue Situation anzunehmen.
Seelsorger: Wenn Ihr Sohn das Gefühl hätte, aufbrechen zu können, weil er zu Hause nicht mehr für die „Bewachung“ seines Vaters gebraucht wird, was würde die Familie verlieren – und was würde sie gewinnen?
Klientin: Wir würden einen Helfer verlieren. Und wir würden einen glücklichen Sohn gewinnen.
Seelsorger: Von wem, glauben Sie, müsste er hören, dass er frei gehen kann?
Klientin: Von mir auch. Und auch von seinem Vater.
9.9 Parentifizierung, Loyalität und die Sichtweise des „guten Haushalters“
Jedes Beziehungssystem übt auch Macht über seine Mitglieder aus. Im biblischen Denken ist Macht jedoch immer empfangene Macht, und in der Familie hat jeder Anteil daran – Mann und Frau, Kind und Alter; der Unterschied liegt nur in den Aufgaben. Das Wort „herrschet“ aus der Schöpfungsgeschichte lässt sich eher als verantwortungsvolle Haushalterschaft verstehen: die verantwortliche Sorge für die uns Anvertrauten. Gerät das aus dem Gleichgewicht, können Kinder in Loyalitätskonflikte, Dreiecke oder eine elterliche Rolle geraten, was ihre Entwicklung behindert. Die Aufgabe des Seelsorgers ist es, diese Muster zu erkennen und der Familie zu helfen, sich den wirklichen, noch zu lösenden Fragen zu stellen. [104]
Die Tochter, die als Vertraute ihrer Mutter ihren Vater analysiert, und der Sohn, der über die Erstarrung seines Vaters wacht, tragen beide eine Last, die nicht die ihre ist. Die seelsorgliche Frage ist nicht, wer daran schuld ist, sondern wie sie ihren kindlichen beziehungsweise jungerwachsenen Platz zurückerhalten können.
9.10 Talente und Selbstsorge – liebe dich selbst
Das Gleichnis von den Talenten (Mt 25,14–30) ruft dazu auf, die empfangenen Gaben nicht zu vergraben, sondern fruchtbar zu machen. Eine der Aufgaben des Seelsorgers ist es zu helfen, dass jeder seine eigenen Talente entfaltet – nicht die eines anderen, aber die eigenen mutig. [105] Die Ehefrau arbeitet seit Monaten daran, die Talente ihres Mannes „fruchtbar zu machen“.
Die dreifache Richtung des Hauptgebots – Gott, der Nächste und wir selbst – ist auch die ethische Grundlage der Gleichrangigkeit und der Selbstsorge: Wir sollten niemandem etwas schuldig bleiben, auch uns selbst nicht. Wer sich selbst nichts Gutes gönnt, verliert seine Selbstständigkeit; hier entscheidet sich die Grenze zwischen Dienst und Selbstausbeutung. Das Motto des Helfens kann lauten: „Ich arbeite so, wie es dir und mir guttut.“ [106] Die Sorge um das eigene Leben ist also keine Belohnung für die erfolgreiche Reparatur der Familie und kein Egoismus. Gleichzeitig kann die Aufforderung „nehmen Sie sich Zeit für sich selbst“ an sich zu einer weiteren Aufgabe werden; deshalb suchen wir, was tatsächlich in die kommende Woche passt, und mit wessen Mitwirkung.
Seelsorger: Wenn Gott Sie nach Ihren Talenten fragen würde, worüber würden Sie gerne berichten?
Klientin: Dass ich gut auf andere achten kann. Dass ich die Familie zusammenhalte.
Seelsorger: Und welches Talent ist in letzter Zeit vergraben geblieben?
Klientin: Früher habe ich im Chor gesungen. Das habe ich sehr geliebt.
9.11 Grenzen, Rhythmus und der Ruhetag
In der Bildsprache der Schöpfungsgeschichte begrenzen Grenzen das Leben nicht, sondern ermöglichen es. Auch die Zeit hat einen Rhythmus: Tag und Nacht, der wöchentliche Ruhetag und die Feste; heiligen wir diese, schützen wir das Leben, missachten wir sie, gefährden wir das Leben – das heutige Burnout ist zum Teil eine Folge dieses Rhythmusverlusts. Die Fähigkeiten des Menschen sind endlich, und dies anzunehmen ist ein Verzicht auf den Wunsch nach Allmacht: Wir sind nach dem Bilde Gottes geschaffen, aber wir sind keine Götter. [107]
Jeder Abend der Ehefrau ist zu einem Bereitschaftsdienst für die Stimmung der Familie geworden. Die seelsorgliche Frage lautet: Wo ist ihr Sabbat? Nicht nach der Lösung der Probleme, sondern jetzt, mitten in den Problemen.
Seelsorger: Wann hatten Sie zuletzt einen Tag, an dem Sie auf niemanden aufpassen mussten?
Klientin: Ich kann mich nicht einmal erinnern.
Seelsorger: Der Schöpfer ruhte am siebten Tag – nicht weil er müde war, sondern weil das Werk gut war. Was wäre Ihr wöchentlicher Ruhetag?
9.12 Vergebung als Erlass der Schuld
Vergebung ist ein tiefer seelischer Prozess, der sich nicht willentlich herstellen lässt. Die Bitte des Vaterunsers (Mt 6,12) handelt im Griechischen vom Erlass von Schulden. Daraus folgt, dass nicht der Schmerz der Kränkung ausgelöscht werden muss, sondern dass man darauf verzichten kann, dass der andere das begleicht, was er schuldet – Respekt, Liebe. Das ist eine bewusste Entscheidung und deshalb leichter, als ein Gefühl auf Befehl zu beseitigen; und sie bezieht sich immer auf eine bestimmte Kränkung: Morgen muss man vielleicht wieder von vorn beginnen. [108] Vergebung löscht das Geschehene nicht aus, kann nicht zu Lasten der verletzten Person eingefordert werden, und die Versöhnung ist ein eigener Prozess. [109]
In der Ehefrau kann sich Kränkung angesammelt haben, gegenüber ihrem Mann („er fragt nicht, wie es mir geht“), gegenüber ihren eigenen Eltern („wir haben es vorausgesagt“) und vielleicht auch gegenüber Gott („ich flehe vergeblich“).
Seelsorger: Was schuldet Ihnen Ihr Mann – das, was Ihnen am meisten fehlt?
Klientin: Aufmerksamkeit. Eine Frage.
Seelsorger: Das müssen Sie nicht vergessen. Aber könnten Sie darauf verzichten, es heute Abend von ihm einzufordern?
Klientin: Für heute Abend vielleicht ja.
9.13 Transgenerationales Erbe und familiäre Heilsgeschichte
Dass sich Verletzungen in Beziehungen über Generationen hinweg auswirken, hat nicht die moderne Psychologie entdeckt: Das Alte Testament kennt es bereits. Den Zehn Geboten zufolge wirkt sich die Schuld der Väter bis ins dritte und vierte Glied aus, die Barmherzigkeit Gottes jedoch bis ins tausendste (2. Mose 20,5–6); das beschreibt in der Sprache der Schrift die über Generationen reichende Bewegung von Lasten und Wiedergutmachung. [110] Eines der Geschenke der Aufarbeitung der Familiengeschichte ist die Erkenntnis der „familiären Heilsgeschichte“: Die Lasten der Vergangenheit verlieren dann an Kraft, wenn wir auch sehen, was die Befreiung ermöglicht hat und welche Gaben die Familie als Segen begleitet haben. [111] Die transgenerationale Wirkung ist keine schicksalhafte Wiederholung; die Untersuchung sucht danach, wo sich eine neue Wahlmöglichkeit eröffnet. [112]
Die Sätze „er war schon immer so“ und „wir haben es vorausgesagt“ legen eine Schicksalhaftigkeit nahe. Die seelsorgliche Frage sucht danach, was die früheren Generationen in ähnlichen Situationen getragen hat und was davon an die Kinder weitergegeben werden kann.
9.14 Leidensgeschichte und Heilsgeschichte
Religion lebt in Erzählungen: Die Gegenwart eines Volkes wird davon bestimmt, ob es sich an das Leiden der Knechtschaft oder an die Befreiung erinnert. Die Seelsorge stellt der auf Krankheit und Mangel gerichteten Sichtweise die nach Gesundheit und Ressourcen suchende Sichtweise gegenüber, der Leidensgeschichte die Heilsgeschichte. [113] Die Aufmerksamkeit für Ausnahmen ist verwandt mit der „Unterscheidung der Geister“ (diakrisis) der geistlichen Tradition und mit der Ermahnung des Apostels Paulus: „was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat“ (Phil 4,8). Die Tradition rät, schlechte Gedanken nicht zu unterdrücken, sondern sie durch das Wort und das Gebet zu ersetzen. [114] Die Seelsorge sucht danach, was die Klientin bisher auch in den Krisen getragen hat. [115]
Der „diabolische“ Gedanke, dass „es in dieser Ehe nur noch Schlechtes gibt“, trennt im wörtlichen Sinne (dia-ballein). Die Erinnerung an den Kaffee ist dem gegenüber jenes kleine heilsgeschichtliche Moment, auf dem der Segen ruht.
9.15 Anpassung oder Überzeugung – die Reifung des Glaubens
Allports Unterscheidung zufolge ist die äußere (extrinsische) Religiosität vor allem die Anpassung an die Regeln der Gemeinschaft, die innere (intrinsische) dagegen ein reifer Glaube, der auch die Zweifel annimmt. Letzterer erträgt die Widersprüche des Lebens besser, weil er auf eine über den Menschen hinausreichende Treue vertraut: Gott nimmt den Menschen mit seinen Fragen und Konflikten an. Der Seelsorger kann den Weg zum inneren Glauben unterstützen, aber nicht er bewirkt das Wachstum: „Gott aber hat das Gedeihen gegeben“ (1. Kor 3,6). [116] Von der äußeren Form der Religionsausübung lässt sich kaum auf ihre innere Funktionsweise schließen: Dieselbe Praxis kann aus Überzeugung oder aus Angst entspringen. [117]
In diesem Fall kann die Norm „eine gute christliche Ehefrau erträgt alles“ eher als Anpassung wirken, die die Bedürfnisse der Ehefrau zum Schweigen bringt. Die seelsorgliche Begleitung kritisiert nicht die Norm, sondern hilft der Ehefrau, eine eigene, innerlich getragene Glaubensüberzeugung darüber zu formulieren, was eheliche Treue und die Verantwortung für sich selbst heute für sie bedeuten.
9.16 Scham, irrealer Schuldgefühl und Moralisieren
Scham bezieht sich nicht auf eine einzelne Tat, sondern auf die ganze Person („ich bin schlecht“); wer beschämt, übt Macht aus, und das ist im gläubigen Umfeld besonders zerstörerisch, wenn es sich auf Gott oder die Autorität der Gemeinschaft beruft. [118] Der irreale Schuldgefühl lädt dem Menschen eine Verantwortung auf, die nicht die seine ist; gefährlich ist es, wenn die Glaubensgemeinschaft die Stärke des Schuldgefühls als Zeichen der Glaubenstiefe bewertet. [119] Das Moralisieren brandmarkt als moralischen Fehler, was wir in Wirklichkeit erst verstehen müssten; die Spiritualisierung verdeckt dagegen die wirkliche Beziehungssituation mit einer religiösen Erklärung. [120]
Wenn der Seelsorger der Klientin sagt, die Krise gebe es, weil sie nicht genug gebetet habe oder weil ihre Gottesbeziehung nicht gut sei, kommt die Klientin mit einem Problem und geht mit zweien. Die seelsorgliche Haltung demgegenüber bewertet weder die Ehefrau noch den Ehemann. Der Satz der Ehefrau „vielleicht bin ich die schlechte Ehefrau“ verlangt nach einer Klärung der Verantwortung: Was war ihr tatsächlicher Handlungsspielraum, und was liegt nicht in ihrer Verantwortung?
9.17 Freude, Dankbarkeit und Zufriedenheit
Es lohnt sich, drei oft vermischte Begriffe zu trennen: Glück, Freude und Zufriedenheit sind nicht dasselbe. Freude ist eher ein momentanes, wandelbares Erleben, Glück eine umfassendere Erfüllung, und Zufriedenheit setzt sich als Bilanz des ganzen Lebens zusammen. Dauerhafte Freude kann niemand erwarten, und auch christliche Freude schließt die Klage nicht aus. [121] Wenn sich diese drei in der Familie zu einer einzigen Erwartung verdichten, kann jeder lustlose Abend zum Beweis des Scheiterns der Ehe werden. Zufriedenheit ist nicht dasselbe wie Resignation; Wertschätzung und der Wunsch nach Veränderung vertragen sich miteinander. [122]
Dankbarkeit ist eine Antwort auf das, was wir geschenkt bekommen haben, lässt sich aber nicht als Pflicht vorschreiben: Im Psalter stehen Dank und Klage nebeneinander, und keines löscht das andere aus. Dankbarkeit hilft dann, wenn sie neben dem Aussprechen des Schlechten die Verbindung zu dem lebendig hält, was trägt; bei frischem Verlust wirkt sie dagegen leicht wie eine weitere Erwartung. [123] Eine mögliche Frage: „Was ist es, das Sie in Ihrer Beziehung weiterhin für wertvoll halten, und wofür möchten Sie gerade deshalb eine andere Form finden?“
9.18 Hoffnung, stellvertretender Glaube und der Karsamstag
Hoffnung ist mehr als Optimismus: Sie kann auch dann bestehen bleiben, wenn die erwartete Wende unwahrscheinlich ist. [124] Die christliche Hoffnung ruht nicht auf menschlicher Leistung, sondern auf der Treue Gottes und der Verheißung der Auferstehung, deshalb erlischt sie auch in Zeiten des Scheiterns nicht. [125] Der stellvertretende Glaube und die stellvertretende Hoffnung sind eine besondere Form von „einer trage des anderen Last“ (Gal 6,2): „Ich weiß und sehe, dass du vor Schmerz jetzt nicht glauben kannst … deshalb glaube ich jetzt an deiner Stelle.“ Das entlastet von dem Schuldgefühl des „ich kann nicht einmal mehr glauben“; der Seelsorger übernimmt es vorübergehend selbst und gibt es zurück, wenn die Klientin gestärkt ist.
Die Ostergeschichte ist die Geschichte eines Krisenprozesses par excellence: Gründonnerstag, der Schmerz des Karfreitags, die Erstarrung des Karsamstags und das leere Grab, das bemerkt werden muss. Der Gottesglaube des Seelsorgers ermöglicht es ihm, an den Menschen zu glauben – auch in der Krise, auch am Karsamstag, auch in der Hoffnungslosigkeit –, und zu helfen, „den Stein wegzuwälzen“. [126] Die Erstarrung der Ehefrau am Karsamstag ist so kein Mangel an Glauben, sondern ein Abschnitt eines Weges. Die stellvertretende Hoffnung ist ein Angebot, keine Übernahme des Glaubens der Klientin und kein Versprechen der gewünschten Veränderung.
Seelsorger: Wenn Sie unter den österlichen Tagen wählen müssten, in welchem leben Sie gerade?
Klientin: Im Karsamstag. Es schmerzt nicht mehr so sehr, es ist nur leer.
Seelsorger: Am Karsamstag haben auch die Jünger nicht geglaubt. Dennoch waren sie gemeinsam da. Solange es Ihnen schwerfällt, glaube ich stellvertretend für Sie daran, dass der Sonntag kommt.
9.19 Trost und Achtung vor der Wirklichkeit
Trösten ist nicht dasselbe wie Beruhigen. Vorschnelle Ermutigung, die fromme Phrase oder das „in jedem Übel steckt auch etwas Gutes“ können nahelegen, dass der Schmerz des anderen nicht ausgehalten werden kann. Echter Trost erkennt den Verlust an, hält die Beziehung aufrecht und bietet, dem Rhythmus des anderen angepasst, ein Wort, ein Gebet oder ein Ritual an. [127] Der Seelsorger spricht nicht anstelle des Heiligen Geistes, des Trösters: Sein Wort, sein Schweigen und sein Gebet sind dann glaubwürdig, wenn sie der Gegenwart Gottes und dem eigenen Erleben des anderen Raum lassen. [128]
9.20 Die Gemeinde als menschliches System und als Ressource
Im jüdisch-christlichen Glauben sind Gemeinschaft und gegenseitige Angewiesenheit grundlegend, und auch das Helfen ist keine Privatangelegenheit eines Einzelnen: Auch der barmherzige Samariter vertraut die weitere Versorgung des Verletzten dem Wirt an (Lk 10,34–35). [129] Die Gemeinde ist nicht nur eine Glaubensgemeinschaft, sondern auch ein menschliches System, mit eigenen Normen, informellen Rangordnungen und Kommunikationsgewohnheiten. [130] Der Wert der gemeindlichen Hilfe zeigt sich nicht an der Menge geistlicher Ratschläge: Wichtiger kann ein regelmäßiges, diskretes Treffen oder die Übernahme einer belastenden Aufgabe sein. Die diakonische Aufmerksamkeit beginnt mit der Klärung des Bedarfs, und die Gemeinschaft hat keine Vollmacht, den Ehemann aufzusuchen, nur weil die Ehefrau um Hilfe gebeten hat. [131]
9.21 Der Seelsorger als „Bild und Gleichnis“ Gottes
In der seelsorglichen Beziehung muss – bruchstückhaft, auf menschliche Weise – jene Annahme sichtbar werden, mit der Gott den leidenden Menschen annimmt. In diesem Sinne ist der Seelsorger „Bild und Gleichnis“ Gottes: Er zeigt ein wenig von Gottes Annahme demjenigen, der sich selbst nicht annehmen kann, und seine Gottesebenbildlichkeit spricht die Gottesebenbildlichkeit des anderen an. [132] Die größte Frage des heutigen Menschen ist nicht mehr die Sünde, sondern die Anerkennung: Wie findet er einen annehmenden, anerkennenden Gott? Der Seelsorger ergreift deshalb jede sich bietende Gelegenheit zur Anerkennung. Das Gespräch mit dem auch als Gottes Repräsentant anwesenden Seelsorger kann so auch ein mittelbares Gebet sein. [133] Gott glaubt so sehr an den Menschen, dass er auch im Leiden und in der Endlichkeit bei ihm bleibt – die Seelsorge dient diesem Glauben. [134]
Weiterdenken Fragen zum Weiterdenken
10 Fragen zum Weiterdenken
Kommunikation vor Gott: In welche satir'sche Position ziehe ich mich in meiner eigenen Gottesbeziehung unter Stress zurück – und wage ich es, kongruent und ehrlich zu Gott zu sprechen? [135]
Selbstwert und Gottesebenbildlichkeit: Worauf gründe ich meinen Selbstwert – auf Leistung, auf die Anerkennung anderer oder auf meine unveräußerliche Gottesebenbildlichkeit –, und wie fließt das in die Art ein, wie ich die Klientin sehe? [136]
Eigene geistliche Trockenheit: Habe ich die geistliche Trockenheit, die „Begeisterungslosigkeit“ in meinem eigenen Glaubensleben bemerkt? Erschreckt sie mich, oder kann ich sie auch als Weg der Entleerung betrachten? Und wie prägt das, wie ich die „Begeisterungslosigkeit“ des Ehemanns anhöre? [137]
Quelle neben der Leidensgeschichte: Suche ich statt des Mangels nach dem, „was bereits funktioniert“, und neben dem Anhören der Leidensgeschichte nach den Zeichen des Getragenwerdens, der Heilsgeschichte? [138]
Gut genug als Helfer: Wo spukt das Bild des Leistungsgottes in meinem eigenen Dienst, und was würde es für mich bedeuten, ein „gut genug“ Seelsorger zu sein? [139]
Das System und ich: In wessen Namen spreche ich, wenn ich über eine Familie spreche? Wessen Stimme fehlt in der Geschichte, die ich höre – und wie kann ich auch sie vertreten? [140]
Auch der Seelsorger ist Mensch: Wie ist mein eigener Glaube, mein Gebetsleben präsent – als Stütze oder als blinder Fleck – in der Art, wie ich diese Familie begleite? [141]
Anmerkungen und Fundstellen der Analyse
Hézser Gábor – Krasznay Mónika. 2026. A rendszerszemléletű családkonzultáció és család-lelkigondozás kézikönyve. Budapest: Harmat. ISBN 978-963-288-951-1.
2 Gehen? Bleiben? – und die Schwiegermutter…
▶ Das Gespräch ansehen – Folge 2 ↗ (ungarischer Ton)
Mehrgenerationenansatz • Strukturelle Therapie
Falldaten Zusammenfassung des mitgeteilten Fallmaterials
1 Zusammenfassung und die seelsorgliche Situation
Es geht um eine junge Familie aus der Gemeinde: Die 28-jährige Mutter ist mit zwei kleinen Kindern (3 und 5 Jahre alt) zu Hause, während ihr Mann seit anderthalb Jahren in der Nähe von München arbeitet und nur alle zwei Wochen für einige Tage nach Hause kommt.
Sie brauchen das Geld (sie wollen eine Wohnung kaufen, und die Eltern können nicht helfen), aber der Frau fällt es immer schwerer, die Trennung zu ertragen. Die Lage verschärft sich durch die Schwiegermutter: Seit ihr Sohn auswärts arbeitet, macht sie die Schwiegertochter für seine Abwesenheit verantwortlich („Du hast es nicht geschafft, deinen Mann bei dir zu halten“), verdächtigt sie und greift zu emotionaler Erpressung, sobald ein gemeinsamer Umzug zur Sprache kommt.
Das zentrale Dilemma: gehen (dem Mann nach, nach München) oder bleiben – wobei auch die Interessen der Kinder und die Loyalitäts- und Auftragskonflikte zwischen den Generationen abzuwägen sind. Die Frau wendet sich an den Seelsorger: Sie ist die Klientin.
Abschrift Der redigierte Text des Gesprächs; der Name der sprechenden Person ist bei jeder Äußerung sichtbar
Die redigierte Abschrift des Gesprächs
Aufnahme des Gesprächs
Péter: Wir werden wieder über einen seelsorglichen Fall sprechen. Wir wollen besprechen, wie man als Seelsorger mit einem solchen oder ähnlichen Thema umgehen sollte. Wenn ihr einverstanden seid, würde ich die Situation gleich hier einbringen und bin dann gespannt auf eure Reaktionen.
Fangen wir an! Ein Pfarrer hat diesen Fall eingesandt; er ist in seiner Praxis auf das Problem gestoßen und berichtet folgendermaßen darüber:
In der Gemeinde gibt es eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern, einem 3- und einem 5-Jährigen. Die Frau ist 28 und arbeitete vor der Geburt der Kinder als Assistentin bei einem Zahnarzt. Ihr Mann ist Facharbeiter und pendelt seit anderthalb Jahren zur Arbeit in die Nähe von München. Dort hat er sich gut eingelebt, lernt die Sprache immer besser, und an seiner Arbeitsstelle mag und schätzt man ihn. Mit seinen Kollegen zusammen mietet er eine Wohnung. Er kommt alle zwei Monate – das heißt alle zwei Wochen – nach Hause und kann dann vier bis fünf Tage zu Hause bleiben.
Die Frau hat ihn schon mit den Kindern dort besucht. Einmal so, dass die Mitbewohner im Urlaub waren und die Wohnung leer stand. Das war eine schöne Zeit, aber danach war die Rückkehr sowohl für sie als auch für die Kinder sehr schwer. Ein anderes Mal waren sie dagegen so dort, dass sich alle in das einzige Zimmer des Mannes zwängten – das war für die Frau einfach unerträglich. Jetzt klagt sie dem Pfarrer, dass sie diese Trennung immer schwerer aushält. Das Geld brauchen sie aber dringend, weil sie eine Wohnung kaufen wollen und die Eltern ihnen dabei nicht helfen können.
Die Frau meint, jetzt wäre der beste Zeitpunkt, dass alle gemeinsam nach Deutschland ziehen. Das Kleinere könnte dort noch in den Kindergarten gehen, und das Größere könnte dort mit der Schule beginnen. Gleichzeitig hat sie aber auch Angst vor einem so großen Wechsel und natürlich vor den fehlenden Sprachkenntnissen.
Erschwert wird die Lage durch ein ernstes Problem: ihre Schwiegermutter. Früher, bevor der Mann wegging, kamen sie verhältnismäßig gut miteinander aus – auch wenn sie nicht füreinander schwärmten –, die Großmutter kritisierte zwar dies und jenes an ihrer Schwiegertochter, aber es war auszuhalten, und man konnte auf sie zählen, wenn jemand auf die Kinder aufpassen musste. Seit ihr Sohn aber auswärts arbeitet, ist das Verhalten der Schwiegermutter unerträglich geworden. Einerseits macht sie die Schwiegertochter für die Abwesenheit ihres Sohnes verantwortlich und sagt: „Du hast es nicht geschafft, deinen Mann bei dir zu halten.“ Andererseits verdächtigt sie sie ständig: „Bestimmt hast du ihn nur deshalb gehen lassen, damit du hier mit anderen Männern herumziehen kannst.“ Und wenn zur Sprache kommt, dass die ganze Familie ausziehen würde, ist die Schwiegermutter zutiefst gekränkt und greift zu emotionaler Erpressung: „Geht ruhig, dann sterbe ich eben allein.“ Dieser Satz erschüttert den Ehemann seelisch zutiefst.
Die Eltern der Frau wohnen am anderen Ende des Landes. Sie verschließen sich der Idee des Umzugs nicht, im Gegenteil, wahrscheinlich würden sie manchmal sogar zu ihnen reisen, um die Enkel zu hüten. Der Pfarrer ist in dieser Lage völlig ratlos und hat das Gefühl, zwischen zwei Feuern, zwischen zwei Fronten aufgerieben zu werden.
Mónika: Kein Wunder, dass er ratlos ist.
Gábor: Es ist auch kein Wunder, dass er zwischen zwei Fronten aufgerieben wird – sofern er in dieser verworrenen Geschichte gegenwärtig überhaupt nur zwischen zwei Fronten aufgerieben wird.
Mónika: Spontan ist mir in der Beschreibung das Wort „ratlos“ aufgefallen, weil mir sofort in den Sinn kam, dass es als Seelsorger eigentlich gar nicht seine Aufgabe wäre, in diesem Dilemma einen Rat zu geben. Fraglich ist, ob man von ihm überhaupt einen Rat erwartet.
Meine andere, allererste fachliche Frage zu der Situation lautet: Wer hat ihn eigentlich genau um Hilfe gebeten?
Gábor: Hm. Das ist eine Schlüsselfrage.
Mónika: Nicht wahr?
Gábor: Nach dem Bericht des Pfarrers und dem Text, den er eingesandt hat, scheint es mir, dass sich die junge Frau mit ihren Klagen an ihn gewandt hat.
Mónika: Es mag so scheinen, ich tippe auch darauf, aber …
Péter: Sie ist diejenige, die physisch zum Pfarrer hingegangen ist.
Mónika: Genau, zumindest ist sie diejenige, die den Kontakt aufgenommen hat.
Gábor: Und wie gut, dass sie ihn aufgenommen hat! Aber seht ihr, wie unglaublich kompliziert dieser Fall ist?
Es gibt nicht ein einziges isoliertes Problem, nicht eine einzige Frage spannt sich in der Tiefe, sondern eine ganze Reihe von Problemen. Das ist bei jeder seelsorglichen Situation völlig typisch, besonders im Gemeindekontext. Die Gemeindeglieder laden oft so, auf einmal, all ihre Sorgen und Nöte beim Pfarrer ab. Wie gut, dass sie sie abladen können, denn durch das Aussprechen tritt schon eine kleine Erleichterung ein!
Aber der Pfarrer muss dann dort, an Ort und Stelle, entscheiden, was er mit diesem riesigen Paket anfangen soll, wo er die Geschichte anpackt. Welche konkreten Fäden und Probleme siehst du darin, Mónika?
Mónika: Hm. Nun, an erster Stelle natürlich das sehr einschneidende Problem, dass diese junge Familie – zumindest vorübergehend – dadurch völlig auseinandergerissen ist, dass der Mann im Ausland arbeitet. Das ist auch dann so, wenn sie sich relativ oft, alle zwei Wochen, sehen. Im Alltag leben sie dennoch getrennt, was die Ehe enorm belastet.
Dann sehe ich den Konflikt zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, und zwar in einer ganz besonderen Brechung: Es fragt sich, inwieweit die Reaktionen der Schwiegermutter mit ihren eigenen, aus ihrer natürlichen Lebensentwicklung erwachsenden Blockaden und Lebensfragen zusammenhängen. Es gibt also eine aktuelle Situation – die Arbeit des Sohnes im Ausland und das gespannte Verhältnis zur Schwiegertochter –, doch zugleich steht auch hinter der Schwiegermutter ein natürlicher Lebensweg, mit seinen eigenen Problemen des Loslassens oder der Einsamkeit. Diese Fäden schieben sich hier völlig ineinander und häufen sich an.
Gábor: Vielleicht sollten wir hier einen Augenblick innehalten, denn du hast etwas äußerst Wichtiges gesagt, worauf man direkt hinweisen sollte. In der Seelsorge und in der Krisenberatung ist es immer sehr wichtig, zwischen den sogenannten natürlichen Krisen (normativen Krisen) und den aktuellen Krisen (Aktionskrisen) zu unterscheiden.
Unter dem, was du jetzt aufgezählt hast, finden sich auch die natürlichen, aus dem Lebenszykluswechsel erwachsenden Krisen. Wäre dieser Mann zufällig zu Hause geblieben und würde nicht in München arbeiten, dann wäre es auch dann lohnend zu prüfen, welche dieser familiären und Beziehungskrisen genau gleich vorhanden blieben. Die Arbeit im Ausland verstärkt oder sichtbar macht oft nur das, was sich in der Tiefe ohnehin schon entwickelt hatte.
Mónika: Genau. Außerdem erleichtert es die Lage nicht, dass hier eine sehr rationale materielle Existenzfrage mit den tiefen, emotionalen Bedürfnissen aufeinanderprallt. Der Mann geht zum Arbeiten ins Ausland, um seiner Familie materielle Sicherheit, eine Wohnung und eine Zukunft zu schaffen.
Ich bringe das deshalb ein, weil der Mensch grundlegende, primäre Bedürfnisse hat, die befriedigt werden müssen – wenn wir uns die Maslow-Pyramide in Erinnerung rufen, wissen wir, dass Sicherheit und physisches Überleben die Basis sind und erst danach unsere höheren, relationalen oder selbstverwirklichenden Bedürfnisse in Betracht kommen. Gegen das rationale Argument ist sehr schwer anzukommen, wenn eine Familie sagt: Sie müssen jetzt ins Ausland gehen, um ihre materielle Sicherheit zu schaffen.
Von außen wäre es natürlich leicht, sofort zu entgegnen: „Gut, dann soll der Mann eben nach Hause ziehen, und sie sollen friedlich und bescheidener zusammenleben.“ Aber wenn sie diese Arbeit im Ausland derzeit als einzige Lösung zur Sicherung ihrer physischen und materiellen Bedürfnisse sehen, dann ist es nicht unsere Aufgabe als Seelsorger, darüber zu streiten. Auf einem anderen Blatt steht, dass man im weiteren Verlauf prüfen könnte, ob das wirklich der einzige Weg ist. Aber in der ersten Phase ist das nicht unsere Aufgabe.
Mir geht noch etwas durch den Kopf – ich würde es fast nur als Information oder als Frage an den Pfarrer oder an die junge Frau selbst einbringen: Ist die Frage der Eifersucht in eurer Lesart nicht aufgetaucht? Ist euch dieser Faden aufgrund der Beschreibung nicht aufgefallen?
Péter: Die Schwiegermutter hat tatsächlich etwas laut ausgesprochen, aber aus der Beschreibung ist nicht zu erkennen, ob diese Eifersucht nur in ihrem Kopf als Verdächtigung aufgekommen ist oder ob sie irgendeinen Wirklichkeitsgehalt hat. Wie es damit ausgegangen ist und wie die Ehefrau reagiert hat, geht aus dem Bericht des Pfarrers nicht hervor.
Gábor: Ob das nun eine konkrete, reale Spannung zwischen dem Paar ist oder eine rein in der Fantasie der Schwiegermutter lebende, böswillige Projektion, das wissen wir tatsächlich nicht.
Aber schaut euch an, was wir jetzt als Allererstes tun! Zunächst – bevor wir überhaupt anfangen, darüber nachzudenken, was man hier tun könnte, wie man in einem solchen Fall helfen könnte – versuchen wir, die verworrenen Zusammenhänge zu klären. Wir wollen sehen, worum es im Hintergrund alles geht. Wenn das geschehen ist, können wir aus den vielen Fäden einen auswählen, mit dem man ansetzen kann und für den wir die fachlichen Möglichkeiten, Fähigkeiten und Mittel haben.
Du, Mónika, hast hier die konkrete materielle Lage erwähnt: Der Lebensunterhalt muss gesichert werden, sie wollen eine Wohnung kaufen. Das ist eine knallharte Realität, die man nicht außer Acht lassen kann. Was haben wir noch gesehen?
Mónika: Ich habe meinerseits – vorerst nur als Anregung – den Paarbeziehungsfaden eingebracht: ob wegen der physischen Distanz zwischen Mann und Frau Eifersucht auftritt.
Gábor: Genau, die Qualität der Paarbeziehung selbst. Die junge Frau deutet ja auch an, dass ihr Mann ihr furchtbar fehlt und ihr diese Lage so immer unerträglicher wird.
Dann haben wir auch noch den klassischen Konflikt zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, und natürlich dürfen wir auch nicht außer Acht lassen, was mit den Kindern wird. Es ist selbstverständlich eine sehr schöne und vorteilhafte Perspektive, dass sie, wenn sie nach München ziehen, dort in den Kindergarten gehen, dort mit der Schule beginnen und auf muttersprachlichem Niveau eine Weltsprache lernen. Aber welche ernsten Nachteile und Verluste kann es haben, wenn sie jetzt plötzlich aus ihrer vertrauten heimatlichen Umgebung herausgerissen werden? Auch das ist ein ganz eigener Problemkomplex. Ich weiß nicht, seht ihr darüber hinaus noch etwas, das hier in Erscheinung tritt?
Mónika: Mir ist aus dem Text auch nicht ganz klar, ob sie aus finanziellen oder anderen praktischen Gründen überhaupt die Möglichkeit haben, dass alle zum Mann ausziehen, oder nicht.
Gábor: Wir wissen es nicht. Es scheint, dass sie darauf angewiesen sind, dass der Mann dort das Geld für die Wohnung zusammenbringt, doch das bedeutet derzeit, dass die Familie auseinandergerissen wird. Und da unter unseren seelsorglichen Normen und Werten immer eine der allerersten der Schutz und die Unterstützung der Einheit der Familie ist, geraten wir mit dieser Situation schon in ein recht schwieriges, gespanntes Dilemma.
Péter: Mir fehlt es vielleicht in der Geschichte, oder es ist in der Beschreibung einfach nicht gesagt worden, aber eigentlich ist hier die konkrete Frage nicht benannt. Was war der Punkt, die ausdrückliche Bitte, mit der die Frau zum Pfarrer gegangen ist?
Mónika: Genau dort wollte auch ich hin! Helfen können wir nämlich auf jeden Fall nur entlang des von der Klientin formulierten Anliegens beginnen. Es kann sein, dass wir im Verlauf später nicht auf diesem Weg weitergehen, aber für den Anfang braucht es eine relativ konkrete, ausgesprochene Fragestellung. Eine derart komplexe, vielschichtige Situationsbeschreibung – auch wenn sie die Bitte um Hilfe implizit, verdeckt in sich trägt – verlangt, dass diese explizit, ganz offen wird.
Nehmen wir an, ihre Frage richtet sich darauf: Wie hält sie die gegenwärtige Situation aus? Wenn die junge Frau die Hilfesuchende war, dann kann man mit ihr eine ausdrücklich ressourcenorientierte, auf Kraftquellen konzentrierte Arbeit beginnen.
Das heißt, dass es methodisch grundsätzlich nicht unsere Aufgabe ist, als Seelsorger die äußeren Lebensumstände der Familie zu verändern – denn die Arbeit des Mannes oder die Natur der Schwiegermutter können wir nicht umschreiben –, wohl aber können wir großes Gewicht darauf legen, welche vorhandenen inneren oder äußeren Ressourcen diese Frau beziehungsweise die Familie hat, mit deren Hilfe diese schwierige Lebenslage leichter tragbar würde.
Gábor: Ja, aber es stimmt auch – und das wisst ihr sicher aus eigener Erfahrung –, dass man, wenn einem alles auf einmal zusammenkommt, schlicht unfähig ist, eine Reihenfolge aufzustellen. Dann hast du keine einzige klare Frage. Solange du aber keine Frage hast, ist das der schlimmste Zustand.
Denn das bedeutet, dass in dir alles gleichzeitig tobt; ein Gedanke schlägt den anderen oder verstärkt gerade den anderen. Wenn ich schon so weit komme, dass ich eine einzige konkrete Frage formulieren kann, dann bin ich schon einen gewaltigen Schritt weiter.
Ich habe das Gefühl – obwohl du, Mónika, als Frau das sicher besser nachempfinden kannst –, dass diese junge Frau noch genau in der Phase ist, in der sie nicht einmal weiß, ob sie ein Junge oder ein Mädchen ist. Sie hat noch gar keine Frage, ihr sind einfach die Wellen über dem Kopf zusammengeschlagen.
Mónika: Ja, und dazu wollte ich sagen, dass die Formulierung der konkreten Frage nicht unbedingt pathetische Dinge bedeuten muss. Diese bestimmte Anfangsfrage kann auch einfach lauten: „Herr Pfarrer, ich habe keine Ahnung, was mit mir los ist, ich fühle mich in dieser Situation einfach entsetzlich schlecht!“
Denn wenn sie das ausspricht, kann man mit diesem „Ich habe keine Ahnung“ schon beginnen. In solchen Momenten arbeiten wir zum Beispiel sehr gern mit Symbolen. Man kann sie fragen: „Wenn Sie für diesen Zustand des ‚Ich habe keine Ahnung‘ ein Bild oder ein Symbol finden müssten, was wäre das?“ Und schon bringt die Klientin ihre Bilder: Die Probleme überfluten sie, die Wellen schlagen über ihrem Kopf zusammen, oder die Wand türmt sich wie ein Berg vor ihr auf. Mit diesem inneren Bild kann man dann bereits hervorragend arbeiten. Es ist also nicht das Ziel, dass sie beim ersten Mal ihr Problem rational, auf die Goldwaage gelegt, formuliert, und doch habe ich in gewissem Maße diesen expliziten Ausgangspunkt in der Geschichte vermisst.
Péter: Noch etwas ist mir an der Beschreibung aufgefallen: die Frage der Mutter-Sohn-Beziehung. Denn laut der Geschichte hat die stichelnde Bemerkung der Schwiegermutter – „Geht nur, ich werde schon irgendwie allein sterben können“ – vor allem den Ehemann sehr tief erschüttert.
Gábor: Allerdings, der arme Ehemann steht völlig zwischen zwei Feuern, zwischen zwei Fronten! Das ist eine klassische, lehrbuchmäßige Dreieckssituation: Ein Mann wird zwischen zwei Frauen – seiner Mutter und seiner Ehefrau – eingeklemmt.
Aber um noch einen Augenblick auf das zurückzukommen, was ihr über das Fehlen der Frage gesagt habt: Wenn wir schauen, wie man in der Praxis mit einem solchen Fall umgehen kann, dann besteht der allererste Punkt des seelsorglichen Prozesses darin, dass ich mit der Frau eine Vereinbarung treffe. Wir schließen einen Vertrag darüber, worauf wir jetzt als Allererstes eine Antwort suchen. Aus den vielen durcheinanderwirbelnden Problemen stellen wir gemeinsam eine Rangfolge auf und greifen nach ihrem inneren Erleben das heraus, was gegenwärtig am stärksten im Vordergrund steht. Und ja, zwischen diesen Fäden wird früher oder später unweigerlich auch diese Dreieckssituation und die Mutter-Sohn-Dynamik auftauchen.
Mónika: Eine solche Gesprächsführung kann außerordentlich interessant sein. Denn wenn wir davon ausgehen, dass der Pfarrer jetzt nur mit der Ehefrau im Zimmer sitzt, kann man durch den systemischen Ansatz dennoch hervorragend auch die körperlich nicht anwesenden Familienmitglieder in den Arbeitsprozess einbeziehen. Das ist eines der Dinge, die wir als Helfende unbedingt tun müssen; früher oder später müssen wir dort ankommen.
Methodisch muss ich das jetzt nicht lange ausführen, aber man kann das sowohl mit inneren Bildern als auch mit räumlichen Techniken tun – etwa mit leeren Stühlen, wobei wir uns vorstellen, wer wo sitzt, und die Ehefrau, indem sie sich auf den Platz des anderen setzt, zu formulieren versucht, was ihr Mann oder ihre Schwiegermutter denken, wie sie antworten würden.
Die andere Möglichkeit aber – und auch die dürfen wir nicht ausschließen – ist, dass sich in einer späteren Phase Ehemann, Ehefrau und Schwiegermutter tatsächlich gemeinsam an einen Tisch setzen können. Wenn eine solche Mehrpersonen-Konsultation zustande kommt, müssen wir als Seelsorgende auf etwas außerordentlich Wichtiges und Feines achten: darauf, wie wir die Interessen aller Beteiligten gleichermaßen vertreten können.
In der Familientherapie, in der Methodik der kontextuellen Therapie nach Iván Böszörményi-Nagy, nennen wir das mehrseitige Parteilichkeit (oder mehrseitige Interessenvertretung). Es ist sehr wichtig, dies als Prinzip festzuhalten, weil Anfänger unter den Helfenden die Sache oft verwechseln: Interessenvertretung bedeutet nicht, dass ich dem verletzenden Verhalten der Schwiegermutter zustimme oder gutheiße, was sie tut. Es geht ganz einfach darum, dass im Raum für alle – für die Schwiegertochter, den Ehemann und ebenso für die Schwiegermutter – der eigene Zustand, die eigene Verwundung und die sie betreffenden Lebensfragen Berechtigung gewinnen. Ich als Helfer erkenne im Verlauf des Gesprächs die Wahrheit und den Schmerz eines jeden von ihnen an, ohne dass wir über irgendjemanden den Stab brechen.
Péter: Vielleicht ist das nur bei mir hochgekommen, aber so, wie du das jetzt eingebracht hast, könnte meiner Meinung nach auch in einigen unserer Zuhörerinnen und Zuhörer ein Ausdruck aufgetaucht sein. Danach möchte ich nachfragen: Könnte das, was du jetzt gesagt hast, nicht für jemanden so klingen: „Aha, wir suchen hier also einfach einen Kompromiss“?
Ist das dasselbe, oder geht es um etwas ganz anderes?
Gábor: Eine sehr gute Frage, eine außerordentlich gute Frage! Nein, das ist ganz und gar nicht dasselbe.
Diese Interessenvertretung bedeutet zunächst einmal – wenn du erlaubst, dass ich es jetzt ganz einfach, „kirchlich“ formuliere –, dass ich alle gleichermaßen liebe.
Schauen wir uns dieses System an: Da ist die Schwiegermutter, die im Moment eine ziemlich eigenartige, schwierige Gestalt ist; da ist diese junge Frau; da sind die Kinder – auf die wir noch gar nicht richtig geschaut haben –; und da ist der Mann. Sie alle befinden sich in sehr unterschiedlichen Positionen und spielen in diesem Drama ganz andere Rollen. Diese mehrseitige Interessenvertretung, von der Mónika gesprochen hat, bedeutet in meiner Lesart: Wie kann ich jeden von ihnen lieben, genau so und für sich genommen, wie er ist? Und bin ich fähig, ihnen die Botschaft zu vermitteln: „Ja, ich vertrete jetzt auch dich“?
Sagt dir das so etwas, Mónika?
Mónika: Absolut. Und wenn wir noch ein bisschen über diese Kompromisssuche nachdenken: Die Interessenvertretung ist eine deutlich vorgelagerte Stufe.
Dieser Begriff betrifft zunächst noch rein die innere Haltung des Seelsorgers – jene vielfältige, parallele Zugewandtheit, mit der er sich den Mitgliedern der Familie zuwendet. Ob aus diesem Prozess später ein Kompromiss entsteht oder wie sie zu einem gemeinsamen Nenner gelangen, ist eine ganz andere, spätere Phase.
Gábor: Sehr gut, was du sagst. Ich habe mich gerade einen Moment lang völlig mit dem Seelsorger in dieser Situation identifiziert, mir vorgestellt, ich säße an seiner Stelle – und ehrlich gesagt ist es überhaupt kein gutes Gefühl, dort zu sein. Im Moment wäre ich wahrscheinlich lieber überall auf der Welt als auf seinem Stuhl!
Gerade deshalb überlege ich an dieser Stelle: Was ist als Seelsorger meine allererste Aufgabe? Dass ich festen Boden unter den Füßen habe.
Diese Familiengeschichte ist ein ziemlich sumpfiges, morastiges Gelände, auf dem wir uns bewegen müssen, und es ist lebenswichtig, dass wenigstens ich, der Helfer, eine sichere Basis habe. Was bedeutet das in der Praxis? Dass ich genau sehen muss, welche theologischen, welche ethischen und welche psychologischen Fragen ich in mir klären muss, bevor ich überhaupt tiefer in das Gespräch einsteige. Wenn diese Grundlagen in mir nicht vorhanden sind, dann werde ich zum Spielball, gewissermaßen zum Ball der verschiedenen Affekte und Einflüsse, die von der Familie ausgehen. Ist das verständlich?
Und weil ich bei der Aufzählung mit der Theologie beginne, sehe ich hier schon eine unglaublich schwierige theologische Spannung. Wie stößt in dieser konkreten Geschichte das Gebot aus den Zehn Geboten „Ehre deinen Vater und deine Mutter!“ mit dem Schöpfungswort zusammen, wonach der Mann „Vater und Mutter verlässt“, wenn er die Ehe eingeht?
Mónika: Also, falls unser Problemrepertoire bisher noch nicht reichhaltig genug gewesen sein sollte, dann packen wir jetzt noch schnell ein neues hinein.
Péter: Allerdings, wir laden gleich zwei göttliche Gebote zu uns in den Raum ein.
Gábor: Aber versteht ihr, dass ich das für mich selbst als Seelsorger brauche? Dass ich in diesem gewaltigen Chaos endlich irgendwelche festen, sicheren Anhaltspunkte habe.
Péter: Wenn du jetzt diese beiden eingebracht hast, erschwerst du die Lage insofern, als müsste man sich zwischen zwei göttlichen Geboten entscheiden. Denn solange es eine rein pragmatische, praktische Frage ist – ob wir irgendwie über die Runden kommen oder nicht, oder ob wir jemanden mit unserer Entscheidung kränken oder nicht –, ist auch das eine sehr schwierige Angelegenheit, aber wenn wir noch eine so gewichtige glaubensbezogene, ethische Dimension hinzunehmen, ist das eine ganz andere Ebene.
Gábor: Mir geht zum Beispiel der Satz der Schwiegermutter ein wenig zu Herzen, wenn sie sagt: „Na gut, dann geht eben, ich werde hier schon allein sterben.“ Wenn ich aus diesem Satz für einen Augenblick die Ironie oder die Gekränktheit ganz weglasse, dann schimmert dahinter die Frage durch: Wie viel Verpflichtung und welche Rolle hat der Sohn eigentlich seiner Mutter gegenüber?
Zugleich aber, wenn ich es aus der Sicht des Ehemanns betrachte, kommt sofort auch die andere Seite ins Spiel: „Ja, aber mir ist doch auch jenes Gebot nach der Schöpfungsordnung gegeben, dass ich meinen Vater und meine Mutter verlasse und an meiner Frau hänge, und wir beide werden ein Fleisch sein.“ Was soll ich nun also tun, wohin mich wenden?
Mónika: Ehrlich gesagt, ich bleibe an dieser Stelle bei diesem Gedankengang ein wenig hängen. Ich nehme hier das Problem nicht ganz wahr.
Ich meine, ich nehme nicht wahr, welche Rolle der Seelsorger in dieser Phase darüber hinaus hat. Wir sehen, dass es einen großen Problemberg gibt. Das ist eine sehr komplexe Situation, die wir hier in der Theorie schön Schicht für Schicht auseinandernehmen.
Aber was macht der Helfer dann in der Praxis? Was erwarten wir von ihm – ich meine, was erwartet die Klientin von ihm? Gut, der Seelsorger kann für sich oder auch gemeinsam mit der Ehefrau durchsprechen, welche tiefen Bezüge, welche theologischen oder menschlichen Aspekte und Gesichtspunkte die Situation hat ... aber wie kommen wir über die bloße Analyse hinaus weiter?
Gábor: Die Schöpfung – das heißt das Kreativwerden angesichts eines lähmenden Problemberges – beginnt genau dort, wo das biblische Tohuwabohu, das Urchaos vor der Schöpfung, aufhört.
Mónika: Das heißt, aus dem Chaos beginnen wir, Ordnung zu schaffen.
Gábor: Genau das ist hier in der ersten Phase die Aufgabe! Wie die Geschichte von hier aus konkret weitergeht, können wir noch nicht wissen, denn die Beschreibung lässt uns die Fortsetzung nicht sehen. Aber das Ordnungschaffen ist der erste Schritt.
Péter: Mich interessiert sehr, was jede und jeder von euch mit dieser Situation anfangen würde, wenn ihr in der Wirklichkeit etwas Ähnliches erleben würdet. Mit diesem inneren fachlichen Erleben: „Gut, aber was ist jetzt meine Aufgabe mit diesem Chaos?“
Mónika: Wenn ich mit der Ehefrau, der jungen Frau, spreche, dann würde ich als Helferin danach streben, dass wir gemeinsam mehrere Aspekte, verschiedene Blickwinkel formulieren. Wie wir vorhin gesagt haben: Ich würde nicht von ihr erwarten, dass sie ihre Schwierigkeiten sofort punktgenau konkretisiert, aber wir würden versuchen, in diesem Sumpf einige feste Pfähle einzuschlagen und zwischen ihnen eine Rangfolge der Wichtigkeit aufzustellen.
Ich würde ihr helfen, zum Beispiel solche Sätze auszusprechen: „Dieser ganze Problemberg hat mehrere Seiten. Die eine ist, dass mein Mann und ich uns immer häufiger streiten, weil die Lage so weit gekommen ist, dass die Distanz schon unsere Paarbeziehung betrifft. Die andere ist, dass sich mein Verhältnis zu meiner Schwiegermutter völlig verschlechtert hat. Die dritte ist, dass meine Kinder emotional in zwei Richtungen gerissen werden ...“ Und so weiter. Wenn wir diese Pfähle gemeinsam gesetzt haben, dann würde ich sie fragen: „Gut, welcher davon erscheint Ihnen jetzt am aktuellsten, am wichtigsten, oder welcher ist es, dem Sie sich Ihrem Gefühl nach als Erstes widmen möchten?“
Denn das ist bereits der allererste, praktische Schritt dazu, dass wir aus diesem besagten Tohuwabohu eine Art Kosmos, das heißt Ordnung zu schaffen beginnen. Denn wenn sie das Ganze auf einmal umfassen will, entstehen daraus nur völlige Verirrung, Angst und Durcheinander. Wichtig ist das schrittweise Vorgehen: Wir können uns jeweils nur mit einem einzigen Faden sinnvoll beschäftigen. Und wenn wir dort angefangen haben, schauen wir später ohnehin, welchen Zusammenhang und welche Wirkung das auf den Rest des Familiensystems hat – denn eine Wirkung wird es ganz sicher haben.
Gábor: Mit dem, was du sagst, kommt das Wesentliche wunderbar heraus: Im klassischen Sinn gibt es „individuelle“ Seelsorge eigentlich gar nicht. Jedes seelsorgliche Gespräch ist im Kern immer Familienseelsorge.
Denn in diesem Fall geht es darum, dass man mit der jungen Frau zwar gesondert sprechen muss, aber als Seelsorger müsste ich auch mit der Schwiegermutter sprechen. Ich müsste unbedingt auch mit dem Ehemann sprechen, und es würde überhaupt nicht schaden, wenn wir auch ein wenig auf die Kinder achteten. Jede und jeder von ihnen hat ein eigenes Thema und eigene Hauptfragen, zugleich haben sie aber auch ein gewaltiges gemeinsames großes Thema: ob die Familie auseinanderbricht oder nicht.
Und wenn ich noch einen Augenblick auf die theologische Spannung zurückkommen darf – als Pfarrer und als Theologe –, dann würde ich das für mich so klären, dass ich akzeptieren muss: Wir leben in einer gefallenen, gespaltenen Welt. Daraus folgt, dass sowohl ich als auch die Beteiligten doppelte, einander widerstreitende Verpflichtungen haben. Diese Verpflichtungen kann ich in beide Richtungen übernehmen, aber ich kann sie nicht immer und in jeder Situation vollständig erfüllen.
Péter, du hast vorhin nach dem Kompromiss gefragt: Wenn ich als Helfer nur danach strebe, eine Lösung zu finden, bei der alle restlos und vollkommen glücklich sind, wird das schlicht nicht gehen. Stattdessen muss ich einen lebbaren Mittelweg finden – einen „gut genug“-Pfad –, mit dem man leben kann, ohne dass wir uns einreden müssten, dies sei die denkbar vollkommenste Lösung.
Mónika: Wenn du sagst, dass jede Seelsorge Familienseelsorge ist – auch wenn nicht unbedingt alle körperlich anwesend sind –, hast du völlig recht damit, dass jeder Mensch in irgendeiner Weise familiär eingebettet ist. Ich würde das so formulieren, dass jede Seelsorge systemisch sein muss. Das ist der Schlüssel. Wir müssen uns von jenem verengten, linearen, starre Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge untersuchenden Ansatz abwenden, der nur danach fragt, „wer schuld ist“ oder „was das Unheil ausgelöst hat“. Wir müssen das System in seiner ganzen Dynamik sehen.
Gábor: Sehr wahr. Aber sag mal, wie würdest du mit der Schwiegermutter sprechen?
Mónika: Na, warte! Spielen wir es durch! Jetzt bin ich die Schwiegermutter – und du bist der Seelsorger. Wie sprichst du mich an? Wie redest du mit mir?
Gábor: Zuallererst würde ich sie sehr deutlich spüren lassen, dass ich ihre Lage zutiefst verstehe, und würde anerkennen, dass dies ein außerordentlich schweres Problem ist.
Ich würde ihr versichern, dass ich sehe: Sie will einerseits das Wohl ihres Kindes, der Familie ihres Sohnes. Selbstverständlich weiß sie, dass für das Nestbauen, für die Wohnung Geld nötig ist, und dass ihr Sohn dieses Geld derzeit nicht hier, sondern dort, im Ausland verdienen kann. Andererseits aber würde ich aussprechen, dass sie als Mutter durchaus ein Recht auf ihren Sohn hat, ein Recht auf die Beziehung zu ihm.
Ich würde diese Spannung nicht billig auflösen wollen. Vielmehr würde ich mit ihr darüber sprechen, dass es leider zu unserem Menschsein gehört, dass wir nicht immer perfekte Lösungen finden können. Es gibt immer nur Wege – und Péter, du hast hier vorhin auf den Kompromiss angespielt –, auf denen beide Seiten auf etwas verzichten müssen. Ich würde ihr sagen, dass ich das ebenfalls als Elternteil völlig nachempfinden kann und sehe, welch ungeheure innere Spannung dies jetzt bei ihr auslöst. Das wäre mein erster Schritt. Was sagen Sie dazu als Schwiegermutter?
Mónika: (in der Rolle der Schwiegermutter) Aber Herr Pfarrer! Was ist das denn für eine Frau, was ist aus meiner Schwiegertochter geworden?! Sie hat ihren Mann gehen lassen ... Hat alles stehen und liegen lassen! Wenn sie besser auf ihn aufgepasst hätte, wenn sie eine tüchtigere, anständigere Frau wäre, hätte sie es schon geschafft, dass ihr Mann bei ihr bleibt!
Gábor: Wissen Sie, Ihrer Schwiegertochter fehlt ihr Mann ganz genauso wie Ihnen Ihr Sohn. Nur auf andere Weise.
Das ist eine ganz andere Beziehung. Einer Mutter fehlt der Sohn anders, aber ähnlich tief wie einer Ehefrau der Mann. Außerdem fehlt der jungen Frau jetzt nicht nur ihr Partner, sondern auch der Vater ihrer Kinder. Aber sehen Sie, genau das ist es, was Sie beide verbindet, was Sie miteinander gemeinsam haben: Sie beide haben ein sehr ernstes, völlig berechtigtes Gefühl des Fehlens. Ihnen fehlt der Sohn, ihr fehlt der Ehemann. Das ist eine furchtbar schwere Situation, und dabei ist es völlig verständlich, dass einem aus Ohnmacht manchmal die Gefühle hochkochen.
Mónika: (in der Rolle der Schwiegermutter) Na, Herr Pfarrer, reden Sie bloß nicht weiter! Genau deshalb verstehe ich meine Schwiegertochter nicht! Denn wenn sie – wie auch Sie sagen – auf mehrfache Weise mit meinem Sohn verbunden ist, als Ehemann und als Vater ihrer Kinder, warum hat sie dann nicht besser auf ihn aufgepasst?!
Ich habe den Verdacht, dass es ihr in Wirklichkeit gar nicht so schlimm ist, dass mein Sohn draußen arbeitet ... Neulich war auch ein Handwerker im Haus. Bisher, Herr Pfarrer, musste man für dieses Haus nicht so oft einen Handwerker rufen! Sie verstehen doch, was ich meine?
Ich will niemanden beschuldigen, ich sage das nicht deswegen, Gott bewahre! Aber ehrlich gesagt, Ihnen gegenüber: Der Gedanke ist mir durch den Kopf gegangen. Und was soll ich jetzt mit diesem Zweifel anfangen? Ich möchte meine Schwiegertochter nicht grundlos verdächtigen, und um keinen Preis möchte ich irgendetwas Böses, irgendeinen Zwist zwischen die beiden bringen ... Aber dieses Gefühl ist einfach in mir, es nagt ganz tief drinnen. Was kann ich mit diesem zermürbenden Gefühl anfangen? Ich kann ja nicht vor sie hintreten und sie ganz konkret fragen ... Und meinen Sohn möchte ich erst recht nicht mit so etwas behelligen und dort draußen aufwühlen!
Gábor: Wenn Sie dieses Gefühl nicht hätten, wenn Ihnen ein solcher Gedanke nicht kommen würde ... was würden Sie dann von sich selbst halten? Ich sage es anders ...
Mónika: (in der Rolle der Schwiegermutter) Sie brauchen es nicht anders zu sagen, Herr Pfarrer, ich verstehe schon.
Gábor: Aber lassen Sie mich trotzdem sagen: Eine Mutter hat gewissermaßen die Aufgabe, ihren Sohn, ihre Tochter, ihre Kinder zu beschützen. In einer solchen Krisensituation – unabhängig davon, ob es dafür eine reale Grundlage gibt oder nicht – gebietet der mütterliche Instinkt, sich in eine Richtung zu bewegen, die dem Schutz dient.
Mónika: (in der Rolle der Schwiegermutter) Wollen Sie damit sagen, Herr Pfarrer, dass es eigentlich nur darum geht, dass ich meinen Sohn näher bei mir haben möchte? Und weil ich ihn nicht auf so konkrete Weise darum bitten kann, „mein Sohn, kümmere dich um mich, komm nach Hause“, erschaffe ich mir eigentlich ein solches Ersatzproblem, einen solchen Verdacht?
Gábor: Nicht ganz das wollte ich sagen. Eher, dass Sie auf eine sehr natürliche und sehr wahrhaftige mütterliche Weise reagieren. Ob diese Reaktion an der Oberfläche schön oder weniger schön ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber eine Mutter ist eben deshalb Mutter, damit sie ihr Kind beschützt – egal, wie groß es ist oder wie alt.
Mónika: (in der Rolle der Schwiegermutter) Aber es kann auch sein, Herr Pfarrer, dass ich damit gar nicht meinen Sohn schütze, sondern mich selbst ... Und womit sollte ich mich hier allein auch sonst beschäftigen, wenn nicht damit?
(Mónika lächelt, ihre Körpersprache und ihr Tonfall verändern sich.)
Mónika: So, Entschuldigung, ich steige jetzt kurz aus der Rolle der Schwiegermutter aus. Danke, Gábor, dass du diesen Faden eingebracht hast!
Denn du hattest übrigens eine sehr gute Einstiegsfrage – auch wenn du am Ende nicht genau in diese Richtung weitergegangen bist –, die man als Helferin oder Helfer fantastisch nutzen kann. Wenn jemand eine Schwierigkeit mitbringt, lohnt es sich enorm zu fragen: Wenn dieses Problem nicht da wäre, womit würde sich die Klientin dann eigentlich beschäftigen?
Vor welchem anderen, vielleicht viel tieferen, schmerzhafteren oder größeren Problem bewahrt uns die Klage, die wir formulieren und in die Seelsorge mitbringen? Und bevor jemand es missversteht: Hier geht es keineswegs darum, dass dies von Seiten der Klientin eine bewusste Raffinesse, ein gespieltes Theater wäre! Es ist von ihrer Seite ein völlig natürliches, absolut ernst gemeintes und real erlebtes Problem. Man könnte auch sagen, es ist eine instinktive psychische Selbstschutzreaktion gegen die innere Leere oder die Ohnmacht.
Gábor: Machen wir es konkret, bringen wir das auch hier ganz an die Oberfläche! Es ist für mich als Schwiegermutter viel leichter und erträglicher, darüber zu grübeln, „wer weiß, wie diese heutigen Frauen sind, was meine Schwiegertochter hinter unserem Rücken treibt“, als mich der knallharten Realität zu stellen, dass ich einsam bin und allein sterben werde.
Mónika: Genau, das meine ich! Und dieser Punkt knüpft wunderbar an das an, womit wir das ganze Gespräch begonnen haben: dass in der Geschichte gleichzeitig eine aktuelle, krisenhafte Lebenssituation – die Entfernung wegen der Auslandsarbeit des Sohnes – gegenwärtig ist und im Hintergrund zugleich die natürliche, normative Krise des Alters der Schwiegermutter steht.
In diesem Lebensalter muss der Mensch nämlich gesetzmäßig Bilanz ziehen, sein Leben überblicken und zur Ich-Integrität im Sinne Eriksons gegenüber der Verzweiflung gelangen. Und das kann für diese alte Frau gegenwärtig eine außerordentlich schwere, schmerzhafte Entwicklungsaufgabe sein.
Péter: Wie ich euch so zuhöre und wie ihr diese tiefere Schicht entfaltet, ist mir eine Frage eingefallen, die mich als Seelsorger sehr zu beschäftigen begann:
Was würde sich eigentlich dadurch lösen, wenn ihr Sohn jetzt sofort nach Hause käme? Wie sähe danach dieses Familienleben aus?
Denn wenn wir auf die Geschichte gut achten, hat diese Familie in ihrer jetzigen Form – mit den zwei kleinen Kindern – wahrscheinlich noch nie dauerhaft von dem Gehalt gelebt, das der Ehemann als Facharbeiter hier zu Hause verdienen könnte. Stellen wir also der Ehefrau oder auch der Schwiegermutter die Frage: Wenn ihr Sohn morgen zusammenpacken und heimkehren würde, wie sähe ab dem übernächsten Tag ihr gemeinsames Leben aus?
Gábor: Das ist eine ausgezeichnete seelsorgliche, weiterführende Intervention, Péter! Mit der Schwiegermutter im Gespräch lässt sich das nämlich wunderbar so formulieren: „Schauen Sie, gnädige Frau, Sie sind in einer unglaublich schwierigen Lage. Denn Sie lieben Ihren Sohn von ganzem Herzen, Sie würden alles für ihn tun, Sie behüten und beschützen ihn, zugleich sehen Sie aber auch ganz genau, dass die beiden keine Wohnung haben werden, wenn Ihr Sohn jetzt heimkommt. Und Sie wollen auch das Vorankommen Ihres Sohnes nicht behindern. So sind Sie in eine Zwangslage, in eine Zwickmühle geraten, in der man plötzlich wirklich nicht weiß, wohin man sich wenden soll.“
Péter: Aber wenn wir es rational betrachten: Würde die Schwiegermutter von ihrem Sohn tatsächlich mehr haben, wenn der junge Mann nach Hause käme, aber hier täglich 12 Stunden arbeiten müsste, um die Familie irgendwie zu ernähren?
Gábor: Ja mehr noch: Würde sich die Schwiegermutter besser fühlen, wenn sie dadurch, dass sie ihren Sohn zur Heimkehr zwingt, verhindert, dass die jungen Leute eine eigene Wohnung kaufen?
Mónika: Was du sagst – dass er womöglich auch hier täglich 12 Stunden schuften müsste und sie ihn körperlich auch dann nicht öfter sähe –, ist ein völlig rationales Argument. Aber ich glaube, bei Frauen ... ich will jetzt nicht verallgemeinern, ich gehe eher von mir selbst aus, aber vielleicht funktioniert das ein bisschen anders. Mir fiel plötzlich ein, dass, auch wenn der Sohn, in Zeit und Stunden gemessen, tatsächlich nicht mehr bei ihr wäre, die Tatsache der körperlichen Nähe trotzdem ein ganz anderes Sicherheitsgefühl gibt.
Wenn ich weiß, dass mein Sohn nicht tausend Kilometer entfernt ist, sondern sagen wir nur in der Nachbarstadt arbeitet, entsteht daraus ein inneres Erleben: „Ja, ich habe doch mehr von ihm.“ Denn dahinter steht das Bewusstsein, dass er früher, schneller und einfacher erreichbar ist. Selbst wenn ich nur zum Telefon greife oder wenn er auf dem Heimweg nur fünf Minuten vor der Tür haltmacht ... Diese Art von Erreichbarkeit ist für eine alte, einsame Mutter keineswegs sicher nebensächlich. Aber egal, das ist jetzt ein kleiner methodischer Seitenfaden.
Péter: Ich würde das als Mann, ehrlich gesagt, in der Situation nicht verstehen. Mit meinem Kopf käme bei mir etwas anderes an. Die Rechnung geht nämlich in dieser weiblichen Sichtweise einfach nicht auf – im Gegenteil, die knallharte Rechnung liegt hier vor uns auf dem Blatt. Vielleicht versetze ich mich jetzt wieder nur selbst in die Situation, aber ich würde in der Rolle des Sohnes ganz sicher sagen: „Aber Mama, pragmatisch betrachtet wäre ich, wenn ich heimkomme, ohnehin nicht mehr bei dir!“
Mónika: Siehst du, genau deshalb melde ich mich zu Wort und bringe diesen Gesichtspunkt ein! Ich denke, das dürfen wir durchaus als eine Art weiblicher Sichtweise verallgemeinern, denn ich spreche hier von einem inneren Gefühl, von einem subjektiven Eindruck. Ich kann mir vorstellen, dass diese Situation aus weiblicher Sicht auch einen solchen tiefen, nach emotionaler Sicherheit strebenden Aspekt hat.
Gábor: Na, hier wird unser ganzes Gespräch unglaublich spannend! Seht ihr, wie Péter reagiert und wie ich reagiere? Das sind typische, klassische männliche Reaktionen. Genau so, in diese pragmatische, rationale, logische Richtung würden wir auch das seelsorgliche Gespräch lenken. Denn wir Männer haben – seit die Welt besteht – die Aufgabe, für unsere höhlenbewohnenden Lieben zu sorgen; wir schauen, wo das nächste Mammut ist und woher morgen wieder das Abendessen kommt. Auf diese Problemlösung sind wir verdrahtet.
Wie du aber reagierst, Mónika, das ist wiederum die reine weibliche Seite: das Erleben von Verbundenheit, Nähe und Erreichbarkeit.
Jetzt könnte man lange darüber fantasieren, ob für diese Schwiegermutter in der Krise im Moment du die bessere Seelsorgerin wärst oder ich der bessere Seelsorger. Das „Bessere“ meine ich natürlich so: Wessen Ton, wessen Zugang wäre im Verhältnis zu ihrem aktuellen Zustand vorteilhafter, passender und natürlicher?
Mónika: Das ist wirklich eine gute Frage. Ich denke, beide Zugänge hätten ihren eigenen Vorteil, und beide könnten ihr auf ihrer Ebene sinnvoll helfen.
Gábor: Dazu müsste ich als Seelsorger dann aber noch eine wichtige Sache als Reflexion hinzufügen. Ich müsste offen aussprechen: „Gnädige Frau, ich kann in dieser Situation nur so reagieren, wie ein Mann reagiert. Möglicherweise würden Ihre Mutter, Ihre Freundin oder Ihre Schwester ganz andere Gesichtspunkte einbringen. Ich sehe diese Situation als Mann, diese Sichtweise gebe ich Ihnen aber sehr gern mit, denn daraus können Sie genau verstehen, wie ein Mann in einem solchen Fall funktioniert und reagiert.“
Damit mache ich deutlich, dass meine Sichtweise wichtig ist, aber nicht DIE Reaktion, nicht die einzige existierende Wahrheit. Diese Art der Rollenklärung lässt sich gut in jedes seelsorgliche Gespräch dieser Tiefe einbauen: Der Mann kann nur als Mann da sein, die Frau nur als Frau. Beide Seiten sind ein eigener Wert, aber sie ersetzen einander nicht, sondern ergänzen sich.
Mónika: Und über das Netz der Loyalitätskonflikte haben wir ja noch gar nicht richtig gesprochen!
Mir sind plötzlich die Kinder eingefallen, aber es geht nicht nur um sie, sondern um den Ehemann selbst. Wie wir vorhin erwähnten, lasten unglaublich schwere Fragen auf seinen Schultern: Wem gegenüber soll ich loyal sein? Meiner Frau oder meiner Mutter? In dieser Situation können sich auch die Kinder zwischen den Spannungen der Erwachsenen völlig zerrissen fühlen.
Gábor: Ja, und dieser Loyalitätskonflikt ist auch bei der Schwiegermutter selbst knallhart gegenwärtig! Bei ihr schlägt sich das Dilemma so nieder: Soll ich meine eigenen berechtigten Interessen vertreten – nämlich dass ich Angst vor der Einsamkeit habe und nicht allein sterben will – oder das Interesse meines Kindes im Auge behalten, dass er ruhig dort draußen schuften soll, denn so werden sie endlich eine eigene Wohnung und ein normales Leben haben?
Mónika: In Ordnung, wir sehen den Kampf der Loyalitäten auf allen Seiten ... Aber in welche Richtung sollen wir als Seelsorgende aus den vielen Fäden aufbrechen, damit die Klientin am Ende eine Art innere Beruhigung erreicht und die Stütze erhält, derentwegen sie zu uns gekommen ist?
Gábor: Was lässt sich an dieser Schwiegermutter lieben?
Mónika: Du meinst, das muss ich jetzt nicht hier beantworten, sondern dass dies in der Seelsorge eine konkrete Richtung sein kann? Dass wir gemeinsam mit ihr zusammentragen, was sich an ihr lieben lässt?
Gábor: Ja, genau. Ich überlege, welche abschließende Intervention ich geben würde, womit ich ein solches Gespräch mit der Schwiegermutter beenden würde. In der Seelsorge ist beim Abschluss nämlich immer das Ziel, der Klientin bewusst zu machen, was vor Menschen und vor Gott anerkennenswert ist. Das heißt, ihre Gottebenbildlichkeit, ihre grundlegende menschliche Würde zu bestärken.
Wie und womit würdest du das hier machen, als weibliche Helferin? Oder soll ich lieber als Mann beginnen?
Mónika: Ganz einfach: Ich selbst würde anerkennenswerte Züge an dieser Schwiegermutter benennen. So, wie sie ist, mit einer klaren, authentischen Rückmeldung.
Ich könnte ihr zum Beispiel sagen: „Ich sehe, gnädige Frau, wie wichtig Ihnen die Einheit der Familie ist, wie wichtig es Ihnen ist, dass die Beziehung zwischen Ihrem Sohn und Ihrer Schwiegertochter gut funktioniert, und ich sehe, was für eine gute Mutter Sie sind, die ...“ – und hier würde ich das Ende des Satzes natürlich je nach der konkreten Situation des Gesprächs formulieren. Wie würdest du das als Mann konkretisieren?
Gábor: Ich würde es ungefähr so konkretisieren: „Gnädige Frau, Sie sind eine wirklich authentische und aufrichtige Frau. Sie erleben und übernehmen zugleich die beiden tiefen Gefühle, die jetzt in Ihnen spannungsvoll nebeneinanderstehen: die besorgte mütterliche Liebe und die Verantwortung sich selbst gegenüber, die Angst vor der Einsamkeit. Diese Doppelheit führt zu einer sehr ernsten inneren Spannung. Aber was ich an Ihnen außerordentlich respektieren kann, ist, dass Sie diese Spannung nicht verbergen, sondern in unser Gespräch hineinlassen.“
Ich kann mir vorstellen, dass die Last dadurch, dass wir eine so schwere innere Wahrheit offen annehmen, schon viel tragbarer wird, als wenn wir sie verkrampft in uns unterdrücken würden.
Péter: Vielleicht sollte man zur Abrundung am Ende unseres Gesprächs noch die Frage stellen, was der Seelsorger nicht tun soll. Was sollten wir in dieser komplexen, heiklen Situation auf keinen Fall begehen?
Mir sind, seit wir darüber sprechen, mindestens zehn Dinge eingefallen, aber ich bringe sie lieber gar nicht erst ein, weil ich fürchte, dass das Gespräch in eine ganz andere Richtung geht oder dass ich euch in die unangenehme Lage bringe, meine Ideen abschießen zu müssen. Also, was sollten wir auf keinen Fall tun?
Mónika: Hör doch auf damit, Péter! Stell die Frage jetzt endlich, bitte, denn ich bin richtig neugierig geworden!
Péter: (lacht) Na gut, mir sind jedenfalls mindestens zwanzig Ideen eingefallen, auf die ihr vielleicht noch gar nicht gekommen seid. Ich habe zum Beispiel darüber nachgedacht, wie die Eltern der Frau – die ja am Umzug beteiligt wären, ja sogar gern kommen würden, um die Enkel zu hüten – helfen könnten. Ich selbst war noch nie in der Gegend von München, aber wenn ich richtig vermute, gibt es dort wunderschöne Orte, und wenn die Großmutter gern badet oder wandert, könnte ich das als Beispiel anbringen, welch fantastische touristische Möglichkeiten es dafür gibt!
Natürlich weiß ich, dass im Prozess ein Punkt kommen kann, an dem das Erweitern der Optionen und die Suche nach praktischen Möglichkeiten eine spannende Aufgabe ist, aber es ist überhaupt nicht sicher, dass man schon jetzt, ganz am Anfang, mitten im Chaos, damit ankommen sollte. Aber ich hatte noch etwa zehn andere Ideen, die ich eigentlich sehr gut fand ...
Mónika: Na, genau darum geht es! Also darum, was der Helfer nicht tun und nicht unbedingt sagen sollte.
Gábor: Nun, eine der wichtigsten allgemeinen Grundanforderungen an die Haltung des Seelsorgers ist: Er soll sich auf keinen Fall auf eine rationale Diskussion oder eine Verteidigungsrede einlassen!
Er soll der Schwiegermutter nicht anfangen zu sagen: „Aber meine liebe Frau, ich kenne doch Ihre Schwiegertochter, sie kommt in die Gemeinde, sie ist eine anständige, durch und durch ehrliche Frau! So etwas Hässliches sollten Sie gar nicht von ihr denken!“ Das hat auf der Welt keinerlei Sinn. Nur weil der Pfarrer das sagt, wird die Schwiegermutter genau so misstrauisch bleiben. Denn wie wir es vorhin gespielt und modelliert haben, hat das Misstrauen der Schwiegermutter einen ganz anderen, viel tieferen inneren Grund. Dieses zermürbende Gefühl ist in Wirklichkeit völlig unabhängig davon, was die junge Frau im Alltag tut oder nicht tut.
Mónika: Genau! Beziehungsweise würde eine solche Verteidigungsrede sofort und schwerwiegend das Prinzip der mehrseitigen Parteilichkeit und Interessenvertretung verletzen.
Wenn der Pfarrer anfängt, die Schwiegertochter demonstrativ zu verteidigen, wird die Schwiegermutter sofort das Gefühl haben, dass der Seelsorger ihr gegenüber nicht loyal ist, sie nicht versteht und ihren Schmerz zurückweist. Man muss unbedingt solche Sätze und Gesten vermeiden, aufgrund derer irgendeine Person im System das Gefühl haben könnte, dass sie oder ihr Problem weniger wichtig, weniger anerkannt sei.
Wir sollten nichts sagen, womit wir die Berechtigung des Erlebens der Klientin in Abrede stellen. Unsere Aufgabe ist es, dass jede und jeder in diesem schwierigen Prozess den eigenen Kampf, die eigene Frage und die eigenen Verletzungen als maximal validiert – das heißt als psychologisch gültig und gehört – erleben kann.
Péter: Das wäre hier sogar noch ein wenig stärker, als wenn der Seelsorger einfach nur als äußerer Betrachter eine Entscheidung träfe. Wenn der Helfer in die Diskussion einsteigt, ist es, als würde er eigenmächtig entscheiden, welche zwei der drei Beteiligten er zugunsten der dritten opfert.
Als würde er sich selbst sagen: „Na gut, die Schwiegermutter hat ihr Schicksal verdient, wenn sie schon solchen Unsinn und solch boshafte Sachen behauptet. Dann ist die Lösung, dass die Jungen ruhig nach München gehen und glücklich sind, und die Mama bleibt zu Hause in ihrer Einsamkeit, so gut sie kann.“
Mónika: Zudem! Genau so ist es.
Gábor: Danke für diese Einsicht, denn genau das ist der Kern. Es gibt eine sehr klare Grundformel, an der man sich als Seelsorger immer außerordentlich gut orientieren kann:
In dieser Geschichte geht es um drei leidende Menschen.
Hier gibt es derzeit keine Gewinnerposition. Hier ist jetzt auf irgendeiner Ebene jede und jeder ein Verlierer, alle drei Seiten leiden tief. Die Schwiegermutter leidet unter der Einsamkeit und unter den existenziellen Ängsten des Alterns, die Ehefrau leidet darunter, dass ihre Familie auseinandergerissen ist und sie mit den Lasten allein dasteht, und der Ehemann leidet darunter, dass er 600–800 Kilometer von seiner Frau und seinen Kindern entfernt leben muss.
Wenn ich als Helfer sie nicht mit billigen Ratschlägen trösten will, sondern fähig bin, mich zu ihnen zu setzen und ihr Leiden wirklich mitzutragen und auszuhalten – nun, das ist dann echte Seelsorge.
Seelsorge ist eben deshalb keine Beratung in dem Sinn, dass man sagt: „Na, hören Sie mal, meine Liebe, jetzt müssen Sie Folgendes tun: Erstens machen Sie diesen Schritt, zweitens jenen, drittens noch einen anderen.“ Nein. Diese Arbeit ist leider im reinsten biblischen Sinn das Tragen der Last des anderen, und das ist wahrlich nicht immer eine leichte Aufgabe.
Mónika: Und wie Gábor vorhin erwähnte, ist das zugleich auch die Pflege der aus der Gottesebenbildlichkeit erwachsenden Menschenwürde.
An welche Seite ich auch denke: Die Menschenwürde der Schwiegermutter, die vielleicht aus äußerer Sicht in der unangenehmeren, unsympathischeren Rolle auftritt, ist im Prozess ebenso wichtig zu pflegen und zu bewahren wie die der – vielleicht nach unserem menschlichen Empfinden viel berechtigter und nachvollziehbarer – klagenden jungen Schwiegertochter.
Péter: Und ich frage mich, Mónika, ob es nicht, als du vorhin hier vor dem Mikrofon dieses Rollenspiel übernommen und diesen angespannten Dialog eingebracht hast, ein kleines Kosten dieser schweren, erstickenden Atmosphäre war, die sie in der Wirklichkeit spüren könnten?
Selbst für uns hier im Studio war es so beängstigend und beklemmend, diese Pattsituation auch nur für einen Augenblick zu erleben! So sehr, dass du selbst fast sofort das Gefühl hattest, am liebsten schnell aus der Rolle auszusteigen. Aber bedenken wir: Sie haben kein äußeres Studio. Sie können nicht einfach daraus herausspringen – sie stecken mittendrin und leben darin ihren Alltag.
Mónika: Das nennen wir – sagen wir, wenn wir mit einer Gruppe arbeiten – die Wirkung des in der Gruppe oder in der Supervision „eingebrachten“ Problems auf die Gruppenleiterin oder den Seelsorger. Darüber sprechen wir oft, und eines unserer wichtigsten methodischen Werkzeuge ist, dies fortlaufend zu beobachten.
Tatsächlich kann man bei einer Fallbearbeitung oft am sichersten darauf kommen, was das wirkliche, tief verborgene Problem auf Systemebene ist, wenn man beobachtet, welche emotionale Reaktion bei den Zuhörenden entsteht, die den Fall anhören.
Péter: Hm.
Mónika: Also spiegelt die Dynamik oder Spannung zwischen den Zuhörenden des Falls oft das wider, was im inneren System der Familie abläuft.
Gábor: Praktisch bedeutet das: Wenn zum Beispiel Aggression in der Gruppe herrscht, die wir während der Fallbesprechung womöglich nicht bemerken, dann gibt es eine Pause, wir gehen aus dem Raum, und plötzlich fangen die Teilnehmenden an, sich zu streiten. Und dann sagen wir im Nachhinein: Wie gut, dass das passiert ist, denn damit ist jetzt endlich die Spannung aus uns „herausgelaufen“, die eigentlich in der Geschichte steckt.
Dasselbe gilt für die seelsorgliche Arbeit: Das war eine sehr gute Frage zum Abrunden. Wenn ich verstehen und nachempfinden will, wie sich meine Klientin fühlt, dann ist die beste Orientierungsgrundlage, dass ich versuche zu spüren, wie ich mich gerade mit ihr fühle.
Mich zum Beispiel hat die Geschichte der Schwiegermutter zuerst wütend gemacht – ich habe die Wut gespürt –, dann, als wir uns darin vertieften, hat sich diese Wut immer mehr in Traurigkeit gewandelt. Und diese Traurigkeit ist in der Geschichte genauso da wie die Erregung. Jetzt haben wir uns in diesem Gespräch auf die Schwiegermutter konzentriert, aber natürlich bräuchte es ähnliche, tiefgehende Gespräche auch mit der jungen Frau und dem Ehemann, damit auch ihr Erleben ebenso an die Oberfläche kommen kann.
Mónika: Es kann sein, dass das eng mit dem zusammenhängt, was der Seelsorger nicht tun darf. Ich würde das lieber in eine positivere Richtung wenden: Unsere wichtigste Aufgabe ist die fortlaufende, scharfe Selbstreflexion und Selbstbeobachtung.
Ich meine, dass ich bewusst darauf achten muss, meine eigenen Vorstellungen und meine eigenen Eindrücke nicht in den Fall hineinzutragen, sondern zu versuchen, möglichst sachlich zu bleiben. Mir ist zum Beispiel in der Beschreibung sofort aufgefallen, wie stark die Frage der Eifersucht zwischen den Jungen – die typische Schwierigkeit einer Fernbeziehung – betont wird. Obwohl nur die Schwiegermutter misstrauisch darauf anspielt, könnte das bei mir als Seelsorgerin zu einem sehr starken Gesichtspunkt werden. Wenn ich nicht auf die Selbstreflexion achte, kann ich das Gespräch leicht in diese Richtung lenken. Damit könnte ich, wie man so sagt, „ihr einen Floh ins Ohr setzen“ oder unnötig „den Hasen aus dem Busch scheuchen“ – vielleicht war das bisher gar nicht ihr eigentliches Problem, aber durch meine Fragen machen wir es dazu.
Gábor: Auf Péters Frage – was wir nicht tun sollen – kann ich genau das sagen: Machen wir nicht den Fehler, uns einzureden: „Ich muss hier jetzt stark bleiben und darf nicht traurig sein, denn ich bin der Helfer, ich bin der Experte, ich bin die Kraftquelle.“
Das ist eine gewaltige Falle. Nein, ich bin keine „feste Burg“, sondern einfach ein Mensch, den der Herr zu ihnen geschickt hat, damit die Schwiegermutter (oder die junge Frau) nicht allein mit ihrem Schmerz bleibt. Wenn ich als Seelsorger meine Gefühle abschotte, verschließe ich auch den Weg zur wirklichen Begegnung. Unsere Glaubwürdigkeit liegt nicht in unserer „Stärke“, sondern in unserer menschlichen Gegenwart.
Hypothesen Vorläufige, zu überprüfende Deutungen – keine feststehenden Tatsachen
2 Systemische Hypothesen
Die systemische Hypothese erklärt nicht den Zustand eines einzelnen Familienmitglieds, sondern beschreibt das Beziehungssystem, in dem die Beschwerde entstanden ist und fortbesteht; das Symptom ist in diesem System auch die Lösung für etwas. [1] In diesem Fall ist die Beschwerde vielschichtig: Die junge Frau erträgt die Zerrissenheit immer schwerer, die Schwiegermutter beschuldigt, verdächtigt und übt emotionalen Druck aus, und der Ehemann wird zwischen zwei Feuern aufgerieben. Die Hypothesen suchen nicht danach, wer schuld ist – die Schwiegertochter, die „ihren Mann nicht bei sich halten konnte“, oder die Schwiegermutter, die „unerträglich“ ist –, sondern danach, wie die gegenwärtige Ordnung der Familie alle drei Erwachsenen und die beiden Kinder im Gleichgewicht hält.
2.1 Inhaltliche Hypothesen
Die Distanz als labiles Gleichgewicht
Der Ehemann arbeitet seit anderthalb Jahren in der Nähe von München und kommt alle zwei Wochen für vier bis fünf Tage nach Hause. Die Familie erlebt dies als finanzielle Notwendigkeit: Sie möchten eine Wohnung kaufen, und die Eltern können nicht helfen.
Hypothese: Der jetzige Zustand „halb hier, halb dort“ ist nicht nur eine materielle Lösung, sondern auch ein Beziehungsgleichgewicht. Solange der Ehemann pendelt, muss er sich nicht zwischen seiner Frau und seiner Mutter entscheiden: Er verlässt keine der beiden Frauen endgültig und wählt auch keine endgültig. Die Frage „gehen oder bleiben“ kann auch deshalb offen bleiben, weil die Offenheit alle vor einer schmerzhaften Entscheidung verschont. Das Leiden der Ehefrau ist der Preis dieses Gleichgewichts: Sie trägt den Alltag, die Kinder, die Vorwürfe der Schwiegermutter und die Abwesenheit.
Krisenhäufung: drei Lebensphasen gleichzeitig
In der Familie sind gleichzeitig mehrere natürliche Krisen präsent. Das junge Paar befindet sich in der Phase mit kleinen Kindern, in der das Gleichgewicht von Paarbeziehung und Elternschaft gefunden und die aus den beiden Herkunftsfamilien mitgebrachten Normen aufeinander abgestimmt werden müssen. Die Schwiegermutter befindet sich in einer späteren Phase: Sie beschäftigen die Fragen des Loslassens, des Alterns und der Einsamkeit. Dazu kommt eine aktuelle Krise, die Arbeit im Ausland. [2]
Hypothese: Die Arbeit im Ausland hat diese Spannungen nicht hervorgebracht, sondern sichtbar gemacht und verstärkt, Spannungen, die sich aus den Lebensphasen ohnehin ergeben hätten: Der Sohn „verlässt Vater und Mutter“, das Paar baut sich sein eigenes Nest, die Schwiegermutter bleibt allein. Würde der Ehemann zu Hause arbeiten, müsste man sich auch dann mit diesen Fragen befassen.
Das Dreieck: Mutter, Sohn und Ehefrau
Der Satz seiner Mutter – „Geht nur, ich werde schon irgendwie allein sterben können“ – erschüttert den Ehemann seelisch zutiefst. Der Mann wird zwischen zwei Frauen eingeklemmt, die ihn beide vermissen: die eine als Mutter, die andere als Ehefrau und als Vater der Kinder.
Hypothese: Der Konflikt des Paares wird nicht unmittelbar zwischen den Eheleuten ausgetragen, sondern über die Schwiegermutter. Die gemeinsame Frage von Ehemann und Ehefrau – wo und wie sie zusammenleben wollen – verwandelt sich in einen Streit zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter. Die geografische Distanz kann in diesem Dreieck für den Ehemann auch ein Zufluchtsort sein: Er kann sich aus dem Kampf der beiden Frauen heraushalten und bleibt dabei beiden gegenüber loyal.
Der Verdacht als Kontaktpflege und als Abwehr
Die Schwiegermutter beargwöhnt ihre Schwiegertochter („bestimmt hast du ihn deshalb gehen lassen, damit du hier mit anderen Männern herumziehen kannst“). Wir wissen nicht, ob dies irgendeine Grundlage in der Wirklichkeit hat, und das ist auch nicht die seelsorgliche Frage.
Hypothese: Der Verdacht ist für die Schwiegermutter zugleich Kontaktpflege und Abwehr. Solange ihre Schwiegertochter „gefährlich“ ist, ist sie die Beschützerin ihres Sohnes, solange hat sie eine Aufgabe, und solange muss sie sich nicht ihrer eigenen Einsamkeit und dem Loslassen stellen. Der Verdacht hält zugleich eine negative Gegenseitigkeit aufrecht: Schwiegermutter und Schwiegertochter misstrauen einander gegenseitig, und das Misstrauen verbindet sie, genau wie eine gemeinsame Sorge. [3]
Die Generationengrenze und die Abhängigkeit
Die Schwiegermutter hat ihre Schwiegertochter auch früher kritisiert, aber „man konnte sich auf sie verlassen, wenn auf die Kinder aufgepasst werden musste“. Das junge Paar war also auch praktisch auf die Hilfe der älteren Generation angewiesen, und diese Angewiesenheit bedeutete zugleich ein Mitspracherecht.
Hypothese: Die Grenze zwischen der jungen Familie und der älteren Generation ist durchlässig, aber nicht geklärt. Hilfe und Kritik kommen in einem Paket. Durch die Abwesenheit des Mannes zieht die Ehefrau die Kinder funktional allein auf und kann deshalb noch mehr auf die Schwiegermutter angewiesen sein; die Schwiegermutter wiederum „beaufsichtigt“ anstelle ihres Sohnes dessen Familie. Der Wohnungskauf ist so auch ein Symbol für die Erkämpfung des eigenen Nestes und der eigenen Grenze: Das Paar würde nicht nur Wände, sondern auch Eigenständigkeit kaufen.
Zwei Herkunftsfamilien – zwei Richtungen
Die Eltern der Ehefrau leben am anderen Ende des Landes und verschließen sich dem Umzug nicht; die Mutter des Mannes hingegen erlebt jeden Umzugsplan als Verrat.
Hypothese: Die Frage „gehen oder bleiben“ handelt zugleich davon, in welcher Entfernung von welcher Herkunftsfamilie sich die junge Familie befindet. Das unterschiedliche Verhältnis der beiden Herkunftsfamilien zum Loslassen vertritt auch im Paar zwei verschiedene Loyalitäten: die Familie der Ehefrau das Loslassen, die des Mannes das Festhalten.
Die Kinder als Träger der Zukunft
Die zweierlei Besuche – die schönen Tage in der leeren Wohnung und das überfüllte einzelne Zimmer – führen auch den Kindern zwei verschiedene Zukunftsbilder vor Augen. Die Heimkehr und der Abschied wiederholen sich alle zwei Wochen.
Hypothese: Das Interesse der Kinder ist im Streit der Erwachsenen zu einem Bezugspunkt geworden („die Schule könnten sie dort anfangen“, „sie würden aus der gewohnten Umgebung herausgerissen“), während ihre eigene Erfahrung – die sich wiederholenden Abschiede – wenig Beachtung findet. Die Kinder können zwischen die familiären Loyalitäten geraten: Sie lieben die Großmutter, vermissen ihren Vater und spüren die Anspannung ihrer Mutter.
Die Spiegelung im Hilfesystem
Der Pfarrer schreibt selbst: Er sei ratlos und „zwischen zwei Feuern, zwei Fronten hin- und hergerissen“.
Hypothese: Das Empfinden des Pfarrers spiegelt den Zustand des Familiensystems wider. Wie der Ehemann sich zwischen zwei Frauen eingeklemmt fühlt, so fühlt sich der Pfarrer zwischen zwei Parteien eingeklemmt. Das ist kein Zeichen der Unfähigkeit des Helfers, sondern eine Information über das System: In der Familie befindet sich jeder in der Lage, dass er, was auch immer er tut, jemanden verletzt.
Die Frage des „geistlichen Festlands“
Für eine zerrissene Familie, die vor einer Entscheidung steht, kann der Glaube zugleich tragend und belastend sein. Das Wort „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ und das Wort „der Mann wird seinen Vater und seine Mutter verlassen“ können im Gewissen der Familienmitglieder gegeneinanderstehen.
Hypothese: Die gemeinsame, unausgesprochene Frage der Familie ist auch, was Gott in dieser Situation will. Solange diese Frage in den Familienmitgliedern als einander widerstreitende Gebote lebt, erscheint die Entscheidung in jede Richtung als Untreue. Der Glaube lähmt in dieser Form eher, als dass er Orientierung gibt.
Eine in einer Metapher formulierte Hypothese
„Es ist, als stünde die Familie mitten auf einer Brücke. Am einen Ufer wartet die Mutter, am anderen die Arbeit und die Wohnung. Der Ehemann pendelt auf der Brücke hin und her, die Ehefrau klammert sich mit den Kindern an den Pfeiler – und die Brücke hält deshalb, weil niemand von ihr heruntertritt.“
2.2 Hypothesen zur Arbeitsmethode
In Ordnung und System bringen. Wenn „die Wellen über jemandem zusammenschlagen“, besteht der erste Schritt darin, im Chaos einige Pfähle einzuschlagen: die Fäden zu entwirren und in eine Reihenfolge zu bringen. Auch die Schöpfung beginnt damit, dass das Tohuwabohu, das ungeordnete Urchaos, aufhört.
Das Anliegen aussprechen lassen. Die Klagen der Frau sind vielfältig, ihr Anliegen ist noch nicht formuliert. Auch „Ich habe keine Ahnung, was mit mir los ist“ kann ein Ausgangsanliegen sein; ein Bild oder Symbol kann helfen, es in Worte zu fassen.
Familienseelsorge ohne Familie. Der Pfarrer spricht mit der jungen Frau, doch mit zirkulären Fragen und dem leeren Stuhl können auch die Sichtweisen des Ehemannes, der Schwiegermutter und der Kinder anwesend sein.
Multidirektionale Parteilichkeit. Alle drei Erwachsenen – die Schwiegertochter, der Ehemann und die Schwiegermutter – sind leidende Menschen. Der Seelsorger erkennt die Wahrheit und den Schmerz jedes Einzelnen an, ohne über jemanden den Stab zu brechen; das ist kein Kompromiss, sondern die innere Haltung, die dem Kompromiss vorausgeht. [4]
Nicht der Pfarrer entscheidet. Die Entscheidung „gehen oder bleiben“ gehört dem Ehepaar. Der Seelsorger unterstützt das Abwägen, das Aussprechen der Ängste und das Tragbarmachen der Entscheidung.
Ressourcenorientierung. Die äußeren Umstände – die Arbeit des Ehemannes, das Wesen der Schwiegermutter – kann der Pfarrer nicht verändern. Er kann danach suchen, welche inneren und äußeren Ressourcen die Situation erträglicher machen.
Möglichkeit getrennter Gespräche. Wenn die Beteiligten es wünschen, kann später auch mit dem Ehemann und mit der Schwiegermutter ein eigenes Gespräch stattfinden und gegebenenfalls auch ein gemeinsames Treffen. Das erfordert vom Seelsorger besondere Aufmerksamkeit: Er muss die Interessen jeder Seite gleichermaßen vertreten.
Rituale des Abschieds und der Ankunft. Für die alle zwei Wochen wiederkehrenden Trennungen kann die Familie auch eine rituelle Form erhalten, die den Kindern Sicherheit gibt.
Kontaktaufnahme Joining, Kompliment und positive Konnotation
3 Kontaktaufnahme: Joining, Kompliment und positive Konnotation
Die Einstimmung ist ein Sich-Einschwingen auf das Welt-, Menschen- und Gottesbild des anderen Menschen. Die Anerkennung bezieht sich auf eine konkrete, unmittelbar gemachte Wahrnehmung, die positive Konnotation wiederum zeigt, dass in dem, was die Klientin als Schwäche oder Scham erlebt, auch ein Wert liegen kann. [5] In der Gemeindesituation ist es besonders wertvoll, dass die Gemeindeglieder ihre Sorgen beim Pfarrer „abladen“ können: Das Aussprechen bringt schon eine kleine Erleichterung.
3.1 Joining – Einstimmung
Klientin: Herr Pfarrer, ich habe keine Ahnung, was mit mir los ist. Ich fühle mich einfach furchtbar schlecht.
Seelsorger: Gut, dass Sie gekommen sind, und gut, dass Sie es so aussprechen können. Sie müssen Ihre Gedanken jetzt nicht ordnen. Sagen Sie, was Ihnen einfällt – wir suchen dann gemeinsam Ordnung darin.
Klientin: Mein Mann arbeitet im Ausland, ich bin hier mit den zwei Kleinen, und meine Schwiegermutter … ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Seelsorger: Ich höre heraus, als wäre auf einmal vieles über Sie hereingebrochen. Wenn es ein Bild dafür gäbe, wie Sie sich jetzt fühlen, welches wäre das?
Klientin: Als würden die Wellen über meinem Kopf zusammenschlagen.
Seelsorger: Dann schauen wir uns heute an, wo es einen Stein gibt, auf dem Sie stehen können. Möchten Sie, dass wir zu Beginn des Gesprächs all das in einem kurzen Gebet vor Gott bringen?
Klientin: Ja. Ich könnte jetzt nicht beten, aber wenn Sie es sprechen …
Seelsorger: Unser Herr, hier ist diese junge Frau vor dir, und mit ihr ihre ganze Familie. Du siehst auch die Wellen. Gib uns jetzt ein wenig festen Boden. Amen.
3.2 Kompliment – konkrete Anerkennung
Klientin: Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich richtig mache. Die Kinder weinen, wenn ihr Vater wegfährt, und ich weine mit ihnen.
Seelsorger: Seit eineinhalb Jahren tragen Sie den Alltag allein mit zwei kleinen Kindern. Sie sind mit beiden zu ihrem Vater gereist, obwohl Sie wussten, wie schwer die Rückreise werden würde. Das zeigt mir eine sehr liebevolle und sehr mutige Mutter.
Klientin: Mutig? Eher verzweifelt.
Seelsorger: Verzweiflung und Mut kommen manchmal aus derselben Quelle. Und dass Sie jetzt gekommen sind und Ihre eigene Not mitbringen, sich nicht über Ihren Mann oder Ihre Schwiegermutter beklagen, sondern darüber, dass Sie selbst nicht mehr können – dazu gehört Ehrlichkeit.
3.3 Positive Konnotation
Klientin: Ich schäme mich, aber manchmal bin ich wütend auf meinen Mann, dass er gegangen ist. Dabei weiß ich, dass er es für uns tut.
Seelsorger: Ihre Wut zeigt, wie sehr er Ihnen fehlt. Wenn er Ihnen nicht fehlen würde, wären Sie nicht wütend. Die Wut ist jetzt eine der Stimmen der Liebe.
Klientin: Und ich schäme mich auch dafür, dass ich mit meiner Schwiegermutter nicht mehr reden will. Eine christliche Schwiegertochter sollte nicht so sein.
Seelsorger: Ich höre heraus, dass Sie sich bisher bemüht haben, sie zu achten, sogar trotz ihrer verletzenden Sätze. Dass Ihre Kraft jetzt aufgebraucht ist, zeigt nicht die Schwäche Ihres Glaubens, sondern wie lange Sie durchgehalten haben. Wer keine gute Schwiegertochter sein wollte, würde sich nicht schämen, dass es nicht geht.
Klientin: Manchmal wünsche ich mir, wir wären schon alle zusammen im Ausland und ich müsste nichts entscheiden.
Seelsorger: In diesem Wunsch steckt, wie sehr Sie mit Ihrem Mann zusammen sein möchten. Und auch, dass das Gewicht der Entscheidung für einen einzelnen Menschen zu groß ist. Sie müssen es auch nicht allein tragen.
Ziele und Vertrag Kurzfristige Ziele, Vertrag und Vereinbarungen
4 Kurzfristige Ziele, Vertrag und Vereinbarungen
4.1 Kurzfristige Ziele
Hilfe kann nur entlang des von der Klientin formulierten Anliegens beginnen. Wenn das Anliegen noch nicht klar ist, besteht das kurzfristige Ziel gerade darin, dass es entsteht. [6] Auch Jesus fragt den Leidenden: „Willst du gesund werden?“ (Joh 5,6); Hilfe erfordert ein Mandat. [7]
Seelsorger: Bevor wir irgendetwas beginnen: Wobei möchten Sie heute am liebsten Unterstützung bekommen?
Klientin: Dass Sie mir sagen, ob wir gehen oder bleiben sollen.
Seelsorger: Ich verstehe, dass Sie sich das wünschen. Diese Entscheidung kann ich nicht anstelle von Ihnen beiden treffen – aber ich kann dabei helfen, dass Sie klarer sehen, was alles für das eine und das andere spricht und wovor Sie Angst haben. Wenn Sie am Ende des heutigen Gesprächs ein bisschen weniger das Gefühl hätten, dass die Wellen über Ihnen zusammenschlagen, was würde das bedeuten?
Klientin: Dass ich wüsste, womit ich anfangen soll.
Die kurzfristigen Ziele der Begleitung:
Kontakt und Halt. Die junge Frau erfährt einen urteilsfreien Raum, in dem auch ihre Wut, ihre Scham und ihre Angst ausgesprochen werden können.
Ordnung im Chaos. Aus dem Problemberg treten gemeinsam einige „Pfähle“ hervor, und zwischen diesen bildet sich eine Rangfolge der Wichtigkeit heraus.
Eigenes Anliegen. Anstelle von „Sagen Sie mir, was wir tun sollen“ formuliert die Ehefrau, wobei sie jetzt Unterstützung erbittet.
Sichtbarmachen der Perspektiven der Beteiligten. Auch die Sichtweise des Ehemannes, der Schwiegermutter und der Kinder kommt im Gespräch zur Geltung.
Ressourcen. Es kommt zum Vorschein, was ihr bisher in den schweren Wochen geholfen hat: Beziehungen, Gemeinde, Eltern, Glaube.
Die Tragbarkeit der Entscheidung. Die Frage des Gehens oder Bleibens ist keine Aufgabe, die an einem Tag zu entscheiden wäre, sondern ein Prozess, den man gemeinsam durchschreiten kann.
4.2 Vertrag
Auf ein Symptom schließen wir keinen Vertrag: Der Pfarrer kann nicht übernehmen, die Schwiegermutter „in Ordnung zu bringen“, den Ehemann nach Hause zu holen oder über den Umzug zu entscheiden. [8] Der Vertrag bezieht sich auf das, was die anwesende Klientin gestalten kann und wofür sie seelsorgliche Hilfe erbittet.
Seelsorger: Wenn ich es richtig verstehe, gibt es viele Fäden: die Abwesenheit Ihres Mannes, die Kinder, Ihre Schwiegermutter, die Frage des Umzugs. Ich schlage vor, dass wir uns diese bei den nächsten Treffen nacheinander vornehmen und immer mit dem beginnen, was Sie am meisten drückt. Ihre Schwiegermutter kann ich nicht verändern, und die Entscheidung treffe ich auch nicht anstelle von Ihnen beiden. Ich kann dabei helfen, dass Sie das nicht allein tragen und dass Ihre Entscheidung – welche es auch sei – nicht aus Angst, sondern aus gemeinsamem Abwägen entsteht. Ist das für Sie so in Ordnung?
Klientin: Ja. Und wenn mein Mann zu Hause ist, könnte er dann auch kommen?
Seelsorger: Gern. Es kann auch sein, dass wir einmal zu dritt sprechen. Darüber entscheiden wir dann gemeinsam.
4.3 Vereinbarungen
Vereinbarungen geben einen sicheren Rahmen und können in einer so chaotischen Situation schon für sich genommen wohltuend sein. [9]
Rahmen. Vier bis fünf Treffen im Abstand von zwei Wochen, möglichst auch dann, wenn der Ehemann zu Hause ist; am Ende des Prozesses ein gemeinsamer Rückblick.
Schweigepflicht. Was im Gespräch gesagt wird, gelangt weder an die Schwiegermutter noch an die Gemeinde. Wenn der Pfarrer später auch mit der Schwiegermutter oder mit dem Ehemann spricht, tut er das nur mit Wissen der Ehefrau und gibt das Vertrauen keines der beiden an den anderen weiter. [10]
Bibelwort, Gebet, Segen. Sie besprechen, ob die Ehefrau ein gemeinsames Gebet, ein Bibelwort oder einen Segen wünscht und in welcher Form.
Einbeziehung weiterer Familienmitglieder. Ein gemeinsames Gespräch kann nur zustande kommen, wenn alle es frei übernehmen; der Pfarrer vertritt dabei die Interessen aller Seiten gleichermaßen.
Schutz der Kinder. Die Konflikte der Erwachsenen werden nicht vor den Kindern und nicht über die Kinder ausgetragen.
Hausaufgaben. Sie werden freiwillig übernommen und auch dann besprochen, wenn sie nicht gelungen sind.
Seelsorger: Wenn Ihr Mann nach Hause kommt, möchten Sie dann, dass wir einmal zu dritt für Ihre Entscheidung beten?
Klientin: Das wünsche ich mir sehr. Er spricht sonst nicht über solche Dinge, aber vielleicht ginge es so.
Schulenanalyse Zwei familientherapeutische Perspektiven
5 Der Fall aus der Perspektive zweier familientherapeutischer Schulen
5.1 Mehrgenerationenansatz
Die mehrgenerationale Sichtweise versteht seelische Vorgänge aus den Wechselwirkungen zwischen den Generationen. Helm Stierlin hält drei Fragen für entscheidend: wie die familiären Beziehungen fördern oder hindern, dass jemand zu einer eigenständigen Person wird; wie die Bindung beschaffen ist – zu eng, abstoßend oder ausgewogen; und welche Aufträge und Erwartungen die ältere Generation weitergibt, die die Jüngeren als Wegzehrung oder als Last begleiten. [11]
Bezogene Individuation
Die Verselbstständigung der jungen Familie ist nicht allein ihre Sache: Jeder ihrer Schritte ordnet auch das Leben der Schwiegermutter neu, und umgekehrt. Wenn ein Kind eigenständig wird, müssen auch seine Eltern auf neue Weise eigenständig werden.
Seelsorger: Wenn Sie beide ausziehen würden, was würde sich im Leben Ihrer Schwiegermutter ändern?
Klientin: Sie bliebe allein. Ihr Leben war ihr Sohn, seit … schon immer.
Seelsorger: Und was würde sich im Leben Ihres Mannes ändern, wenn seine Mutter lernte, auch ohne ihn zu leben?
Klientin: Vielleicht könnte er sich endlich auf unsere Familie konzentrieren.
Seelsorger: Es sieht so aus, als kämen alle einen Schritt weiter – nur würde jedem von ihnen etwas wehtun. Auch Ihre Schwiegermutter muss lernen, die Mutter eines erwachsenen Sohnes zu sein.
Positive und negative Gegenseitigkeit
Gesunde Gegenseitigkeit beruht auf gegenseitiger Anerkennung; negative Gegenseitigkeit hält durch gegenseitige Abwertung die Unsicherheit aufrecht. [12] In der Beziehung zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter dominiert derzeit die negative Gegenseitigkeit: Vorwurf und Verdacht, darauf Kränkung und Distanzierung.
Seelsorger: Erinnern Sie sich an eine Zeit, in der Sie mit Ihrer Schwiegermutter gut ausgekommen sind?
Klientin: Bevor mein Mann wegging, war es doch auszuhalten. Sie hat auf die Kinder aufgepasst und mein Essen manchmal sogar gelobt.
Seelsorger: Was haben Sie damals getan, wodurch das funktioniert hat?
Klientin: Ich habe sie gefragt, was sie möchte. Manchmal habe ich ihr einfach erzählt, was bei den Kindern los ist.
Seelsorger: Was meinen Sie, was wäre das kleinste Zeichen, mit dem Sie jetzt diesen Kreislauf neu beginnen könnten – nicht, weil sie es verdient, sondern weil es auch für Sie leichter wäre?
Bindung und Ausstoßung
Die Beziehung der Generationen wird durch die Dynamik von Festhalten und Loslassen bestimmt. Zu starke Bindung behindert die Eigenständigkeit; Ausstoßung lässt allein. Das Wort „Ablösung“ ist irreführend: Zur Herkunftsfamilie gehören wir immer, selbst die abgebrochene Beziehung verbindet. Die Frage ist, ob die Beziehung sich wandelt oder abreißt. [13]
Seelsorger: Ihre Schwiegermutter hat gesagt: „Allein sterben kann ich ja auch noch.“ Was meinen Sie, was sie damit erreichen wollte?
Klientin: Dass mein Mann ein schlechtes Gewissen bekommt.
Seelsorger: Das kann sein. Und wovor, meinen Sie, hat sie Angst?
Klientin: Dass sie ihren Sohn verliert.
Seelsorger: Was würde ihr dabei helfen, den Wegzug ihres Sohnes nicht als Verlust, sondern als Veränderung zu erleben?
Klientin: Wenn sie wüsste, dass wir sie nicht vergessen. Dass wir sie anrufen, dass auch die Kinder mit ihr sprechen.
Delegation und Überlieferung
Die ältere Generation schickt die Jüngeren mit Aufträgen, mit Delegationen ins Leben. Diese können Wegzehrung sein, aber auch zu einem mit schweren Steinen gefüllten Ranzen werden. [14]
Seelsorger: Mit welchem „Auftrag“ ist Ihr Mann von seiner Mutter ins Leben geschickt worden?
Klientin: Dass er auf sie aufpasst. Dass er derjenige ist, auf den sie sich immer verlassen kann.
Seelsorger: Dann kann es sein, dass Ihr Mann jetzt versucht, zwei Aufträgen gleichzeitig gerecht zu werden: ein guter Sohn zu sein und ein guter Ehemann. Und was haben Sie von zu Hause darüber mitbekommen, wo der Platz der Ehefrau ist?
Klientin: Meine Mutter hat immer gesagt: „Wo dein Mann ist, da ist dein Platz.“
Seelsorger: Zwei sehr verschiedene Wegzehrungen. Es ist verständlich, dass die beiden jetzt zwischen Ihnen aufeinanderprallen.
Geheimnisse und Familienmythen
Familiengeheimnisse und -mythen konnten einst eine schützende Funktion erfüllen; die Beratung ist keine Ermittlung, sondern die Klärung, welche Funktion ein Geheimnis oder ein Mythos heute erfüllt. [15] Der Verdacht, dass „die Frauen von heute“ in der Abwesenheit des Mannes „herumstreunen“, kann auch als Familien- oder Generationenmythos wirken.
Seelsorger: Haben Sie in der Familie Ihres Mannes schon einmal eine Geschichte gehört, in der jemand von seiner Familie getrennt war?
Klientin: Vielleicht ist sein Großvater irgendwohin zur Arbeit gegangen. Darüber sagt man immer nur halbe Sachen.
Seelsorger: Möglicherweise geht es beim Verdacht Ihrer Schwiegermutter gar nicht um Sie, sondern um eine alte Angst, die Ihre Familie in sich trägt. Das macht ihre Sätze nicht weniger kränkend, aber vielleicht weniger persönlich.
Pastoralpsychologische Bezüge
Gemeinschaft und Einzigartigkeit. Die Heilige Schrift sieht den Menschen in Beziehung – „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2,18) –, und die Taufe verkündet, dass jeder Mensch einzigartig ist, weil Gott ihn als den Seinen annimmt. [16]
Die bis ins „vierte und tausendste Glied“ wirkende Vergangenheit. Der biblische Ausdruck für generationenübergreifende Wirkungen lautet, dass die Schuld der Väter bis ins dritte und vierte Glied, die Barmherzigkeit Gottes aber bis ins tausendste wirkt. Die junge Familie erbt nicht nur Lasten, sondern auch Segen. [17]
Die Delegation und die Gottebenbildlichkeit. Wenn die familiären Aufträge zu stark sind, verzerren sie die freie Entwicklung des jungen Menschen und hindern ihn daran, der zu werden, als den Gott ihn geschaffen hat. [18]
Der Segen. Eine spirituelle Form der Anerkennung des Andersseins des anderen und des Bleibens in der Beziehung kann der Segen sein: die Bejahung dessen, dass der andere der sein darf, der er ist. [19]
5.2 Strukturelle Therapie
Salvador Minuchin sieht die Störungen der Familie in der Auflösung der Ordnung. Zwei Grundprinzipien hält er für entscheidend: die natürliche Rangfolge der Generationen und dass die Gruppen innerhalb der Familie – die Großeltern, die Eltern und die Kinder – durch Grenzen voneinander getrennt sind, die schützen, aber nicht abschotten. Verschwommene Grenzen führen zu einem verschmolzenen, „Familienmasse“-artigen Funktionieren, zu starre Grenzen zur Isolation. Der strukturell arbeitende Helfer untersucht die Grenzen, das Funktionieren der Subsysteme und die Koalitionen. [20]
Das Ehesubsystem in der Distanz
Das Ehesubsystem ist der Kern der Familie. Wenn das Paar nur alle zwei Wochen einige Tage miteinander verbringt, erfordert der Schutz ihrer Beziehung besondere Achtsamkeit.
Seelsorger: Wenn Ihr Mann nach Hause kommt, wie viel Zeit bleibt dann für Sie beide – nicht für die Kinder, nicht für die Verwandten, sondern für Sie beide?
Klientin: Fast keine. Er kommt an, wir gehen zu meiner Schwiegermutter, die Kinder kommen, und schon fährt er wieder zurück.
Seelsorger: Und wenn bei der nächsten Heimkehr ein Abend nur für Sie beide reserviert würde, was müsste man dafür organisieren?
Klientin: Jemand müsste auf die Kinder aufpassen. Früher hat das meine Schwiegermutter gemacht.
Seelsorger: Interessant: Derselbe Mensch würde Ihrer Paarbeziehung helfen, mit dem es jetzt am schwersten ist. Wen könnten Sie noch um Hilfe bitten?
Die Grenze zwischen den Generationen
Nach der strukturellen Sichtweise kann die Großelterngeneration helfen, aber sie darf das Leben der jungen Familie nicht lenken. Die Trennung von Hilfe und Einmischung ist einer der Schlüssel zur Klärung der Grenze.
Seelsorger: Wenn wir eine Linie ziehen würden, wo beginnt Ihre Familie, und wo die Ihrer Schwiegermutter?
Klientin: Ich weiß nicht. Bei uns war immer alles gemeinsam.
Seelsorger: Wobei bitten Sie sie gern um Hilfe, und wobei möchten Sie nicht, dass sie sich einmischt?
Klientin: Auf die Kinder aufpassen darf sie. Aber wo wir leben, entscheiden wir.
Seelsorger: Das ist eine sehr klare Grenze. Wer könnte ihr das sagen – Sie oder Ihr Mann?
Klientin: Eher mein Mann. Von mir würde sie es nicht annehmen.
Hierarchie und der Platz des Mannes
Die natürliche Hierarchie bedeutet, dass in der jungen Familie die Eltern über ihr eigenes Leben entscheiden. Der Platz des Mannes in dieser Hierarchie ist an der Seite seiner Frau, nicht zwischen seiner Mutter und seiner Frau.
Seelsorger: Wenn Ihre Schwiegermutter gekränkt über den Umzug spricht, auf welche Seite stellt sich Ihr Mann dann?
Klientin: In die Mitte. Er versucht, uns beide zu beruhigen.
Seelsorger: Was meinen Sie, was Ihre Schwiegermutter empfinden würde, wenn Ihr Mann sich einmal eindeutig an Ihre Seite stellte, dabei aber liebevoll mit ihr spräche?
Klientin: Sie wäre gekränkt. Aber vielleicht wüsste sie endlich, dass es nicht an mir liegt.
Seelsorger: Möglicherweise würde eine klare Grenze am Ende allen dreien Ruhe geben.
Koalitionen
Der strukturell arbeitende Helfer achtet darauf, wenn sich Familienmitglieder gegeneinander verbünden. Eine Mutter-Sohn-Koalition gegen die Ehefrau oder ein Bündnis der Schwiegertochter mit ihren eigenen Eltern gegen die Schwiegermutter kann die junge Familie gleichermaßen belasten.
Seelsorger: Wer spricht mit wem, wenn der Umzug zur Sprache kommt?
Klientin: Ich mit meiner Mutter, mein Mann mit seiner. Miteinander kaum.
Seelsorger: Es sieht aus, als würden Sie beide zu Ihrem jeweiligen „Hinterland“ laufen. Was geschähe, wenn Sie einmal zuerst miteinander sprächen und erst danach mit Ihren Eltern?
Die Subsysteme und die Kinder
Das Subsystem der Kinder braucht Schutz: Die Konflikte der Erwachsenen gehen sie nichts an, aber eine gemeinsam entwickelte Ordnung für Abschiede und Ankünfte kann ihnen Sicherheit geben.
Seelsorger: Wie verabschieden sich die Kinder von ihrem Vater, wenn er geht?
Klientin: Sie weinen. Er geht schnell, damit es nicht so schwer ist.
Seelsorger: Was wäre, wenn der Abschied eine Ordnung hätte, die auch die Kinder kennen – eine Umarmung, ein Satz, ein gemeinsames Gebet –, und die Ankunft ebenso?
Offenes System: die Familie und die Außenwelt
Die Beziehung der Familie zur Außenwelt – zum Arbeitsplatz, zur Gemeinde, zu einem anderen Land – ist ebenfalls eine strukturelle Frage: Die zu geschlossene Familie isoliert sich, die zu offene verliert den tragenden inneren Raum.
Seelsorger: Wer in der Gemeinde oder in der Nachbarschaft ist da, auf wen Sie zählen können, wenn Sie allein mit den Kindern sind?
Klientin: Es gibt eine Mutter aus der Krabbelgruppe. Aber ich will niemandem zur Last fallen.
Seelsorger: Vielleicht würde sie sich auch freuen, wenn Sie sie bitten. Hilfe anzunehmen ist ebenfalls eine Art Grenze: das Eingeständnis, dass man nicht alles allein tragen muss.
Pastoralpsychologische Bezüge
Er verlässt Vater und Mutter. Der Grenzbegriff der strukturellen Therapie erhält eine biblische Parallele: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und sie werden sein ein Fleisch“ (1. Mose 2,24). Das Verlassen bedeutet hier nicht Abbruch, sondern eine neue Hierarchie: Die neue Familie wird zur primären Beziehungseinheit.
Die Hierarchie als Dienst. Die familiäre Ordnung, die Autorität, die Regeln und die Treue sind nur dann gut, wenn sie der Entfaltung, der Würde und der Gottebenbildlichkeit der Familienmitglieder dienen. [21]
Offenes System. Eine Familie, die sich abschottet, kann sich nur schwer erneuern. Das gilt auch im Glauben: Für die Familie ist es eine Ressource, wenn sie sich selbst auch von Gott her, aus einer höheren Perspektive betrachten kann. [22]
Weitere Interventionen Reframing, Fragetypen und seelsorgliche Interventionen
6 Weitere systemische Interventionen
6.1 Reframing
Das Reframing stellt der Wahrnehmung der Klientin die „andere Seite“ einer negativen Feststellung zur Seite; es korrigiert nicht, sondern ergänzt. Jedes Verhalten kann in seinem eigenen Kontext einen Sinn erhalten, und dahinter kann auch eine Fähigkeit, ein Entwicklungsschritt oder eine Loyalität stehen. [23] In seelsorglichem Sinn hilft es, in der Leidensgeschichte die Heilsgeschichte zu erkennen.
Die Vorwürfe der Schwiegermutter – als Sprache des Mangels
Klientin: Sie sagt, ich hätte es nicht geschafft, meinen Mann bei mir zu halten.
Seelsorger: Es scheint, dass auch ihr ihr Sohn sehr fehlt. Nur fällt es ihr schwerer, das auszusprechen, deshalb sagt sie es Ihnen. Ihnen beiden fehlt dasselbe: Ihnen Ihr Mann, ihr ihr Sohn. Dieser gemeinsame Mangel könnte Sie sogar verbinden.
Der Verdacht – als mütterlicher Schutz
Klientin: Sie sagt sogar, ich träfe mich bestimmt mit anderen Männern.
Seelsorger: Das ist sehr kränkend, und Sie müssen es auch nicht annehmen. Zugleich höre ich darin, dass eine Mutter auf diese Weise ihren Sohn zu schützen versucht, wenn auch mit untauglichen Mitteln. Wer um niemanden Angst hat, wird nicht misstrauisch.
„Ich werde allein sterben“ – als Hilferuf
Klientin: Dieser Satz hat meinen Mann völlig niedergeschmettert.
Seelsorger: Es klingt, als würde Ihre Schwiegermutter sagen: „Ich habe Angst, allein zu bleiben.“ Das lässt sich nicht nur als Erpressung, sondern auch als Bitte hören. Wenn man die Bitte darin hört, kann man darauf so antworten, dass Sie deswegen nicht hierbleiben müssen.
Der Mann „zwischen zwei Feuern“ – als Treue
Klientin: Mein Mann steht nicht zu mir.
Seelsorger: Ich sehe es so, dass er Ihnen beiden treu bleiben möchte. Das ist jetzt sehr schwer für ihn, aber dieselbe Treue, die ihn jetzt lähmt, ist auch der Grund, weshalb Sie ihn gewählt haben: Er lässt die, die er liebt, nicht im Stich.
Die Entfernung – als Opfer für die Familie
Klientin: Manchmal habe ich das Gefühl, das Geld ist ihm wichtiger als wir.
Seelsorger: Möglicherweise ist er gerade deshalb fern, weil Sie ihm wichtig sind. Die Abwesenheit ist eine mühsame Form seiner Liebe. Trotzdem dürfen Sie ihn vermissen.
Die Entscheidungsunfähigkeit – als Verantwortung
Klientin: Ich kann mich nicht entscheiden. Ich habe immer Angst, falsch zu entscheiden.
Seelsorger: Wer so sorgfältig abwägt, ist nicht leichtsinnig. Sie denken an alle: an die Kinder, an Ihren Mann, sogar an Ihre Schwiegermutter. Ihr Zögern ist Verantwortung – nur fühlen Sie sich jetzt allein für zu viele Menschen verantwortlich.
Die zwei Gebote – als zwei Segen
Klientin: Ich habe gelernt, dass man die Eltern ehren soll. Aber auch, dass der Mann Vater und Mutter verlässt. Was stimmt denn nun?
Seelsorger: Vielleicht beides – nur auf verschiedene Weise. Ehren bedeutet nicht, dass man in ihrer Nähe leben muss, und Verlassen bedeutet nicht, dass die Liebe aufhört. Möglicherweise kämpfen die beiden Worte nicht gegeneinander, sondern schützen von zwei Seiten dasselbe: das Leben der jungen Familie und die Würde der alten Mutter.
6.2 Systemische Fragetypen
Die Fragen lassen sich danach auswählen, ob der Seelsorger sich orientieren oder eine Veränderung anstoßen will; in einer Frage benennen wir nur einen Aspekt und lassen genügend Zeit zur Antwort. [24]
Lineare (orientierende) Frage
Seelsorger: Seit wann haben Sie das Gefühl, dass Sie nicht mehr können?
Klientin: Seit dem letzten Winter. Als der Kleine krank war und ich nächtelang allein mit ihm war.
Fragen zur Reihenfolge der Probleme
Seelsorger: Wenn wir in diesem Sumpf einige Pfähle einschlagen müssten, welche wären das?
Klientin: Die Abwesenheit meines Mannes. Meine Schwiegermutter. Die Kinder. Der Umzug.
Seelsorger: Welches empfinden Sie als das dringlichste? Und mit welchem wäre es am leichtesten anzufangen?
Zirkuläre Fragen
Seelsorger: Wenn Ihr Mann jetzt hier säße, was würde er dazu sagen, was ihm am meisten fehlt?
Seelsorger: Was meinen Sie, wie erzählt Ihre Schwiegermutter ihren Freundinnen, was jetzt in der Familie geschieht?
Seelsorger: Wenn wir das ältere Kind fragten, was würde es dazu sagen, wie es ist, wenn Papa weggeht?
Seelsorger: Wer würde am meisten leiden, wenn Sie wegzögen? Und wer, wenn Sie blieben?
Seelsorger: Für wen wäre es am leichtesten, wenn Ihr Mann nach Hause käme? Und für wen wäre es am schwersten, finanziell oder auf andere Weise?
Hypothetische Frage – wenn der Mann nach Hause käme
Seelsorger: Angenommen, Ihr Mann packt morgen zusammen und kommt heim. Wie sähe Ihr gemeinsames Leben ab dem Tag danach aus?
Klientin: Na ja … wir hätten keine Wohnung. Er müsste hier viel mehr arbeiten für dasselbe Geld.
Seelsorger: Und würde Ihre Schwiegermutter mehr von ihrem Sohn bekommen?
Klientin: Vielleicht nicht. Aber er wäre wenigstens in der Nähe.
Reflexive Frage
Seelsorger: Ich bin sicher, dass jemand, der mit zwei kleinen Kindern so viele Monate durchgestanden hat, sich schon vieles ausgedacht hat, was hilft. Was hat Sie bisher getragen?
Seelsorger: Ich bin sicher, dass es etwas gibt, was Sie an Ihrer Schwiegermutter achten können – auch jetzt noch. Was wäre das?
Skalierungsfrage
Seelsorger: Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie sehr möchten Sie jetzt ausziehen? Und wie sehr fürchten Sie sich davor?
Seelsorger: Was meinen Sie, welche Zahl würde Ihr Mann dafür nennen?
Seelsorger: Was müsste geschehen, damit Ihre Angst um einen Punkt abnimmt?
Ausnahmesuchende Frage
Seelsorger: Gab es eine Heimkehr, die gut gelungen ist? Was war damals anders?
Klientin: Als wir zu ihm in die leere Wohnung gefahren sind. Es war, als wären wir eine richtige Familie.
Seelsorger: Was war in diesen paar Tagen, das man auch hier zu Hause schaffen könnte?
Wunderfrage
Seelsorger: Angenommen, heute Nacht geschieht ein Wunder, und bis zum Morgen löst sich alles, was Ihnen jetzt über dem Kopf zusammenschlägt. Woran würden Sie es zuerst merken?
Klientin: Dass ich ruhig aufwache. Dass ich nicht darüber nachdenken muss, was meine Schwiegermutter sagen wird.
Seelsorger: Und wo würden Sie aufwachen – hier zu Hause oder in München?
Klientin: Ich weiß nicht … Vielleicht ist es sogar egal. Hauptsache, wir wären zusammen.
Zukunftsorientierte Frage
Seelsorger: Stellen Sie sich vor, in zehn Jahren sind Ihre Kinder groß. Was möchten Sie, dass sie über diese Zeit erzählen? Was haben sie daraus gelernt darüber, wie man in einer Familie Entscheidungen trifft?
6.3 Seelsorgliche Interventionen: Bibelwort, Gebet, Segen
Das Bibelwort kommt dann zu Wort, wenn es an die Frage der Klientin anknüpft und sie nicht abschließt; das Gebet ist dann glaubwürdig, wenn es wirklich an Gott gerichtet ist und kein verhüllter Ratschlag an die Klientin. [25]
Rut und Noomi
Klientin: Mit meiner Schwiegermutter kommen wir einfach auf keinen grünen Zweig.
Seelsorger: In der Bibel gibt es eine besondere Geschichte über eine Schwiegermutter und eine Schwiegertochter: Noomi und Rut. Auch Noomi hat in der Fremde ihren Mann und ihre Söhne verloren und fühlte sich bitter – sie sagte, man solle sie nicht Noomi, sondern Mara nennen, das heißt die Bittere. Rut blieb trotzdem bei ihr. Was, meinen Sie, könnte ihnen geholfen haben?
Klientin: Dass Rut sie nicht allein gelassen hat. Aber bei uns ist es umgekehrt: Ich weiß nicht, ob ich bei ihr bleiben muss.
Seelsorger: Das stimmt. Ich frage nicht, ob Sie es machen müssen wie Rut. Ich frage: Was stand hinter Noomis Bitterkeit, und was half ihr, dass sie am Ende wieder Segen sprechen konnte?
Reisesegen
Seelsorger: Der Psalm sagt: „Der Herr bewahrt dich vor allem Unheil, er bewahrt dein Leben. Der Herr bewahrt dein Gehen und Kommen, jetzt und allezeit.“ (Ps 121,7–8) Was meinen Sie, was es bedeuten würde, wenn Ihr Mann und die Kinder dies bei jedem seiner Aufbrüche gemeinsam sprächen?
Klientin: Dass er nicht nur weggeht, sondern dass jemand auf ihn achtgibt, solange er fort ist.
Gebet um die Entscheidung
Seelsorger (Gebet): Herr, zwei Wege liegen vor dieser Familie, und in beiden steckt ein Verlust. Wir bitten nicht, dass du an ihrer Stelle entscheidest, aber schenke ihnen Weisheit und Geduld füreinander. Halte auch die alte Mutter in ihrer Angst, und gib auf die Kinder acht. Amen.
Stellvertretende Hoffnung
Seelsorger: Im Moment haben Sie das Gefühl, dass jemand leiden wird, wie auch immer Sie sich entscheiden. Vielleicht wird es so sein. Aber mein Eindruck ist, dass auf der Art, wie Sie in dieser schweren Lage an alle denken, Gottes Segen liegt. Wenn Sie jetzt den Ausweg nicht sehen, glaube ich eine Zeit lang an Ihrer Stelle daran, dass es einen geben wird.
6.4 Transferfrage und Abschlussintervention
Die Abschlussintervention ist eine kurze, differenzierte Zusammenfassung: Sie benennt die Themen in der Sprache der Klientin, hebt die konstruktiven Elemente hervor und das, was noch einer Lösung harrt, und eröffnet kein neues Gespräch. [26]
Seelsorger: Heute ist vieles zur Sprache gekommen: die Abwesenheit Ihres Mannes, die Abschiede der Kinder, die verletzenden Sätze Ihrer Schwiegermutter und die Frage des Umzugs. Sie haben sehr mutig auch über Ihre Wut und Ihre Scham gesprochen. Wir haben einige Pfähle in den Wellen gefunden, und jetzt wissen Sie schon, womit Sie beginnen möchten: damit, dass Sie und Ihr Mann bei seiner nächsten Heimkehr einen Abend zu zweit haben werden. Die Entscheidung ist noch offen, und sie muss auch heute nicht fallen.
Seelsorger: Was werden Sie Ihrem Mann über das heutige Gespräch erzählen? Und was glauben Sie, was wird er dazu sagen?
Übungen Die Dialoge sind redigierte Lernbeispiele, keine neuen Falldaten
7 Übungen mit dialogischen Beispielen
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.1 Pfähle im Sumpf – das Ordnen der Probleme
Wann und wofür: wenn „die Wellen über der Klientin zusammenschlagen“ und alle ihre Probleme auf einmal gegenwärtig sind. Ziel ist, einige klare Fäden zu benennen und eine Reihenfolge aufzustellen. [27]
Seelsorger: Schreiben wir alles, was Sie jetzt belastet, jeweils auf eine Karte: die Abwesenheit Ihres Mannes, Ihre Schwiegermutter, die Kinder, das Geld, den Umzug, die Sprache.
Klientin: (Sie schreibt sechs Karten.)
Seelsorger: Legen Sie sie in eine Reihenfolge: Welche wiegt am schwersten? Und welche ist es, an der Sie heute schon ein wenig etwas ändern könnten?
Klientin: Am schwersten wiegt meine Schwiegermutter. Aber am leichtesten ist vielleicht, dass mein Mann und ich mehr miteinander reden.
Seelsorger: Dann fangen wir dort an, wo es am leichtesten ist.
Worauf zu achten ist: Das Ordnen ist kein Kleinreden der Probleme; die Reihenfolge bestimmt die Klientin.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.2 Ein Bild für den Zustand „Ich habe keine Ahnung“ – Metapher
Wann und wofür: wenn die Klientin keine Frage formulieren kann, aber das Gewicht der Situation spürt. Das Bild macht das Unformulierbare handhabbar. [28]
Seelsorger: Wenn Sie ein Bild für diesen Zustand „Ich habe keine Ahnung“ finden müssten, welches wäre es?
Klientin: Wellen. Als wäre ich im Meer und sähe das Ufer nicht.
Seelsorger: Gibt es in diesem Bild etwas, woran Sie sich festhalten können?
Klientin: Ein Brett vielleicht. Meine Kinder.
Seelsorger: Und wer könnte Ihnen vom Ufer aus zurufen?
Klientin: Mein Mann. Und vielleicht Gott.
Worauf zu achten ist: Das Bild gehört der Klientin; der Seelsorger gibt ihm keine neue Bedeutung, sondern fragt nur innerhalb des Bildes der Klientin.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.3 Genogramm
Wann und wofür: um die Loyalitäten der beiden Herkunftsfamilien, die Delegationen und die „Wander“-Geschichten der Familie sichtbar zu machen. [29]
Seelsorger: Zeichnen wir Ihre Familie über drei Generationen auf. Wer lebte in Ihrer Familie fern von seinen Liebsten – wegen der Arbeit, des Krieges, der Auswanderung?
Klientin: Mein Großvater war eine Zeit lang Gastarbeiter.
Seelsorger: Wie wurde in der Familie darüber gesprochen?
Klientin: Dass meine Großmutter alles allein getragen hat. Und dass das selbstverständlich war.
Seelsorger: Was haben Sie aus diesem Satz geerbt: dass es „selbstverständlich“ sei, alles allein zu tragen?
Worauf zu achten ist: Im Genogramm sollen auch die Ressourcen sichtbar werden: Wer ist in einer ähnlichen Lage zurechtgekommen, und wie?
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.4 Lebenslange (gute?) Ratschläge
Wann und wofür: wenn die aus den beiden Herkunftsfamilien mitgebrachten Sätze aufeinanderprallen. [30]
Seelsorger: Welche Sätze haben Sie von zu Hause mitgebracht darüber, wo der Platz der Ehefrau ist?
Klientin: „Wo dein Mann ist, da ist dein Platz.“
Seelsorger: Und was hat Ihr Mann von zu Hause über seine Mutter mitgebracht?
Klientin: „Lass deine Mutter nie allein.“
Seelsorger: Beide Sätze sind aus Liebe entstanden. Wie ließen sich die beiden so formulieren, dass man nicht zwischen ihnen wählen muss?
Klientin: Vielleicht so: „Lebe mit deiner Frau, aber vergiss deine Mutter nicht.“
Worauf zu achten ist: Wir bewerten die Sätze nicht; wir suchen nach ihrer heutigen Bedeutung.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.5 Beziehungsrad
Wann und wofür: um die Isolation der Klientin und ihre unterstützenden Beziehungen zu erfassen. [31]
Seelsorger: Sie stehen in der Mitte des Rades. Wer ist nah, wer fern? Von wem bekommen Sie Hilfe, und von wem eher eine Last?
Klientin: Mein Mann ist weit weg und doch nah. Meine Schwiegermutter ist nah und doch weit weg. Meine Eltern sind weit weg. Aus der Gemeinde eine Mutter.
Seelsorger: Wo ist Gott im Rad?
Klientin: In der Mitte, glaube ich. Aber in letzter Zeit spüre ich ihn nicht.
Seelsorger: Wen könnten Sie diese Woche um eine konkrete Hilfe bitten?
Worauf zu achten ist: Das Einbeziehen von Unterstützern bedeutet nicht, Familiengeheimnisse zu teilen.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.6 Die mobilisierende Wirkung von Dilemmata – Spaltung (Splitting)
Wann und wofür: beim Dilemma „gehen oder bleiben“. Der Seelsorger macht beide Standpunkte lebendig und entscheidet nicht an Stelle der Klientin. [32]
Seelsorger: Lassen Sie mich von zwei Familien erzählen, die in einer ähnlichen Lage waren. Die eine zog um, und zuerst war es sehr schwer, aber dort konnten sie endlich als eine Familie leben. Die andere blieb hier, der Vater kam heim, sie lebten von weniger Geld, blieben aber nah bei den Großeltern. Jede der beiden Entscheidungen hatte ihren Preis und ihren Segen. An welche der beiden Familien denken Sie jetzt lieber?
Klientin: An die erste. Aber ich habe Angst, dass ich dort diejenige sein werde, die allein in der Wohnung sitzt, ohne Sprachkenntnisse.
Seelsorger: Dann ist diese Angst auch ein wichtiger Teil des Abwägens. Was könnte dagegen helfen?
Worauf zu achten ist: Der Seelsorger ist der Anwalt der Ambivalenz, nicht derjenige, der die Entscheidung trifft.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.7 Innere Konferenz
Wann und wofür: wenn in der Klientin zugleich eine „Gehen“- und eine „Bleiben“-Stimme sprechen. [33]
Seelsorger: Wenn Ihr innerer Ratssaal zusammenträte, wer würde sich zu Wort melden?
Klientin: Ein Teil, der schon packen würde. Einer, der sich vor der fremden Sprache fürchtet. Einer, der meine Schwiegermutter bedauert. Und einer, der nur schlafen möchte.
Seelsorger: Sie sind der Vorsitz dieses Rates. Wem würden Sie heute als Erstem das Wort geben?
Klientin: Dem, der schlafen möchte.
Seelsorger: Auch das ist eine wichtige Stimme. Was würde er sagen, wenn man ihm endlich zuhörte?
Worauf zu achten ist: Jeder Anteil ist wertvoll; das Ziel ist nicht, einen Anteil zum Schweigen zu bringen, sondern dass die Klientin die Beratung leiten kann.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.8 Der leere Stuhl – die Stimme der Abwesenden
Wann und wofür: wenn die Sicht abwesender Familienmitglieder zur Geltung gebracht werden soll und die Klientin sich in die Rolle eines anderen hineinversetzen kann. [34]
Seelsorger: Stellen Sie sich vor, auf diesem Stuhl säße Ihre Schwiegermutter. Wenn Sie sich auf ihren Platz setzten, was würde sie über das sagen, was Sie jetzt fühlen?
Klientin (in der Rolle der Schwiegermutter): „Ich habe Angst, dass sie mir meinen Sohn wegnimmt. Ich habe alles für ihn getan.“
Seelsorger: Und wenn Sie sich wieder auf Ihren eigenen Platz setzen, was würden Sie ihr antworten?
Klientin: Dass ich sie ihm nicht wegnehmen will. Nur brauchen meine Kinder einen Vater.
Worauf zu achten ist: Nur mit Einwilligung der Klientin und mit genügend Zeit, um aus der Rolle wieder herauszutreten.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.9 Familientafel – die Entfernung im Raum
Wann und wofür: um die räumliche Anordnung der Familie und das Erleben von Entfernung und Nähe sichtbar zu machen. [35]
Seelsorger: Stellen Sie die Familienmitglieder so auf die Tafel, wie Sie es jetzt empfinden.
Klientin: (Sie stellt den Mann an den anderen Rand der Tafel, die Schwiegermutter unmittelbar neben sich, aber mit dem Rücken zu ihr; die Kinder vor sich; ihre eigenen Eltern ganz in die Ecke.)
Seelsorger: Wie fühlt es sich an, es anzuschauen?
Klientin: Dass meine Schwiegermutter näher ist als mein Mann.
Seelsorger: Wenn Sie eine einzige Figur umstellen könnten, welche wäre es?
Klientin: Meinen Mann würde ich hierher stellen, neben mich. Und meine Schwiegermutter ein Stück weiter weg, aber mit dem Gesicht zu uns.
Worauf zu achten ist: Die Tafel ist kein Bauplan für die Entscheidung, sondern ein Bild des gegenwärtigen Erlebens.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.10 Begegnung der Gefühlsanteile
Wann und wofür: wenn Mangel, Wut, Scham und Hoffnung zugleich gegenwärtig sind. [36]
Seelsorger: Wählen Sie Gegenstände für Ihre Gefühle aus.
Klientin: Dieser schwere Stein ist die Leere, die er hinterlässt. Dieser stachelige Zapfen ist die Wut auf meine Schwiegermutter. Diese kleine Glaskugel ist die Hoffnung, dass wir eines Tages zusammen sein werden.
Seelsorger: Welcher möchte jetzt zu Wort kommen?
Klientin: Der Zapfen. Dass ich es satt habe, dass sie mir die Schuld gibt.
Seelsorger: Und was würde ihm die Glaskugel antworten?
Worauf zu achten ist: Das Aussprechen der Wut ist keine Verurteilung der Schwiegermutter; für den Abschluss lassen wir genügend Zeit.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.11 Himmlische Konferenz
Wann und wofür: bei ethischen und Glaubensdilemmata, wenn zwei biblische Gebote gegeneinanderstehen. [37]
Seelsorger: Bringen wir die Frage vor die „himmlische Konferenz“. Was würde der Schöpfer sagen?
Klientin: Dass der Mann Vater und Mutter verlässt und seiner Frau anhängt.
Seelsorger: Und der Erlöser?
Klientin: Dass er sogar vom Kreuz aus für seine Mutter gesorgt hat: Er gab sie Johannes.
Seelsorger: Der Geist?
Klientin: Dass wir uns nicht fürchten müssen, denn er wird bei uns sein, wohin wir auch gehen.
Seelsorger: Und die verwirrende Stimme?
Klientin: Dass wir, was auch immer wir entscheiden, eine Sünde begehen.
Seelsorger: Was antworten die anderen drei dieser Stimme?
Worauf zu achten ist: Der Seelsorger spricht nicht im Namen Gottes; die Konferenz macht die Glaubensbedeutungen der Klientin sichtbar.
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7.12 Karussell der Erwartungen – Tafel-Adaption
Wann und wofür: wenn die Klientin inmitten vielfältiger, einander widersprechender Erwartungen lebt. [38]
Seelsorger: Schreiben wir jede Erwartung auf, die Sie jetzt hören: die Ihres Mannes, die Ihrer Schwiegermutter, die Ihrer Eltern, die der Kinder, die der Gemeinde und Ihre eigene.
Klientin: (Karten: „Halte durch, bis die Wohnung da ist.“ „Nimm mir meinen Sohn nicht weg.“ „Wo dein Mann ist, da ist dein Platz.“ „Mama, wann kommt Papa?“ „Eine gute christliche Frau klagt nicht.“ „Ich möchte endlich ruhig schlafen.“)
Seelsorger: Welche Karte spricht wirklich zu Ihnen? Und welche würden Sie ihrem Absender zurückgeben?
Klientin: Das „Klag nicht“ würde ich zurückgeben. Ich weiß nicht, von wem es kommt, aber nicht von Gott.
Worauf zu achten ist: Die stille Form mit der Tafel dient dazu, die Überlastung zu verringern.
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7.13 Unsichtbare Helfer
Wann und wofür: wenn die Klientin sich vor einem schweren Weg allein fühlt. [39]
Seelsorger: Wer könnte in dieser Lage am besten zurechtkommen – aus Ihrer Familie oder auch aus der Bibel?
Klientin: Rut. Auch sie ging in die Fremde und kannte nicht einmal die Sprache.
Seelsorger: Was würde Rut Ihnen sagen?
Klientin: Dass man auch in der Fremde zu Hause sein kann, wenn es jemanden gibt, der einen aufnimmt.
Worauf zu achten ist: Der unsichtbare Helfer ist eine innere Ressource der Klientin.
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7.14 Das Zurückhalten – es muss noch nicht entschieden werden
Wann und wofür: wenn die Klientin sich unter Druck fühlt, sofort zu entscheiden, und das Drängen die Lähmung nur verstärkt. Das paradoxe Mittel des Zurückhaltens schenkt Zeit. [40]
Seelsorger: Ich schlage vor, dass Sie in den nächsten zwei Wochen auf keinen Fall über den Umzug entscheiden. Beobachten Sie nur, was für das eine und was für das andere spricht.
Klientin: Aber das Problem ist ja gerade, dass wir nicht entscheiden.
Seelsorger: Möglich. Aber jetzt wird es anders sein: Jetzt entscheiden Sie bewusst nicht. Beobachten wir, was sich dadurch verändert.
Worauf zu achten ist: Das paradoxe Vorgehen erfordert eine sorgfältige Formulierung und eine anschließende Besprechung; es darf nicht dazu benutzt werden, die Klientin zu manipulieren.
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7.15 Abschieds- und Ankunftsritual
Wann und wofür: um die alle zwei Wochen wiederkehrenden Trennungen und Ankünfte zu bewältigen, besonders im Interesse der Sicherheit der Kinder. Ein Ritual ist wiederholbar, an eine Handlung gebunden, vom Alltäglichen unterschieden, folgt einem Schema, drückt einen wichtigen Wert aus und wird von den Beteiligten gemeinsam gestaltet. [41]
Seelsorger: Wie könnten Sie sich so vom Vater verabschieden, dass die Kinder wissen, was als Nächstes kommt?
Klientin: Vielleicht würden wir uns im Flur im Kreis aufstellen, einander an den Händen fassen und einen kurzen Segen sprechen.
Seelsorger: Und wenn er ankommt?
Klientin: Wir könnten sein Bild an die Tür hängen, und die Kinder kleben jeden Abend einen Stern daneben, bis er zu Hause ist.
Seelsorger: Wer wird sich das gemeinsam mit den Kindern ausdenken?
Worauf zu achten ist: Das Ritual soll der Familie gehören; der Ehemann sollte möglichst schon bei der Gestaltung einbezogen werden.
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7.16 Ritualrekonstruktion – das Ehegelübde
Wann und wofür: um den Übergang zwischen Lebensphasen besser zu bewältigen. [42]
Seelsorger: Wenn Sie Ihr Ehegelübde jetzt neu formulieren könnten, was fehlt darin, das in dieser Lage helfen würde?
Klientin: Dass „wir auch dann eine Familie bleiben, wenn die Arbeit uns trennt“. Und dass „wir unsere Eltern ehren, aber unsere Entscheidungen zu zweit treffen“.
Seelsorger: Was meinen Sie, könnten Sie einander diese beiden Sätze sagen, wenn Ihr Mann heimkommt?
Worauf zu achten ist: Die Ritualrekonstruktion ist keine offizielle Zeremonie, sondern eine Neuformulierung im Raum der Beratung.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.17 Religion und Familie
Wann und wofür: wenn religiöse Normen – die Ehrung der Eltern, die eheliche Treue – die Last der Entscheidung vergrößern. [43]
Seelsorger: Wie wird in Ihrer Familie darüber gesprochen, was Gott will?
Klientin: Meine Schwiegermutter sagt, Gott wolle nicht, dass wir sie verlassen. Meine Mutter sagt, Gott werde auch dort mit uns sein.
Seelsorger: Und was denken Sie selbst, was für ein Gott Ihre Familie begleitet?
Klientin: Einer, der nicht will, dass auch nur einer von uns zugrunde geht.
Worauf zu achten ist: Wir bewerten die Gottesbilder nicht, sondern untersuchen, welche Freiheit oder welche Last sie mit sich bringen.
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7.18 Rückmeldebrief
Wann und wofür: zur Festigung der Erkenntnisse nach dem Gespräch. [44]
Seelsorger (Briefauszug): „Liebe Schwester! Ich danke Ihnen, dass Sie die schwere Zeit Ihrer Familie mit mir geteilt haben. Es hat mich sehr beeindruckt, wie Sie auch mitten im Wellengang an alle denken: an Ihre Kinder, an Ihren Mann, sogar an Ihre Schwiegermutter. Ich erinnere mich an Ihr Bild von den Tagen in der leeren Wohnung, an denen Sie sich wie eine richtige Familie fühlten. Ich bete dafür, dass Sie Ihren Weg finden – wohin auch immer er führt.“
Worauf zu achten ist: Der Brief richtet sich nur an die Klientin; an andere darf er nur mit ihrer Einwilligung gelangen.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.19 Hausaufgabe
Wann und wofür: zur Einführung eines neuen Elements und zur Beobachtung von Ausnahmen. [45]
Seelsorger: Beobachten Sie in den nächsten zwei Wochen, wann ein Tag leichter war – was damals geschah, wer da war. Und wenn Sie möchten, erzählen Sie einander, wenn Ihr Mann nach Hause kommt, welche drei Augenblicke es waren, in denen Sie aneinander gedacht haben.
Klientin: Und wenn es keinen leichteren Tag gibt?
Seelsorger: Dann beobachten Sie, was Ihnen geholfen hat, durchzuhalten.
Worauf zu achten ist: Auch eine nicht erfüllte Aufgabe ist eine Information.
Supervision Supervisorische Gesichtspunkte
8 Supervisorische Gesichtspunkte
8.1 Die Ratlosigkeit als Information
Der Pfarrer ist ratlos und wird zwischen zwei Fronten aufgerieben. Was im Helfer als Gefühl auftaucht, kann auf das verweisen, was die Klientin nicht ausspricht, oder auf ein sich wiederholendes Beziehungsmuster; das ist ein wichtiges Signal, aber kein Beweis. [46] Die Supervision untersucht, worin das Gefühl des Pfarrers den Zustand der Familie widerspiegelt – die Bedrängnis des Ehemanns, die Verzweiflung der Schwiegermutter, die Lähmung der Ehefrau – und worin seine eigene Lebensgeschichte.
8.2 „Wie berührt mich der Fall?“ – Betroffenheit und Verstrickung
Die erste Frage jeder Supervision lautet: Wie berührt mich der Fall? [47] Den Pfarrer kann die eigene Erfahrung mit Schwiegermutter und Schwiegertochter berühren, ein im Ausland arbeitendes Kind oder Familienmitglied, die Einsamkeit der eigenen alten Eltern. Die Frage ist, mit welcher Person er sich leichter identifiziert und zu welcher er auf Distanz geht.
8.3 Die Probe der mehrseitigen Parteilichkeit
Die größte Versuchung besteht darin, dass der Pfarrer die Schwiegertochter verteidigt („ich kenne Ihre Schwiegertochter, sie ist eine anständige Frau!“). Eine solche Verteidigungsrede verletzt das Prinzip der mehrseitigen Parteilichkeit, und die Schwiegermutter würde erleben, dass der Seelsorger ihr gegenüber nicht loyal ist. [48] Mehrseitige Anwaltschaft ist nicht die Billigung kränkenden Verhaltens, sondern die Anerkennung, dass jeder Anspruch und Verletzungen hat.
8.4 Keine Eile mit den Lösungen
In einer komplexen Situation ist die Versuchung stark, dass der Helfer die Klientin mit praktischen Ideen überschüttet (touristische Möglichkeiten, Sprachkurs, Wohnungskredit). Auch für die Erweiterung der Optionen kann die Zeit kommen, doch mitten im Chaos können Ideen eine zusätzliche Last bedeuten. Das Leben der Klientin ist nicht die Verwirklichung des Plans des Helfers: Sie entscheidet, was sie wann tut. [49]
8.5 Fester Boden unter den Füßen des Seelsorgers
Bevor der Pfarrer tiefer einsteigt, muss er für sich die theologischen, ethischen und psychologischen Fragen der Situation klären, sonst kann er zum „Ball“ der aus der Familie strömenden Affekte werden. Eine solche Frage ist auch die Spannung der zwei Gebote. In einer gefallenen, gespaltenen Welt hat jeder doppelte, einander widerstreitende Verpflichtungen, die man übernehmen, aber nicht immer restlos erfüllen kann. Die Klärung des seelsorglichen Credos gehört zur beruflichen Identität. [50]
8.6 Keinen Floh ins Ohr setzen
Die Frage der Eifersucht kann im Seelsorger zu einem starken Gesichtspunkt werden, obwohl sie in der Beschreibung nur als Verdacht der Schwiegermutter erscheint. Wenn der Helfer das Gespräch in diese Richtung lenkt, kann er ein Problem hervorbringen, das bisher nicht vorhanden war. Die fortwährende Selbstreflexion ist eine der wichtigsten Aufgaben des Seelsorgers. Der Beobachter ist Teil der Situation: Seine Fragen formen, was aussprechbar wird. [51]
8.7 Seelsorger und Seelsorgerin
Im Gespräch war gut zu erkennen, dass die männlichen Teilnehmer das Gespräch in Richtung einer pragmatischen, rationalen Lösung gelenkt hätten, die weibliche Teilnehmerin in Richtung des Erlebens von Verbundenheit, Nähe und Erreichbarkeit. Keine der beiden Konstellationen ist von vornherein besser; es lohnt sich zu beobachten, ob das Geschlecht des Helfers und das der Klientin das Aussprechen bestimmter Themen erleichtert oder erschwert. [52] Derselbe Satz – zum Beispiel „auch wenn er heimkommt, wird er nicht mehr für dich da sein“ – kann für ein männliches und ein weibliches Ohr Unterschiedliches bedeuten. [53] Der Seelsorger kann natürlich und transparent aussprechen, dass er als Mann oder als Frau reagiert und dass der Gesichtspunkt des anderen Geschlechts den seinen ergänzen kann. [54]
8.8 Keine „feste Burg“ – die eigenen Gefühle des Helfers
Die Falle: „Ich muss jetzt stark bleiben, ich darf nicht traurig sein, denn ich bin der Helfer.“ Der Seelsorger ist keine feste Burg, sondern ein Mensch, den Gott gesandt hat, damit der andere mit seinem Schmerz nicht allein bleibt. „Ein feste Burg ist unser Gott“ – nicht der Helfer. Wer seine Gefühle abschließt, schließt den Weg zur Begegnung ab. Das religiöse Dienstideal verlangt nicht grenzenlose Kraft, sondern verantwortliche und gemeinschaftliche Hilfeleistung. [55]
8.9 Selbstsupervision
Im Gespräch erfuhren die Teilnehmenden nach dem Rollenspiel, wie erstickend die Pattsituation der Familie ist: Aus der Rolle wären sie am liebsten ausgestiegen. Die Familie hat kein „Studio“, aus dem sie aussteigen könnte. Die in der Fallbesprechung auftauchenden Gefühle und Spannungen spiegeln oft die innere Dynamik der Familie. [56] Die lebendige Gottesbeziehung des Seelsorgers, sein Gebetsleben und die supervisorische Unterstützung sind die unentbehrliche Grundlage der Arbeit. [57]
Pastoralpsychologie Pastoralpsychologische Analyse
9 Pastoralpsychologische Analyse
9.1 Hinter jeder Lebensfrage verbirgt sich eine Glaubensfrage
Einer der Grundsätze der Pastoralpsychologie lautet im Anschluss an Boisen: „Hinter jeder Lebensfrage verbirgt sich eine Glaubensfrage und hinter jeder Glaubensfrage eine Lebensfrage“; beide lassen sich nur gemeinsam verstehen. [58] Die Frage „gehen oder bleiben“ ist zugleich praktisch – Wohnung, Arbeit, Schule, Sprache – und eine Glaubensfrage: Wem sind wir treu, was will Gott, wo ist unsere Heimat? Nach Tillich wird das, was für die Existenz des Menschen unentbehrlich ist, zum Gegenstand der „letzten Sorge“, und diese bricht vor allem in Übergängen auf. [59] Die letzte Sorge dieser Familie lautet vielleicht so: Bleiben wir eine Familie, wenn wir zerstreut werden?
9.2 Zwei Gebote – in einer gefallenen, gespaltenen Welt
„Ehre deinen Vater und deine Mutter“ (2. Mose 20,12) und „der Mann wird seinen Vater und seine Mutter verlassen“ (1. Mose 2,24): Die beiden Worte stehen in dieser Familie im Widerstreit. Das seelsorgliche Denken wählt nicht zwischen ihnen, sondern nimmt an, dass wir in einer gefallenen, gespaltenen Welt leben, in der wir doppelte, einander widerstreitende Verpflichtungen haben; diese kann man übernehmen, aber nicht immer restlos erfüllen.
Die Zehn Gebote lassen sich auch als Wegweiser des freien Lebens lesen, als stünde vor jedem Satz: „wenn du frei sein willst …“. Das Gebot ist blind zu befolgen und nimmt dadurch die Last der Entscheidung ab; die Empfehlung dagegen rechnet damit, dass der erwachsene Mensch verantwortlich abwägt. Mit den Worten des Paulus: „der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig“ (2. Kor 3,6). [60] Die Ehrung der Eltern bedeutet somit nicht, dass die junge Familie in der Nachbarschaft der Schwiegermutter leben muss, und das Verlassen nicht, dass der Sohn seiner Mutter entsagt. Jesus sorgte am Kreuz noch für seine Mutter (Joh 19,26–27) – und vollendete dabei seinen eigenen Weg.
Seelsorger: Was würde es für Sie bedeuten, Ihre Schwiegermutter zu ehren – und zugleich Ihre eigene Familie zu wählen?
Klientin: Dass ich vor den Kindern nicht schlecht über sie rede. Dass wir sie jeden Sonntag anrufen. Dass wir sie, wenn sie krank wird, nicht allein lassen.
Seelsorger: Das ist sehr viel. Vielleicht ist das die Ehrung – und nicht, dass Sie immer neben ihr wohnen.
9.3 Rut und Noomi – die biblische Geschichte von Schwiegermutter und Schwiegertochter
Das Buch Rut ist das einzige biblische Buch, das von der Beziehung zwischen einer Schwiegermutter und einer Schwiegertochter handelt. Noomi zog mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen um des Lebensunterhalts willen in ein fremdes Land, nach Moab; dort verlor sie ihren Mann und ihre Söhne. In ihrer Bitterkeit sagte sie: „Nennt mich nicht Noomi, nennt mich Mara; denn der Allmächtige hat mich sehr betrübt“ (Rut 1,20). Ihre Schwiegertochter Rut blieb dennoch bei ihr: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott“ (Rut 1,16).
Die Geschichte ist keine Vorschrift für die heutige Familie, aber ein reicher Spiegel. Sie zeigt, dass Auswanderung und Verlust auch die Fragen des Glaubens aufbrechen lassen; dass hinter einer bitteren Schwiegermutter Trauer und Angst stehen können; und dass die Beziehung von Schwiegermutter und Schwiegertochter auch zum Segen werden kann. Am Ende der Geschichte nimmt Noomi ihr Enkelkind auf den Schoß, und die Nachbarinnen sagen: Deine Schwiegertochter „ist dir mehr wert als sieben Söhne“ (Rut 4,15). Die pastoralpsychologische Lesart verlangt von der Schwiegertochter nicht, Rut zu sein, sondern fragt, was der Schwiegermutter helfen könnte, aus Mara wieder Noomi zu werden.
9.4 Gehen – Exodus, Abraham und das Fremdsein
Die Bibel kennt viele Geschichten, in denen Menschen um des Lebensunterhalts, einer Verheißung oder der Verfolgung willen aufbrechen: Abraham („Geh aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters“, 1. Mose 12,1), die Söhne Jakobs in Ägypten, Noomi in Moab. Die Religion ist narrativ: Die Gegenwart eines Volkes oder einer Familie wird dadurch bestimmt, ob es sich in der Geschichte der Wanderung an den Verlust oder an die Befreiung erinnert, an die Bewahrung. [61]
Eines der Risiken des Umzugs ist das Fremdsein: das Fehlen von Sprache, Kultur und Beziehungen. Die biblische Überlieferung stellt den Fremden unter den besonderen Schutz Gottes und erinnert Israel daran, dass es selbst Fremdling gewesen ist (2. Mose 22,20). Wer jetzt Angst vor dem Bleiben hat, dessen Angst ist kein Unglaube: Die Angst hat einen wirklichen Gegenstand, und Glaube bedeutet nicht die Abwesenheit von Angst. [62] Im Buch Jesaja spricht Gott so: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt beginnt es sich zu entfalten – erkennt ihr es nicht?“ (Jes 43,19) Eine der Bedingungen der Entwicklung ist, dass wir bemerken: Etwas Neues hat begonnen. [63]
Seelsorger: Wenn Sie sich vorstellen, mit Ihrer Familie dort draußen zu leben: Wovor haben Sie am meisten Angst?
Klientin: Dass ich nicht verstehe, was sie sagen. Dass meine Kinder schneller Deutsch können werden als ich und ich die Fremde in meiner eigenen Familie sein werde.
Seelsorger: Das ist eine sehr reale Angst. Die Bibel sagt, Gott gibt auf den Fremden besonders acht. Was meinen Sie, wer könnte der erste Mensch sein, der Sie dort aufnehmen würde?
9.5 Entscheidung und Unterscheidung
Die Tradition des geistlichen Lebens spricht bei Entscheidungen von der „Unterscheidung der Gedanken“ (Diakrisis): dem Erkennen, welche Gedanken aus einer guten Quelle stammen, welche aus einer bösen und welche bloß aus uns selbst. Die bösen Gedanken nicht zu unterdrücken, sondern durch Gutes, durch das Wort, durch das Gebet zu ersetzen, empfiehlt die Tradition, und dazu ist die Unterstützung durch einen erfahrenen Begleiter nötig. [64] In einer Entscheidung kommen auch die Angst, das Schuldgefühl und die Erwartungen anderer zu Wort; die Unterscheidung hilft dabei, dass die Entscheidung nicht aus diesen, sondern aus der eigenen Überzeugung der Familie hervorgeht.
Sätzen, die sich auf Gott berufen, kommt besonderes Gewicht zu: Wenn der Pfarrer als „Willen Gottes“ aussprechen würde, dass sie gehen oder bleiben sollen, würde die Familie es als das letzte Wort hören und ihr damit die Verantwortung und die Freiheit der Entscheidung nehmen. [65] Die Achtung vor der Freiheit der Entscheidung bedeutet jedoch nicht, dass der Helfer sie sich selbst überlässt: Er kann mit ihnen die Folgen durchdenken und mit ihnen in der Ungewissheit bleiben, aber seine Hilfe darf er nicht davon abhängig machen, wie sie sich entscheiden. [66]
Seelsorger: Wenn Sie daran denken, dass Sie ausziehen: Welches Gefühl bleibt in Ihrem Herzen – Unruhe oder Frieden?
Klientin: Angst. Aber darunter etwas … Erleichterung.
Seelsorger: Und wenn Sie daran denken, dass Sie bleiben?
Klientin: Gewohnte Ruhe. Aber darunter Traurigkeit.
Seelsorger: Das lohnt sich, vor Gott zu bringen und auch mit Ihrem Mann zu teilen. Heute muss nicht entschieden werden.
9.6 Transzendente Loyalität – das Tragen unauflösbarer Treuekonflikte
Loyalitätskonflikte sind in dieser Familie bei allen Beteiligten vorhanden: Der Ehemann wird zwischen seiner Mutter und seiner Frau aufgerieben, die Ehefrau zwischen ihrem Mann und der eigenen Sicherheit, die Schwiegermutter zwischen dem Fortkommen ihres Sohnes und der eigenen Einsamkeit. Die innere, reife Religiosität kann die Widersprüche des Lebens und die nicht lösbaren Loyalitätskonflikte besser tragen, weil sie an eine „transzendente Loyalität“ glaubt: an die Treue einer außermenschlichen, göttlichen Macht, die den Menschen samt seinen Dilemmata und Konflikten annimmt. [67]
Dieser theologische Gedanke entlastet: Die Familienmitglieder müssen nicht jedem gegenüber vollkommen treu sein, denn es gibt jemanden, der ihnen auch in ihrem Dilemma treu ist. Der Weg des Glaubens führt von der Anpassung zur persönlichen Überzeugung; der Seelsorger drängt dazu nicht, denn „Gott hat das Gedeihen gegeben“ (1. Kor 3,6).
9.7 Die Würde, das Altern und die Einsamkeit der Schwiegermutter
Die Schwiegermutter erscheint in der Geschichte als „unangenehme“ Figur, deren Worte verletzen. Für den Seelsorger ist jedoch ihre Menschenwürde ebenso wichtig wie die der klagenden Schwiegertochter. Das grundlegende Ziel der Seelsorge ist unabhängig vom Thema der Klientin die Pflege der aus der Gottesebenbildlichkeit stammenden Würde des Menschen. [68]
Die Schwiegermutter steckt auch in einer natürlichen Krise einer Lebensphase: Sie steht vor den Aufgaben des Alterns, der Bilanz und der Ich-Integration, die mit der Gefahr der Verzweiflung einhergehen. Die Wendepunkte des Lebenszyklus ordnen die Rollen, die Grenzen und die Beziehungen neu; das Alter ist jedoch nicht nur eine Reihe von Verlusten, sondern auch eine Zeit der Erfahrungen und neuer Möglichkeiten. [69] Hinter dem Verdacht und dem Vorwurf kann eine tiefere Wirklichkeit liegen: Es ist leichter, darüber nachzudenken, was die Schwiegertochter hinter unserem Rücken tut, als sich der Tatsache zu stellen, dass ich einsam bin und allein sterben werde.
Böszörményi-Nagy bittet den Helfer, auch in dem Menschen den Verwundeten zu sehen, der für seine Verletzungen bei anderen Genugtuung zu erlangen versucht – ohne dabei dessen Verantwortung zu vergessen. Nach dem christlichen Glauben verurteilt Gott die Sünde, nicht den Menschen, und das erwartet er auch von uns: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ (Mt 7,1). [70]
Schwiegermutter: Aber Herr Pfarrer, was ist das denn für eine Frau? Sie hat ihren Mann einfach gehen lassen!
Seelsorger: Wissen Sie, Ihrer Schwiegertochter fehlt ihr Mann genauso wie Ihnen Ihr Sohn – nur auf andere Weise. Ihnen fehlt der Sohn, ihr der Ehemann und der Vater ihrer Kinder. Dieses Fehlen haben Sie beide gemeinsam.
Schwiegermutter: Womit sollte ich mich hier allein auch sonst beschäftigen, wenn nicht damit?
Seelsorger: Das war ein sehr aufrichtiger Satz. Ich höre heraus, dass Sie sich sehr allein fühlen. Ich achte es an Ihnen, dass Sie Ihre fürsorgliche Mutterliebe und auch Ihre Angst vor der Einsamkeit auszusprechen wagen. Was meinen Sie, was würde Ihnen jetzt helfen – nicht Ihrem Sohn, nicht Ihrer Schwiegertochter, sondern Ihnen?
9.8 Verdacht, Vertrauen und Scham
Der Verdacht ist – unabhängig davon, ob er einen realen Hintergrund hat – für die Schwiegertochter beschämend. Die Scham bezieht sich nicht auf eine Tat, sondern auf die ganze Person, und wer beschämt, übt Macht aus – in einem gläubigen Umfeld verletzt das besonders. [71] Vertrauen ist kein Ruhezustand, sondern eine auf erlebten Beziehungen aufbauende Erwartung, die auch ein Risiko eingeht; man kann es nicht einfordern, aber bei einer verlässlichen, Grenzen haltenden Gegenwart kann es wieder aufgebaut werden. [72]
Die Frage des Vertrauens kann wegen der Entfernung auch in der Beziehung des Ehepaars aufkommen. Der Seelsorger bringt sie nicht von außen ein; wenn aber die Ehefrau oder der Ehemann sie ansprechen, bietet das Gespräch Raum, auch die Eifersucht auszusprechen, und zwar ohne Urteil. Die jüdisch-christliche Ethik stellt das Streben nach Aufrichtigkeit in den Mittelpunkt, doch Aufrichtigkeit bedeutet nicht grenzenlose Selbstentblößung; die Schamfähigkeit ist die Hüterin der auf der Gottesebenbildlichkeit gründenden Würde. [73]
9.9 Die Zerrissenheit als Verlust – antizipatorische Trauer
Der alle zwei Wochen wiederkehrende Abschied bedeutet für die Familienmitglieder einen sich wiederholenden Verlust. Trauern kann man nicht nur um einen Toten, sondern auch um eine verlorene Beziehungsform, um einen gemeinsamen Alltag. Wer sich in eine neue Situation aufmacht, den können auch Bilder der Heiligen Schrift begleiten – die Wüstenwanderung, der Exodus –, und der Reisesegen: „Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit“ (Ps 121,8). [74] Jede Variante, ob Umzug oder Bleiben, bringt einen Verlust mit sich: die eine den der Heimat und der Großeltern, die andere den des gemeinsamen Lebens.
Familien versuchen oft, den Schmerz des Abschieds dadurch zu vermeiden, dass sie sich schnell und leise trennen („er geht schnell, damit es nicht so schwer ist“). Aus seelsorglicher Sicht vergrößert es den Schmerz nicht, dem Abschied eine Form zu geben, sondern macht ihn tragbar. Ein gutes Ritual verdeckt den Verlust nicht, sondern gibt einen Rahmen, in dem er durchlebt werden kann. [75]
9.10 Die Kinder – die „etwas wissen“
Nach dem Kirchenvater Irenäus ist „die Ehre Gottes der lebendige Mensch“, und das zeigt sich bei Kindern unmittelbarer. Jesus weist diejenigen zurecht, die die Kinder wegschicken wollen, und segnet sie (Mk 10,13–16). [76] Das fünfjährige und das dreijährige Kind sind keine Entscheidungsträger, aber Betroffene: Ihre Erfahrung – die Abschiede, das Warten, das Fehlen der Oma und des Vaters – verdient eigene Aufmerksamkeit. Die Frage des Seelsorgers lautet: Wie kann die Stimme der Kinder zur Geltung kommen, ohne dass sie dabei mitten in den Loyalitätskampf der Erwachsenen geraten?
9.11 Individuation und Segen – der Segen der Schwiegermutter für die Familie ihres Sohnes
In pastoralpsychologischer Lesart legitimiert die Taufe die spätere Ablösung im Voraus: Das Kind gehört nicht den Eltern, sondern Gott, den Eltern ist es nur anvertraut. Die Aufgabe der Eltern ist es deshalb, den eigenen Weg ihres Kindes zu unterstützen, solange es dies braucht. [77] Im Segen kann der Elternteil erfahren, dass sein Kind „in noch besseren Händen ist als in den eigenen“, und das erleichtert das Loslassen; im Sinne der Gegenseitigkeit kann auch das Kind seine Eltern segnen. [78]
In einem späteren gemeinsamen Gespräch kann die Frage auftauchen: Wie könnte die Schwiegermutter die Familie ihres Sohnes segnen, ob sie nun aufbrechen oder bleiben? Und wie könnte der Sohn seine Mutter segnen, die allein zurückbleibt? Der Segen kann in dieser Situation der Gegenpol zu Zorn und Erpressung sein: Er sagt nicht „geht nur, dann sterbe ich eben allein“, sondern: „Geht im Namen Gottes, und auch ich bleibe in Gottes Hand.“
Schwiegermutter: Ich weiß nicht, ob ich so etwas sagen könnte.
Seelsorger: Jetzt muss es nicht sein. Aber wenn einmal die Zeit dafür kommt, was würden Sie Ihrem Sohn sagen, wenn er aufbricht?
Schwiegermutter: Dass er auf sich aufpassen soll. Dass er anrufen soll. Dass Gott ihn segnen möge.
9.12 Macht, Ohnmacht und die Sichtweise des „guten Haushalters“
Die emotionale Erpressung der Schwiegermutter ist auch die Machtausübung eines ohnmächtigen Menschen: Die Machtlosigkeit schlägt in Macht um. Macht ist jedoch immer empfangene Macht, die in der Familie jeder – Frau und Mann, Kind und Greis – empfangen hat; differenziert ist nur der Aufgabenbereich. Der „gute Haushalter“ sorgt verantwortungsvoll für die ihm Anvertrauten. [79] Die seelsorgliche Frage lautet nicht, wie man die Schwiegermutter „besiegen“ kann, sondern wie sie eine echte, nicht erpresserische Rolle bekommen kann: als Großmutter, als betende Mutter, als Hüterin des Familiengedächtnisses.
9.13 Vergebung als Erlass der Schuld
Die Schwiegertochter trägt Verletzungen gegenüber der Schwiegermutter in sich, und die Schwiegermutter hat das Gefühl, ihre Schwiegertochter habe ihr den Sohn „weggenommen“. Vergebung ist nicht das willentliche Auslöschen des Gefühls, sondern das Loslassen dessen, was der andere schuldet: der Verzicht darauf, dass Achtung, Vertrauen und Liebe zurückgegeben werden; und sie bezieht sich immer auf eine bestimmte Kränkung. [80] Vergebung darf nicht zulasten der Verletzten eingefordert werden, und die Versöhnung ist ein eigener Prozess. [81]
Seelsorger: Was schuldet Ihnen Ihre Schwiegermutter?
Klientin: Eine Entschuldigung. Dass sie mir glaubt, dass ich nichts Schlechtes tue.
Seelsorger: Das müssen Sie nicht vergessen. Aber könnten Sie es loslassen, dass Sie dies jetzt von ihr erwarten? Nicht ihr zuliebe – sondern damit Sie nicht jeden Tag mit dieser Schuld leben müssen.
9.14 Sich binden oder gebunden sein
Ein möglicher Ursprung des Wortes Religion ist religare, das Verbinden. Das Zuviel und das Zuwenig an Bindung sind gleichermaßen bekannt: Zu große Gebundenheit kann zum Fanatismus führen, das Fehlen von Bindung zu einer wurzellosen, einsamen Religiosität; das Gleichgewicht muss der Einzelne, die Familie und die Gemeinschaft immer wieder neu suchen. [82] Das gilt auch für die familiäre Bindung: Die Schwiegermutter neigt zum Festhalten, die Eltern der Ehefrau zum Loslassen. Die Aufgabe der jungen Familie ist es, eine Bindung zu entwickeln, die keine Fessel, sondern ein Sicherheitsnetz ist. [83]
9.15 Ordnung im Chaos – die Schöpfung als Ordnen
Nach der Symbolik der Schöpfungsgeschichte ist an den ersten Tagen die Trennung bestimmend, damit am Ende eine geordnete Einheit, ein Kosmos, entsteht; die Grenzen sind nicht die Feinde des Lebens, sondern seine Voraussetzungen. [84] Der erste Schritt der Seelsorge ist in diesem Fall fast wörtlich dieser: tohuwabohu, das Ordnen des Chaos. Das Auseinanderhalten der Probleme, das gesonderte Behandeln jedes einzelnen „Tages“ ist kein technischer Kniff, sondern eine schöpfungstheologische Bewegung: Aus dem Chaos entsteht eine lebbare Ordnung. Kreativität gegenüber einem lähmenden Problemknäuel beginnt dort, wo das Chaos aufhört.
9.16 Einer trage des anderen Last – drei leidende Menschen
Eine der Grundformeln des Gesprächs: In dieser Geschichte gibt es drei leidende Menschen, und es gibt keine Gewinnerposition. Die Schwiegermutter leidet an der Einsamkeit und am Altern, die Ehefrau an der Zerrissenheit und den Lasten, der Ehemann an der Entfernung und am Hin- und Hergerissensein zwischen den beiden Frauen. Seelsorge ist keine Beratung, sondern das Tragen der Last des anderen im reinsten biblischen Sinn (Gal 6,2). Die tröstende Gegenwart leugnet den Verlust nicht, bricht die Beziehung nicht ab und drängt nicht; der christliche Trost ist nicht dadurch mehr, dass er auf alles eine Antwort gibt. [85]
9.17 Die „gut genug“-Lösung
Wenn der Helfer eine Lösung sucht, mit der alle restlos glücklich sind, wird das nicht gelingen. Es gilt, einen „gut genug“-Pfad zu finden, mit dem man leben kann, ohne sich vorzumachen, dass dies die vollkommenste Lösung sei. Wer das „Gut genug“ zu schätzen weiß, versöhnt sich mit seiner kreatürlichen Fragmentarität und wird von der Illusion der Allmacht und vom lebenserstickenden Perfektionszwang befreit. [86] Die Annahme der Fragmentalität ist keine Passivität, sondern die Unterscheidung zwischen dem Veränderbaren und dem Nichtveränderbaren. [87]
9.18 Die Gemeinde als unterstützendes System
Die Familie ist eine „junge Gemeindefamilie“. Die Gemeinde ist eine Glaubensgemeinschaft, aber zugleich auch ein menschliches System, in dem Normen und Kommunikationsmuster die Erfahrung der Mitglieder prägen. [88] In immer mehr Gemeinden gibt es Familien, in denen ein Elternteil im Ausland arbeitet. Die diakonische Aufmerksamkeit kann hier konkret werden: ein Mutter-Kind-Kreis, eine Schwester oder ein Bruder, die oder der die Kinderbetreuung übernimmt, eine Gebetsgemeinschaft für die in der Ferne Weilenden. Die Hilfe ist dann nicht demütigend, wenn der Bedürftige nicht zum Projekt, sondern zum Partner wird. [89] Der Pfarrer muss allerdings auch auf die Mehrfachrollen achten: Die Schwiegermutter, die Schwiegertochter und der Ehemann können alle Mitglieder der Gemeinde sein, und die Schweigepflicht ist hier besonders heikel. [90]
9.19 Hoffnung und der nächste Schritt
Hoffnung ist mehr als Optimismus: Sie kann auch dann leben, wenn der gute Ausgang ungewiss ist. [91] Die zukunftsorientierte Frage hilft nur, wenn sie kein Verhör und kein verdeckter Rat ist; und statt der großen Lösung kann auch das Bemerken einer kleinen, aber wirklichen Veränderung die Zukunft weiten. [92] Der nächste Schritt der Familie ist nicht die endgültige Entscheidung, sondern ein zu zweit verbrachter Abend, ein gemeinsames Gebet, ein Abschiedsritual mit den Kindern.
9.20 Der Seelsorger als „Bild und Gleichnis“ Gottes
Die seelsorgliche Beziehung bemüht sich, ein irdisch-fragmentarisches Zeichen jener bedingungslosen Annahme zu geben, mit der Gott den leidenden Menschen annimmt. [93] In diesem Fall bedeutet das, dass der Pfarrer die erschöpfte Schwiegertochter, den zwischen zwei Feuern hin- und hergerissenen Ehemann und die vorwurfsvolle, einsame Schwiegermutter gleichzeitig annehmen kann – die Gottesebenbildlichkeit aller dreien. Der Seelsorger ist keine starke Burg; er ist ein Mensch, den Gott gesandt hat, damit niemand mit seinem Schmerz allein bleibt. Das ist auch das Ziel der Abschlussintervention: der Klientin das bewusst zu machen, was vor Menschen und vor Gott Anerkennung verdient.
Weiterdenken Fragen zum Weiterdenken
10 Fragen zum Weiterdenken
Zwischen zwei Geboten: Wo erlebe ich in meinem eigenen Leben die Spannung zwischen der Ehrung der Eltern und der Treue zur eigenen Familie? Wie trage ich diese Doppelheit vor Gott? [94]
Mehrseitige Parteilichkeit: Zu welcher Gestalt in dieser Familie würde es mein Herz ziehen, und wen würde ich leichter verurteilen? Wie könnte ich alle drei lieben? [95]
Keine starke Burg: Wann versuche ich als Helfer, stark zu wirken, und was verliert die Begegnung dadurch? [96]
Mit männlichem und weiblichem Blick: Mit welcher „Verdrahtung“ nähere ich mich einem solchen Dilemma – suche ich eine Lösung oder Verbindung? Was kann ich vom Standpunkt des anderen Geschlechts lernen? [97]
Segen und Loslassen: Wen müsste ich loslassen und wen segnen, damit ich meinen eigenen Weg gehen kann – oder damit er seinen eigenen gehen kann? [98]
Ratlosigkeit: Was mache ich gewöhnlich mit meiner eigenen Ratlosigkeit – unterdrücke ich sie oder nutze ich sie als Information? [99]
Anmerkungen und Fundstellen der Analyse
Hézser Gábor – Krasznay Mónika. 2026. A rendszerszemléletű családkonzultáció és család-lelkigondozás kézikönyve. Budapest: Harmat. ISBN 978-963-288-951-1.
3 „Auch als Sterbende mit königlicher Würde“
▶ Das Gespräch ansehen – Folge 3 ↗ (ungarischer Ton)
Kontextuelle Therapie • Narrative Therapie
Falldaten Zusammenfassung des mitgeteilten Fallmaterials
1 Zusammenfassung und die seelsorgliche Situation
Den Fall bringt eine Krankenhauskrankenschwester ein: Es geht um eine 83-jährige Patientin, die nach ihrem Bericht an einer Krebserkrankung im Endstadium leidet und früher als Buchhalterin in leitender Stellung gearbeitet hat. Die Krankenschwester berichtet von schweren, nicht ausreichend gelinderten Schmerzen; daraus folgt nicht, dass alle Möglichkeiten der Schmerzlinderung ausgeschöpft wären. Die Patientin fragt Tag für Tag: „Warum lässt man mich nicht sterben?“
Ihre Kinder, die sie besuchen, antworten mit verzweifelter Ermutigung und religiösen Floskeln („der liebe Gott wird schon helfen“, „der liebe Gott weiß, wann er dich heimholt“) – davon leidet die alte Dame nach den Besuchen noch mehr. Als gläubiger Mensch ist sie sich inzwischen nicht einmal mehr sicher, ob ihr Leben in der Hand ihres Schöpfers liegt oder in der der „Götter in Weiß“. Die Enkelkinder sind Jugendliche.
Die berichtende Krankenschwester erlebt eine erhebliche Erschöpfung und Ohnmacht: Sie liebt ihren Beruf, hält die Belastung aber immer weniger aus und fragt: „Wer sagt mir, was ich tun soll?“ Das verdient Aufmerksamkeit, ersetzt aber nicht die Einschätzung ihres Zustands. Im Gespräch ist sie die Klientin; die Situation der Patientin und ihrer Familie kennen wir aus ihrer Schilderung.
Abschrift Der redigierte Text des Gesprächs; der Name der sprechenden Person ist bei jeder Äußerung sichtbar
Die redigierte Abschrift des Gesprächs
Aufnahme des Gesprächs
Péter: Jetzt folgt die Besprechung eines völlig anderen Falls. In mehrerer Hinsicht ist er anders, auch wenn es gemeinsame Züge geben mag. Den Fall hat eine Krankenschwester mit uns geteilt. Gehen wir die Geschichte gemeinsam durch, danach bin ich neugierig auf eure Gedanken aus seelsorglicher Sicht.
Eine unserer Stammpatientinnen auf der Station ist eine 83-jährige Frau, eine ehemalige Buchhalterin, die einst in leitender Stellung gearbeitet hat. Sie ist Krebspatientin im Endstadium. Ihre Schmerzen konnten wir bisher unter Kontrolle halten, aber das ist leider nicht mehr so. Wir tun, was wir können, doch es ist schwer zu ertragen, wie wenig das ist.
Auf der Station vergeht kein Tag, an dem sie nicht die Ärztin oder den Arzt, die Pflegekräfte, jeden, mit dem sie spricht, fragen würde: „Warum lässt man mich nicht sterben?“ Es ist schwer, darauf zu reagieren, denn ich selbst kenne die Antwort nicht. Aber nicht nur das ist schwer. Mir läuft es kalt den Rücken hinunter, wenn ich sie mit ihren Besuchern sehe. Ihre Tochter und ihr Sohn kommen regelmäßig, manchmal mit dem Ehepartner. Sie kann sich ihnen gegenüber kaum beklagen, schon fangen sie mit Ermutigung und Hoffnungmachen an. Die Tochter habe ich mehr als einmal ins Fromme verfallen hören: „Hab keine Angst, der liebe Gott hilft immer“, und auch, „der liebe Gott weiß schon, wann er dich heimholen will“. Die alte Dame leidet nach den Besuchen noch mehr, das kann man nicht übersehen. Einmal hat sie mir gesagt: Sie sei eine gläubige Frau, sie und Gott seien bisher gut miteinander ausgekommen, sie habe die Welt von dort oben her spüren können. Jetzt aber wisse sie nicht, ob ihr Leben in der Hand ihres Schöpfers liege oder in der der „Götter in Weiß“.
Die Enkelkinder sind schon richtig große Teenager. Einmal hatte ich Dienst, als sie kamen. Sie blieben nur kurz. Auf dem Flur brach es aus dem Mädchen heraus: „Was machen die hier mit Oma? Das ist alles unmenschlich. Gibt es hier denn keinen einzigen Normalen, der das verstehen würde?“ Der Junge schwieg nur. Ihre Kinder beteuern bei jedem Besuch im Schwesternzimmer hoch und heilig, wie großartig die Ärzte seien, hier sei sie am besten aufgehoben. Sie nehmen sie nach Hause, und bald darauf bringt sie der Rettungswagen schon wieder zurück, und alles beginnt von vorn. Manchmal denke ich schon daran, den Beruf aufzugeben, den ich im Übrigen von Herzen liebe, aber ich halte es immer weniger aus. Wer sagt mir, was ich tun soll?
Gábor: Ja, tatsächlich …
Mónika: Dann scheint es – ja, es ist sogar eindeutig –, dass die Krankenschwester, die das mit uns teilt, unsere Klientin ist und wir jetzt nicht die Familie oder die Großmutter seelsorglich begleiten müssen.
Gábor: Auf jeden Fall!
Mónika: Ich will nicht sagen, dass die Familie keinen Bedarf daran hätte oder dass man dort nicht auch arbeiten könnte, falls sie es wünschte. Aber hier formuliert die Krankenschwester ihr eigenes Problem und bittet dabei um Hilfe. Fraglich ist allerdings, ob sie ausschließlich über ihr eigenes Problem spricht.
Péter: Das ist eine gute Frage: Hier steckt ein Fall im Fall – ist die Krankenschwester die Klientin, oder ist sie die Seelsorgerin, die in der Geschichte in irgendeiner Rolle vorkommt?
Mónika: Auch das ist ein Gesichtspunkt, den man weiterdenken sollte, aber wenn wir davon ausgehen, dass die Krankenschwester die seelsorglich Begleitete ist, dann besteht ihre Situation darin, dass sie sich mit solch dramatischen Fällen auseinandersetzen muss. Und am Ende fragt sie ja: „Wer sagt mir, was ich tun soll?“ Das müssten wir weiter konkretisieren: Was meint sie damit? Bittet sie um Rat im Hinblick auf die geschilderte Familiensituation, oder im Hinblick auf ihre eigene Lebenssituation, darauf, dass auch sie das nur schwer ertragen kann? Oder bittet sie vielleicht darum, wie sie dieser Familie helfen könnte? Wie hast du es verstanden, Gábor?
Gábor: Bevor wir das Ganze anfassen, sollten wir versuchen, den gesamten Kontext zu erfassen. Da ist eine Krankenschwester, eine sterbende alte Dame, ihr Sohn, ihre Tochter, Schwiegertochter, Schwiegersohn, die Enkelkinder – alle sind betroffen. Diejenige, die uns den Fall präsentiert, ist die Krankenschwester. Wir sehen das Bild durch ihre Brille; wahrscheinlich würde die Tochter oder der Sohn es ganz anders erzählen. Insofern folge ich deinem Gedanken, Mónika: Die Krankenschwester ist hier unsere Referentin. Sie referiert uns den Zustand.
Mónika: Die Art, wie sie ihren Bericht beendet – „Manchmal denke ich schon daran, den Beruf aufzugeben, den ich im Übrigen von Herzen liebe, und gerade deshalb halte ich das immer weniger aus. Wer sagt mir, was ich tun soll?“ –, verweist für mich eindeutig auf ihre existenzielle Lebenssituation. Die Frage lautet hier schon nicht mehr nur, was mit der alten Dame geschehen soll, sondern wie sie selbst als Helferin in diesem Beruf seelisch unversehrt bleiben kann.
Ich halte es für eine gute Idee, diesen seelsorglichen Prozess mit der Krankenschwester in zwei getrennte Gesprächsreihen oder zumindest in zwei klar voneinander abgrenzbare Schwerpunkte aufzuteilen. Der eine ist ihre berufliche Verbundenheit und die von ihr erlebte Burnout-Gefahr, der andere der konkrete Komplex fachlich-ethischer Dilemmata, mit dem sie in dieser Familiensituation – und vermutlich in vielen anderen ähnlichen Situationen – konfrontiert ist.
Letzteres geht weit über diesen einen Fall hinaus: Diese Fragen drehen sich darum, wo das Leben endet, was „sterben lassen“ eigentlich bedeutet und was heute „Schutz des Lebens“ in einem derart technisierten Gesundheitssystem heißt. Es kann sein, dass diese drei Fragen letztlich zu einer einzigen gewaltigen Frage verschmelzen.
Péter: Welche Brille setzen wir also zuerst auf? Es ist sehr wichtig, dass wir die Ebenen nicht vermischen, denn dann verlieren wir uns in Einzelheiten.
Mónika: Ich schlage vor, dass wir bei dem bleiben, was uns die Krankenschwester vorgelegt hat: Betrachten wir den Fall aus ihrer Perspektive, durch ihre emotionale Belastung hindurch.
Gábor: Schauen wir also alles von der Krankenschwester aus an. Zum vollständigen Zusammenhang gehört eine schmerzhafte ethische Frage, die man heute endlich aussprechen kann, die gesellschaftlich und fachlich aber dennoch völlig ungelöst ist: die Sterbehilfe und die Frage der Würde des Sterbens.
Wir sehen, dass die Frau genau spürt, dass ihre Zeit gekommen ist – aber die heutige medizinische „Maschinerie“ ist oft so beschaffen, dass es schwer ist zu sterben. Selbst dann, wenn der Betreffende schon bereit dafür wäre. Die Krankenschwester arbeitet Tag für Tag in dieser Spannung: Sie sieht die „Allmacht“ in Weiß, sie sieht das ohnmächtige Hoffen der Familie, und sie spürt den quälenden Kontrast, der zwischen dem inneren Wissen der Patientin und den institutionellen Protokollen klafft. Diese Spannung ist es, die sie zerreißt. Von diesem Punkt aus müssten wir in der Seelsorge ansetzen.
Péter: Mir ist eine Novelle von Móricz eingefallen – die Tragödie –, in der der alte Bauer in dem armen, hungernden Dorf beschließt, dass seine Zeit gekommen ist; man kocht ihm ein „letztes Abendessen“, und er geht in die Berge, um dort zu sterben, weil er die Last nicht mehr tragen kann. Wir sehen das dort aus der Perspektive des kleinen Jungen: Das Kind versteht nicht, warum sein Großvater ein so köstliches Mittagessen bekommt, während alle hungern. Dort begegnet die Familie der dramatischen Notwendigkeit, dass das Loslassen zu einer Art selbstloser Tat wird.
Gábor: Ja, dort war der zwingende wirtschaftliche Grund die Triebfeder, während sich hier, in unserem Fall, die Errungenschaften der Medizin und die Angst der Familie vermischen. Dort war die Armut der „Richter“, hier ist es, dass die moderne Technologie die Kontrolle über Leben und Tod übernommen hat.
Mónika: Aber bleiben wir bei der Geschichte unserer Krankenschwester: Hier wissen wir nicht, wo die Grenze liegt. Woher kann ein Sterbender heute wissen, dass seine Zeit wirklich gekommen ist? Welches ist der Punkt, an dem die Medizin nicht mehr das Leben schützt, sondern nur noch den Prozess des Sterbens künstlich verlängert?
Das ist auch theologisch eine spannende Frage: Ist der Fortschritt der Wissenschaft vielleicht ein Teil der göttlichen Vorsehung, die die Grenzen des menschlichen Lebens hinausschiebt, oder schon eine Art Auflehnung gegen die Ordnung der Natur, wenn wir jemanden „künstlich“ am Leben erhalten, dessen Körper schon loslassen würde?
Lasst nicht zu, dass wir uns in die endlose ethische Debatte um die Sterbehilfe verstricken, denn die würde nur von dem Leiden unserer Krankenschwester ablenken. Der Schutz des Lebens ist eine gemeinsame Grundlage, aber im konkreten Sterben schlägt dieser Schutz häufig in die erzwungene Verlängerung der Sterbephase um. Ich habe einmal eine treffende, wenn auch nachdenklich stimmende Aussage gehört: „Das Sterben gehört nicht mehr zum Leben, sondern zum Tod.“ Wenn der Arzt einen Eid auf den Schutz des Lebens geschworen hat, widerspricht dann die erzwungene Hinauszögerung des Sterbestadiums vielleicht seinem Eid?
Gábor: Das ist die Schlüsselfrage! Seht ihr, das Verhalten des Sohnes und der Tochter – diese krampfhafte, religiöse Abwehr – rührt wahrscheinlich genau aus diesem Ringen. Wenn sie sich sagen: „Das ist noch Leben“, dann müssen sie alles tun, jedes Gerät einschalten. Aber wenn sie einmal wagen würden zu sagen: „Das ist schon der Prozess des Sterbens, den wir mit Ehrfurcht begleiten müssen“, dann könnten sie ihre Mutter vielleicht loslassen.
Das ist auch das Dilemma der Krankenschwester: Sie sieht den Tod, sie sieht die Notwendigkeit des Loslassens, während die Familie von den „Göttern in Weiß“ das Wunder erwartet. Diese Zwiespältigkeit macht sie so ohnmächtig. Vielleicht könnte der erste Schritt der seelsorglichen Arbeit sein, dass wir die Krankenschwester von der Last befreien, sie müsse diesen theologischen und ethischen Knoten lösen. Sie ist „nur“ ein Mensch, der beim Sterben eines anderen Menschen zugegen ist. Sie muss nicht den Tod besiegen, sondern bei der Sterbenden bleiben.
Mónika: Du hast recht, gehen wir nicht in tiefe, theoretische Debatten hinein. Bleiben wir bei dem konkreten, sehr menschlichen Problem, das die Krankenschwester beschrieben hat. Unsere wichtigste Beobachtung ist, dass die Angehörigen das Sterben in Wirklichkeit nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Die „tröstenden“ Sätze, das Hoffen, die religiöse Abwehr – sie alle dienen dazu, dass sie selbst sich dem Verlust nicht stellen müssen.
Dabei braucht ein sterbender Mensch die Möglichkeit, Bilanz über sein Leben zu ziehen, über seine Beerdigung, über den Abschluss zu sprechen – diese Vorbereitung ist der letzte, sehr wichtige Teil seines Lebens. Wenn das Umfeld dies mit einem Verbot der Art „Darüber darf man nicht sprechen“ abwehrt, ist das kein Trost, sondern eine Form emotionaler Isolation.
Gábor: Genau. Und an dieser Stelle teilt sich unsere Aufgabe. Wenn ich entscheiden könnte, würde ich viel lieber mit dem Sohn und der Tochter sprechen als mit der Krankenschwester selbst. Ihre Aufgabe ist nämlich das Loslassen, während unsere „nur“ das Begleiten ist.
Der Inhalt des Gesprächs mit ihnen wäre: „Was möchtet ihr eurer Mutter noch sagen, das ihr bisher nicht ausgesprochen habt? Was möchtet ihr noch von ihr hören?“ Wenn das krampfhafte Festhalten so groß ist, hat das einen Grund: Die Beziehung ist noch nicht abgeschlossen, es gibt dort noch etwas zu geben und zu empfangen. Das sind furchtbar schwere, aber kathartische Gespräche, die ihnen helfen können, zum Loslassen zu gelangen.
Mónika: Demgegenüber ist die Situation der Krankenschwester eine andere. Sie kann in den konkreten Pflegeaufgaben Halt finden. In ihrer beruflichen Rolle, in ihrer Stellenbeschreibung kann sie eine Art „Sicherheitsnetz“ finden. Sie muss nicht über Leben oder Tod entscheiden – ihre Aufgabe sind die Schmerzlinderung, die körperliche Pflege, die Sicherstellung der Sauberkeit. Diese Struktur, dieser Aufgabenbereich kann für sie mitten im seelischen Ringen eine Art Rettungsring sein.
Gábor: Ja, die Krankenschwester ist die „menschliche Brücke“ zwischen den beiden Welten. Die Familie leugnet noch, die Patientin würde schon gehen, und sie steht dazwischen und tut ihre Arbeit. Ich denke, dass wir im seelsorglichen Gespräch der Krankenschwester gegenüber bekräftigen müssen, dass ihre Anwesenheit schon für sich genommen Teil der „Medizin“ ist. Dass sie nicht leugnet, sondern da ist, die Hand der alten Dame hält und es zulässt, dass die alte Dame ihre Traurigkeit durchlebt – das ist ihre fachliche und menschliche Größe. Sie muss den Tod nicht „lösen“; es genügt, wenn sie die Sterbende nicht mit den ihr von der Familie aufgezwungenen Lügen allein lässt.
Mónika: So ist es. Die Aufgabe der Seelsorgerin ist es hier, den Menschen in der Krankenschwester zu stützen, der mit der eigenen Ohnmacht kämpft. Nicht die alte Dame muss vor dem Tod „gerettet“ werden, sondern die Krankenschwester muss vor dem völligen beruflichen Ausbrennen gerettet werden, indem wir anerkennen: Was sie Tag für Tag tut – neben der körperlichen Pflege die stille, urteilsfreie Anwesenheit –, ist das Größte, was ein Mensch in der Grenzsituation für einen anderen tun kann.
Gábor: Aber Moment mal! Ihr sagt, die Situation der Krankenschwester wäre leichter, wenn die alte Dame weder Hund noch Katze hätte? Wenn sie seit fünfzig Jahren ganz allein lebte und niemand sie besuchte? Dann wäre es für sie leichter?
Mónika: In gewisser Hinsicht ja, das kann ich mir vorstellen.
Denn dann müsste die Krankenschwester nicht mit der zusätzlichen Spannung ringen, die die Besucher mitbringen. Sie müsste nicht diese schmerzhafte Dynamik sehen, dass die Angehörigen – aus Liebe, aber dennoch – die Wahrheit der alten Dame geradezu ersticken. Die alte Dame leidet nicht nur unter dem körperlichen Schmerz, sondern auch unter jener unermesslichen Einsamkeit, die daher rührt, dass sie nicht einmal ihren nächsten Lieben gestehen darf: „Ich bereite mich schon auf den Abschied vor.“
Péter: Genau das hat die Krankenschwester geschrieben: „Die alte Dame leidet nach den Besuchen noch mehr.“
Mónika: So ist es. Der Besuch endet mit dem Erlebnis des „Nicht-verstanden-Werdens“. Wenn die alte Dame versucht, über ihren Tod zu sprechen, „stopft“ die Familie ihr „den Mund“ mit religiösen oder hoffnungsvollen Floskeln. Für diese Frau ist es, als würde man ihr ganzes Leben, ihr ganzes Wesen infrage stellen, indem man ihr nicht erlaubt, ihre eigene Geschichte abzuschließen.
Und hier liegt die riesige seelsorgliche Falle: Wir dürfen die Familienmitglieder nicht als „schuldig“ abstempeln. Auch sie haben ein Recht auf ihr eigenes Leugnen, denn sie sind noch am Leben, sie lassen ihre Liebste nur schwer los. Das ist ein natürlicher, wenn auch in dieser konkreten Situation sehr schmerzhafter Abwehrmechanismus.
Gábor: Das siehst du sehr richtig. Der Seelsorger übernimmt hier gewissermaßen die Rolle einer „Brücke“:
Der Krankenschwester können wir dabei helfen zu sehen: Es ist nicht ihre Aufgabe, die Familie zu „reparieren“, sondern ihre Aufgabe ist es, der alten Dame jene echte, aufrichtige Gegenwart zu geben, die ihre Familie ihr gerade nicht geben kann.
Die Krankenschwester kann der alten Dame beistehen, indem sie sie einfach reden lässt. Wenn die alte Dame sagt: „Mein Herz tut weh“, soll die Krankenschwester nicht sagen: „Haben Sie keine Angst, Gott hilft“, sondern: „Ich sehe, wie schwer das jetzt für Sie ist.“
Diese urteilsfreie Validierung (Anerkennung) ist es, die auch die Krankenschwester von dem Zwang befreit, die Familie zu „reparieren“. Sie wird nicht das Leugnen der Familie lösen, sie wird nur eine sichere Insel für die alte Dame sein, auf der diese endlich aussprechen darf, was sie anderen gegenüber nicht aussprechen darf.
Mónika: Genau. Damit gewinnt die Krankenschwester auch ihre berufliche Würde zurück: Sie erkennt, dass sie nicht machtlos ist, denn die paar Minuten, in denen sie der alten Dame aufmerksam zuhört, sind mehr wert als zehn Besuche, bei denen über den Kopf der Kranken hinweg über ihren Tod gesprochen wird.
Péter: Diese Situation ist so dramatisch, dass mir unwillkürlich Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch einfällt. Das Erschütternde an dieser Novelle ist, wie der Sterbende tagelang vor Schmerz schreit, während seine Familie so tut, als sei alles in Ordnung und das Leben gehe im gewohnten Gleis weiter. Auch wenn es dort um einen akuten, drastischen Verlauf geht, ist der Mechanismus derselbe: das Verschweigen des Schmerzes hinter dem Anschein eines „normalen“ Lebens.
Gábor: Ja, genau das ist der Schlüssel. Wären nur die alte Dame, der Tod und die Krankenschwester da, könnte vermutlich eine Art tiefer, stiller, gemeinsamer Frieden entstehen. Für die Krankenschwester wäre es leichter, weil sie nicht an dem von der Familie diktierten Rollenspiel „Alles wird gut“ mitwirken müsste.
Péter: Aber es lohnt sich auch zu bemerken, dass vielleicht auch die alte Dame nicht ganz ehrlich ist. Es kann sein, dass auch sie „ihre Rolle spielt“. Es kann sein, dass sie gar nicht richtig versucht auszusprechen: „Kinder, es geht langsam zu Ende“, weil auch sie fürchtet, dass sich die Familie noch mehr verschließt oder zusammenbricht, wenn sie das ausspricht. So entsteht dann eine Spirale gegenseitiger, stiller Lüge.
Gábor: Interessant, was du sagst. Es gibt einen pastoralpsychologischen Grundsatz: Eine der wichtigsten Aufgaben des Alters ist es, die eigenen Kinder das Sterben zu „lehren“. So wie wir ihnen in jeder Entwicklungsphase unseres Lebens ein Vorbild waren – wie man lernt, wie man erwachsen wird, wie man seinen Mann steht –, so ist auch unser Tod eine letzte elterliche „Erziehungsaufgabe“. Zu zeigen, dass das Scheiden ein natürlicher Teil des Lebens ist. Diesen Prozess hat die moderne Gesellschaft jedoch völlig ausgeblendet, ja, die Familien nehmen dabei oft nicht einmal die Hilfe der Kirchen in Anspruch.
Gábor: Von hier aus betrachtet könnte unsere seelsorgliche Frage in Bezug auf die Krankenschwester und die Familie so lauten:
Was fehlt? Was müssten die Kinder von ihrer Mutter bekommen, um sie loslassen zu können?
Und umgekehrt: Was möchte die alte Dame noch „weitergeben“, was gibt es in ihrer Seele noch zu erledigen, weshalb man sie noch immer „hier festhält“?
Wahrscheinlich sehnen sie sich nicht nach dem physischen Körper, sondern wollen eine offene seelische Rechnung begleichen. Es kann sein, dass die alte Dame noch nicht um Verzeihung bitten kann oder von ihren Kindern noch nicht gehört hat: „Danke für das Leben.“ Wenn diese Rechnungen beglichen würden, wenn die alte Dame den „letzten elterlichen Reisesegen“ weitergeben könnte, dann würde die Familie vielleicht fähig, statt des krampfhaften Festhaltens das würdevolle Loslassen zu wählen.
Mónika: Mit dieser Herangehensweise verwandelt sich auch die Aufgabe der Krankenschwester. Sie pflegt nicht mehr „nur“ eine leidende Kranke, sondern wird gewissermaßen zur Hüterin eines heiligen Raumes. Wenn sie das so versteht, kann sich ihre Machtlosigkeit in eine Art beruflicher und seelischer Sendung verwandeln: Sie ist diejenige, die der Familie und auch der alten Dame die Erlaubnis geben kann, endlich ehrlich zueinander zu sein. Sie muss den Tod nicht lösen, aber sie kann helfen, jene Atmosphäre zu schaffen, in der das Loslassen endlich geschehen kann. Das kann für sie eine gewaltige, befreiende Erkenntnis sein.
Mónika: Es kann sein, dass dieses „Begleichen der Rechnungen“ eine typisch männliche, pragmatische Denkweise ist – ein bisschen buchhalterisch, ein strukturierter Blick, der Ordnung schaffen will. Mich hat es auch ein wenig überrascht, denn wenn ich als Seelsorgerin die Angehörigen fragen würde: „Na, was müsst ihr von eurer Mutter noch bekommen, bevor ihr sie loslasst?“, würden sie mich wahrscheinlich nur verständnislos ansehen. Denn diese ganze Situation ist keine logische Gleichung, sondern ein gewaltiges, nicht greifbares Gefühlschaos.
Sie haben wahrscheinlich keine Ahnung, was sie noch „bekommen“ wollen, sie spüren nur zutiefst im Bauch: „Sie darf nicht gehen, ich kann sie nicht loslassen.“ Das ist eine Angst, mit der sie nichts anfangen können und die sich nicht in rationale Listen ordnen lässt.
Gábor: Aber es gefällt mir sehr, wie du das weitergeführt hast, Mónika, denn hier liegt der Schlüssel zur Lösung: die „Verkleinerung“. Ja, die „Lösung“ besteht nicht darin, die großen, endgültigen Antworten zu finden, sondern im ersten, kleinen Schritt.
Mónika: Genau. Wenn ich die Möglichkeit hätte, mit der Familie zu sprechen, würde ich sie nicht danach fragen, was sie von der alten Dame erwarten oder wann die Zeit des Endes gekommen ist. Ich würde ihnen einfach die Aufgabe geben, der alten Dame zu ermöglichen, dass sie spricht.
Nur das.
Man muss nicht überplanen, man muss keine „Rechnungen begleichen“.
Die heutige Aufgabe ist lediglich, dass ihr, wenn ihr zu ihr hineingeht, nicht selbst redet, sie nicht ermutigt, sondern ihr zuhört.
Dieser „Ein-Schritt“-Ansatz nimmt ihnen die Last der Entscheidung ab. Sie müssen nicht entscheiden, ob sie im Sterben liegt, sie müssen nicht entscheiden, was sie von ihr erwarten – sie müssen nur wissen, wie sie still da sein und wie sie auf sie achten können. Wenn ihnen dieser einfache „kleine Schritt“ gelingt, kann das schon für sich den Weg zum Loslassen öffnen, ohne dass sie komplizierte psychologische oder theologische Knoten entwirren müssten. Auch der Krankenschwester könnte ich das sagen: „Halte du nur diesen Raum für sie. Bring sie so zusammen, dass die alte Dame endlich sprechen kann.“
Gábor: Und seht ihr, genau hier liegt die Wurzel des größten Problems der Krankenschwester! Das, was du eben beschrieben hast, Mónika – die Parteien zusammenzubringen, das ehrliche Gespräch zu koordinieren oder diesen heiklen emotionalen Raum zu halten –, ist nicht mehr die Rolle der Krankenschwester. Das ist die klassische seelsorgliche Aufgabe.
Anders gesagt: In dieser Situation ist der Seelsorger der Postbote.
Bei Sterbenden hat der Seelsorger oft gar nichts anderes zu tun, als sich ans Krankenbett zu setzen und zu fragen: „Was möchten Sie Ihrem Sohn noch sagen?“ Dann schreibt er es auf oder merkt es sich. Danach geht er hinaus auf den Flur zu ihrer Tochter oder ihrem Sohn: „Liebe Frau, was soll ich der Mutter in Ihrem Namen noch sagen?“ Wenn die Angehörigen vor lähmendem Schmerz, vor Angst oder vor Betroffenheit zur direkten Kommunikation von Angesicht zu Angesicht nicht fähig sind, dann braucht es einen Postboten. Und das ist der Seelsorger. Aber die Krankenschwester kann kein Postbote sein, denn ihre Rolle und ihre Aufgabe stellen sie eindeutig an die Seite der körperlichen Versorgung der Kranken.
Mónika: Genau, ihre Dienstpflicht bindet sie ans Krankenbett.
Gábor: Eben. Es ist nicht einmal ihre Aufgabe, ja, in gewissem Sinn darf sie solche Dinge der Familie gegenüber gar nicht sagen oder tun.
Mónika: Mir gefällt diese Postboten-Metapher sehr, wie du sie aufgreifst, denn daran denken wir im Alltag wirklich wenig. Das ist eine Pattsituation, in der man beide Seiten fachlich wie menschlich völlig verstehen kann.
Man kann den alten Menschen am Ende seines Lebens verstehen, der ein elementares Bedürfnis danach hat, endlich Abschied zu nehmen, Bilanz zu ziehen und dessen Klagen nicht mit billigen, einseitigen Trostworten abgetan werden sollen.
Andererseits kann man auch die zutiefst körperlich empfundene Angst der jüngeren Angehörigen vollkommen verstehen: Sie lieben ihre Mutter und versuchen gerade aus Liebe verzweifelt, den Gedanken an das unabänderliche Ende von sich fernzuhalten.
Wenn beide Seiten sich so wenig verständigen können, dann ist ein Fachmann, der als Postbote fungiert, ein Geniestreich – sagen wir ein gut ausgebildeter Krankenhausseelsorger oder eine Seelsorgerin einer Einrichtung. Weil er für das System ein Außenstehender ist, kann er beide Seiten gleichrangig anhören und die Botschaften behutsam und sicher vermitteln, „hin- und hertragen“, ohne dass die Beteiligten vorzeitig an der direkten Konfrontation zerbrechen.
Wenn wir unserer Krankenschwester das im seelsorglichen Gespräch verdeutlichen können, nehmen wir ihr einen gewaltigen Felsbrocken von den Schultern. Sie kann erkennen, dass das, was sie spürt, nicht ihre berufliche Unzulänglichkeit ist, sondern dass sie einfach ihre eigenen Kompetenzgrenzen überschritten hat. Ihre Aufgabe ist die ärztliche und pflegerische Hilfe – die Rolle des „Postboten“ muss sie dringend an den Krankenhausseelsorger delegieren.
Péter: Darf ich euch hier eine Frage einbringen? Nehmen wir an, wir beziehen den Krankenhausseelsorger oder den Seelsorger in die Geschichte ein. Meine Frau ist Ärztin, Kinderärztin – wobei sie seltener genau mit einer solchen Situation zu tun hat –, aber sie hat den Gesichtspunkt eingebracht, dass der Arzt mit den Angehörigen sprechen kann, ja, dass das sogar seine Aufgabe ist. Die größte Schwierigkeit in einer solchen Lage ist aber, dass man als Arzt zwar genau sieht, dass der Patient im Sterben liegt, aber nicht mit diagnostischer Sicherheit sagen kann, wann er sterben wird.
Dieses genaue Wissen haben wir schlicht nicht. Ja, wir sehen, dass der Prozess unumkehrbar ist, aber wir können nicht sagen, ob es in einer Woche, an einem Tag oder binnen Stunden eintritt. Und diese Unsicherheit ist oft nicht konkret genug, um die Familie mit der Wirklichkeit konfrontieren zu können.
Gábor: Und diese Unsicherheit macht die Lage noch schwieriger ... oder gerade noch schlimmer.
Péter: Ja! Und hier kommt meine Frage: Hat der Seelsorger vielleicht die Möglichkeit – da er nicht auf fachlicher, nicht auf medizinischer Grundlage steht –, der Familie gegenüber eine entschiedenere, stärkere Konfrontation einzubringen, wenn er dazu gebeten wird oder wenn er in eine solche Situation gerät?
Mónika: Das würde ich überhaupt nicht meinen, im Gegenteil! Warum sollte er dazu befugt sein? Wenn schon ein Arzt, ein mit Tatsachen arbeitender Fachmann, weder das Recht noch das sichere Wissen hat zu erklären, wie viel Zeit dem Kranken noch bleibt, dann würde ich diese Kompetenz einem Fachmann mit ganz anderer Ausbildung, dem Seelsorger, erst recht nicht zusprechen.
Ich würde auch gar nicht in diese Richtung gehen. Als ich vorhin darauf hinwies, dass wir das Problem in kleine, auf den heutigen Tag bezogene Aufgaben herunterbrechen müssen, meinte ich genau Folgendes:
Weder als Angehörige noch als Seelsorger noch als Krankenhauspersonal ist es unsere Aufgabe abzuwägen oder zu erraten, wann die Sterbestunde kommt.
Das wissen wir nicht, und wir müssen es auch nicht wissen. Unsere Aufgabe ist ausschließlich, mit der Wirklichkeit etwas anzufangen, die jetzt, in diesem Augenblick da ist. Und die augenblickliche Wirklichkeit ist, dass hier eine leidende alte Kranke ist, die nach ihrem eigenen inneren Erleben schon an der Grenze steht und darüber sprechen möchte ...
Mónika: ... also unsere Aufgabe ist es, dass die alte Dame weniger leidet und dass wir ihren eigenen inneren Zustand anerkennen. Ich suche den passenden Fachbegriff dafür, er liegt mir nur nicht auf der Zunge ... also dass wir sie validieren. Wir erkennen an, dass sie ihre Lage genau so sieht und erlebt, wie sie sie eben sieht und erlebt. Und wenn damit einhergeht, dass sie das innere Bedürfnis hat, von sich auszusprechen, dass sie im Sterben liegt, dann soll sie das tun können.
Wenn sie erzählen möchte, wie sie sich auf das Sterben vorbereitet – das erlebe ich bei alten Kranken häufiger –, dann hören wir ihr zu. Ganz unabhängig davon, dass sie nach Ansicht der Medizin vielleicht noch viel mehr Zeit hat, als sie selbst ahnt oder spürt. Sie soll es sagen dürfen! Für uns besteht die Aufgabe nur darin: zuzuhören, dass sie heute darüber sprechen will. Ich weiß nicht, ob der Unterschied spürbar ist?
Gábor: Spürbar ist er, natürlich. Aber gehen wir ein wenig ins „Katholische“. Was tut der Katholik in einer solchen Situation?
Mónika: Nun, wenn es um ein seelsorgliches Gespräch geht, kann das genauso katholisch wie protestantisch sein, aber dort der Pfarrer ...
Gábor: Nein, konkret: Was tut der katholische Priester? Er geht ins Krankenhaus und bringt den Kranken die Salbung – die man früher Letzte Ölung nannte.
Mónika: Gut, bei uns Protestanten gibt es das Krankenabendmahl ... aber das ist jetzt so herausgekommen, als wüsste ich nicht, was der Priester tut, dabei wollte ich nur von der seelsorglichen Seite herangehen, weil ich weiß, dass ...
Mónika: Der Priester oder der Pfarrer kann in einer solchen Situation vieles tun, aber ...
Gábor: Übrigens ist das heute gar keine rein katholische Besonderheit mehr. Bei uns in Deutschland haben auch die evangelischen Kirchen die Krankensalbung anstelle des Abendmahls ganz übernommen. Einfach deshalb, weil das Abendmahl bei einem Kranken im Endstadium, einem Sterbenden, körperlich oft nicht mehr funktioniert – er kann das Brot und den Wein nicht mehr schlucken.
Der Ritus der Salbung dagegen ist unglaublich spannend. Im Zusammenhang mit deiner Frage, Péter, ist mir eingefallen: Ich kenne sehr viele Krankenhausseelsorger-Kollegen, die in der Salbung den Ausdruck der königlichen Würde des Menschen sehen. Sie vermitteln dem Sterbenden die Botschaft: „Du bist in deiner Ausgeliefertheit, auch zwischen den Schläuchen, ein Kind Gottes, von königlicher Würde.“
Aber es steckt darin noch etwas, das mich tief bewegt: Oft wird dieser Ritus so gestaltet, dass der schwerkranke Mensch, wenn er sich noch ein klein wenig bewegen kann, selbst auch seine Angehörigen und den Arzt salbt.
Mónika: Wir sprechen also von einer Ritualisierung, die unabhängig von den konfessionellen Bezügen, rein im Hinblick auf ihre psychologische Bedeutung genial ist. Die Kraft des Ritus besteht darin, dass er das Religiöse mit dem Tiefenpsychologischen verbindet.
Gábor: Genau das geschieht, was Péter vorhin suchte: Mithilfe des Ritus drücken wir das Unausdrückbare aus. Dort, wo die Worte schon versagen, wo rationales Reden nur in Streit oder Lüge münden würde, übernimmt das Symbol und die Geste das Wort.
Péter: Und ich denke darüber nach, dass in diesem konkreten Fall, in dem die alte Dame immer wieder hin- und hergebracht wird – sie wird nach Hause gebracht, der Krankenwagen bringt sie zurück, sie wird nach Hause gebracht, der Krankenwagen bringt sie zurück –, ein solches Ritual nach der zehnten dieser traumatischen Runden alles verändern würde. Selbst wenn dazu kein einziges Wort gesagt würde, würde jeder im Zimmer spüren, dass diese Aufnahme nicht mehr dieselbe ist wie die vorherigen. Selbst wenn die alte Dame danach zufällig wieder nach Hause gebracht würde und sich der Vorgang noch dreimal wiederholte.
Gábor: Genau darum geht es! Das ist eine Zäsur, ein echter Meilenstein. Dort und dann verändert sich im Raum etwas endgültig.
Was mich daran theologisch und menschlich am meisten berührt, ist die Gegenseitigkeit. Es geht nicht um eine einseitige Dienstleistung, bei der der Pfarrer hingeht und dem passiven Kranken das Sakrament „austeilt“. Nein. Der Kranke wird zum aktiven Teilnehmer: Auch er gibt dem Angehörigen, dem Arzt, der Schwester etwas. Der Segen geht von Hand zu Hand, genau wie beim Abendmahl, wenn wir den Kelch und das Brot herumreichen. Diese wechselseitige Geste bringt den wirklichen Wendepunkt – auf seelischer, spiritueller und emotionaler Ebene gleichermaßen.
Mónika: Diese Sichtweise differenziert das Bild tatsächlich. Wie du erwähnt hast, ist die Krankensalbung in der katholischen Tradition ein Sakrament, das seine eigene streng festgelegte liturgische Form hat.
Ihre psychologische und gemeinschaftliche Dimension ist jedoch – auch jenseits der strengen religiösen Rahmen – außerordentlich tief. Wenn der Kranke diese Salbung empfängt, ist es, als würde er in die gemeinsame Handfläche einer großen, tragenden menschlichen Gemeinschaft gelegt. Nach den theologischen Wurzeln würde der Priester dieses Sakrament eigentlich gemeinsam mit sieben anderen Menschen betend am Krankenbett spenden – und obwohl der Priester in der Praxis heute allein kommt, steht hinter dem Ritus die ganze menschliche und spirituelle Gemeinschaft. Diese Geste macht Annahme und Gnade sichtbar und greifbar, ohne dass wir dort jetzt komplizierte theologische Streitfragen hineinlesen müssten.
Gábor: Und wisst ihr, was daran am spannendsten ist? Wenn wir uns die Wurzeln ansehen, woher dieses umgekehrte Ritual kommt – bei dem der Sterbende andere salbt –, dann ist es angeblich so entstanden, dass jemandem die uralte Institution des elterlichen Segens eingefallen ist.
Der Überlieferung nach kann das Leben der Nachkommen irgendwie nicht vollständig sein, nicht wirklich „funktionieren“ ohne den elterlichen Segen. Und das trifft auf unseren Fall verblüffend genau zu:
Hinter dem krampfhaften Festhalten der Kinder in dieser Krankenhausgeschichte steht in Wahrheit, dass sie von ihrer Mutter noch einen letzten Segen empfangen wollen.
Sie erwarten eine Art geistliche Wegzehrung, eine Bestärkung oder Lossprechung, ohne die sie sich außerstande fühlen, ihr eigenes Leben weiterzuleben. Der Kreis schließt sich dort, wo auch die Mutter nicht in Frieden gehen kann, solange sie diesen Segen nicht weitergegeben hat.
Dieses Muster hat die moderne Pastoralpsychologie in die Praxis der Krankensalbung aufgenommen. Wenn wir die Situation aus der Sicht des Seelsorgers betrachten, ist das Wichtigste, was wir uns fragen müssen: Auf welchen Segen, auf welches letzte Wort wartet dieser Sohn und diese Tochter noch? Und wie können wir der alten Dame helfen, ihnen das noch vor ihrem Tod zu geben?
Mónika: Und die Mutter braucht ebenso zwangsläufig nun auch den Segen ihrer Kinder! Praktisch zeichnet sich dieses Bild aus dem Ganzen ab: Die alte Dame erwartet von ihren Kindern in Wirklichkeit, dass sie sagen: „Erkennt endlich an, was ich bin, wie ich bin und wie ich mich jetzt fühle.“
Es ist egal, wie wir das etikettieren. Wir könnten auch sagen, dass die Frau sie anfleht: „Gebt mir endlich euren Segen, lasst mich gehen!“ Also erwartet auch die alte Großmutter von ihren Kindern den Segen – oder funktioniert das vielleicht in beide Richtungen?
Gábor: Von allen Seiten, völlig gegenseitig.
Mónika: Denn das ist genau das Wesen des Segens: Ich segne den anderen, das heißt, ich bejahe ihn, ich erkenne ihn dort an, wo er gerade steht.
Gábor: Genau, das ist der innere Gehalt, nicht nur die Äußerlichkeit.
Péter: Als ihr darüber gesprochen habt und ich die Zeilen der Krankenschwester noch einmal gelesen habe, ist mir noch etwas sehr Wichtiges aufgefallen. Diese Erwartung richtet sich von Seiten der alten Dame nicht nur an ihre Familie. Etwas profan formuliert: Sie wollte diese Anerkennung von ihrer Umgebung geradezu „bestellen“.
Schaut nur, was sie sagt: „Jetzt weiß sie nicht einmal mehr, ob ihr Leben in der Hand ihres Schöpfers liegt oder in der Hand der Götter in Weiß.“ Das ist auch ein Hilferuf an die Krankenhausmaschinerie: „Gebt mir endlich irgendeinen Halt, durch den ich wissen kann, wohin ich gehöre und ob ich noch immer Herrin über mich selbst bin!“
Gábor: Das ist sehr gut und ein äußerst wichtiger Gesichtspunkt! Dadurch klärt sich etwas: Die alte Dame muss wissen, zu wem und wohin sie gehört. Als Mónika vorhin die tragende Gemeinschaft erwähnt hat, ist mir genau das auch eingefallen. Das ist ein genialer Gedanke, den nehme ich mit, und ich werde mich immer auf dich berufen, Mónika!
Mónika: Man könnte der Familie sogar eine schöne, gemeinsame Ritualisierung vorschlagen, in der sie einander gegenseitig segnen und einander loslassen.
Gábor: Okay, das ist alles schön und gut, aber kehren wir auf den Boden der Realität zurück: Was soll die Krankenschwester in dieser Situation tun?
Mónika: Also die Krankenschwester ... Ach so, wir können ihre Frage auch konkret so verstehen, wie sie selbst mit dieser ganzen Spannung umgehen soll? Denn jetzt fragt ja sie uns.
Gábor: Wenn wir den Hilferuf der Krankenschwester ernst nehmen, sagt sie geradeheraus, dass sie sich hilflos fühlt und nicht weiß, was zum Teufel sie tun soll. Sie fragt: „Wer sagt mir, was ich tun soll?“
Mónika: Nun, wir sind hier jetzt in der Supervision, also sagen wir es ihr! Wenn wir davon ausgehen, dass ihre Frage darauf zielt, was sie in ihrer täglichen Arbeit mit diesem konkreten, spannungsgeladenen Familienfall tun soll, dann können wir ihr die folgenden konkreten Schritte vorschlagen:
Was soll die Krankenschwester tun? | Praktische Anleitung aus seelsorglicher Sicht
1. Treten Sie aus der Rolle der „Problemlöserin“ heraus: Zuallererst muss sie die transgenerationale und theologische Last ablegen, dass sie die Familie versöhnen müsste oder dafür sorgen müsste, dass die Kinder den Tod akzeptieren. Das liegt nicht in ihrer Kompetenz.
2. Validieren Sie die Gefühle der alten Dame (seien Sie die sichere Insel): Wenn die alte Dame sie fragt: „Warum lässt man mich nicht sterben?“, muss die Krankenschwester nicht die kosmische Antwort kennen. Es genügt, wenn sie sagt: „Ich sehe, wie müde Sie schon sind und wie schwer diese Ungewissheit für Sie ist.“ Damit gibt sie der alten Dame die Anerkennung (den Segen), die sie von ihrer Familie nicht bekommt.
3. Wehren Sie sanft, aber bestimmt in Richtung der Besucher ab: Wenn die Angehörigen im Schwesternzimmer beteuern, dass „sie hier am besten aufgehoben ist“, muss die Krankenschwester bei der Verleugnung nicht assistieren. Sie kann sagen: „Wir tun alles für ihr körperliches Wohlbefinden und für die Schmerzlinderung, aber ich sehe, dass die Mama jetzt vor allem das braucht, dass sie während der Besuche in Ruhe erzählen kann, was in ihrem Herzen ist. Lassen Sie sie sprechen.“
4. Beziehen Sie den „Postboten“ ein (delegieren Sie die Aufgabe): Da die Krankenschwester durch ihre Arbeit ans Krankenbett gebunden ist, besteht ihre Aufgabe darin, die Situation dem Krankenhausseelsorger oder der Psychologin der Einrichtung zu melden. Er ist derjenige, der sich als professioneller Postbote mit der Familie und der alten Dame getrennt zusammensetzen könnte, um ihnen zu helfen, den Prozess des gegenseitigen Segnens und Loslassens in Gang zu bringen.
Wenn die Krankenschwester versteht, dass ihre Aufgabe die würdevolle körperliche Pflege und die urteilsfreie, wenige Minuten dauernde Gegenwart ist – das Entwirren der seelischen Knoten hingegen Sache des Seelsorgers ist –, dann kann sie in dem Beruf bleiben, den sie von Herzen liebt.
Gábor: Aber weiß sie überhaupt, was sie schon jetzt tut?
Ich für meinen Teil würde nicht in die Richtung gehen, ihr neue Aufgaben zu geben. Meine Antwort wäre: Sie soll bemerken und sich bewusst machen, was sie in diesem Augenblick bereits tut! Sie soll nicht fragen, „was soll ich tun“, sondern ihre eigene wertvolle Gegenwart erkennen.
Überlegt doch einmal: In dieser verzerrten, angespannten Situation ist die Krankenschwester der einzige aufrichtige Mensch an der Seite der Kranken. Sie muss nicht ärztlich tätig werden, sie steckt nicht in jenem diagnostischen und therapeutischen Zwang, von dem Péters Frau gesprochen hat. Und sie steckt auch nicht in jener krampfhaften, schuldbeladenen Unfähigkeit, loszulassen, in der die Angehörigen stecken.
Sie kann „nur“ ein Mensch am Bett sein. Und wahrscheinlich ist die Art, wie sie das Kissen der alten Dame zurechtrückt, die paar leisen Worte, die sie mit ihr wechselt, die einzige wirkliche, reine menschliche Beziehung in dieser sonst völlig unmenschlichen Situation.
Mónika: Du siehst also, dass sie diejenige ist, die die Rolle der „Postbotin“ erfüllen kann?
Gábor: Nein, ich meine nicht die funktionale Vermittlung. Sondern dass sie mit ihrer bloßen, schnörkellosen Gegenwart für die alte Dame die Normalität und die Menschlichkeit verkörpert.
Mónika: Ich verstehe, und ich will das überhaupt nicht beanstanden, im Gegenteil! Das Schönste ist, wenn die Krankenschwester auch in ihrer offiziellen beruflichen Rolle diese reine Menschlichkeit bewahren und leben kann – beides passt vollkommen in einer Person zusammen.
Gleichzeitig habe ich diese Frage weitergedacht: „Wer sagt mir, was ich tun soll?“ Wir können diese Hilflosigkeit tatsächlich auf mehrere Weisen deuten. Wenn die Krankenschwester einen inneren Impuls spürt, aktiver zu helfen, würde ich sie darin unterstützen, wie sie eine Art Brücke, einen Dialog oder eine Vermittlung zwischen der Familie und der alten Frau schaffen könnte.
Sie könnte diejenige sein, die behutsam alles ins Bild bringt, worüber wir hier vorhin gesprochen haben. Sie könnte ihnen zeigen, was Segen überhaupt ist, wie sie einander segnen könnten, das heißt, einander gegenseitig anerkennen und loslassen. Wenn die Krankenschwester sich ihrer eigenen Schlüsselrolle bewusst wird, wagt sie vielleicht ein solches Gespräch mit den Angehörigen.
Gábor: Genau deshalb sage ich es! Dafür ist der Krankenhausseelsorger da, wenn es ihn in der Einrichtung gibt.
Mónika: Richtig. Die Krankenschwester kann den Krankenhausseelsorger aufsuchen und diese Situation mit ihm teilen oder ihn bitten, die Familie zu besuchen.
Gábor: Na, dann soll sie den Pfarrer eben hinschicken, wenn er von selbst nicht dorthin findet!
Aber mich beschäftigt weiterhin am tiefsten dieser Gedanke des „Mensch-Seins“. In einem Krankenhaus ist es für den Kranken unglaublich schwer zu erleben, dass er noch ein Mensch ist. Denn in der institutionellen Maschinerie ist er nur eine Diagnose: der Tumorpatient, das linke Bett in Zimmer fünf, der, den man gerade zum Röntgen schieben würde, und so weiter. Und wisst ihr, was die Falle ist? Selbst beim Seelsorger fühlt er sich nicht unbedingt rein als Mensch, denn dort ist er wiederum die „Seele“, mit der man jetzt verpflichtend über seelische Dinge sprechen muss.
Einmal hat mir eine Krankenschwester eine geniale Frage gestellt: „Gábor, gibt es so etwas wie seelsorgliches Waschen?“ Ich habe ihr geantwortet: „Ja, das gibt es. Und vielleicht beginnt die wirkliche Seelsorge genau dort.“
Péter: Diese reine Gegenwart ...
Gábor: Denn in diese körperliche Pflege, das Waschen, kann die Krankenschwester etwas hineinbringen, das weder der Arzt noch der Pfarrer vermag. Wir haben ganz andere, strukturiertere Funktionen. Sie hingegen hat eine völlig natürliche, intime und greifbare Beziehungsebene zum Kranken.
Mónika: Das ist wunderschön, aber wenn wir ihr das als Erstes sagen – dass sie bei der körperlichen Pflege als Mensch gegenwärtig sein soll –, dann müssen wir ganz eng damit auch den Gesichtspunkt des professionellen Selbstschutzes verbinden: Sie muss dafür sorgen, dass sie sich nicht zu sehr verstrickt.
Wenn das Krankenhaussystem den Kranken entpersönlicht und von ihm als „Bett x in Zimmer x“ gesprochen wird, neigen wir dazu, das rein negativ zu sehen. Dabei hat diese Distanzierung auch ihre ernstzunehmende psychische Schutzfunktion.
Mir ist Popper Péter eingefallen – wenn ich mich auf ihn berufen darf –, der das den künftigen Ärzten sehr anschaulich beigebracht hat: „Kinder, den Bauch von Tante Marika kann man nicht aufschneiden. Man kann nur ein anatomisches Gebilde aufschneiden.“
Das heißt, es braucht ein gewisses Maß an professioneller Entpersönlichung und Distanz, damit der Helfende unter dem Gewicht des alltäglichen Leidens nicht zusammenbricht. Wenn unsere Krankenschwester mit jedem ihrer wiederkehrenden, sterbenden Patienten in eine so tiefe, persönliche existenzielle Beziehung tritt, dann wird sie zwangsläufig und sehr schnell ausbrennen – genau so, wie sie es auch in ihrem Brief geschrieben hat, dass sie schon darüber nachdenkt, den Beruf zu verlassen. Sie muss das Gleichgewicht finden zwischen der Menschlichkeit des „seelsorglichen Waschens“ und dem Schutznetz der Berufsrolle.
Mónika: Richtig, genau! Popper Péter hat gesagt: „Tante Marika kann man nicht operieren. Man kann nur einen Bauch aufschneiden.“ Diese professionelle Sachlichkeit und Distanz braucht es, damit der Arzt oder die Pflegekraft ihre Arbeit verrichten kann.
Wenn wir der Krankenschwester also raten, bei der körperlichen Pflege, beim „seelsorglichen Waschen“ zutiefst menschlich und empathisch zu sein, dann müssen wir gleichzeitig zwingend auch mit ihr über Selbstsorge sprechen. Sie muss lernen, Grenzen zu ziehen: wie sie mit ganzem Herzen am Krankenbett gegenwärtig sein kann, ohne danach das ganze Familiendrama auf ihren Schultern mit in ihr eigenes Zuhause zu tragen. Wenn sie sich zu sehr verstrickt, wird sie aufgerieben.
Gábor: Aber seht doch, was die alte Dame von dieser Art der Gegenwart bekommt! Wenn die Krankenschwester zu dieser reinen, Grenzen wahrenden und dennoch menschlichen Gegenwart fähig ist, kann die alte Dame endlich spüren: „Hier ist jemand, der meine Wirklichkeit bedingungslos annimmt.“
Jemand, der sie nicht an ihrem Erleben hindern will, ihren Schmerz nicht mit falschem Trost kleinreden will, aber auch nicht darauf überreagieren will. Die Krankenschwester ist die Fachperson, die diese Situation so natürlich nehmen kann, wie sie in Wirklichkeit ist. Warum? Weil sie in ihrem Beruf wahrscheinlich schon einige hundert Sterbende bis zum Schluss begleitet hat. Gerade ihre Erfahrung gibt ihr jenen inneren Halt, dass sie vor dem Sterben nicht erschrickt und fähig ist, als natürlicher, beruhigender Punkt neben der alten Dame zu stehen.
Mónika: Das ist der Kern! Die Krankenschwester leistet damit die größte Hilfe, dass sie annimmt, was im Leben der Kranken hier und jetzt ist.
Unabhängig davon, wie es morgen ausgehen wird und wann die letzte Stunde kommt. Dieser urteilsfreie, reine Augenblick ist es, der die alte Dame befreit, die Familie entlastet und letztlich auch der Krankenschwester den Sinn ihres Berufs zurückgibt: Sie muss nicht den Tod besiegen, sondern den Menschen begleiten, bis er am Ende seines Weges angelangt ist.
Hypothesen Vorläufige, zu überprüfende Deutungen – keine feststehenden Tatsachen
2 Systemische Hypothesen
Die Hypothesen betreffen in diesem Fall nicht nur eine Familie, sondern ein weiteres System: die sterbende Frau, ihre Kinder und Enkel, die Krankenhausstation – und die Krankenschwester, die das Ganze erzählt und die selbst die Klientin ist. Die systemische Hypothese fragt nicht danach, wer schuld daran ist, dass sich das Sterben hinzieht, sondern danach, wie die Lösungsversuche der Beteiligten ineinandergreifen und warum die Ohnmacht zum gemeinsamen Gefühl des ganzen Systems geworden ist. [1]
2.1 Inhaltliche Hypothesen
Ein System, das sich nicht verabschieden kann
Die Kranke fragt Tag für Tag: „Warum lässt man mich nicht sterben?“ Ihre Kinder ermutigen sie dann, hoffen und antworten mit religiösen Sätzen; nach jedem Besuch sagen sie im Schwesternzimmer, ihre Mutter sei „bestens aufgehoben“. Sie nehmen sie mit nach Hause, dann bringt der Rettungswagen sie zurück.
Hypothese: Die Familie und die Institution halten gemeinsam einen Kreis aufrecht, in dem der Abschied fortwährend aufgeschoben wird. Das ständige Wiederholen von Nachhausenehmen und Zurückbringen erspart es allen, auszusprechen: Jetzt ist die Zeit des Abschieds gekommen. Die Sätze „Der liebe Gott wird schon helfen“ und „Hier ist sie bestens aufgehoben“ erfüllen dieselbe Funktion: Sie erzählen das Sterben in der Sprache der Genesung. Das Leiden der Kranken ist in diesem System nicht nur körperlich: Es schmerzt sie auch, dass sie den ihr nächsten Menschen nicht sagen darf, wohin sie unterwegs ist.
Die stille Spirale gegenseitiger Schonung
Es kann gut sein, dass auch die Kranke ihren Kindern nicht geradeheraus sagt, was sie der Krankenschwester sagt, weil sie sie davor bewahren möchte, zusammenzubrechen.
Hypothese: Die Familienmitglieder schonen einander gegenseitig, und diese Schonung ist zu Schweigen erstarrt. Die Kinder glauben, ihre Mutter zu schützen, wenn sie hoffen; die Mutter glaubt, ihre Kinder zu schützen, wenn sie sich nur bei der Krankenschwester beklagt. Das Schweigen aus Liebe lässt so alle allein.
Offene Rechnungen und der erhoffte Segen
Das Festhalten der Kinder ist ungewöhnlich stark: „Alle Geräte müssen eingeschaltet werden.“ Hinter einem so verkrampften Klammern steht oft eine unausgesprochene Beziehungsaufgabe.
Hypothese: Die Beziehung zwischen der Mutter und ihren Kindern ist noch nicht abgeschlossen. Vielleicht gibt es noch etwas, das die Kinder gern hören würden – eine Anerkennung, eine Vergebung, einen Segen –, und es gibt etwas, das die Mutter gern weitergeben oder aussprechen würde. Solange das nicht geschieht, können die Kinder sie nicht loslassen, und die Mutter kann nicht in Ruhe gehen. Das Klammern ist so nicht die Verleugnung des Sterbens, sondern die Suche nach einer noch nicht empfangenen Wegzehrung.
Zwischen zwei „Göttern“ – die Erschütterung des Gottesbildes
Die Kranke hat als gläubiger Mensch gelebt, sie „kam gut mit“ Gott „aus“, aber jetzt weiß sie nicht, ob ihr Leben in der Hand ihres Schöpfers liegt oder in der der „Götter in Weiß“.
Hypothese: Die Mittel der modernen Medizin haben nicht nur den Körper, sondern auch die glaubensmäßige Orientierung der Frau neu geordnet. Solange die Geräte darüber entscheiden, wie lange ihr Leben dauert, werden auch ihr Vertrauen in den Schöpfer und ihre eigene Würde fraglich. Die Frage „Warum lässt man mich nicht sterben?“ ist so zugleich Klage, Gottsuche und das Zurückfordern der Souveränität über das eigene Leben.
Die Krankenschwester als „Brücke“ und als überlasteter Punkt
Die Krankenschwester sieht das Leiden der Kranken, hört die Beteuerungen der Angehörigen und spürt die Spannung zwischen beiden. Sie ist die Einzige, der die Frau ehrlich sagt, was sie empfindet.
Hypothese: Die Krankenschwester ist im System zu dem Punkt geworden, an dem sich die unausgesprochene Wahrheit sammelt. Weil die Familie die Frau nicht hört, trägt die Krankenschwester an ihrer Stelle die Last des Abschieds – deshalb hat sie das Gefühl, „es immer weniger zu schaffen“. Ihre Erschöpfung ist nicht nur eine persönliche Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass sie eine Aufgabe erfüllt, die nicht ihre ist: Sie trägt allein die unausgesprochene Trauer einer ganzen Familie.
Die Frage, die mehr fragt
Der Brief der Krankenschwester endet so: „Wer sagt mir, was ich tun soll?“ Die Frage kann sich zugleich auf die alte Dame, auf die Familie und auf die eigene Berufung beziehen.
Hypothese: Hinter dem „Was soll ich tun?“ steht nicht nur eine methodische Frage, sondern auch eine Berufskrise: Wie kann man von Herzen einen Beruf lieben, der immer mehr Ohnmacht mit sich bringt? Die Frage der Krankenschwester handelt zugleich davon, ob es jemanden gibt, der ihr jene Begleitung schenkt, die sie der alten Dame gibt.
Die Enkel als ehrliche Stimme des Systems
Die Enkelin platzt auf dem Flur heraus: „Was machen die hier mit Oma? Das ist alles unmenschlich!“ Der Enkel schweigt.
Hypothese: Die jugendlichen Enkel sind weniger an die Schweigeregeln der Familie gebunden, deshalb sprechen sie aus, was die Erwachsenen nicht wagen. Die Wut der Enkelin ist die Stimme der unterdrückten Wahrheit des Systems; das Schweigen des Enkels ist vielleicht die andere Seite derselben Sache. Eine Ressource der Familie kann es sein, wenn diese Stimme nicht als Skandal, sondern als Signal gehört wird.
Die Metapher
„Es ist, als stünde die Frau auf einem Bahnsteig, den Koffer in der Hand. Der Zug ist schon eingefahren, sie würde auch einsteigen, aber ihre Familie hilft ihr immer wieder zurück auf den Bahnsteig, weil man sich noch nicht von ihr verabschiedet hat. Die Krankenschwester aber steht am Rand des Bahnsteigs und hält ganz allein die Tür.“
2.2 Hypothesen zur Arbeitsmethode
Die Klärung der Klientin. Die Klientin ist die Krankenschwester. Die seelsorgliche Arbeit kann auf zwei Strängen verlaufen: Der eine ist ihre berufliche Belastung und Ausbrenngefahr, der andere ist die Frage, wie sie sich zu dieser konkreten familiären und ethischen Situation verhalten soll. Es lohnt sich, die beiden Stränge bewusst zu trennen.
Nicht der Tod ist zu besiegen. Es lohnt sich, die Krankenschwester von der Last zu entbinden, sie müsse die theologischen und ethischen Fragen am Lebensende lösen. Ihre Aufgabe sind Gegenwart und Pflege, nicht die Entscheidung.
Kompetenzgrenze und „Postbote“. Die Vermittlung zwischen der Familie und der Kranken – das „Hin- und Hertragen“ der Botschaften – ist eine seelsorgliche, keine pflegerische Aufgabe. Es lohnt sich, der Krankenschwester dabei zu helfen, dies dem Krankenhausseelsorger oder dem Palliativteam zu melden.
Das Bewusstmachen des vorhandenen Wertes. Statt neuer Aufgaben lohnt es sich, zuerst das zu zeigen, was die Krankenschwester schon jetzt tut: Sie ist da, sie leugnet nicht, sie hört zu.
Grenzen und Selbstsorge. Die tiefe menschliche Gegenwart lässt sich nur aufrechterhalten, wenn die Krankenschwester auch das Schutznetz der Berufsrolle nutzt und das Drama der Familie nicht mit nach Hause nimmt.
Ritus und Segen. Das Festgefahrensein der Familie kann anstelle von Worten eine rituelle Form – die Krankensalbung, ein Segen, ein gemeinsames Gebet – lösen, wenn die Kranke und die Familie es wünschen.
Schmerzlinderung. Dass der Schmerz nicht angemessen nachlässt, bedeutet nicht, dass die palliativen Möglichkeiten erschöpft sind; es dem Pflege- und Ärzteteam zu melden, ist eine fachliche Pflicht.
Kontaktaufnahme Joining, Kompliment und positive Konnotation
3 Kontaktaufnahme: Joining, Kompliment und positive Konnotation
Die Beziehung entsteht hier mit einer erschöpften Helferin. Der Seelsorger stimmt sich darauf ein, wie die Krankenschwester ihren Beruf, den Tod und – wenn ihr das wichtig ist – Gott sieht. Die Anerkennung ist konkret: Sie richtet sich auf das, was der Seelsorger tatsächlich hört und sieht. Die positive Konnotation zeigt, dass auch in der Ohnmacht und in der Erschöpfung ein Wert liegt. [2]
3.1 Joining – Einstimmung
Klientin: Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich gekommen bin. Ich halte es nur nicht mehr aus, mit anzusehen, was dort geschieht.
Seelsorger: Gut, dass Sie gekommen sind. Ich höre, dass Sie Tag für Tag Zeugin von Dingen sind, die man schwer allein tragen kann. Sie müssen jetzt nicht geordnet erzählen. Fangen Sie dort an, wo es am meisten wehtut.
Klientin: Die alte Dame fragt jeden Tag: Warum lässt man mich nicht sterben? Und ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Seelsorger: Das ist eine sehr schwere Frage. Vielleicht erwartet sie gar keine Antwort darauf, sondern jemanden, der nicht davor wegläuft. Und Sie laufen nicht weg.
3.2 Kompliment – konkrete Anerkennung
Klientin: Ich kann nur ihr Kissen zurechtrücken und mich manchmal für eine Minute zu ihr setzen.
Seelsorger: Bei einem sterbenden Menschen bedeutet diese Minute, in der sich jemand hinsetzt und es nicht eilig hat, sehr viel. Sie geben ihr etwas, was weder die Geräte noch die Besucher ihr jetzt geben können: aufrichtige Gegenwart. Und mir ist auch aufgefallen, wie genau Sie bemerken, was nach den Besuchen mit der alten Dame geschieht. Das ist große Aufmerksamkeit.
Klientin: Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es zu wenig ist.
Seelsorger: Ich verstehe. Was wäre Ihrer Meinung nach genug? Vielleicht ist dieser Maßstab für einen einzelnen Menschen zu hoch.
3.3 Positive Konnotation
Klientin: Manchmal bin ich wütend auf ihre Kinder. Dabei weiß ich, dass es auch ihnen wehtut.
Seelsorger: Ihre Wut zeigt, wie sehr Sie auf der Seite der alten Dame stehen. Sie sehen, was sie bräuchte, und es tut Ihnen weh, dass sie es nicht bekommt. Diese Wut ist Ihre Treue zur Kranken.
Klientin: Und ich denke darüber nach, den Beruf aufzugeben. Dabei liebe ich ihn.
Seelsorger: Ich höre, dass es gerade deshalb so schwer ist, weil Sie ihn lieben. Wem etwas gleichgültig ist, der denkt nicht darüber nach wegzugehen – er stumpft einfach ab. Sie fühlen noch. Das ist kein Zeichen des Versagens, sondern dafür, dass Ihr Herz noch bei Ihrer Arbeit ist.
Klientin: Ich weiß nicht, wie religiös ich bin, aber manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich für die alte Dame bete.
Seelsorger: Dann begleiten Sie sie auf eine besondere Weise. Sie müssen nicht wissen, wie man betet. Dass Sie sie im Stillen vor Gott bringen, ist schon Gebet.
Ziele und Vertrag Kurzfristige Ziele, Vertrag und Vereinbarungen
4 Kurzfristige Ziele, Vertrag und Vereinbarungen
4.1 Kurzfristige Ziele
Die Klärung des Anliegens ist hier besonders wichtig, weil sich hinter dem „Wer sagt mir, was ich tun soll?“ mehrere Anliegen verbergen können. [3] Helfen verlangt ein Mandat: dass die Klientin selbst formuliert, wobei sie Hilfe möchte. [4]
Seelsorger: Sie haben gefragt: Wer sagt mir, was ich tun soll. Worauf bezieht sich das am meisten – auf die alte Dame, auf ihre Familie, oder darauf, wie Sie diese Arbeit durchhalten?
Klientin: Auf alle drei. Aber am meisten darauf, wie ich es durchhalte.
Seelsorger: Dann fangen wir bei Ihnen an. Wenn es nach dem heutigen Gespräch ein wenig leichter wäre, auf die Station zurückzugehen, woran würden Sie es merken?
Klientin: Wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass ich alles lösen muss.
Die kurzfristigen Ziele der Begleitung:
Entlastung. Die Krankenschwester formuliert, was ihre Aufgabe ist und was nicht.
Die Trennung der beiden Stränge. Die berufliche Ausbrenngefahr und der konkrete Fall bekommen getrennt Aufmerksamkeit.
Das Erkennen des vorhandenen Wertes. Die Krankenschwester macht sich bewusst, was sie der Kranken schon jetzt gibt.
Kompetenzgrenze. Sie plant, wem und wie sie die Situation im Krankenhausteam und beim Krankenhausseelsorger meldet.
Selbstsorge. Mindestens ein konkreter Schritt, mit dem sie die Arbeit abschließen kann, bevor sie nach Hause geht.
Eigene spirituelle Quelle. Wenn sie es wünscht, kommt zur Sprache, was sie innerlich in der Nähe des Todes hält.
4.2 Vertrag
Auf das Symptom schließen wir keinen Vertrag: Der Seelsorger kann nicht versprechen, die Familie zu „reparieren“, und auch nicht, zu sagen, wann der Tod der Kranken kommt. [5] Der Vertrag bezieht sich auf das eigene Anliegen der Krankenschwester.
Seelsorger: Ich schlage vor, dass wir einige Male über Ihre Last sprechen: darüber, was in Ihrer Arbeit Ihres ist und was Sie an andere abgeben müssen. Mit der Situation der alten Dame befassen wir uns auch, aber so, dass dabei nicht alles auf Ihnen lastet. Die Familie kann ich von hier aus nicht verändern, und Sie auch nicht. Dabei kann ich helfen, dass Sie Ihren Platz klarer sehen. Sind Sie so einverstanden?
Klientin: Ja. Und ich würde auch gern wissen, ob ich den Krankenhausseelsorger ansprechen darf.
Seelsorger: Eine sehr gute Idee. Auch das denken wir gemeinsam durch.
4.3 Vereinbarungen
Rahmen. Drei bis vier Gespräche, angepasst an ihre Schichten; wenn die Kranke während des Prozesses stirbt, wird auch dafür Zeit eingeplant.
Schweigepflicht. Die im Gespräch genannten Angaben betreffen auch die Kranke und die Familie; deshalb kommt nur so viel zur Sprache, wie für das Anliegen der Krankenschwester nötig ist, und nichts gelangt ohne ihre Einwilligung auf die Station. [6]
Religiöse Formen. Die Krankenschwester kann entscheiden, ob sie am Ende der Gespräche ein Gebet oder einen Segen wünscht.
Gesundheitsschutz. Wenn die Erschöpfung zu anhaltender Hoffnungslosigkeit, zu Schlafstörungen oder zu Funktionseinbußen wird, wird der Seelsorger vorschlagen, einen Arzt oder eine Psychologin einzubeziehen. [7]
Hausaufgabe. Kleine, freiwillig übernommene Schritte, die auch dann besprochen werden, wenn sie nicht gelungen sind.
Schulenanalyse Zwei familientherapeutische Perspektiven
5 Der Fall aus der Perspektive zweier familientherapeutischer Schulen
5.1 Kontextuelle Therapie
Nach Iván Böszörményi-Nagy wird die Beziehung der Familienmitglieder von einer unsichtbaren Waage gelenkt: was sie einander gegeben und was sie voneinander empfangen haben. Gerät dieses Gleichgewicht dauerhaft aus den Fugen, entstehen Störungen. Die ethische Dimension der Beziehungen – Billigkeit, Vertrauen und Loyalität – ist deshalb ebenso real wie die psychologische. Die perfekte Familie gibt es nicht; „gut genug“ ist das realistische Ziel. [8]
Die vier Dimensionen
Das Konzept unterscheidet vier Dimensionen: die der unveränderlichen Tatsachen (hier die Krankheit und das Alter), die der persönlichen Verarbeitung in der Gegenwart, die der Beziehungen und die der Beziehungsethik. Am meisten kann das Helfen in der zweiten Dimension bewirken, im „Hier und Jetzt“. [9]
Seelsorger: Was ist es, woran in dieser Situation niemand mehr etwas ändern kann?
Klientin: Dass die alte Dame stirbt. Dass es ihr wehtut.
Seelsorger: Und was ist es, woran heute dennoch jemand etwas ändern kann – sei es Sie, sei es die Familie?
Klientin: Ob man ihr zuhört. Ob sie mit ihrem Schmerz allein ist.
Seelsorger: Dann liegt dort der Spielraum: nicht im Tod, sondern in dem, was bis dahin geschieht.
Mehrseitige Parteilichkeit
Der Helfer steht auf der Seite aller: der sterbenden Frau, ihrer Kinder, der Enkel und auch der Krankenhausmitarbeiter. Das ist keine Billigung verletzenden Verhaltens, sondern die Anerkennung, dass jeder berechtigte Ansprüche und Wunden hat. [10]
Klientin: Ich kann ihre Tochter nicht bedauern. Sie sagt so einen Unsinn.
Seelsorger: Ich verstehe, dass es Sie wütend macht. Versuchen wir für einen Moment, es von ihrem Platz aus zu sehen: Was verliert die Tochter, wenn ihre Mutter stirbt?
Klientin: Ihre Mutter. Vielleicht den einzigen Menschen, der immer zu ihr gestanden hat.
Seelsorger: Vielleicht ist der Satz „Der liebe Gott wird schon helfen“ ihr Halt in dieser Angst. Sie müssen ihr nicht zustimmen – aber vielleicht wird sie dadurch verständlicher.
Loyalität und unsichtbare Bindungen
Die Loyalität ist das emotionale und ethische Band, das die Familienmitglieder verbindet. Die Treue der Kinder zeigt sich in diesem Fall darin, dass sie ihre Mutter „nicht aufgeben“ – auch dann nicht, wenn ihre Mutter schon bereit wäre zu gehen.
Seelsorger: Was glauben Sie, was es für ihre Kinder bedeuten würde, wenn sie sagen könnten: „Mama, du kannst dich bereit machen“?
Klientin: Vielleicht, dass man sie im Stich lässt. Dass man sie aufgibt.
Seelsorger: Dabei könnte es gerade die größte Treue sein, zu hören, worum ihre Mutter sie bittet. Treue kann in zwei Richtungen weisen – zum Festhalten hin und zum Loslassen hin.
Berechtigter Anspruch und das Bedürfnis der Sterbenden
Jedem steht zu, was er für seine Menschenwürde braucht; einer sterbenden Frau steht zu, dass man ihr zuhört und dass sie ihre Geschichte abschließen kann. Wenn das nicht erfüllt wird, kann ein Mensch auch mit verzweifelten Mitteln darum kämpfen.
Seelsorger: Was steht der alten Dame jetzt zu – nicht medizinisch, sondern menschlich?
Klientin: Dass sie sagen darf, dass sie Angst hat. Dass sie über ihre Beerdigung sprechen kann. Dass sie nicht stark sein muss.
Seelsorger: Und von wem kann sie das am leichtesten bekommen?
Klientin: Jetzt von mir. Aber eigentlich müsste es von ihren Kindern kommen.
Das Hauptbuch und der Abschied als Ausgleich
Die Familie behält im Blick, wer was gegeben und was bekommen hat. Eine Aufgabe des Abschieds ist es, diese Bilanz abzuschließen: Dank, Bitte um Verzeihung, Anerkennung, Segen.
Seelsorger: Wenn die Kinder der alten Dame einmal vor Ihnen säßen, was würden Sie sie fragen?
Klientin: Was sie ihrer Mutter noch sagen möchten. Und was sie noch von ihr hören möchten.
Seelsorger: Das ist eine sehr treffende Frage. Es mag sein, dass es nicht Ihre Aufgabe ist, sie zu stellen – aber Sie wissen jetzt, was die Frage ist, und können sie an jemanden weitergeben, dem diese Aufgabe zukommt.
Die eigene Bilanz der Krankenschwester
Der kontextuelle Blick gilt auch für die Helfenden: Wer dauerhaft mehr gibt, als er bekommt, erschöpft sich, und die Fairness der Beziehung wird verletzt.
Seelsorger: Was geben Sie dieser alten Dame, und was bekommen Sie zurück?
Klientin: Ich gebe meine Aufmerksamkeit, meine Zeit, mein Herz. Zurück bekomme ich … manchmal einen Händedruck.
Seelsorger: Und woher bekommen Sie das zurück, was Ihnen zusteht – Anerkennung, Erholung, eine tragende Beziehung?
Klientin: Ich weiß nicht. Vielleicht von nirgendwoher.
Seelsorger: Dann gehört auch das zu unserer Arbeit: dass auch Ihre Bilanz ausgeglichen werden kann.
Pastoralpsychologische Bezüge
Sünde als Beziehungsstörung. Aus pastoralpsychologischer Sicht bedeutet „Sünde“ die Zerrüttung der Beziehungen; die Rechtsbegriffe der Kontextuellen Therapie – Fairness, berechtigter Anspruch, Loyalität – erhalten im biblischen Glauben noch einen weiteren Sinn. [11]
Ohne Urteil. Der Helfende sieht den verwundeten Menschen, dessen Taten man beurteilen kann, seine Person aber nicht. Nach dem biblischen Glauben verwirft Gott die Sünde, nicht den Sünder, und auch von uns erwartet er, dass wir nicht richten (Mt 7,1). Das gilt auch für die Angehörigen, deren „religiöse Floskeln“ aus Angst entstehen. [12]
Der „Gut genug“-Abschied. Es gibt kein vollkommenes Sterben und keinen vollkommenen Abschied; das Annehmen des „Gut genug“ gehört zum fragmentalen Menschenbild. [13]
5.2 Narrative Therapie
Nach Michael White und David Epston leben Familien von den Geschichten, die sie über sich erzählen. Die Geschichte wählt aus: Sie hebt bestimmte Ereignisse hervor, lässt andere weg, und eine dominante Erzählung erstarrt leicht zu „der“ Wirklichkeit. Der narrative Helfende arbeitet als Co-Autor: Gemeinsam mit der Klientin sucht er neben der dominanten Geschichte nach den Erfahrungen, die eine andere, besser lebbare Geschichte zulassen. Seine Werkzeuge sind die Externalisierung, das Neuerzählen, Metaphern und therapeutische Briefe. [14]
Die dominanten Geschichten
In diesem System leben mehrere dominante Geschichten nebeneinander. Die der Familie: „Mama ist dort am besten aufgehoben, der liebe Gott wird schon helfen.“ Die der Kranken: „Man lässt mich nicht sterben, die im weißen Kittel entscheiden über mich.“ Die der Krankenschwester: „Ich bin hilflos, ich muss den Beruf verlassen.“
Seelsorger: Wenn Sie Ihren letzten Monaten einen Titel geben müssten, wie würde er lauten?
Klientin: „Die hilflose Krankenschwester.“
Seelsorger: Und wenn die alte Dame diesem Zeitraum einen Titel geben würde?
Klientin: Vielleicht: „Die, die man nicht gehen lässt.“
Seelsorger: Und ihre Kinder?
Klientin: „Der Kampf um unsere Mutter.“
Seelsorger: Drei Geschichten über dasselbe. Keine davon ist eine Lüge, aber keine ist die ganze Wahrheit.
Externalisierung: die Hilflosigkeit
Ein Werkzeug der narrativen Arbeit besteht darin, das Problem nach außen zu verlegen und zu benennen, sodass sich die Person und das Problem voneinander lösen.
Seelsorger: Wenn diese Hilflosigkeit eine Gestalt hätte, wie sähe sie aus?
Klientin: Wie eine große, graue Mauer rund um das Bett der alten Dame.
Seelsorger: Wann ist diese Mauer stärker, und wann schwächer?
Klientin: Nach dem Besuch der Angehörigen ist sie am stärksten. Wenn ich allein bei ihr bin und nur ihre Hand halte, dann ist es, als wäre sie gar nicht da.
Seelsorger: Dann ist die Mauer nicht allmächtig. Es gibt Augenblicke, in denen Sie sie überschreiten.
Einzigartige Ausnahmen
Der narrative Blick sucht jene Augenblicke, in denen die „Regel“ der dominanten Geschichte nicht gegolten hat.
Seelsorger: Gab es einen Tag, an dem Sie sich neben der alten Dame nicht hilflos gefühlt haben?
Klientin: Einmal habe ich sie gewaschen, und dabei hat sie von ihrer Jugend erzählt, als sie Buchhalterin war und alle sie um Rat fragten. Sie hat sogar gelacht.
Seelsorger: Was haben Sie damals getan, wodurch das möglich wurde?
Klientin: Ich habe mich nicht beeilt. Und ich habe gefragt.
Seelsorger: Das ist eine andere Geschichte: die einer Krankenschwester, die beim Waschen einem Menschen seine Würde zurückgegeben hat.
Neuerzählung: die „Buchhalterin“ und die „königliche Würde“
Die Frau war einst eine leitende Buchhalterin: ein Mensch, der den Überblick behielt, Ordnung schuf, entschied. In ihrer jetzigen Geschichte ist sie ausgeliefert, jemand, über den andere entscheiden.
Seelsorger: Wenn wir das ganze Leben der alten Dame erzählen würden, welche Worte fielen Ihnen zu ihr ein?
Klientin: Genau. Stark. Jemand, auf den alle gehört haben.
Seelsorger: Und wie könnte man ihr aus dieser Geschichte jetzt etwas zurückgeben? Vielleicht schon dadurch, dass man sie fragt, was sie möchte?
Klientin: Ich könnte sie fragen, wie sie ihren Tag haben möchte. Wenn auch nur ein bisschen.
Seelsorger: Das ist die Rückgabe der Würde: dass sie auch im letzten Kapitel die Autorin ihrer eigenen Geschichte sein kann.
Die neue Geschichte der Krankenschwester
Die narrative Arbeit kann sich auch auf das Selbstverständnis der Krankenschwester richten: Neben die Geschichte der „hilflosen Krankenschwester“ lässt sich eine andere formulieren.
Seelsorger: Wenn eine Kollegin am Bett dieser alten Dame von Ihnen erzählen würde, was würde sie sagen?
Klientin: Vielleicht, dass ich die Einzige bin, die ihr zuhört.
Seelsorger: Wie würde Ihre Geschichte klingen, wenn das ihr Titel wäre?
Klientin: „Die, die nicht davongelaufen ist.“
Pastoralpsychologische Bezüge
Die Religion ist narrativ. Die Gegenwart einer Gemeinschaft oder einer Familie wird dadurch bestimmt, ob sie die Geschichte des Leidens oder die der Befreiung weitererzählt. Die narrative Arbeit hilft in seelsorglicher Lesart dabei, neben der Leidensgeschichte die Heilsgeschichte zu erkennen. [15]
Die vertikale Dimension. Neben der Geschichte der Person und der Familie gibt es immer auch einen transzendenten Bezug: die Frage, wie Gott diese Geschichte sieht. Seelsorge ist in diesem Sinn immer systemisch: Der immanente und der transzendente Zusammenhang sind gemeinsam gegenwärtig. [16]
Das letzte Kapitel. Im christlichen Glauben endet die Geschichte des Lebens nicht mit dem Tod, sondern mündet in die Geschichte Gottes. Für einen Sterbenden besteht die größte Würde vielleicht darin, dass andere dieses letzte Kapitel nicht an seiner Stelle schreiben.
Weitere Interventionen Reframing, Fragetypen und seelsorgliche Interventionen
6 Weitere systemische Interventionen
6.1 Reframing
Das Reframing stellt neben die Sichtweise der Klientin eine andere mögliche Lesart der Situation; es korrigiert nicht, sondern ergänzt. Jedes Verhalten kann in seinem eigenen Zusammenhang verständlich werden, und dahinter können auch Treue, Angst oder Liebe stehen. [17] Im seelsorglichen Sinn hilft das Reframing dabei, dass in der Leidensgeschichte auch die Heilsgeschichte sichtbar wird.
Die Hilflosigkeit – als Form der Gegenwart
Klientin: Ich bin hilflos. Ich kann nichts tun.
Seelsorger: Es kann sein, dass wir vor dem Tod alle hilflos sind. Aber Sie bleiben in dieser Hilflosigkeit da und laufen nicht weg. Im Garten Gethsemane hat Jesus seine Jünger auch nicht gebeten, die Lage zu lösen, sondern mit ihm zu wachen (Mt 26,38).
Die „religiösen Floskeln“ der Angehörigen – als Angst
Klientin: Ihre Tochter sagt immer: Der liebe Gott wird schon helfen. Davon geht es der alten Dame nur schlechter.
Seelsorger: Es kann sein, dass die Tochter damit sich selbst beruhigt. Wer sich so sehr an einen Satz klammert, hat große Angst. Vielleicht spricht sie gar nicht zu ihrer Mutter, sondern zu ihrer eigenen Angst.
Das Nachhausebringen und das Zurückbringen – als Festhalten
Klientin: Sie nehmen sie mit nach Hause, und dann bringt sie der Rettungswagen wieder zurück. Das ist Wahnsinn.
Seelsorger: Als würden die Kinder immer wieder sagen: „Wir lassen dich noch nicht gehen.“ Das ist mühsam, aber es ist eine Form ihrer Liebe. Vielleicht können sie sich nicht verabschieden, weil sie noch auf etwas warten.
Das „Warum lässt man mich nicht sterben?“ – als Gottsuche
Klientin: Ich weiß nicht, was ich auf diese Frage antworten soll.
Seelsorger: Es kann sein, dass das keine Frage ist, sondern ein Gebet. Auch die Psalmen fragen so: „Herr, wie lange?“ (Ps 13,2) Sie müssen darauf nicht antworten – es genügt, wenn Sie da sind, wenn die alte Dame es ausspricht.
Der Gedanke, den Beruf zu verlassen – als Selbstschutz
Klientin: Ich denke daran zu kündigen.
Seelsorger: Dieser Gedanke zeigt vielleicht, dass Sie versuchen, sich vor einer Last zu schützen, die nicht allein die Ihre ist. Bevor Sie sich entscheiden, lohnt es sich anzusehen, welchen Teil davon man abgeben könnte.
Die Entpersonalisierung im Krankenhaus – als Schutznetz
Klientin: Auf der Station reden wir über die Kranken wie über „das Bett fünf“. Das ist schrecklich.
Seelsorger: Ja, das ist schmerzhaft. Zugleich schützt diese Distanz auch die Helfenden davor, zusammenzubrechen. Die Frage ist, wie man trotzdem Mensch bleiben kann – und dafür haben Sie schon eine Antwort gefunden, wenn Sie beim Waschen fragen.
6.2 Systemische Fragetypen
Die Fragen lassen sich danach auswählen, ob der Seelsorger sich orientieren oder eine Veränderung anstoßen möchte; sie nehmen jeweils nur einen Gesichtspunkt auf und lassen Zeit zur Antwort. [18]
Lineare (orientierende) Frage
Seelsorger: Seit wann haben Sie das Gefühl, dass Sie es immer weniger aushalten?
Klientin: Seit einem halben Jahr. Mehr Sterbende, weniger Kollegen.
Zirkuläre Fragen
Seelsorger: Was meinen Sie, wie erzählt die alte Dame ihrer Tochter von ihren Tagen – und wie mir?
Seelsorger: Wenn der Sohn der alten Dame jetzt hier säße, was würde er dazu sagen, warum man sie immer wieder ins Krankenhaus zurückbringt?
Seelsorger: Was meinen Sie, was sieht die Enkelin, wenn sie am Bett ihrer Großmutter steht, und was sieht der Enkel?
Seelsorger: Wer auf der Station würde als Erster bemerken, wenn Sie ein wenig weniger davon mit nach Hause nähmen?
Seelsorger: Wem wäre es am leichtesten, wenn die alte Dame sterben dürfte – und wem am schwersten?
Strategische Frage
Seelsorger: Was würde geschehen, wenn Sie beim nächsten Besuch, wenn die Tochter vom „lieben Gott“ spricht, still nur sagen würden: „Ihre Mutter wollte heute auch über ihre Beerdigung sprechen“?
Seelsorger: Würde es helfen, wenn Sie heute mit dem Krankenhausseelsorger sprächen?
Reflexive Frage
Seelsorger: Ich bin sicher, dass jemand, der schon so viele Sterbende begleitet hat, ein inneres Wissen darüber hat, was in der Nähe des Todes hilft. Was ist das?
Seelsorger: Ich bin sicher, dass auch Sie wissen, wann Sie nach Hause gehen müssen, um morgen wieder kommen zu können. Woran erkennen Sie das?
Skalierungsfrage
Seelsorger: Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie erschöpft fühlen Sie sich heute? Und vor einem Monat?
Seelsorger: Wie sehr lieben Sie Ihre Arbeit jetzt, auf derselben Skala?
Seelsorger: Was würde dazu nötig sein, dass die Erschöpfung um einen Punkt sinkt und die Liebe bleibt?
Ausnahmesuchende Frage
Seelsorger: Wann hatten Sie zuletzt eine Schicht, nach der Sie nach Hause gegangen sind mit dem Gedanken „Heute habe ich gut gearbeitet“?
Klientin: Als ein Patient ruhig gestorben ist und seine Familie bei ihm war.
Seelsorger: Was war damals anders – bei Ihnen, in der Familie, auf der Station?
Wunderfrage
Seelsorger: Nehmen wir an, heute Nacht geschieht ein Wunder, und morgen früh gehen Sie in das Zimmer der alten Dame, ohne dass Sie diese Last noch bedrückt. Woran würden Sie es als Erstes merken?
Klientin: Dass ich keine Angst habe hineinzugehen. Dass ich nicht die Einzige bin, die ihr die Wahrheit sagt.
Zukunftsorientierte Frage
Seelsorger: Stellen Sie sich vor, Sie erinnern sich in zehn Jahren an diese alte Dame. Was möchten Sie über sich sagen, so wie Sie bei ihr gewesen sind?
6.3 Seelsorgliche Interventionen: Bibelwort, Gebet, Segen, Ritus
Das Bibelwort, das Gebet und das Ritual sind in der Seelsorge Formen mit eigener Kraft; sie helfen nur dann, wenn sie zum Glauben, zum Zustand und zum Wunsch des Kranken passen und wenn sie die Frage nicht abschließen, sondern tragbar machen. [19]
Die Krankensalbung und der gegenseitige Segen
Die Krankensalbung – in der katholischen Tradition ein Sakrament, im protestantischen Umfeld an immer mehr Orten ein seelsorgliches Ritual neben dem Krankenabendmahl – drückt die königliche Würde des Sterbenden aus: Auch zwischen Schläuchen und Geräten ist er ein Kind Gottes. Dem Gespräch zufolge führen einige Krankenhausseelsorger sie so durch, dass der Kranke, wenn er sich noch bewegen kann, selbst auch seine Angehörigen und die Pflegenden salbt. Das Ritual belebt dann die uralte Tradition des elterlichen Segens: Der Segen geht von Hand zu Hand, der Sterbende empfängt nicht nur, sondern gibt auch. Das Wesen des Segens ist die gegenseitige Anerkennung und das Loslassen. Der Jakobusbrief sieht das Gebet und die Salbung beim Kranken als Aufgabe der Ältesten der Gemeinde an (Jak 5,14–15).
Seelsorger: Was meinen Sie, würde die alte Dame um eine solche Feier bitten?
Klientin: Vielleicht. Sie hat immer gesagt, dass sie gut mit Gott stand.
Seelsorger: Dann lohnt es sich, sie zu fragen, und wenn sie ja sagt, dem Krankenhausseelsorger Bescheid zu geben. Es kann sein, dass schon ein einziger solcher Anlass zum Wendepunkt wird – auch dann, wenn man sie danach wieder nach Hause bringt.
Das Gebet des Simeon
Seelsorger: Es gibt ein Bibelwort, das viele Sterbende gern hören: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ (Lk 2,29–30) Was meinen Sie, was würde die alte Dame sagen, wenn jemand es ihr zusprechen würde?
Klientin: Vielleicht wäre sie erleichtert, dass jemand es ausspricht: Man darf gehen.
Das Gebet des Seelsorgers für die Krankenschwester
Seelsorger (Gebet): Unser Herr, wir danken dir für diese Krankenschwester, die Tag für Tag bei denen ist, die sich auf den Weg zu dir machen. Gib, dass sie die Last nicht allein trägt. Gib ihr Kraft für die Arbeit und Ruhe, wenn sie nach Hause geht. Nimm auch die alte Dame in deine Hand und gib, dass ihre Kinder sie loslassen können. Amen.
Stellvertretender Glaube
Seelsorger: Sie haben jetzt das Gefühl, dass nichts hilft. Wenn die alte Dame nicht mehr darauf vertrauen kann, in Gottes Hand zu sein, und auch Sie nicht wissen, was Sie ihr sagen sollen, dann genügt es vielleicht, wenn jemand anderes – ein Pfarrer, ein betender Mensch – eine Zeit lang stellvertretend für sie beide glaubt.
6.4 Transferfrage und Abschlussintervention
Die Abschlussintervention ist eine kurze Zusammenfassung des Gesprächs mit den eigenen Worten der Klientin: was heute wichtig war, was wertvoll, was offen ist – ohne ein neues Thema. [20]
Seelsorger: Heute haben wir darüber gesprochen, wie ermüdend dieser Fall für Sie ist und dass es nicht Ihre Aufgabe ist, die Familie in Ordnung zu bringen oder die Frage des Todes zu lösen. Es kam zur Sprache, was Sie schon jetzt geben: Ihre Anwesenheit, Ihre Fragen beim Waschen, dass Sie nicht weglaufen. Offen ist noch: wem Sie morgen vom Krankenhausseelsorger erzählen und wie Sie die Schicht abschließen, bevor Sie nach Hause gehen.
Seelsorger: Was ist das Erste, was Sie tun werden, wenn Sie morgen das Zimmer der alten Dame betreten?
Übungen Die Dialoge sind redigierte Lernbeispiele, keine neuen Falldaten
7 Übungen mit dialogischen Beispielen
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.1 Die Trennung der Frage – zwei Fäden
Wann und wofür: wenn die Frage einer Klientin („Wer sagt mir, was ich tun soll?“) mehrere Fäden zugleich in sich trägt. Das Auseinanderhalten der Fäden schafft Ordnung. [21]
Seelsorger: Schreiben wir zwei Karten: „meine Last“ und „die Lage der alten Dame und der Familie“. Was kommt auf die erste?
Klientin: Die Müdigkeit. Die Überlastung bei der Arbeit. Dass ich die Gedanken mit nach Hause nehme.
Seelsorger: Und auf die zweite?
Klientin: Ihr Schmerz. Ihre Kinder. Ihre Frage, warum man sie nicht sterben lässt.
Seelsorger: Mit welcher Karte beginnen wir?
Worauf zu achten ist: Die beiden Fäden hängen zusammen, aber die Reihenfolge wählt die Klientin.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.2 Das Aufzeichnen des problemaufrechterhaltenden Prozesses
Wann und wofür: um den sich wiederholenden Kreislauf von Nachhausebringen und Zurückbringen sichtbar zu machen. [22]
Seelsorger: Zeichnen wir den Kreis auf: Was geschieht, bevor die alte Dame nach Hause geht, zu Hause und wenn sie zurückkommt?
Klientin: Sie kommen herein, ermutigen sie, sprechen mit dem Arzt, nehmen sie mit nach Hause. Zu Hause geht es ihr schlechter, Rettungswagen. Hier ermutigen sie sie wieder.
Seelsorger: Wo gäbe es in diesem Kreis eine Stelle, an der jemand innehalten und die alte Dame fragen könnte, was sie möchte?
Klientin: Vielleicht, bevor man sie nach Hause bringt.
Worauf zu achten ist: Das Aufzeichnen des Kreises ist keine Schuldzuweisung; die Klientin erkennt die Bewegung des Systems.
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7.3 Genogramm
Wann und wofür: um die Beziehungen der Familie, die familiäre Tradition des Abschiednehmens und mögliche unabgeschlossene Beziehungen zu erkunden. In diesem Fall kann auch das eigene Genogramm der Krankenschwester zur Sprache kommen: wen sie selbst in ihrer Familie begleitet hat. [23]
Seelsorger: Wer ist in Ihrer Familie gestorben, während Sie dabei waren?
Klientin: Meine Großmutter. Sie ist zu Hause gestorben, wir waren alle dabei.
Seelsorger: Wie war dieser Abschied?
Klientin: Schön. Traurig, aber schön. Wir haben ihr vorgesungen.
Seelsorger: Vielleicht wissen Sie aus dieser Erfahrung, wie ein guter Abschied aussehen könnte – und deshalb tut es so weh, wenn er nicht gelingt.
Worauf zu achten ist: Die eigene Trauer des Helfers kann auf Betroffenheit hinweisen; das muss man nicht verbergen, aber es lohnt sich, sie bewusst zu machen.
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7.4 Lebenslange (gute?) Ratschläge
Wann und wofür: um die inneren Regeln des Helfers zu erkennen. [24]
Seelsorger: Welche Sätze haben Sie von zu Hause mitgebracht über das Helfen?
Klientin: „Wer pflegt, beklagt sich nicht.“ „Der Kranke kommt zuerst.“
Seelsorger: Welcher hilft Ihnen jetzt, und welcher ermüdet Sie?
Klientin: Das „beklagt sich nicht“ ermüdet mich sehr.
Seelsorger: Wie würden Sie ihn so umformulieren, dass er auch für Sie lebbar wäre?
Klientin: „Wer pflegt, hat auch das Recht zu sagen, wenn es schwer ist.“
Worauf zu achten ist: Die ererbten Sätze haben einst geschützt; heute kann man sie neu formulieren.
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7.5 Beziehungsrad – die Stützen des Helfers
Wann und wofür: um das eigene unterstützende Netz des Helfers zu erkunden. [25]
Seelsorger: Sie stehen in der Mitte des Rades. Mit wem können Sie über Ihre Arbeit sprechen?
Klientin: Mit meiner Kollegin manchmal. Mein Mann will nichts davon hören.
Seelsorger: Und gibt es auf der Station Fallbesprechung, Supervision?
Klientin: Nein. Nur die Kaffeepause.
Seelsorger: Wo könnte man noch eine Beziehung ans Rad setzen, jemanden, der das Gewicht der Arbeit verstehen würde?
Worauf zu achten ist: Fehlende Unterstützung ist kein individuelles Versagen, sondern auch eine institutionelle Frage.
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7.6 Dasselbe anders – eine neue Narrative
Wann und wofür: um die dominante Geschichte der „hilflosen Krankenschwester“ zu nuancieren. [26]
Seelsorger: Erzählen Sie die vergangene Woche so, wie ein Außenstehender von einer „hilflosen Krankenschwester“ erzählen würde.
Klientin: Sie kommt täglich, sieht das Leiden, kann nichts tun, geht nach Hause und weint.
Seelsorger: Und jetzt so, wie die alte Dame erzählen würde.
Klientin: „Es gibt eine Schwester, die sich immer zu mir setzt. Ihr kann ich sagen, dass ich Angst habe.“
Seelsorger: Welche Geschichte ist wahrer?
Klientin: Beide. Aber die zweite tut besser.
Worauf zu achten ist: Die neue Geschichte leugnet den Schmerz nicht, sondern stellt daneben, was bisher keine Stimme bekam.
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7.7 Externalisierung
Wann und wofür: um die Hilflosigkeit und das Ausgebranntsein zu benennen und nach außen zu verlagern. [27]
Seelsorger: Geben wir dem einen Namen, was Sie jetzt aufzehrt.
Klientin: Der Verschleiß.
Seelsorger: Was will der Verschleiß von Ihnen?
Klientin: Dass ich den Beruf aufgebe. Dass ich nichts mehr fühle.
Seelsorger: Was kann der Verschleiß Ihnen nicht nehmen?
Klientin: Dass ich die Patienten liebe.
Worauf zu achten ist: Der Name gehört der Klientin; das Ziel ist, dass das Problem handhabbar wird und nicht zu einem weiteren Etikett.
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7.8 Unvollendete Sätze
Wann und wofür: um den eigenen Glauben und das Todesbild des Helfers an die Oberfläche zu bringen. [28]
Seelsorger: Ergänzen Sie: „Wenn ein Patient stirbt, sterbe ich …“
Klientin: … jedes Mal ein bisschen mit ihm.
Seelsorger: „Ein guter Tod ist für mich …“
Klientin: … wenn jemand seine Hand hält.
Seelsorger: „Gott im Sterben …“
Klientin: … ich weiß nicht. Vielleicht ist er in der Stille da.
Worauf zu achten ist: Die Antworten deuten wir nicht; wenn sie eine schmerzhafte Erinnerung öffnen, lassen wir Zeit dafür.
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7.9 Familientafel – das Krankenzimmer
Wann und wofür: um die Beziehungen von Patientin, Familie und Klinikteam räumlich darzustellen. [29]
Seelsorger: Stellen wir die Beteiligten auf die Tafel: die alte Dame, ihre Tochter, ihren Sohn, die Enkel, den Arzt, Sie.
Klientin: (Sie stellt das Bett in die Mitte, die Kinder ans Bettende, mit dem Rücken zur alten Dame, den Arzt ans Kopfende, sich selbst neben das Bett, die Enkel an die Tür.)
Seelsorger: Wie fühlt es sich an, das anzusehen?
Klientin: Dass ihre Kinder sie nicht ansehen. Sie achten nur auf den Arzt.
Seelsorger: Wenn Sie eine Figur umdrehen könnten, welche wäre es?
Klientin: Ihre Tochter. Damit sie das Gesicht ihrer Mutter sieht.
Worauf zu achten ist: Die Klientin ordnet ihr eigenes Erleben; die Tafel ist keine Diagnose der Wirklichkeit der Familie.
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7.10 Innere Konferenz
Wann und wofür: wenn in der Klientin einander widersprechende Stimmen sprechen: „bleib“ und „verlass den Beruf“. [30]
Seelsorger: Wer meldet sich in Ihnen zu Wort, wenn Sie an die Kündigung denken?
Klientin: Ein müder Anteil, der nur noch schlafen will. Einer, der die Patienten liebt. Einer, der wütend auf das System ist. Und einer, der sich dafür schämt, dass ich nicht mehr kann.
Seelsorger: Sie leiten diese Beratung. Wem würden Sie heute als Erstem das Wort geben?
Klientin: Dem müden.
Seelsorger: Worum bittet er?
Klientin: Um eine Woche Urlaub. Und darum, dass jemand die schwierigsten Patienten übernimmt.
Worauf zu achten ist: Auch dem sich schämenden Anteil muss man zuhören, ohne Urteil.
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7.11 Himmlische Konferenz
Wann und wofür: für das ethische und glaubensmäßige Dilemma am Lebensende, wenn es zur Glaubenswelt der Klientin passt. [31]
Seelsorger: Bringen wir die Frage „Warum lässt man sie nicht sterben?“ vor eine himmlische Konferenz. Was würde der Schöpfer sagen?
Klientin: Dass er das Leben gegeben hat und selbst weiß, wann er es zurücknimmt.
Seelsorger: Und der Erlöser?
Klientin: Dass er auch gelitten hat und die alte Dame nicht allein lässt.
Seelsorger: Der Geist?
Klientin: Dass es Hoffnung gibt, auch wenn es keine Heilung gibt.
Seelsorger: Und was flüstert die verwirrende Stimme?
Klientin: Dass es unser Versagen ist, wenn die alte Dame stirbt. Auch meines.
Seelsorger: Was antworten die anderen drei darauf?
Worauf zu achten ist: Der Seelsorger spricht nicht im Namen Gottes und entscheidet keine medizinischen Fragen.
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7.12 Karussell der Erwartungen – Tafel-Adaption
Wann und wofür: um die einander widersprechenden Erwartungen zu ordnen, die auf der Krankenschwester lasten. [32]
Seelsorger: Schreiben wir die Erwartungen auf: die der alten Dame, der Familie, der Ärzte, des Krankenhauses und Ihre eigenen.
Klientin: (Karten: „Hör mir zu.“ „Sag, dass es ihr gut geht.“ „Folge dem Protokoll.“ „Versorge noch zehn Patienten.“ „Sei eine gute Krankenschwester.“)
Seelsorger: Welche gilt wirklich Ihnen, und welche müssen Sie dem Absender zurückgeben?
Klientin: Das „Sag, dass es ihr gut geht“ ist nicht meins. Das muss die Familie tragen.
Worauf zu achten ist: Die Aufgabe ist hier, die Grenze zu ziehen, nicht die Familie oder die Institution zu verurteilen.
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7.13 Unsichtbare Helfer
Wann und wofür: um die inneren Ressourcen zu vergegenwärtigen, die für die Arbeit in der Nähe des Todes nötig sind. [33]
Seelsorger: Wer hilft Ihnen unsichtbar, wenn Sie bei einem Sterbenden stehen?
Klientin: Die Erinnerung an meine Großmutter. Und eine alte Oberschwester, die immer sagte: „Hetz nicht, wenn du bei einem Sterbenden bist.“
Seelsorger: Was würde Ihnen diese Oberschwester jetzt sagen?
Klientin: Dass ich auch auf mich aufpassen soll, denn man braucht mich noch lange.
Worauf zu achten ist: Der unsichtbare Helfer ist eine Ressource der Klientin, kein Vorschlag des Seelsorgers.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.14 Das Aufzeigen der Unentbehrlichkeit des Symptoms – die Erschöpfung der Klientin
Wann und wofür: wenn die Klientin ihr eigenes Symptom – die Erschöpfung – nur als Versagen sieht. Das Aufzeigen der positiven Seite des Symptoms ist ein Instrument des Reframings. [34]
Seelsorger: Es scheint, dass Ihre Müdigkeit jetzt einen sehr wichtigen Dienst leistet: Sie zeigt an, dass etwas nicht auf Ihre Schultern gehört. Wenn Sie nicht so müde wären, würden Sie diese Last vielleicht noch lange allein tragen.
Klientin: So habe ich das noch nicht gesehen.
Worauf zu achten ist: Die Aussage ist anerkennend, nicht ironisch; sie verharmlost nicht die Burnout-Gefahr.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.15 Rituale im Krankenhausalltag – das „seelsorgliche Waschen“
Wann und wofür: um die alltäglichen Handgriffe der Pflege bewusst, menschlich, fast rituell zu erleben. Ein Ritual ist wiederholbar, an eine Handlung gebunden, folgt einem Schema und drückt einen wichtigen Wert aus. [35]
Seelsorger: Wie beginnt das Waschen bei der alten Dame?
Klientin: Ich gehe hinein, begrüße sie, sage, was ich tun werde.
Seelsorger: Wie wäre es, wenn Sie sie jedes Mal mit Namen ansprächen, fragten, was sie heute möchte, und am Ende sagten: „Einen schönen Tag noch, Frau Erzsike“?
Klientin: Das mache ich schon jetzt fast so. Ich habe nur nicht gedacht, dass das eine Bedeutung hat.
Worauf zu achten ist: Die alltägliche Pflege wird nicht zu einem religiösen Ritual, aber es kann in ihr eine menschliche, Würde verleihende Ordnung geben. Das Beispiel der Anrede dient dem Lernen.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.16 Ritualrekonstruktion – Segen und Loslassen
Wann und wofür: um den Übergang am Lebensende in der Familie zu gestalten, auf Initiative des Krankenhausseelsorgers oder der Familie. [36]
Seelsorger: Wenn die alte Dame sich von ihren Kindern verabschieden und ihnen einen Satz als Segen sagen könnte, was meinen Sie, was wäre das?
Klientin: „Seid gut zueinander.“ Oder: „Danke, dass ihr da wart.“
Seelsorger: Und wenn ihre Kinder ihr einen Satz sagen könnten?
Klientin: „Wir danken dir für das Leben. Du darfst gehen.“
Seelsorger: Wer könnte dabei helfen, dass diese Sätze ausgesprochen werden?
Klientin: Der Krankenhausseelsorger.
Worauf zu achten ist: Das Ritual kann nur auf Wunsch der Patientin und der Familie, nach ihrem Glauben entstehen.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.17 Religion und Familie
Wann und wofür: wenn die religiöse Sprache („der liebe Gott weiß, wann er uns heimholt“) die Erfahrung der Familie eher verdeckt, als sie auszudrücken. [37]
Seelsorger: Was meinen Sie, an was für einen Gott glaubt die alte Dame?
Klientin: An einen, mit dem man reden konnte. Der die Welt von oben sieht.
Seelsorger: Und ihre Tochter?
Klientin: An einen, der ein Wunder tut, wenn man ihn stark genug bittet.
Seelsorger: Zwei Gottesbilder in einer Familie. Welches gibt der alten Dame Ruhe?
Worauf zu achten ist: Die Gottesbilder sind nicht zu bewerten; die Frage ist, was sie ermöglichen und was sie verhindern.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.18 Rückmeldebrief
Wann und wofür: um nach dem Gespräch die Erkenntnisse zu festigen. Auch die Narrative Therapie greift häufig zum therapeutischen Brief. [38]
Seelsorger (Briefauszug): „Liebe Schwester! Es hat mich sehr beeindruckt, was Sie von Ihrer Arbeit erzählt haben. Sie stehen an einem Ort, vor dem viele weglaufen würden: bei den Sterbenden. Ich habe die Geschichte vom Waschen behalten, als die alte Dame lachte und von ihrer Jugend erzählte. In diesem Augenblick haben Sie ihr ihre Würde zurückgegeben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie diesen Dienst nicht allein tragen und dass es jemanden gibt, der auch auf Sie achtet.“
Worauf zu achten ist: Der Brief bewertet nicht, sondern bestärkt; er richtet sich nur an die Klientin.
Übung aus dem Handbuch Der Dialog ist ein redigiertes Lernbeispiel
7.19 Hausaufgabe – der Abschluss der Schicht
Wann und wofür: um die Grenze zwischen Beruf und Privatleben zu stärken. [39]
Seelsorger: Ich schlage Ihnen vor, am Ende der Schicht, bevor Sie sich umziehen, eine Minute innezuhalten und im Stillen die Namen derer auszusprechen, die Sie heute gepflegt haben. Wenn Sie möchten, legen Sie sie in Gottes Hand. Und dann lassen Sie sie dort.
Klientin: Und wenn es mir nicht gelingt, sie dort zu lassen?
Seelsorger: Dann beobachten Sie, welche Patientin oder welcher Patient mit Ihnen nach Hause kommt, und warum.
Worauf zu achten ist: Der rituelle Abschluss ist ein Angebot, keine religiöse Erwartung.
Supervision Supervisorische Gesichtspunkte
8 Supervisorische Gesichtspunkte
8.1 Fall im Fall – wer ist die Klientin?
In dieser Situation ist es leicht, die Ebenen zu vermischen: Die Bedürfnisse der Sterbenden, der Familie und der Krankenschwester sind miteinander verflochten. Die erste Aufgabe des Seelsorgers ist zu klären, dass die Klientin die Krankenschwester ist und dass der Vertrag auf ihre Bitte hin geschlossen wird. Die Sichtweisen der übrigen Beteiligten sind präsent, aber er bearbeitet sie nicht. Wenn der Seelsorger beginnt, die Familie der Sterbenden „in Ordnung zu bringen“, übernimmt er selbst jene überlastete Rolle des „Alleslösers“, aus der er die Krankenschwester herausführen möchte.
8.2 Betroffenheit in der Nähe des Todes
Jede Supervision beginnt damit: Wie berührt mich der Fall? [40] Fragen des Lebensendes berühren auch das Verhältnis der Helfenden zum eigenen Tod, zur eigenen Trauer, zu ihren Eltern und zu ihrem Glauben. Wenn die helfende Person eine frische Trauer in sich trägt, ist es besser, wenn sie eine Zeit lang kein solches Gespräch übernimmt. Die Frage ist, ob sich dadurch ihre Arbeitsweise verändert: ob sie mit Beruhigung zu schnell bei der Hand ist, das Wort „Tod“ meidet oder sich zu sehr in das Leiden der Kranken verliert. [41]
8.3 Wo die Rolle endet, kann die Hilfe weitergehen
Es ist nicht die Aufgabe der Krankenschwester, zwischen der Familie und der Kranken zu vermitteln; und es ist auch nicht die Aufgabe des Seelsorgers, eine medizinische Prognose zu stellen oder die Familie mit dem zu „konfrontieren“, was nicht einmal der Arzt sicher weiß. Die Weiterverweisung ist kein Scheitern, sondern eine verantwortliche Neuordnung der Hilfe: Der Krankenhausseelsorger, das Palliativteam, der Psychologe und der Arzt nehmen jeweils unterschiedliche Aufgaben wahr. [42]
8.4 Die Anzeichen des Ausbrennens und die fachliche Hilfe
Die Krankenschwester denkt darüber nach, den Beruf zu verlassen. Burnout ist nicht einfach Müdigkeit: Er geht mit anhaltender Erschöpfung, emotionaler Distanzierung und einem Nachlassen der erlebten Wirksamkeit einher und ist nicht mit der Depression identisch, auch wenn sie sich überschneiden können. Wenn die Niedergeschlagenheit nicht mehr nur die Arbeit, sondern auch andere Lebensbereiche durchdringt, muss ein Arzt oder eine Psychologin hinzugezogen werden. [43] Burnout ist nicht allein eine individuelle Schwäche: Auch die Arbeitsorganisation, der Personalmangel und das Fehlen von Supervision tragen dazu bei. [44]
8.5 Das Paradox des begeisterten Helfers
Die Gefahr des Ausbrennens bedroht nicht nur den gleichgültigen, sondern gerade den sehr engagierten Helfer, der mehr übernimmt, als er auf Dauer tragen kann. Die Lösung besteht nicht darin, das Engagement aufzugeben, sondern seine Form zu verwandeln: Die helfende Person ist für ihre Arbeit verantwortlich, aber sie ist nicht die Besitzerin ihres Ergebnisses. [45]
8.6 „Seelsorgliches Waschen“ und fachliche Distanz
Im Gespräch wurden zwei Sichtweisen nebeneinandergestellt. Nach der einen kann die Krankenschwester bei der körperlichen Pflege eine menschliche Nähe schenken, zu der weder der Arzt noch der Pfarrer fähig ist. Nach der anderen – mit Verweis auf den Rat, den Popper Péter Medizinstudierenden gab – bricht die helfende Person ohne eine gewisse fachliche Distanz zusammen. Die beiden Gesichtspunkte schließen einander nicht aus: Die Grenze schützt nicht nur die Kranke, sondern auch die helfende Person. [46] Mitgefühl führt nah an den anderen heran, macht uns aber nicht mit ihm identisch. [47]
8.7 Über die Familie nicht urteilen
Die seelsorgliche Falle besteht darin, die Familienmitglieder für „schuldig“ zu erklären. Auch sie haben ein Recht auf ihr eigenes Verleugnen, denn sie bleiben im Leben zurück und können ihre Mutter nur schwer loslassen. Die mehrseitige Parteilichkeit ist auch in der Supervision eine Probe: Für wen ergreift die helfende Person Partei, und wer bleibt von ihrem Mitgefühl ausgeschlossen?
8.8 Die Falle der Sterbehilfe-Debatte
Die Beteiligten des Gesprächs vermieden es bewusst, sich in die ethische Debatte um die Sterbehilfe zu verwickeln, weil das die Aufmerksamkeit vom Leiden der Krankenschwester abgelenkt hätte. Der Seelsorger ist in den ethischen Fragen zum Lebensende nicht der alleinige Entscheidungsträger; er kann dazu beitragen, dass die Fragen nach Würde, Leiden, freier Entscheidung und Hoffnung ausgesprochen werden, aber die Verantwortung für die rechtlichen, medizinischen und ethischen Entscheidungen liegt nicht bei ihm. [48]
8.9 Selbstsorge und der Glaube des Helfers
Die Grenzen zu missachten ist nicht Nachfolge Christi, sondern Missachtung der Endlichkeit des geschaffenen Menschen. [49] Für den Seelsorger und die Krankenschwester kann gleichermaßen die lebendige Gottesbeziehung, das Gebet, die Supervision und die Gemeinschaft eine Ressource sein. Die Frage ist auch, wie weit der Helfer mit seinem eigenen Todesbild und seiner eigenen Hoffnung im Reinen ist: Wer selbst dem Tod nicht ins Auge sieht, bleibt nur schwer beim Sterben anderer.
Pastoralpsychologie Pastoralpsychologische Analyse
9 Pastoralpsychologische Analyse
9.1 Lebens- und Glaubensfrage an der Schwelle des Todes
Boisens Satz „Hinter jeder Lebensfrage steht eine Glaubensfrage, und hinter jeder Glaubensfrage steht eine Lebensfrage“ wird in der Nähe des Todes besonders deutlich. [50] Die Frage „Warum lassen sie mich nicht sterben?“ ist zugleich eine medizinische, ethische, familiäre und glaubensbezogene Frage. Nach Tillich bricht in den Übergängen die letzte Sorge des Menschen auf; der Tod ist der größte Übergang, vom Zeitlichen zum Ewigen hin. [51] In der Krankheits- und Existenzkrise geraten der Körper, die Selbstständigkeit, die Familie und das religiöse Vertrauen gleichzeitig ins Wanken; die Aufgabe des Seelsorgers ist es, diese Ebenen voneinander zu unterscheiden und dabei zu sehen, wie sie aufeinander wirken, ohne das körperliche Leiden in eine spirituelle Krise umzubenennen. [52]
9.2 Königliche Würde in der Ausgeliefertheit
Die Würde des Menschen erwächst aus seiner Gottesebenbildlichkeit, deshalb hängt sie nicht davon ab, wie gesund, selbstständig oder nützlich er ist. [53] Die sterbende Frau, die einst als Leiterin Entscheidungen traf und Ordnung schuf, ist jetzt den Entscheidungen anderer ausgeliefert. Der Körper verändert sich, wird verletzt und altert; diese Fragmentalität mindert jedoch die Würde nicht, und die Geschöpflichkeit ist nicht an eine ideale Körperform oder Leistung gebunden. [54]
Der Ritus der Krankensalbung drückt diese Würde aus: In der Heiligen Schrift wurden Könige gesalbt (1. Sam 16,13), und auch der Name Christus bedeutet: der Gesalbte. Die Salbung der Sterbenden sagt ihr: „Auch zwischen den Schläuchen bist du Gottes Kind.“ Im Krankenhaus wird die Kranke leicht zur Diagnose, zur Zimmernummer; die seelsorgliche Gegenwart – und eine aufmerksame Geste der Pflege – kann zeigen, dass die Kranke weiterhin eine Person ist, kein Objekt. [55]
Patientin: Ich bin schon nichts mehr. Nur noch ein Körper, den man hin und her schiebt.
Krankenschwester: Für mich sind Sie die alte Dame, die leitende Buchhalterin war und auf die alle gehört haben. Auch jetzt bin ich neugierig, was Sie denken.
9.3 Der Körper und das „seelsorgliche Waschen“
Unser Körper ist nicht unser Besitz, sondern wir selbst sind in ihm gegenwärtig; deshalb berühren Krankheit, Berührung und das Angewiesensein auf die Hände anderer auch, wie wir uns selbst, unsere Beziehungen und Gott sehen. [56] Die im Gespräch aufgetauchte Frage – „Gibt es ein seelsorgliches Waschen?“ – ist aus dieser Einsicht heraus verständlich. Der Körper der Sterbenden kann nicht mehr über sich selbst verfügen; die Pflegehand, die sie wäscht, verrichtet zugleich fachliche Arbeit und schenkt menschliche Würde. Jesus wusch seinen Jüngern die Füße (Joh 13,1–15): Die demütigste Geste des Dienstes wurde zum tiefsten Ausdruck der Liebe. Die Arbeit der Krankenschwester ist in diesem Licht nicht weniger als die des Pfarrers, sondern anders.
9.4 „Götter in Weiß“ und der Schöpfer
Die Frau weiß nicht, ob ihr Leben in der Hand ihres Schöpfers liegt oder in der der „Götter in Weiß“. Der Psalmist betet: „Meine Zeit steht in deinen Händen“ (Ps 31,16). Die moderne Medizin kann auch eine Gabe der Vorsehung sein, die die Grenzen des Lebens hinausschiebt; zugleich nimmt der Apparat leicht den Platz ein, den der gläubige Mensch Gott vorbehalten hatte. Die Versuchung, auch über den Tod hinweg volle Kontrolle haben zu wollen, ist eine Form des Verlangens nach Omnipotenz; die Annahme der Grenzen hingegen ist die Anerkennung dessen, dass wir als Ebenbild Gottes geschaffen sind, aber nicht als Gott. [57]
Der Schutz des Lebens ist eine gemeinsame Grundlage; die Frage ist, ob die Eingriffe an einem bestimmten Punkt das Leben schützen oder nur noch das Sterben verlängern. Diese Frage entscheidet nicht der Seelsorger, aber er kann dazu beitragen, dass bei den Entscheidungen auch die Stimme der Kranken gehört wird.
9.5 Theodizee und das Recht auf Klage
Hinter dem „Warum lassen sie mich nicht sterben?“ kann auch eine unausgesprochene Frage stehen: „Warum holt mich Gott nicht heim?“ Im Leiden ist die Frage der Theodizee meist keine theoretische Debatte, sondern die Erschütterung der persönlichen Gottesbeziehung; die Aufgabe des Seelsorgers ist nicht die schnelle Antwort, sondern der Klage Raum zu geben. [58] Die Klage Hiobs, das „Herr, wie lange?“ der Psalmen und der Schrei Jesu am Kreuz („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, Mk 15,34) zeigen, dass die Klage die Sprache des Glaubens ist, nicht die des Unglaubens. Wenn die Kranke nicht wagt, sich bei Gott zu beklagen, weil sie das für Unglauben hielte, bringt gerade die religiöse Sprache ihr Leiden zum Verstummen. [59]
9.6 Spiritualisieren und religiöse Floskel
Die Sätze der Tochter – „der liebe Gott hilft immer“, „der liebe Gott weiß, wann er mich heimholen will“ – können für sich genommen wahr sein und verletzen dennoch. Wer spiritualisiert, verdeckt mit einer religiösen Erklärung das, was in den Beziehungen tatsächlich geschieht, und bringt den zum Schweigen, der von seinem Leiden sprechen möchte. [60] Trost ist nicht dasselbe wie Beruhigung: Die hastige Ermutigung und die fromme Floskel können nahelegen, dass der Schmerz des anderen nicht angehört werden kann. [61] Die seelsorgliche Urteilsfreiheit gilt jedoch auch der Tochter gegenüber: Ihre religiösen Sätze sind Halt für ihre eigene Angst.
9.7 Antizipatorische Trauer und Abschied
Die Familienmitglieder trauern schon jetzt, auch wenn sie es verleugnen. Der vorweggenommenen Trauer hilft es, wenn über den nahenden Tod ehrlich, aber der Belastbarkeit aller angepasst gesprochen werden kann. Die Sterbende verabschiedet sich von ihrem Leben, ihren Beziehungen und ihren Hoffnungen; dieser Abschied hängt mit der Trauer der Angehörigen zusammen, ist aber etwas anderes als sie. Der persönliche Abschied, die Ordnung unabgeschlossener Beziehungen und der elterliche Segen – in der Heiligen Schrift der Segen Jakobs über seine Söhne (1. Mose 49) – können in diesem Prozess Raum finden. [62]
Eine der Aufgaben des Alters ist es, dass die Eltern ihre Kinder das Sterben „lehren“: So wie sie früher ein Beispiel für das Leben gaben, so jetzt auch für den Abschied. Diese Aufgabe hat die heutige Gesellschaft und oft auch die kirchliche Praxis verdrängt.
9.8 Der Segen als gegenseitige Anerkennung und Loslassen
Der Segen ist der rituelle Ausdruck des Annehmens und Loslassens des anderen: Ich sehe den anderen als würdig für Gottes Segen, und er hält auch mich für würdig, Gottes Segen zu vermitteln. Der elterliche Segen drückt zugleich die Annahme des Andersseins des Kindes aus und dass es „in noch besseren Händen ist als in denen der Eltern“; im Sinne der Gegenseitigkeit kann auch das Kind seine Eltern segnen. [63] In diesem Fall kann hinter dem krampfhaften Festhalten der Kinder der erwartete Segen stehen, und die Mutter erwartet den Segen ihrer Kinder – die Erlaubnis zum Loslassen. Der gegenseitige Segen kann der Punkt sein, an dem beide Seiten einander loslassen können.
9.9 Hoffnung, die nicht Heilung bedeutet
Hoffnung ist mehr als Optimismus: Sie kann auch dann leben, wenn Heilung nicht mehr zu erwarten ist. [64] Die christliche Hoffnung beruht nicht auf menschlicher Leistung, sondern auf der Treue Gottes und der Verheißung der Auferstehung, deshalb ist sie nicht an ein Heilungsszenario gebunden. [65] Die „Hoffnung“ der Familie klammert sich in diesem Fall an die Genesung; die Hoffnung der Kranken ist vielleicht die friedliche Heimkehr. Eine der Aufgaben der seelsorglichen Arbeit ist, dass die beiden Hoffnungen nicht aufeinanderprallen, sondern einander Raum geben. „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh 11,25).
9.10 Das Sterben als Aufbruch – Simeon und Mose
Die Bibel stellt den Augenblick vor dem Tod mehrfach als Abschied und Aufbruch dar. Simeon, nachdem er das Jesuskind gesehen hat, sagt: „Herr, nun lässt du deinen Diener … in Frieden fahren“ (Lk 2,29). Mose sieht vom Berg Nebo das verheißene Land, betritt es aber nicht (5. Mose 34,1–5). Diese Bilder zeigen, dass die Zeit vor dem Tod eine Zeit der Erfüllung und des Loslassens sein kann, nicht nur des Leidens. Hinter der Frage der sterbenden Frau „Warum lassen sie mich nicht sterben?“ steht vielleicht gerade diese Sehnsucht: in Frieden gehen zu dürfen.
9.11 Die Wahrheit der Enkel
Der Ausbruch der heranwachsenden Enkelin – „Das Ganze ist unmenschlich!“ – ist die ehrliche Stimme des Systems. In Kindern und Jugendlichen sieht die Heilige Schrift oft ein Wissen, das den Erwachsenen abhandengekommen ist; Jesus stellt die Kinder als Vorbild hin (Mk 10,15). [66] Die Trauer der Enkel verdient zugleich eigene Aufmerksamkeit: Als Heranwachsende verstehen sie schon die Endgültigkeit des Todes, haben aber ihre eigenen Fragen und Regungen. Wenn jemand ihnen zuhört, können auch sie im Abschied der Großmutter Raum finden.
9.12 Das Krankenhaus als Institution und der Ort der Seelsorge
Neben der wissenschaftlichen, technischen und organisatorischen Logik des Krankenhauses gerät der Mensch mit seinen Beziehungen, seiner Lebensgeschichte und seinem Glauben leicht in den Hintergrund. Die Seelsorge ist nicht die Gegnerin der Medizin, sondern eine Erinnerung: Hinter der behandelbaren Krankheit steht immer die Person. [67] In der Hospiz- und Palliativversorgung ist nicht mehr die Heilung das Ziel, aber die Fürsorge geht weiter: Neben der Linderung der Symptome rücken der Abschied, die Versöhnung, die Zusammenfassung des Lebens und die Hoffnung in den Vordergrund. [68] Der Fall der Krankenschwester zeigt auch, dass die Seelsorge nicht nur auf die Kranken und Angehörigen, sondern auch auf die Krankenhausmitarbeitenden achten muss.
9.13 Der Seelsorger als „Postbote“
Wenn die Familienmitglieder vor Schmerz oder Angst nicht direkt miteinander sprechen können, kann der Seelsorger als „Postbote“ vermitteln: Er fragt die Sterbende, was sie ihren Kindern noch sagen würde, und die Kinder, was sie ihrer Mutter noch sagen würden. Das ist nicht die Aufgabe der Krankenschwester, denn ihre Rolle bindet sie an die Versorgung der Kranken. Die Position des Seelsorgers als Außenstehender – dass er weder Teil der Krankenhaushierarchie noch Mitglied der Familie ist – ermöglicht es ihm, beide Seiten gleichermaßen anzuhören. Auch die Angehörigen brauchen eine eigene Begleitung, nicht nur als Unterstützende der Kranken. [69]
9.14 Mit ihr wachen – die Theologie der Gegenwart
Im Garten Gethsemane bittet Jesus seine Jünger: „Bleibt hier und wacht mit mir“ (Mt 26,38). Er bittet nicht darum, dass sie ihn retten, sondern dass sie bei ihm sind. Am Bett eines Sterbenden ist dies das gemeinsame Wesen von Seelsorge und Pflege: Nicht der Tod ist zu besiegen, sondern der Mensch ist zu begleiten, bis er das Ende seines Weges erreicht. Die seelsorgliche Beziehung – und die stille Gegenwart einer Krankenschwester – kann auf bruchstückhafte, menschliche Weise ein Zeichen jener Annahme sein, mit der Gott den leidenden Menschen annimmt. [70]
9.15 Die Endlichkeit des Helfenden und die Theologie des Dienstes
Die Erschöpfung der Krankenschwester wirft auch theologische Fragen des helfenden Dienstes auf. Das christliche Ideal des Dienstes trägt viele dazu, bei den Leidenden auszuharren, kann aber auch zur Rechtfertigung der Grenzenlosigkeit werden, wenn Ruhe als Egoismus und Weiterleitung als Untreue gewertet wird. Der barmherzige Samariter tat, was er konnte, vertraute den Verwundeten dann dem Wirt an und setzte seinen Weg fort (Lk 10,34–35). [71] Die Übervorsorge gefährdet sowohl die seelische Gesundheit des Helfenden als auch die Würde des Versorgten; die Grenze zwischen Dienst und Selbstausbeutung muss bewusst gezogen werden. [72]
9.16 Der eigene Glaube und die eigene Hoffnung der Krankenschwester
Wenn die Krankenschwester unsicher in ihrer eigenen Religiosität ist und dennoch für die alte Dame „betet“, ist auch das eine spirituelle Erfahrung. Spiritualität ist nicht unbedingt an religiöse Sprache gebunden; die letzten Fragen tauchen auch außerhalb der Kirche und jenseits religiöser Sprache auf. [73] Watzlawicks Satz – „man kann nicht nicht kommunizieren“ – gilt auch für die Beziehung zu Gott: Auch in dem Menschen, der sich für nicht gläubig hält, melden sich die letzten Fragen zu Wort. [74] Der Seelsorger respektiert dies: Er macht es nicht zu einer Gelegenheit zur Mission, doch wenn die Krankenschwester darum bittet, gibt er dem Gebet und der Hoffnung Raum.
Weiterdenken Fragen zum Weiterdenken
10 Fragen zum Weiterdenken
Mein eigenes Todesbild: Wie denke ich an meinen eigenen Tod, und wie beeinflusst das mich, wenn ich die Frage eines Sterbenden höre: „Warum lässt man mich nicht sterben?“ [75]
Religiöse Floskeln: In welche „frommen Sätze“ flüchte ich, wenn ich den Schmerz des anderen nicht ertragen kann? [76]
Postbote oder Alleslöser: Wo überschreite ich die Grenze meiner eigenen Rolle, weil ich die Ohnmacht nicht aushalte? Wem könnte ich weitergeben, was nicht meins ist? [77]
Segen: Von wem habe ich Segen erwartet oder erwarte ich ihn noch – und wem könnte ich ihn geben? [78]
Wachen: Wann konnte ich zuletzt einfach nur bei jemandem bleiben, ohne Lösung? Was hat mir dabei geholfen? [79]
Meine eigene Bilanz: Was gebe ich, und woher bekomme ich zurück? Wer sorgt für mich, wenn ich andere in ihrem Sterben begleite? [80]
Anmerkungen und Fundstellen der Analyse
Hézser Gábor – Krasznay Mónika. 2026. A rendszerszemléletű családkonzultáció és család-lelkigondozás kézikönyve. Budapest: Harmat. ISBN 978-963-288-951-1.